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Ich habe 100 Tage lang täglich meditiert – so hat es mich verändert

Foto: Tessa Serrano

Lange habe ich nicht daran geglaubt, dass Meditation mir helfen kann. Doch mein Selbstversuch sprengte all meine Erwartungen: Das tägliche Ritual machte produktiver, gelassener und motivierter.

Ein altes Zen-Sprichwort besagt: „Meditiere 20 Minuten täglich, es sei denn, du hast keine Zeit dafür, dann meditiere eine Stunde.“ Wer die Macht der Meditation noch nicht am eigenen Leib gespürt hat, mag das für großen Unfug halten. Doch nach 100 Tagen, an denen ich konsequent jeden Tag und meist 20 Minuten am Stück meditierte, beschreibt obiger Spruch mein neues Verhältnis zur Achtsamkeitsübung perfekt. Seit dem Selbstversuch ist Meditation für mich zu einem der wichtigsten Bestandteile meines Alltags geworden.

Doch woher kommt meine Begeisterung? Um das zu erklären, führe ich dich nun durch die 100 Tage meines Experiments – und etwas darüber hinaus.

Vorher aber noch ein wichtiger Hinweis: Nur weil ich während meines Selbstversuchs viele positive Effekte spürte, müssen diese nicht zwangsläufig von der Meditation stammen. Mein Versuch war kein abgeschlossenes Laborexperiment, sondern fand mitten in meinem Alltag statt. Jeder Tag ist anders und das Wohlbefinden eines Menschen hängt von vielen unterschiedlichen Variablen ab. Nichtsdestotrotz bin davon überzeugt, dass zumindest einige meiner geschilderten Erfahrungen mit der Meditation zusammenhängen. Auch wissenschaftliche Studien deuten zumindest darauf hin, dass Meditation einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden haben kann:

Selbstversuch Meditation: Alle guten Dinge sind drei

Ich habe Meditation lange falsch verstanden. Als jemand der keinen großen Wert auf Spiritualität legt, sah ich darin nur eine Entspannungsübung. An wirkliche Erleuchtung glaubte ich sowieso nicht und der Gedanke, jeden Tag minutenlang still herumzusitzen, wirkte auf mich wie bloße Zeitverschwendung. Dennoch habe ich es hin und wieder ausprobiert.

Der erste Versuch bestand darin, mir geführte Meditationen im Internet anzusehen. Doch die Videos, erklärten nie, was Meditation wirklich bringt und schnell war meine Motivation dahin. Einige Monate später probierte ich es nochmal mit Meditations-Apps. Von denen hat es eine geschafft, mich für immerhin eine Woche bei der Stange zu halten. Doch das lag eher an deren schicker Aufmachung als an tatsächlichen Meditationserfolgen.

Es gibt viele Meditations-App. Für mich hat keine gut funktioniert. (Foto: Benjamin Hecht)

Im September 2022 versuchte ich es dann zum dritten Mal. Diesmal bin ich über den Psychiater Dr. Alok Kanojia, der auf Twitch und YouTube mit Videos und Livestreams über mentale Gesundheit ein Millionenpublikum erreicht, auf das Thema gestoßen. Seine Analysen trafen bei mir einen Nerv. Dr. Kanojia schwört auf die positiven Effekte von Meditation auf die psychische Gesundheit, weshalb ich es unbedingt nochmal ausprobieren musste.

Seiner Einschätzung nach würden viele Leute keinen Zugang zu Meditation finden, weil sie schlicht falsche Vorstellungen davon hätten, was sie bedeutet. So solle man beim Meditieren nicht ans Ergebnis denken, nicht daran, dass man eine Erleuchtung braucht, um erfolgreich zu sein.

Stattdessen gehe es um den Prozess ans sich, darum, es einfach durchzuziehen, unabhängig davon, wie unruhig man dabei ist und wie untalentiert man sich dabei vorkäme. Der Weg sei das Ziel und allein die Tatsache, dass man sich der Meditation widme, bereits ein Erfolg. Dieser Gedanke motivierte mich enorm und tatsächlich spürte ich schnell erste Ergebnisse.

Phase 1: Fokus (Tag 1-14)

Ich startete den Selbstversuch der Meditation mit der Übung Nadi Shuddhi, einer Atemtechnik, bei der man abwechselnd ein Nasenloch beim Einatmen und das andere beim Ausatmen zuhält. Ich fing mit fünf Minuten an und steigerte mich Schritt für Schritt zu 20 Minuten. Werktags meditierte ich abends vor dem Schlafen gehen, am Wochenende meist vormittags, um abends noch Raum für andere Aktivitäten zu haben. Der Tipp von Dr. Kanojia half mir sofort: Ich machte mir keine Vorwürfe mehr, wenn ich meine Konzentration nicht aufrechterhalten konnte.

Egal wie oft und lange ich mit meiner Aufmerksamkeit abschweifte: Solange ich mich nur darum bemühte, den Fokus immer wieder zurückzuholen und die Meditation durchzuziehen, war sie ein Erfolg. Schon bei den ersten Malen, merkte ich, dass mich das Ritual tatsächlich entspannte. Eine Wirkung, die sich mit steigernder Dauer noch verstärkte.

Die Nadi Shuddhi werden die Nasenlöcher abwechselnd zugehalten. (Foto: Tessa Serrano)

Langsam aber sicher verblassten meine Ängste und Sorgen. Das Chaos in meinem Kopf lichtete sich. Tag für Tag trainierte ich, meinen Geist zu fokussieren und so veränderte sich auch mein Zustand außerhalb der Meditation. Ich lernte, wie mächtig diese Fähigkeit sein kann.

Hatte ich Zukunftsängste, fokussierte ich mich einfach auf die Gegenwart. War ich wieder mal am Prokrastinieren, richtete ich meine Gedanken solange auf die zu erledigende Aufgabe, bis ich sie gar nicht mehr ignorieren konnte und sie deshalb lieber gleich erledigte. Selbst als ich einmal unterwegs war und auf die Toilette musste, half mir meine neu erlangte Willenskraft dabei, einfach an etwas anderes zu denken, sodass der Ruf der Natur ein wenig leiser wurde.

Phase 2: Euphorie (Tag 15-28)

Nach den ersten zwei Wochen war ich also bereits absolut begeistert. Doch in den beiden Wochen darauf steigerte sich meine Euphorie sogar noch. Ich baute eine weitere Atemtechnik namens Anuloma Viloma in meine Meditation ein. Das ist eine fortgeschrittene Variante von Nadi Shuddhi, bei der man abwechselnd durch die einzelnen Nasenlöcher atmet, ohne (!) sie sich zuzuhalten. Klingt unmöglich und ist es vielleicht auch. Doch der Trick dabei besteht, seine Aufmerksamkeit so zu lenken, dass es sich zumindest so anfühlt, als würde die Luft immer nur durch ein Nasenloch strömen.

Die Übung ist nochmal um einiges intensiver, da man sich umso stärker konzentrieren muss, um die Illusion aufrecht zu erhalten. In den Momenten, in denen es klappte, fühlte ich komplett frei und glücklich. Es war wie ein Rausch, dessen positive Energie mit in meinen Alltag schwappte.

Innerhalb von vier Wochen fühlte ich mich wie ein neuer, besserer Mensch. Endlich erledigte ich die Dinge, die ich mir vornahm, anstatt sie immer wieder aufzuschieben. Ich verstrickte mich nicht mehr in schädliche Gedanken, sondern lebte im Hier und Jetzt. Nie zuvor hatte ich innerhalb so kurzer Zeit einen solchen Wandel in mir erlebt – zumindest nicht bewusst.

Phase 3: Routine (Tag 29-50)

Nach den ersten intensiven vier Wochen stand bereits fest, dass Meditation das Beste war, was mir seit langer Zeit passiert war. Da sah ich es auch entspannt, dass die nächsten rund drei Wochen eher unspektakulär verliefen. Die positiven Effekte blieben erhalten und auch wenn es keinen weiteren Glücksrausch mehr gab, so war ich doch stets in einer guten Grundstimmung. In dieser Phase probierte ich auch einige neue Meditationsübungen aus. Manche davon haben mich kalt gelassen, andere waren interessanter. Ein weiterer Höhepunkt blieb aber lange aus.

Phase 4: Selbsterkenntnis (Tag 51-60)

Etwa zwischen den Tagen 50 und 60 meines Selbstversuchs probierte ich eine ganz andere Art von Meditation aus. Beschränkte ich mich vorher auf Atem- und Konzentrationsübungen, so widmete ich mich nun einem Verfahren, das der Selbsterkenntnis dient. Eine Art intuitive Selbstbefragung, bei der man sich von all dem löst, was einem im Alltag definiert. Jobtitel, Herkunft, Beziehungsstatus, Vermögen und sogar der eigene Körper spielen dabei keine Rolle. Wer bin ich wirklich? Was sind meine essenziellen Qualitäten, die untrennbar mit mir verbunden sind? Fragen wie diese werden dabei ergründet.

Spirituell bin ich durchs Meditieren nicht geworden. Dennoch stellen Bilder wie dieses treffend da, wie sich Meditation anfühlen kann. (Foto: CC0 / Pixabay - Actviedia)

Während ich früher immer ins endlose Grübeln geriet und alles hinterfragte, was ich zu wissen glaubte, fielen mir die Antworten auf diese tiefgreifenden Fragen nun unglaublich leicht. Plötzlich schien alles so klar. Ich erlangte wertvolle Erkenntnisse über mich, die mir auch jetzt noch Halt im Leben geben und mir bei Entscheidungen helfen. Eine weitere Seite der Meditation, an die ich vor dem Versuch wohl nie geglaubt hätte.

Phase 5: Langeweile (Tag 61-77)

In Phase 5 dauerte der Selbstversuch bereits sehr lange. Die anfängliche Euphorie war mittlerweile verflogen. Doch Disziplin und Gewohnheit sorgten dafür, dass ich trotzdem weiterhin täglich meditierte. Ein weiterer Effekt blieb zunächst aus. Stattdessen fing ich erstmals an, mich zu langweilen.

Phase 6: Veränderte Wahrnehmung (Tag 78-80)

Die Langeweile wurde nur von einer neuen Übung zwischenzeitlich durchbrochen. Beim Trataka, einer anderen Form der Meditation, geht es darum, ein Objekt wie etwa einen Kerzenflamme anzustarren, ohne zu blinzeln. Als ich diese Übung in einem spärlich belichteten Raum durchführte, erfolgte ein weiterer Wow-Effekt: Mit zunehmender Konzentration auf die Flamme, wurde der Raum drumherum tiefschwarz. Das Licht änderte sich nicht, allerdings meine Wahrnehmung.

Beim langen Starren auf eine Lichtquelle, scheint sich der umgebende Raum zu verdunkeln. (Foto: CC0 / Pixabay - bernswaelz)

Ich war von dieser surrealen Erscheinung völlig verblüfft. Eine solche selektive Wahrnehmung hätte ich meinen Augen gar nicht zugetraut. Musste ich wirklich 28 Jahre alt werden, um diesen Effekt erstmals zu erleben? Erneut hatte mich die Meditation faustdick überrascht.

Phase 7: Ermüdung (Tag 81-100)

Die letzten 20 Tage musste ich dann aber nochmal richtig kämpfen. Jetzt war es nicht nur Langeweile, die meinen Meditationsdrang schmälerte, sondern mentale Erschöpfung. Immer öfter viel es mir schwer, beim Meditieren aufrecht und ruhig sitzen zu bleiben. Meine Aufmerksamkeit ließ sich kaum noch in den Griff bekommen und mir blieb nichts anders übrig, als meine 80 Tage lang antrainierte Disziplin zu bemühen, um den Versuch doch noch zu Ende zu bringen.

Nach etlichen Wiederholungen diverser Übungen, hatten mein Körper und mein Geist schlicht keine Lust mehr aufs Meditieren. Als ich meine 100. Einheit absolvierte, entschied ich mich daher, erstmal damit aufzuhören.

Möglicherweise würden die positiven Effekte auf meinen Geist ohne tägliche Auffrischung weiterhin Bestand haben, dachte ich. Doch daraus wurde leider nichts.

Epilog: Ohne Meditation kehren die Dämonen zurück

Etwa 10 bis 14 Tage nach der letzten Meditation meines Selbstversuchs wurde mein Fokus wieder schwächer. Ich ließ mich wieder verstärkt von Verdrängungsmechanismen leiten, widmete mich ungesunden Snacks und ließ mich von belanglosen YouTube-Videos berieseln, anstatt mich konzentriert um die Dinge zu kümmern, die mir wirklich wichtig waren. Ich war deutlich schlechter drauf und entwickelte sogar Schlafprobleme.

Ohne Meditation fällt es mir schwerer, ungesunden Snacks zu widerstehen. (Foto: CC0 / Pixabay - 10015389)

Klar, das alles kann auch andere Gründe haben. Zum Beispiel war ich nach der Vollendung des Versuchs erstmal im Urlaub, was jegliche Routine durchgerüttelt hat. Außerdem hatte ich mir eine Erkältung eingefangen.

Doch als ich zuletzt wieder meditierte, spürte ich innerhalb von nur 20 Minuten wieder diese Ruhe einkehren, die mich in den 100 Tagen Selbstversuch begleitete. Ich merkte erneut, den unglaublich beruhigenden und zugleich belebenden Effekt, den Meditation auf mich hat. Von da an war mir klar: Ich werde wohl weiterhin zumindest beinahe täglich meditieren müssen, wenn ich die beste Version meiner selbst sein will.

Fazit zum Selbstversuch: Meditation ist mein mentales Workout

Es gibt sicher viele Arten, Meditation zu praktizieren, und jede:r wird eine andere Meinung davon haben, was sie bedeutet. Für mich ist das Meditieren in erster Linie eine Art Training der mentalen Stärke. Ob ich meditiere oder nicht, entscheidet darüber, wie sehr ich mich im Alltag von negativen Gefühlen und dopaminreichen Ablenkungen beeinflussen lasse. Regelmäßige Meditation hat meinen Fokus gestärkt, mir dabei geholfen, konsequent die Person zu sein, die ich sein möchte, und das umzusetzen, was ich mir vornehme.

Doch wie bei der körperlichen Fitness, fiel ich schnell wieder auf mein altes Niveau zurück, als ich das Training längere Zeit aussetzte. Es heißt also: dranbleiben!

Mein Selbstversuch zur Meditation hat mir bereits sehr viel gegeben. Die bessere Konzentrationsfähigkeit ist dabei nur ein Aspekt. Viele Übungen mit anderem Schwerpunkt habe ich noch gar nicht ausprobiert oder nur angeschnitten. Ich habe das Gefühl, dass ich erst die Spitze des Eisbergs gesehen habe, und bin gespannt, was die nächsten 100 Meditationen für mich bereit halten.

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