Subsistenz: Das bedeutet der Begriff in der Nachhaltigkeitsforschung

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Subsistenz ist ein zentraler Begriff in der wachstumskritischen Nachhaltigkeitsforschung. Wir erklären dir, was Subsistenz bedeutet und nennen dir Beispiele von Subsistenz im Alltag.

Der Begriff „Subsistenz“ ist gar nicht so leicht zu erklären – denn er hat im Laufe der Geschichte unterschiedliche Bedeutungen gehabt:

  • Zunächst einmal bezeichnet Subsistenz das Grundlegende beziehungsweise den Kern einer Sache oder einer Person. Das leuchtet ein, da Subsistenz mit dem Wort „Substanz“ verwandt ist. Laut einer Publikation der Uni München verwendete beispielsweise schon Aristoteles den Begriff in diesem Sinne.
  • Laut der Stiftung Anstiftung umfasst der Begriff Subsistenz grundsätzliche menschliche Bedürfnisse – also Nahrung, eine Gesundheitsversorgung, zwischenmenschliche Beziehungen und so weiter. Daran angelegt erläutert die Schrift der Uni München, dass Subsistenz in der Geschichte auch oft als Synonym für das Existenzminimum oder den Lebensunterhalt auftritt.

Heutzutage verwenden Wissenschaftler wie der Ökonom und Wachstumskritiker Niko Paech den Begriff Subsistenz oft gleichbedeutend mit Selbstversorgung. Daraus lässt sich das Konzept der Subsistenzwirtschaft ableiten: In einer Subsistenzwirtschaft produzieren Menschen in erster Linie selbst, was sie zum Leben brauchen – beispielsweise bauen sie ihre eigene Nahrung an. Die Studie der Uni München fügt hinzu, dass eine Subsistenzwirtschaft vor allem durch regionale und lokale Beziehungen und soziale Netze und weniger durch nationale oder gar internationale Märkte geprägt ist.

Aus diesen Ausführungen kannst du bereits erahnen, warum das Konzept der Subsistenz in der Nachhaltigkeitsforschung eine Rolle spielen könnte. Mehr darüber erfährst du im nächsten Abschnitt.

Subsistenz als Konzept der wachstumskritischen Nachhaltigkeitsforschung

Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit vereinbaren, geht das?
Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit vereinbaren, geht das?
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Laut einer Publikation der Universität Saarbrücken sind die zentralen Konzepte der Nachhaltigkeitsforschung Effizienz und Konsistenz:

  • Effizienz bedeutet, mit möglichst geringem Energieaufwand, möglichst viel Leistung zu erhalten. Beispielsweise braucht eine Energiesparlampe weniger Strom als eine gewöhnliche Glühbirne, macht aber genauso viel Licht.
  • Konsistenz bedeutet, Ressourcen einzusparen – beispielsweise durch mehr Recycling – und nachhaltige Materialien wie nachwachsende Rohstoffe zu verwenden.

Die Idee ist: Durch eine effiziente und konsistente Wirtschaft ist es möglich, Wirtschaftswachstum zu generieren und gleichzeitig Umwelt und Klima zu schützen. Dieses Ideal bezeichnen manche auch als „Green Economy„.

Die wachstumskritische Nachhaltigkeitsforschung kritisiert diesen Ansatz: Vertreter wie Niko Paech und die Autoren des Textes der Uni Saarbrücken sind der Auffassung, dass ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum nicht möglich ist, ohne die Erde weiter auszubeuten. Sie machen dies beispielsweise daran fest, dass seit Beginn der Energiewende die CO2-Emissionen Deutschlands kaum gesunken sind. Einzig die Weltwirtschaftskrise brachte einen vorübergehenden Einbruch der CO2-Emissionen.

Die wachstumskritische Nachhaltigkeitsforschung hat deshalb das Konzept der „Postwachstumsökonomie“ entwickelt: Eine Wirtschaft, die nicht wächst. Hier sind die wichtigsten Punkte, die auch Niko Paech in seinem Vortrag nennt:

  • Die Industrieproduktion wird zurückgefahren. Damit dennoch alle Menschen Arbeit haben, arbeitet jeder nur noch maximal 20 Stunden pro Woche.
  • Heutzutage konsumieren viele Menschen in der westlichen Welt weit mehr als nötig. In der Postwachstumsökonomie konsumierst du dagegen nur so viel, wie du für ein gutes Leben brauchst. Diese Art von Genügsamkeit bezeichnet man auch als Suffizienz.

Die Menschen in der Postwachstumsökonomie haben also auf einmal sehr viel Zeit zur Verfügung – auf der anderen Seite aber auch weniger Geld und weniger Konsumgüter. Die naheliegende Idee: In der neu gewonnenen Zeit produzieren oder reparieren die Menschen selber Güter – und bauen so eine Subsistenzwirtschaft auf.

Aspekte und Beispiele einer Subsistenzwirtschaft

Subsistenz in der Landwirtschaft bedeutet: Lebensmittel selber anbauen.
Subsistenz in der Landwirtschaft bedeutet: Lebensmittel selber anbauen.
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Niko Paech bezeichnet eine solche Subsistenzwirtschaft auch als „Prosumentenwirtschaft“: Denn der Mensch ist gleichzeitig Konsument und Produzent.

Was bringt ein Prosument in die Subsistenzwirtschaft ein?

  • neu gewonnene Zeit durch die reduzierte Arbeitszeit 
  • handwerkliche Kompetenzen (die in der freien Zeit erworben und ausgebaut werden können)
  • soziale Netze, damit alle Prosumenten von den Fähigkeiten der anderen profitieren können

Wie sieht das Ergebnis, also die Subsistenzwirtschaft, aus? Laut Niko Paech ist das Ziel nicht, 100 Prozent Selbstversorgung zu erreichen – das erscheint illusorisch und ist auch nicht unbedingt sinnvoll. Die Subsistenzwirtschaft soll jedoch ergänzend zu einer geschrumpften Industrie existieren. Schon heute findest du in deiner Umgebung Konzepte, die in eine Subsistenzwirtschaft passen:

  • In (Gemeinschafts-)Gärten und solidarischen Landwirtschaften kannst du Gemüse selber anbauen und ernten. Regionalläden können die lokal produzierten Lebensmittel direkt vermarkten, ohne dass zahlreiche Zwischenhändler den Preis hochtreiben.
  • In Repair-Cafés kannst du gemeinsam mit anderen Menschen kaputten Gegenständen zu neuem Leben verhelfen.
  • Bei Kleidertauschpartys kannst du Klamotten mit anderen tauschen, beim Carsharing dagegen nutzt ihr gemeinsam Autos. 

Die zentralen Aspekte einer Subsistenzwirtschaft sind: 

  • selber machen
  • reparieren
  • teilen
  • tauschen 

Warum ist Subsistenz wichtig?

Laut Wissenschaftlern wie Niko Paech kann Subsistenz eine Gesellschaft widerstandsfähiger gegenüber Krisen machen. Niko Paech stellt dazu diese einfache Gleichung auf: Subsistenz plus Suffizienz gleich Resilienz. Wie kann Subsistenz uns gegen Krisen wappnen?

  • Wenn du wichtige Dinge des täglichen Bedarfs selber produzierst, bist du unabhängig von den Versorgungsketten des nationalen und internationalen Handels. Nicht zuletzt die Corona-Krise zeigt, wie anfällig selbst grundlegende Dinge wie die Lebensmittelproduktion sein kann: Fehlen Erntehelfer aus Osteuropa, können einige Nahrungsmittel nicht geerntet werden. Hierzulande ist das Risiko, zu wenig Essen zu haben, ziemlich gering. Paech nennt jedoch Studien, wonach die gesunkene Bedeutung der Selbstversorgung in vielen Entwicklungsländern zu einem höheren Risiko für Hungersnöte geführt hat.
  • Eine Subsistenzwirtschaft spart (im Zusammenspiel mit Suffizienz) durch das Reparieren, Tauschen und Teilen Ressourcen und hat einen kleineren CO2-Fußabdruck. Das ist nicht nur als Maßnahme gegen die Klimakrise wichtig: Wichtige Ressourcen wie Erdöl werden in Zukunft knapp.

Darüber hinaus ist Paech der Ansicht, dass Subsistenz und Suffizienz auch jedem Menschen persönlich weiterhelfen: Weniger Arbeitszeit bedeutet weniger Stress und mehr Zeit für Freunde, gesunde Ernährung, Hobbys und Bewegung. Auch reduzierter Konsum kann angenehm entschleunigend wirken. Und schließlich entsteht Selbstwirksamkeit, wenn wir Dinge selber produzieren oder sie reparieren.

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