Tierwohl-Labels und -Siegel der Supermärkte: Sauerei im Kühlregal?

Fotos: Utopia.de/ bw

Tierwohl und Tierschutz sind nicht das, was man als Erstes mit Frischfleisch vom Discounter verbindet. Mittlerweile findet sich auf den Fleischpackungen der Discounter eine ganze Flut von Labels, Siegeln und Kennzeichnungen. Wir bringen mit unserem Marktcheck und einem Überblick über die Kennzeichnungen Licht ins Dunkel.

Tierwohl und Tierschutz beim Kauf von Frischfleisch werden viel diskutiert. Das Problem: Ein staatliches Siegel gibt es bislang nicht – deshalb wurde der Handel selbst aktiv. Die Discounter sind im April 2019 nach und nach mit eigenen Labels für Frischfleisch an den Start gegangen.

Neben der Haltungskennzeichnung kleben auf den Frischfleischpackungen aber auch diverse Qualitäts-Siegel, die in ihren Kriterien jedoch stark voneinander abweichen.

Eine Übersicht über die verschieden Fleisch-Labels:

Überblick im Siegel-Dschungel

Initiative Tierwohl

Label „Initiative Tierwohl“

Bei der ‚Initiative Tierwohl‘ handelt es sich um einen Zusammenschluss der Landwirtschaft, der Fleischwirtschaft und des Lebensmittelhandels (Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny, Rewe, Wasgau)

Das Siegel bietet nur wenig mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen. Die Tiere haben 10 Prozent mehr Platz zur Verfügung, und Masthühner und Schweine bekommen Spielzeug zur Beschäftigung. Die Landwirte erhalten Tierwohl-Entgelte, die der Einzelhandel in einen Fonds einzahlt (6,25 Cent für jedes verkaufte Kilo Schweine- und Geflügelfleisch sowie -wurst). Der Deutsche Tierschutzbund, der bei der Initiative Tierwohl ursprünglich in Beratungsfunktion tätig war, ist inzwischen ausgestiegen und hat ein eigenes Label (‚Für mehr Tierschutz‘) gegründet.

Problematisch: Auch wenn die Kennzeichnung verbessert wurde, die Kriterien sind zu lax.

Weitere Infos: www.initiative-tierwohl.de

Für mehr Tierschutz

Das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes in zwei Stufen
Das Tierschutzlabel
des Deutschen Tierschutzbundes
in zwei Stufen (Deutscher Tierschutzbund)

‚Für mehr Tierschutz‘ ist das Label des Deutschen Tierschutzbundes für artgerechte Tierhaltung, das es in zwei Stufen gibt.

  • Stufe 1: Hier haben die Tiere mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten. Es gibt zudem eine Begrenzung, wie viel Gewicht die Tiere in einem bestimmten Zeitraum zulegen dürfen. Die Anforderungen an Transport und Schlachtung sind streng. Damit geht Stufe 1 deutlich über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus. Nichtsdestotrotz sei das „aber noch kein sehr hohes Tierschutzniveau“, so das Urteil der Verbraucherzentrale.
  • Stufe 2 (Premiumstufe): Diese Stufe beinhaltet Auslauf und Freilandhaltung für die Tiere. Das Urteil der Verbraucherzentrale lautet: „Das Label der Premiumstufe kennzeichnet ein hohes Tierschutzniveau im Vergleich zum gesetzlichen Standard.“ Fleisch der Premiumstufe entspricht ungefähr der „Haltungsform Stufe 3“ im Supermarkt.

Der Deutsche Tierschutzbund vergibt das Label derzeit bei Hähnchenfleisch nur als Einstiegsstufe, für Schweinefleisch werden beide Stufen vergeben.

Mittlerweile wird das Label auf Einstiegs- und Premiumstufe sowohl für Schweine als auch für Masthühner, Legehennen, Milchkühe und Mastrinder aus Milchkuhbetrieben vergeben – das heißt: es wird Schweine-, Hühner-, und Rindfleisch und zusätzlich Eier und Milch gekennzeichnet.

Problematisch: Für Konsumenten sind die Unterschiede der beiden Stufen auf den ersten Blick schwer zu erkennen.

Weitere Infos: www.tierschutzlabel.info

Tierschutz kontrolliert

Label „Tierschutz kontrolliert“

Das Label ‚Tierschutz kontrolliert‘ des Vereins ‚Vier Pfoten‘ zertifiziert nach ähnlichen Kriterien wie das Label ‚Für mehr Tierschutz‘: Es gibt ebenfalls zwei Stufen (Einstiegs- und Premiumstufe). Bei der Einstiegsstufe (silber) haben die Tiere mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, bei der Premiumstufe (gold) auch Auslauf im Freien. Zudem darf der Transportweg zum Schlachthof nicht länger als vier Stunden dauern. Die beiden Stufen des „Tierschutz kontrolliert“-Labels sind vergleichbar mit denen des „Für mehr Tierschutz“-Labels.

Die „Tierschutz-kontrolliert“ zertifizierten Produkte gibt es bislang nur wenigen Supermärkten.

Weitere Infos: www.vier-pfoten.de

Fair & Gut

Aldi hat im Januar 2018 eine neue Eigenmarke eingeführt: Unter dem Label ‚Fair & Gut‘ verkauft der Discounter Frischfleisch „aus verbesserter Tierhaltung“, so das Versprechen des Unternehmens. Zu den Kriterien, die von der Einstiegsstufe des Labels ‚Für mehr Tierschutz‘ (siehe oben) übernommen wurden, gehören: Mehr Platz, Stroh im Stall, Zugang zu frischer Luft und Futter ohne Gentechnik. Da die ‚Fair & Gut‘-Produkte nicht zum Standardsortiment gehören, gibt es sie nicht in allen Aldi-Filialen.

Siegel
Label „Fair & Gut“ von Aldi

Problematisch: Obwohl Aldi sein ‚Fair & Gut‘-Sortiment breit bewirbt, fanden wir bei unserem Marktcheck unter einer Vielzahl konventioneller Hähnchenprodukte nur wenige ‚Fair & Gut‘-Angebote.

Die Tierwohl-Kennzeichnungen der Discounter

Die Tierwohl-Labels der Lebensmitteleinzelhändler Aldi Nord und Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny sowie Rewe sind mit der Aufschrift „Haltungsform“ gekennzeichnet. Sie sind auf Geflügel-, Rind- und Schweinefleisch aufgedruckt und zeigen an, unter welchen Bedingungen die Schlachttiere gehalten wurden.

Die vierstufigen Kennzeichen arbeiten mit Farben, das System orientiert sich an der Kennzeichnung von Eiern:

Haltungsform-Kennzeichnung im Handel
Haltungsform-Kennzeichnung im Handel

Verwirrend: Die Reihenfolge ist umgekehrt, beim Eier-Code entspricht die Zahl 0 der Güteklasse Bio (also der höchsten Stufe), beim Haltungskompass der Discounter steht die Zahl 1 hingegen für die niedrigste Stufe.

Haltungsform Stufe 1 (Rot): Stallhaltung: Reguläre Stallhaltung nach gesetzlichen Anforderungen.

Haltungsform Stufe 2 (Blau): Stallhaltung plus: Die Tiere haben etwas mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und erhalten Beschäftigungsmaterial. Kühe dürfen nicht angebunden sein.

Haltungsform Stufe 3 (Orange): Außenklima: Die Tiere haben mehr Platz als in Stufe 2, verfügen über eine abwechslungsreichere Umgebung und haben Zugang zu Außenklimabereichen. Hier ist Futter ohne Gentechnik vorgeschrieben.

Haltungsform Stufe 4 (Grün): Premium: Hier haben die Tiere den meisten Platz im Stall und Auslauf im Freien. Sie erhalten gentechnikfreies Futter. In diese Stufe ist Biofleisch einzuordnen.

Haltungsform für einen Überblick

Die Haltungsform ordnet die bestehenden Labels ein und gibt einen schnellen Überblick, wenn du wissen möchtest, wie viel Tierwohl in einem Fleischprodukt steckt:

Die Haltungsformen im Überblick
Die Haltungsformen im Überblick (Foto: haltungsform.de)

Wir haben das Angebot in den Discountern kritisch unter die Lupe genommen. Unsere Marktstichprobe hat gezeigt: Stufe 3 und 4 sind in den Kühltheken nach wie vor nur sehr vereinzelt zu finden.

Aldi

Ergebnis der Utopia-Recherche*: Von allen Discountern, in denen wir bei unserer Recherche waren, hat Aldi die meisten Bio-Produkte und die wenigsten Produkte der Stufe 1. Hier fanden wir sogar Schweinefleisch mit Stufe 4 (Bio-Qualität). Nichtsdestotrotz: Die meisten Fleischprodukte in der Kühltheke sind mit Stufe 1 (Schwein und Rind) und 2 (Geflügel) gekennzeichnetes Billigfleisch.

Blick in die Kühltheke bei Aldi: Eine gute Auswahl an Stufe 4-Produkten
Blick in die Kühltheke bei Aldi: Eine gute Auswahl an Stufe 4-Produkten (Foto: Utopia.de)

Das Ziel, bis 2019 die Hälfte der eigenen Produkte mindestens auf die zweite Stufe anzuheben, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben erreicht.

Weitere Informationen: www.aldi-sued.de

Lidl

Ergebnis der Utopia-Recherche*: Auch bei Lidl sind Stufe 1 und 2 vorherrschend. In den Kühltheken gibt es Schweinefleisch vorwiegend mit Stufe 1, einige Produkte mit Stufe 2. Bei Rindfleisch fanden wir bei unserer Stichprobe (abgesehen von den Bio-Produkten) nur Fleisch mit dem niedrigsten Tierhaltungsstandard (Stufe 1), bei Geflügelfleisch Stufe 2. Das Angebot an Bio-Produkten ist allerdings erstaunlich vielseitig: Neben Rinderfilet, Rumpsteak, Medaillons, Rouladen, diversen Hackfleisch- und Geflügelprodukten führt Lidl auch frische Bratwürste in Bio-Qualität (Stufe 4).

Rein theoretisch ist von Stufe 1 bis Bio und veganem Fleischersatz bei Lidl alles zu haben.
Rein theoretisch ist von Stufe 1 bis Bio und veganem Fleischersatz bei Lidl alles zu haben. (Foto: Utopia.de / bw)

Auch Lidl hat nach eigenen Angaben das Ziel, die Hälfte der Frischfleischprodukte mindestens auf Stufe 2 umzustellen, erreicht.

Weitere Informationen: www.lidl.de

Netto

Das Bild von glücklichen Schweinen, deren Züchter noch 10 Cent extra bekommt, suggeriert Tierwohl. Das Fleisch ist aber nur Stufe 1.
Das Bild von glücklichen Schweinen, deren Züchter noch 10 Cent extra bekommt, suggeriert Tierwohl. Das Fleisch ist aber nur Stufe 1. (Foto: Utopia.de / bw)

Ergebnis der Utopia-Recherche*: In den Kühltheken fanden wir Schweine- und Rindfleisch ausschließlich mit der Kennzeichnung Stufe 1, Gefügel mit Stufe 2. Ein Geflügelprodukt war mit Stufe 3 und dem Label ‚Für mehr Tierschutz‘ gekennzeichnet. Unser Marktcheck zeigte ein bescheidenes Bio-Sortiment, andere Filialen bieten hier laut Netto eine größere Auswahl.

Weitere Informationen: www.netto-online.de

Norma

Ergebnis der Utopia-Recherche*: Der Blick in die Kühltheke zeigt: Hauptsächlich Frischfleisch mit Stufe 1. Die Hühnchen-Produkte haben Stufe 1 des Labels ‚Für mehr Tierschutz‘ und damit Stufe 3 beim Haltungskompass. Hackfleisch war bei unserer Recherche das einzige Produkt in Bio-Qualität.

Verwirrend: Viele Siegel, aber kaum Tierwohl
Verwirrend: Viele Labels, aber in Realität kein Tierwohl (Foto: Utopia.de)

Penny

Ergebnis der Utopia-Recherche*: Insgesamt überwiegt auch hier bei weitem Fleisch, das mit Stufe 1 (Schwein, Rind) oder Stufe 2 (Geflügel) gekennzeichnet ist. Unsere Stichprobe ergab nur drei Produkte in Bio-Qualität.

Weitere Informationen: www.penny.de

Fazit: Noch immer zu viel Fleisch mit Stufe 1 und 2

Die gute Nachricht: Im Vergleich zu unserem Marktcheck vor zwei Jahren hat der Anteil von Stufe 1-Fleisch ab- und der von Stufe 2 zugenommen. Da aber Stufe 2 kaum besser als Stufe 1, bleibt unser Urteil: Das Angebot (und daraus schlussfolgernd auch die Nachfrage) von Fleisch aus tiergerechteren Haltungsformen ist äußerst gering. Wer Fleisch aus deutlich besserer Tierhaltung (Haltungsform 3 und 4) kaufen möchte, findet nur eine kleine Auswahl. Wer im Discounter Bio-Fleisch kaufen möchte: Lidl und Aldi haben die beste Auswahl.

Marktcheck von Verbraucherzentrale und Greenpeace

Auch der Marktcheck der Verbraucherzentralen (Herbst 2020) zeigt: Das Angebot der Haltungsformen 3 und 4 ist viel zu gering. „Nur 13 Prozent des gekennzeichneten Fleisches stammt aus diesen Haltungsformen. Insbesondere das Angebot in Haltungsform 3 ist mit drei Prozent kaum vorhanden.“ Gut die Hälfte (51 Prozent) der Produkte waren Stufe 1.

Greenpeace hat Ende 2019 eine Abfrage bei den großen Supermarktketten durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass der Handel wenig tut, um die Tierhaltung zu verbessern: „Im Schnitt 88 Prozent des Frischfleischs der Supermarkt-Eigenmarken stammt von Tieren, die qualvoll und häufig tierschutzwidrig gehalten wurden – im Handel erkennbar an der Kennzeichnung Haltungsform 1 oder Haltungsform 2.“

Von 1.000 möglichen Punkten konnte Kaufland gerade einmal 179 erzielen, alle anderen Supermärkte schnitten noch schlechter ab. Greenpeace fordert von den Supermarktketten, „Fleisch aus der tierquälerischen Haltungsform 1 und 2 aus ihrem Sortiment zu nehmen“.

Was ist von den Labels zu halten?

Die Tierschutz-Debatte, die durch die neuen Siegel und Kennzeichnungen befeuert wird, ist wichtig, wenn auch zäh und schwierig. Die wichtigste Frage bei der Diskussion um Für und Wider der Labels lautet: Wird das Tierwohl durch die neuen Kennzeichnungen tatsächlich verbessert?

Was für die Labels spricht

Der Ansatz ist nicht verkehrt und besser als nichts. „Der Staat hat nicht gehandelt, jetzt haben das die Discounter übernommen“, so bringt Gerald Wehde, Sprecher von Bioland, die fehlende Entscheidungsfreude von staatlicher Seite auf den Punkt. Tierschutz- und Umweltorganisationen sowie die Anbauverbände sind sich in einem einig: Es ist gut, dass die Discounter aktiv wurden. „Ein Punkt, der sich zu loben lohnt, ist die Tatsache, dass die Discounter die Stufe 1 kommunizieren“, meint Gerald Wehde. Er gibt aber auch zu bedenken, dass genau das auch ein großes Problem mit sich bringe: „Die Stufe 1 suggeriert Tierwohl – in Wahrheit bekommt der Verbraucher aber gewöhnliche Stallhaltung, Stufe 2 ist diesbezüglich nicht viel besser.“

Der Deutsche Tierschutzbund kann der Initiative der Discounter ebenfalls etwas abgewinnen: „Konventionelle Produkte, die keinen Mehrwert im Vergleich zum gesetzlichen Standard bieten, sind nun als solche auch erkennbar.“

Was gegen die Labels spricht

  1. Zu viele Labels & Kennzeichnungen!
  2. Zu viel Stufe 1! Die meisten Produkte, die uns bei unserer Recherche in den Discountern begegnet sind, entsprechen nur den gesetzlichen Mindestanforderungen. Und die sind weit entfernt von auch nur der Note „ausreichend“. Die unteren Standards sind zu niedrig, um überhaupt von Tierwohl sprechen zu können.
  3. Verbrauchertäuschung! Die Vermutung liegt nahe, dass der Fleischkäufer ein Produkt mit Label sieht, das Produkt kauft, ohne überhaupt darauf zu achten, welches Label er vor sich hat – und den Laden mit gutem Gewissen verlässt. Er hat jetzt etwas fürs Tierwohl getan und muss nicht länger darüber nachdenken. „Das Tierwohllabel suggeriert dem Verbraucher, etwas Gutes zu tun“, das meint auch Jutta Saumweber, Referatsleiterin Lebensmittel und Ernährung von der Verbraucherzentrale Bayern e.V. gegenüber Utopia.de: „Nicht aussagekräftig und unglaubwürdig sind Werbungen am Regal oder in Prospekten mit nicht von außen nachvollziehbaren Qualitätsversprechen wie ‚artgerechte Haltung, Fleisch von irischem Weiderind‘ etc. Unternehmensaussagen im Internet über zukünftige Tierwohlstrategien und den Umgang mit Tieren sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen.“ Die Vermutung liegt nahe, dass der Handel hofft, mit der niedrigsten Einstiegsstufe eine gute Haltung der Tiere vorgaukeln zu können. „Mit Tierschutz hat das nichts zu tun!“, so die Verbraucherzentrale Bayern. Bioland-Sprecher Gerald Wehde konstatiert: „Wenn kein Tierschutz drin ist, ist das Verbrauchertäuschung.“
  4. Gesundheit wird zu wenig thematisiert! Dazu meint Matthias Wolfschmidt von foodwatch (Veterinärmediziner und Autor des Buches „Das Schweinesystem“): „Ob ein von Tieren stammendes Lebensmittel tatsächlich von einem Tier stammt, das ein gutes und gesundes Leben hatte, kann keines der bisher vorgestellten Label garantieren. Denn Gesundheit spielt dabei keine Rolle. Es geht im Wesentlichen um Platz, Einstreu, Außenzugang. Aber ob die Tiere auf dem jeweiligen Hof tatsächlich bei guter – oder bei schlechter – Gesundheit waren, interessiert absurderweise nicht. Dabei geht es nicht darum, was wir uns wünschen – also zum Beispiel idyllische Höfe –, sondern darum, wie es aus der Perspektive des einzelnen Tieres tatsächlich aussieht.“
  5. Verarbeitetes Fleisch wird bisher nicht gekennzeichnet. Darunter fallen zum Beispiel Wurstwaren, Convenience- und Tiefkühlprodukte.
Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein einheitliches staatliches Label. (Foto: Colourbox.de)

Wo bleibt ein staatliches Tierwohl-Label?

Wenn es um den Fleischkonsum geht, sind sich die meisten Deutschen einig: 81 Prozent wünschen sich ein einheitliches staatliches Tierwohllabel. Sie möchten wissen, wie die Pute oder das Schwein, deren Fleisch sie auf dem Teller haben, gehalten wurden. Das bestätigt eine Umfrage für den Ernährungsreport 2019 der Bundesregierung.

Wann dieser Wunsch wahr wird, ist nicht abzusehen. Nennenswerte Aktivitäten der Bundesregierung finden nicht statt. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) will noch in dieser Legislaturperiode (also vor September 2021) Gesetzesvorschläge machen. Diese wesentlichen Details sind schon bekannt:

  • Es soll sich um ein dreistufiges Label handeln.
  • Die Kriterien der Eingangsstufe sollen deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard liegen.
  • Die Teilnahme an der Kennzeichnung soll freiwillig sein.
  • Importferkel, die zur Kastration lokal oder mit CO2 betäubt wurden, sollen vom staatlichen Tierwohllabel ausgeschlossen werden.

Der gesetzliche Mindeststandard soll weiterhin bestehen bleiben, wird dann aber nicht mehr als Tierwohl gelabelt. Julia Klöckner erklärte dazu gegenüber dem Agrarfachmagazin topagrar: „Wir können nicht etwas labeln, was lediglich die gesetzlichen Vorgaben erfüllt, sondern nur, was darüber liegt und mehr Tierwohl beinhaltet.“

Kritik von allen Seiten

Staatliches Siegel ja, da sind sich alle einig. Aber nein zu Punkt 3 – der Freiwilligkeit der Teilnahme. Die stößt bei Tierschutzverbänden und Anbauverbänden auf herbe Kritik. Sie alle fordern eine staatliche Pflicht-Kennzeichnung, vergleichbar mit der bei Eiern. So betont Bioland-Sprecher Gerald Wehde: „Ein staatliches Label muss unbedingt verpflichtend sein“.

Auch die Tierschutzorganisation ‚Vier Pfoten‘ kritisiert Klöckners Konzept scharf. Die Organisation hat die AgrarministerInnen der Länder im September 2018 aufgefordert, sich gegen das geplante staatliche Tierwohlkennzeichen der Bundesregierung und für eine gesetzlich verpflichtende Kennzeichnung aller tierischen Produkte auszusprechen. „Das Tierwohlkennzeichen wird in seiner jetzigen Form nichts an der bemitleidenswerten Situation der Tiere in der Massentierhaltung verändern, da es aufgrund der Freiwilligkeit über 80 Prozent der Nutztiere nicht betrifft“, kritisiert ‚Vier Pfoten Deutschland‘.

Auch der Koalitonspartner SPD will dem Tierwohlkennzeichen nur zustimmen, wenn es verpflichtend eingeführt wird.

Von Tierwohl weit entfernt: Tierhaltung nach gesetzlichen Standards.
Von Tierwohl weit entfernt: Tierhaltung nach gesetzlichen Standards. (Foto: Vier Pfoten - Fred Dott)

Kennzeichnung über dem gesetzlichem Standard

Der Deutsche Tierschutzbund e.V. betont: „Die Kriterien für eine solche Kennzeichnung müssen klar über dem gesetzlichen Standard liegen.“ Wichtig ist Bioland dabei die Ausgestaltung der ersten (das heißt der untersten) Stufe: „Die Tiere müssen mindestens 40 Prozent mehr Platz haben. Und das Kürzen der Schwänze muss unbedingt verboten sein.“

Die Verbraucherzentrale setzt bei ihrer Forderung den Fokus auf hohe Standards für Tierschutz und Tiergesundheit. „Außerdem sollte sich die Politik für eine europaweite verbindliche Haltungskennzeichnung für Fleisch einsetzen, sodass Standards für alle Mitgliedsstaaten verbindlich sind und nicht unterlaufen werden können“, so Jutta Saumweber, Leiterin des Referats Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale.

Julia Klöckner verteidigt das geplante Siegel

Auf den Vorwurf, die geplanten Vorgaben des staatlichen Siegels seien zu lax, entgegnet Julia Klöckner in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Es bringt nichts, in fantastischen Höhen Bedingungen zu formulieren für ein Tierwohl-Label, wenn die Breite nicht mitmachen würde, und deshalb ist es natürlich klar, dass Tierschutzverbände sagen, am besten die allerhöchsten Standards. Aber das wird dazu führen, dass es kaum bezahlbar sein wird, dass vor allen Dingen kaum jemand mitmachen wird, und dann ist dem Tier nicht geholfen.“

Was für ein staatliches Siegel spricht

Bei vielen Kunden ist der Wunsch nach einem nachhaltigeren Konsum da – es fehlt nur die Initialzündung, diesen Wunsch auch in die Realität umzusetzen und entsprechend zu handeln. Ein staatliches Siegel könnte hier ein guter Ansatz sein. Ein Siegel statt vieler individueller ist dringend notwendig und würde für mehr Klarheit sorgen.

Dabei sollte bei der Debatte um Tierschutz und Tierwohl nicht nur das Frischfleisch in den Supermärkten im Fokus stehen, so Gerald Wehde von Bioland: „Nur die Hälfte des Fleischs landet im Handel, die andere Hälfte bei der Gastronomie. Das darf nicht unter den Tisch fallen.“

Beim Fleischkauf Geld sparen vs. Tierschutz unterstützen

Was bei der Diskussion um die Kennzeichnung und Siegel nicht vergessen werden darf: Umfragen besagen zwar, dass die Verbraucher bereit sind, mehr Geld für Fleisch aus tierfreundlicher Produktion auszugeben. Die Wahrheit sieht aber anders aus: Wenn es um Bares geht, entscheiden sich viele Menschen schlussendlich doch wieder für die kostengünstigste Alternative. In der Brust der meisten Verbraucher schlagen zwei Herzen: Das eine will mehr für den Tierschutz tun, das andere möglichst wenig Geld ausgeben.

Artgerechte Tierhaltung gibt es aber nicht umsonst: Wenn Tiere mehr Platz im Stall und frische Luft haben sollen, dann macht sich das im Preis bemerkbar. Anders geht die Rechnung nicht auf. Deshalb ist jeder Einzelne von uns gefordert, nicht nur Tierwohl und Tierschutz zu wollen, sondern auch entsprechend zu handeln.

Welches Produkt und welche Kennzeichnung machen momentan Sinn?

Wirkliche gute Haltungsbedingungen garantieren nur das Bio-Siegel, das Naturland-Siegel, das Neuland-Siegel, das Demeter-Siegel sowie die Premiumstufen von ‚Für mehr Tierschutz‘ und ‚Tierschutz kontrolliert‘ (siehe oben). Gutes Fleisch aus artgerechter Haltung hat seinen Preis, daran wird sich nichts ändern. Das Prinzip des Deutschen Tierschutzbundes bringt es gut auf den Punkt: „Fleischverzicht ist der beste Weg zu mehr Tierschutz“. Manchmal ist weniger einfach mehr!

Weiterlesen auf Utopia.de:

*Recherche am 18. Januar 2021 in Discountern in München und Umgebung. Das Ergebnis ist eine Stichprobe und nicht repräsentativ.

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(9) Kommentare

  1. Was soll man da sagen? „Die spinnen, die Römer!“

    Das scheint ja richtig System zu haben, dass sich da jeder sein eigenes Siegel malen darf … und noch ein bisschen Wortklauerei bei renomierten Labes („Fair und gut“ ist halt nicht Fair Trade, aber die Verbindung ist geschaffen!).
    Ob der Staat so besorgt um seine Bürger ist oder gar um das Tierwohl, dass er der Kreativität der Wirtschaft einen Riegel vorschiebt?

  2. Bzgl. „Zu viel Stufe 1!“ denke ich nicht, dass es ein negativer Aspekt ist der auf die Labels zurückzuführen ist. Ja – natürlich ist es schrecklich dass so viele Produkte aus schlechter Haltung / „gemäß Gesetzen“ in den Kühltruhen liegen aber spiegelt das nicht einfach nur die Wirklichkeit da? Wenn das jetzt kritisiert wird gehen die Supermärkte halt hin und ändern die Labels irgendwie um, ohne dass sich was am Tierwohl geändert hat, nur damit es besser aussieht. Ich finde diese Labels schaffen eine gewisse Transparenz und das ist immer ein Schritt in eine gute Richtung.
    „Zu viel Stufe 1!“ sollte also eher ein Kritikpunkt am Kaufverhalten von uns Käufern sein denn – wird Stufe 1 nicht mehr nachgefragt wird es sie auch bestimmt nicht mehr so lange geben! 😉

  3. Was spricht dagegen, wenn in den Kühltheken Fleisch mit den 4-Stufen-Labeln gekennzeichnet ist? Zum Glück sind sich hier alle Marken endlich halbwegs einig, vielleicht sehen die Stufenlabels immer ein wenig anders aus, aber weitestgehend ist es das gleiche System. Endlich kann ich als Verbraucher wählen, was ich da kaufe. Bisher war das nicht so, da fand ich höchstens nette Bildchen und blumige Worte, die mir immer noch nichts sagten. Dass (noch) so viel Stufe 1 verkauft wird, sollte man nicht kritisieren, da ist der Handel einfach nur ehrlich und bildet die Wirklichkeit ab. Jetzt liegt es einzig und allein am Kunden, was er wählt. Ganz einfache Rechnung: Wird mehr Stufe 2, 3 oder 4 verkauft, dann wird auch das Angebot angepasst. Das simple Angebot-und-Nachfrage-Prinzip. Bei Eiern hat der Verbraucher es doch auch hinbekommen, dass die Käfighaltung nur noch in Industrie-Fertigwaren zu finden ist.

  4. Also eigentlich ist es ja ganz einfach: Die Bauern produzieren nach tiergerechten Haltungsformen Fleisch, Milch, Milchprodukte und Eier. Dafür wird ein fairer Preis bezahlt. Die Produkte gibt es im Supermarkt und beim Metzger. Aber halt nicht für 1,99 € das Kilo. Weil das eben nicht zu machen ist. Und wenn es kein Billigfleisch gibt, kann man auch keins kaufen. Und wer sagt eigentlich, dass unsere Lebensmittel so unterirdisch billig sein müssen, dass sich eine anständige Produktion nicht lohnt. Immer die bösen Verbraucher? Die kaufen das was da ist, und wenn das billige Fleisch nicht da ist – siehe oben. Ach – eins ist auch noch wichtig: dass diese Lobbyistin der Agrarindustrie, die wir gerade als Landwirtschaftsministerin haben, abtritt.

  5. Genau! So sieht’s aus pamina.
    Leider setzen die Großkonzerne, die mittlerweile den Markt übernommen und so gut wie alle anständigen Produzenten durch ihre Billigpreis-politik verdrängt haben, immer mehr auf den Export.
    Unterm Strich kann man sagen, dort wo in kurzer Zeit viel Geld „verdient“ werden soll, spielen unsere Vorstellungen von artgerechter Tierhaltung leider keine Rolle.
    Ich frage mich allerdings auch, warum die genannte Volksvertreterin so lange schon gegen die mehrheitliche Meinung des Volkes ankämpft und damit alle Bestrebungen für einen Umbau der Landnutzung hin zu einer zukunftsfähigen, ökologischen Landbewirtschaftung aufhält oder gar zu Nichte macht.
    Wie lange wollen unfähige Politiker das Volk eigentlich noch für dumm verkaufen?
    Merken die nicht, dass deren Unfähigkeit das Problem ist?

  6. Die mehrheitliche Meinung des Volkes (für mehr Tierwohl) hört leider beim eigenen Geldbeutel auf. Wenn alle Verantwortung für ihren Konsum übernehmen würden, gäbe es solche Zustände überhaupt nicht. Ich würde mal schätzen, dass weniger als 10% (wohlwollende Schätzung) der Menschen ihren Worten Taten folgen lassen….

  7. Das ist wohl wahr.
    Andererseits wird es dem gewillten Konsumenten aber aufgrund von undurchsichtiger Preispolitik und wohlklingender Werbelügen auch nicht leicht gemacht sich für die besseren Produkte zu entscheiden.
    Nachhaltigkeit kostet und lässt die Gewinne schrumpfen. Daher werden wenn überhaupt nur die Mindeststandards eingehalten und der Rest ist Augenwäscherei oder „geschicktes Marketing“. Daher sieht man es den Produkten oftmals leider nicht an, wie sie produziert worden sind und ob ein höherer Preis überhaupt gerechtfertigt ist oder nicht. Und daher bedeutet teuer nicht unbedingt besser. Vielleicht will ja auch wieder nur ein findiger Geschäftsmann (oder -frau) ungerechtfertigt Millionen scheffeln und seine Aktionäre glücklich machen, so wie es ja heute überall praktiziert wird…
    Aber natürlich kann man, wenn man denn will, Zeit und Muße hat, sich unabhängig informieren und zumindest versuchen, durch den eigenen Konsum weniger Schaden zu verursachen und die richtigen Firmen zu unterstützen 😉

  8. Bin sehr zwiegespalten was diese Labels angeht. Einerseits ist jeder noch so kleine Schritt in Richtung Transparenz gut, andererseits halt die erwähnte Frage ob dies wirklich substanziell etwas verbessert in Sachen Tierwohl. Persönlich denke ich-Nein. Partiell ja, da nun vielleicht ein paar mehr Menschen aufgrund dieser Hilfe bei der Kaufentscheidung eine etwas bessere Haltungsform wählen. Grundsätzlich ist das für mich nicht ausreichend um wirklich zu einer tier-, mensch, und umweltgerechten Tierhaltung zu gelangen. Wenn man sich die Vorgaben zb zum EU Bio Siegel anschaut ist das meines Erachtens noch weit davon entfernt um von „guten Haltungsbedingunen“ zu sprechen wie Utopia es hier tut. Es war ein guter, richtiger kleiner Schritt-nicht mehr und nicht weniger. Aus meiner Sicht kommen wir nicht um stärker regulierende Maßnahmen herum wenn uns Tierwohl und Umweltschutz wirklich wichtig sind. Ich zweifel sehr daran das zum einen der Markt das regelt und zum anderen es eine in der Masse substanziell veränderte Bewusstseins- und Haltungsänderung geben wird. Wir müssen aus der Massentierhaltung raus, aus den verschiedensten nun schon seit längerem offenliegenden Gründen. Da hilft uns am Ende auch kein Labeldschungel der mittlerweile auch in anderen Bereichen besteht. Bin sehr zwiegespalten wie erwähnt, jeder Schritt in Richtung Transparenz und Verbesserung von Haltungsbedingungen ist gut aber unterm Strich helfen allein diese Labels uns nicht die Veränderung zu erreichen die wir so dringend benötigen

  9. Soviel zum s.g. „mündigen Verbraucher“. Es ist ganz einfach: Wer’s wissen will, weiß es, wer’s nicht wissen will beruft sich auf seine (selbst zu verantwortende) Unwissenheit.
    Natürlich machen es einem die Profitgierigen nicht leichter, wohl macht es aber die große Mehrheit den Profitgierigen leichter.
    Ich bleibe dabei: Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehrt, wird es überall sauber.