Ist Food Tech die technologische Zukunft von Essen?

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Foto: Colourbox.de/poring

Food Tech verschmilzt die Lebensmittelindustrie mit der Technologiebranche. Das Konzept zielt darauf ab, mithilfe technologischer Innovationen ein nachhaltigeres Ernährungssystem zu schaffen. Welches Potenzial Food Tech hat, erfährst du hier.

Die Lebensmittelbranche und die Landwirtschaft sehen sich heute einer massiven Herausforderung gegenüber: Sie müssen eine stetig wachsende Weltbevölkerung ernähren – und das vor dem Hintergrund der Klimakrise, die vermehrt Hitze, Dürre, Dauer- oder Starkregen mit sich bringt. 

Food Tech will die Antwort auf diese Herausforderung sein. Gemeint sind mit dem Begriff technologische Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Lebensmitteln. Food Tech zielt unter anderem darauf ab, die Lebensmittelindustrie nachhaltiger zu gestalten und darüber hinaus den Verbraucher:innen innovative und gesunde Produkte anzubieten. 

Was ist Food Tech?

Die Lebensmittelindustrie trägt zur Erderwärmung bei - die sich wiederum direkt auf die Lebensmittelproduktion auswirkt.
Die Lebensmittelindustrie trägt zur Erderwärmung bei – die sich wiederum direkt auf die Lebensmittelproduktion auswirkt.
(Foto: CC0 / Pixabay / Anrita1705)

Food Tech beschreibt die Verschmelzung der Lebensmittelindustrie mit der Technologiebranche. Food-Tech-Unternehmen setzen beispielsweise Robotik, Drohnen, künstliche Intelligenz und 3D-Druck ein. Diese Technologien sind dabei ein Mittel zum Zweck: Sie sollen effizientere Produktionsprozesse ermöglichen, die zum Beispiel Ressourcen bestmöglich nutzen, mehr Re- und Upcycling in die Lebensmittelherstellung integrieren und Lebensmittelverschwendung vermeiden.

Übergeordnetes Bestreben von Food Tech ist es also, ein nachhaltigeres Ernährungssystem aufzubauen. Dass dies dringend notwendig ist, zeigen die vielen Probleme der aktuellen Lebensmittelproduktion:

  • Umweltzerstörung: Der globale Appetit auf Fleisch zerstört südamerikanische Regenwälder. Grund ist, dass zur Fütterung der Tiere massenhaft Soja auf Flächen angebaut wird, für die Millionen Hektar an Waldgebiet weichen müssen. In Südostasien schrumpfen tropische Wälder aufgrund des Palmöl-Anbaus. Dabei sind die Regenwälder wichtige Kohlenstoffspeicher. Auch Küstenbiotope sind bedroht, vor allem durch massive Garnelenzucht. 
  • Erderwärmung: Es erfordert eine Menge Energie, Lebensmittel zu produzieren, zu lagern, zu verarbeiten und zu transportieren. Das bringt eine schlechte CO2-Bilanz mit sich: Ein Drittel des Treibhausgas-Ausstoßes lässt sich auf die weltweite Lebensmittelproduktion zurückführen. Die Erzeugung tierischer Lebensmittel verursacht dabei 57 Prozent der Treibhausgase, pflanzenbasierte Lebensmittel 29 Prozent. Die übrigen 14 Prozent entfallen auf Produkte wie Gummi und Baumwolle.
  • Lebensmittelverschwendung: Weltweit landen rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel pro Jahr in der Tonne, statt gegessen zu werden. In Deutschland allein sind es zwölf Millionen Tonnen. Gleichzeitig hungern bis zu 811 Millionen Menschen auf der Welt. 

Food Tech nimmt zur Lösung dieser Probleme die gesamte Wertschöpfungskette von Nahrungsmitteln in den Blick. Daher definiert Forward Fooding, eine Plattform für innovative Lebensmittelproduktion, Food Tech als „den aufstrebenden Sektor, der erforscht, wie Technologie genutzt werden kann, um Effizienz und Nachhaltigkeit bei der Planung, Herstellung, Auswahl, Lieferung und dem Genuss von Lebensmitteln zu erreichen.“ 

Food Tech: Zwei Beispiele mit viel Potenzial

3D-Drucker für Lebensmittel könnten bald gängig werden.
3D-Drucker für Lebensmittel könnten bald gängig werden.
(Foto: CC0 / Pixabay / mebner1)

Viel Innovationspotenzial für die Lebensmittelindustrie bietet zum Beispiel Künstliche Intelligenz. Ein Projekt der Hochschule Augsburg erforscht, wie sich dadurch Lebensmittelverschwendung reduzieren lässt. 

Das Projekt setzt Künstliche Intelligenz bereits während des Herstellungsverfahrens ein, insbesondere in den Molkerei-, Fleisch- und Backwarenbranchen. Dort kommt es aufgrund der leichten Verderblichkeit der Produkte schnell zu beträchtlichen Lebensmittelverlusten. KI soll die Nachfrage nach solchen Produkten genauer prognostizieren können, sodass sich eine Überproduktion vermeiden lässt. Die Forschenden zielen darauf ab, Lebensmittelverluste um bis zu 90 Prozent zu reduzieren.

Demnächst könnten nicht nur Objekte digital am Computer modelliert und anschließend mit einem 3D-Drucker schichtweise gefertigt werden, sondern auch immer mehr unserer Lebensmittel. Die Wissenschaft beschäftigt sich schon seit knapp 15 Jahren mit dieser Idee, in der auch Möglichkeiten für mehr Nachhaltigkeit stecken. 

So könnten 3D-Lebensmitteldrucker künftig aus künstlich gezüchtetem Zellgewebe Fleisch ohne Tierleid „drucken“. Auch alternative Nahrungs- und Proteinquellen wie Insekten könnten dank des 3D-Drucks visuell ansprechendere Formen erhalten. Bereits 2014 zeigten Forschende, wie sich aus Insektenmehl und anderen Zutaten mithilfe eines 3D-Druckers neue Lebensmittel formen lassen. Mehr dazu, was wir statt Fleisch in Zukunft essen könnten, kannst du hier nachlesen: Alternativen zu Fleisch: Was ist das Fleisch der Zukunft?

Am weitesten entwickelt sind allerdings weniger abenteuerliche Ansätze, die gewöhnlichen Lebensmitteln wie Schokolade, Nudelteig und Fruchtgummi oder Marzipan neue Formen geben können. Das deutsche Startup Print4Taste beschäftigt sich seit 2014 mit dem 3D-Lebensmitteldruck und bietet mittlerweile einen 3D-Schoko-Drucker an.  

Das Potenzial eines 3D-Lebensmitteldruckers, besonders individualisierte Lebensmittel herzustellen, ist auch für das Gesundheitswesen interessant. Die EU förderte daher von 2012 bis 2015 ein Projekt, das mittels 3D-Druck Lebensmittel produziert, die auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse älterer Personen und Personen mit Kau- und Schluckbeschwerden abgestimmt sind. Mit dem 3D-Drucker wird es auch möglich sein, den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln besser zu kontrollieren: Gekochte und pürierte Nahrungsmittel können vor dem „Drucken“ mit zusätzlichen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen angereichert werden.

Food-Tech-Startups aus Deutschland

Viele Food Tech-Unternehmen wollen funktionale Lebensmittel verkaufen. "Complete Meals" sind aber nur selten empfehlenswert.
Viele Food Tech-Unternehmen wollen funktionale Lebensmittel verkaufen. „Complete Meals“ sind aber nur selten empfehlenswert.
(Foto: CC0 / Pixabay / Foundry)

Food Tech ist in der deutschen Startup-Szene stark vertreten – unter anderen mit Innovationen in den Bereichen Vertical Farming und sogenannten „Nutraceuticals“, Lebensmitteln mit gesundheitsfördernder Wirkung. 

Infarm

Das Berliner Startup Infarm stellt modulare Gewächsschränke her, die das Heranzüchten von Bio-Kräutern und -Gemüse direkt in Restaurants oder Supermarkten ermöglichen. So sind die Produkte besonders frisch. Das Unternehmen zieht aus ökologischen Samen eigene Setzlinge, die anschließend in den Schränken optimale Bedingungen zum Weiterwachsen vorfinden. Die technologische Ausstattung der Gewächsmodule erlaubt es, Licht, Feuchtigkeit und Nährstoffe digital zu überwachen und zu steuern. 

Vor Kurzem wurde eine Kooperation zwischen Infarm und dem Möbelhersteller IKEA bekannt. 

yfood

yfood gehört zu den zahlreichen Food Tech-Unternehmen, die Funktionalität mit einem wachsenden Ernährungsbewusstsein verbinden wollen. Sie bieten sogenannte „Complete Meals“ an: Trinkmahlzeiten, Trinkpulver und Riegel, die gleichzeitig nährstofftechnisch ausgewogen, gesund und lecker sein sollen. Solche „Complete Meals“ sollen auf praktische Weise ganze herkömmlichen Mahlzeiten ersetzen können.

Wirklich innovativ ist das Konzept allerdings nicht. Sogenannte „Astronautennahrung“ in Form von zu Pasten, Riegeln, und Presswürfeln komprimierten Gerichten kam zunächst für Astronaut:innen in den 1960er Jahren im Weltall auf den Tisch. Die Idee, Mahlzeiten durch Shakes und Pulver zu ersetzen, fand dann aber auch in der allgemeinen Bevölkerung Anklang. Vermarktet wurden sie nämlich häufig mit der Aussicht, durch solche Nahrung schnell abnehmen zu können. Warum eine Diät mit Trinknahrung nicht sinnvoll ist, kannst du hier nachlesen: Trinkmahlzeit: Warum das keine gute Idee ist.

Auch yfood sieht sich Kritik von Ernährungsexpert:innen ausgesetzt. Diese verweisen unter anderem auf einen hohen Zuckergehalt und einen zu niedrigen Kaloriengehalt der Trinknahrung. Automatisch gesünder sind Food-Tech-Innovationen daher nicht immer, außerdem fällt viel Verpackungsmüll dabei an.

Agrilution

Ein ähnliches Konzept wie Infarm verfolgt das Startup Agrilution, allerdings für das eigene Zuhause. Dort kann man sich den von dem Unternehmen entwickelten „Plantcube“ installieren lassen. Das ist ein digitalisierter Gewächsschrank, in dem ideale Bedingung zum Anbau frischer Salate, Kräuter und Microgreens in der eigenen Wohnung herrschen. Die dazugehörige App zeigt Temperatur und Luftfeuchtigkeit an, steuert diese bei Bedarf und meldet auch, wenn das Gemüse erntereif ist. 

Fazit: Ist Food Tech die Zukunft des Essens?

Food Tech ist interessant, aber achte insgesamt auf eine saisonale und regionale ausgewogene Ernährung.
Food Tech ist interessant, aber achte insgesamt auf eine saisonale und regionale ausgewogene Ernährung.
(Foto: CC0 / Pixabay / b1-foto)

Klar ist: So weitergehen wie bisher kann es mit der Lebensmittelindustrie nicht. Sie befeuert die Klimakatastrophe und zerstört die Umwelt – und damit auch ihre eigene Grundlage, um die Weltbevölkerung sicher mit qualitativen und gesunden Lebensmitteln versorgen zu können.  

Dass Food Tech momentan so boomt, ist daher Grund zur Hoffnung. Die Technologisierung und Digitalisierung haben bereits vielversprechende Ansätze hervorgebracht, mit denen sich beispielsweise Lebensmittelverschwendung reduzieren lässt und alternative Nahrungsmittel zugänglicher werden.

Doch einige Food-Tech-Innovationen sind nur begrenzt sinnvoll: Statt in Plastik verpackte Trinknahrung zu sich zu nehmen, ist es nachhaltiger und günstiger, sich von möglichst vielen saisonalen pflanzlichen Nahrungsmitteln aus der Region zu ernähren. Dabei können Entwicklungen, die das Gärtnern in den eigenen vier Wänden erleichtern, tatsächlich hilfreich sein.

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