Giftige Entlaubungsmittel: Herbizide in der Landwirtschaft

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Glyphosat ist nicht das einzige Herbizid, mit dem die Agrarindustrie ihre Erträge verbessern möchte. Vor allem bei der Kartoffelernte kommen sogenannte Entlaubungsmittel wie das giftige „Diquat“ zum Einsatz. Es sorgt für eine festere Schale und längere Haltbarkeit – doch es schädigt auch die Nerven, wenn es eingeatmet wird.

Kein Land der EU produziert so viele Kartoffeln wie Deutschland. Von den rund 11 Millionen Tonnen Kartoffeln, die auf deutschen Äckern wachsen, wird ein beträchtlicher Überschuss exportiert. Vor allem die Niederlande und Benelux-Staaten importieren fleißig – hauptsächliche für die industrielle Produktion von Kartoffelprodukten, wie z.B. Pommes Frites oder Kroketten.

Auf Hochleistung getrimmte industrielle Landwirtschaft

Gleichförmige Kartoffel nach Norm.
Gleichförmige Kartoffel nach Norm.
(Foto: CC0/pixabay/auntmasako)

Ein Großteil der deutschen Landwirte ist zunehmend auf diese industriellen Großabnehmer angewiesen. Zum einen durch neu entstandene Konkurrenz in der globalisierten Welt, zum anderen, weil der Kartoffelkonsum in Deutschland seit einigen Jahren stetig abnimmt.

Die Rahmenverträge mit den Großabnehmern sorgen für stabile Preise und Abnahmemengen. Im Umkehrschluss gibt die Industrie ihrerseits die Liefertermine vor. Zusätzlich enthalten sind strenge Vorgaben über Größe und optische Beschaffenheit der Kartoffeln, diese stehen in den UNECE Richtlinien für Kartoffeln. Alle Kartoffeln, die nicht in die Norm passen, sind für die industrielle Landwirtschaft unverkäuflich.

Entlaubungsmittel: Herbizide statt natürlichem Abreifeprozess

Abreifebeschleunigung mit Herbiziden.
Abreifebeschleunigung mit Herbiziden.
(Foto: CC0/pixabay/hpgruesen)

Feste Schale, gleichmäßige Größe, vereinbarte Liefertermine – um den Anforderungen des Einzelhandels gerecht zu werden, wird Landwirten zum Einsatz von chemischen Hilfsmitteln geraten. Das Ziel der sogenannten Krautregulierung: möglichst gleichmäßige Kartoffeln zu einem bestimmten Erntetermin. Die dabei eingesetzten Herbizide manipulieren die Kartoffelreife.

Sind die Knollen auf die gewünschte Größe herangewachsen, wird das Kartoffelkraut systematisch durch Entlaubungsmittel abgetötet. Zugleich soll die Ausbildung neuer kleinerer Kartoffelknollen verhindert werden. Die vorhandenen Kartoffelknollen in der Erde reifen zum gewünschten Erntetermin nach und bekommen eine feste Schale.

Zum vereinbarten Zeitpunkt kann der Landwirt gleichmäßig große Kartoffeln mit langer Haltbarkeit liefern.

Krautregulierung mit „Diquat“: Giftig beim Einatmen

Ein häufig zur Krautabtötung eingesetzter Wirkstoff ist Diquat – er wird im Handel z. B. als Reglone vom Schweizer-Agrarkonzern Syngenta vertrieben. Diquat ist ein Kontaktherbizid, das die Photosynthese verhindert, so dass die Blätter welken und abfallen.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stuft Diquat u.a. ein als „giftig beim Einatmen“ und als „sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung“: 

  • Die Verwendung in Naturschutzgebieten und Parks sowie an Gewässern ist verboten.
  • Die Chemikalie darf nicht in Gewässer oder das Abwassersystem gelangen.
  • Bei Menschen führt der Kontakt oder das Einatmen zu Verätzungen der Haut, Augen oder Atmungsorgane.

Dennoch landen jährlich etwa 250 Tonnen Diquat auf unseren Feldern, deren Rückstände in geringen Konzentrationen auch in Kartoffeln nachgewiesen werden konnten – wenngleich diese damit unterhalb der Bestimmungsgrenze lagen. Mehr dazu im Fernsehbeitrag Agent Orange für den Acker: Entlaubungsmittel „Diquat“ kann die Nerven schädigen.

Sikkation: Chemie bei der Getreideernte

Kanister mit Herbiziden
Kanister mit Herbiziden
(Foto: CC0/pixabay/habelfrank)

In der industriellen Landwirtschaft werden Herbizide auch zur Abreifebeschleunigung vor allem bei Mais und Getreide eingesetzt. Diesen Vorgang bezeichnet man als Sikkation oder Austrocknung: Die chemischen Sikkate trocknen die grünen Pflanzenteile aus, damit bei der Ernte keine Fäulnis durch die wasserhaltigen grünen Pflanzenteile entsteht.

  • In Deutschland ist die Sikkation mit Herbiziden seit 2014 nur sehr eingeschränkt erlaubt – auch mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat. Wenngleich ein Fachblatt des DLG den Landwirten rät, dass dies eine „Ausnahmeanwendung und kein Steuerungsinstrument für die Erntezeitpunktplanung“ darstelle. 
  • In den USA dagegen ist diese Methode der Sikkation weit verbreitet: Mit glyphosathaltigen Präparaten werden systematisch Mais und Getreide zur „Todesreife“ gebracht.

Agent Orange: Verunreinigtes Entlaubungsmittel als Kriegswaffe

Zu trauriger Berühmtheit gelangte im Vietnamkrieg das Entlaubungsmittel Agent Orange. Die US-Armee sprühten tonnenweise mit Dioxin verunreinigtes Entlaubungsmittel über den Dschungel, um dem gegnerischen Vietcong den Guerillakrieg zu erschweren. Das chemische Gemisch führte zu Hautverätzungen und extremen Missbildungen bei Neugeborenen. In Vietnam gibt es auch heute noch in der 4. Generation nach dem Krieg Missbildungen, die direkt auf Agent Orange zurück zu führen sind.

Bio-Landwirtschaft kommt ohne Entlaubungsmittel aus

Die Bio-Landwirtschaft kommt ohne Pestizide oder Kunstdünger aus. Mit alternativen Methoden wie Mischkultur und Fruchtwechsel sind die Pflanzen widerstandsfähig gegen Schädlinge. Die Äcker können durch Umpflügen von Unkraut befreit werden.

Unterstützen kannst du die Bio-Landwirte, indem du biologisch angebaute Lebensmittel möglichst regional direkt vom Hofladen oder im Bio-Markt kaufst. Gemüse kann krumm sein und Kartoffeln schmecken auch in unterschiedlichen Größen.

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(4) Kommentare

  1. Guter Artikel. Neben Glyphosate und Diquat gibt es noch ca. 140 andere zugelassene Herbizide in der EU. Das geht in der Diskussion um Glyphosate unter. Das Verbot eines einzelnen Wirkstoff hat i.d.R. keine Auswirkung auf den nationalen Pestizideinsatz. Schaut euch den deutschen Absatz der letzten 20 Jahre an – das ist ungefähr gleich hoch oder sogar ansteigend, obwohl viele ehemals bedeutende Wirkstoffe die Zulassung verloren haben. Ein Stoff wird einfach mit einem anderen ersetzt.

    Im Fall von Gyphosate ist das nicht so einfach, weil die Auswahl an Totalherbiziden in der EU sich auf: Diquat (i. d.R. als bromide) und Glufosinate (ammonium) beschränkt – beide sind mindestens so bedenklich wie Glyphosate. Diquat stellt sogar nach EFSA Meinung eine sehr hohes Risiko für Anwender und Anwohner dar – diese Einschätzung habt ihr im Artikel vergessen!. Glufosinate – wird auch zur Entlaubung eingesetzt – ist offiziell (also unstrittig) reproduktionstoxisch.

  2. Mir wird immer schlecht, wenn ich sehe, wie die Kartoffeln kurz vor der Ernte abgespritzt werden. Früher hat man einfach gewartet, bis das Laub von alleine abgestorben ist, das war dann nämlich der Zeitpunkt für die Ernte! Aber geht heut anscheinend nicht mehr! Warum eigentlich???

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