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Timo Hildebrand im Interview: „Vegane Ernährung ist einfach sinnvoller“

Fotos: CC0 Public Domain / Unsplash - abillion (links), Timo Hildebrand (rechts)

Ex-Fußballprofi und Nationalspieler Timo Hildebrand erklärt im Utopia-Interview, wie er seine Ernährung umgestellt hat, warum er gerade in Stuttgart ein veganes Restaurant eröffnete und ob sich pflanzliche Lebensmittel im Profisport durchsetzen können.

Timo Hildebrand kennen Fußballfans vor allem als ehemaligen Spieler beim VfB Stuttgart, mit dem er 2007 Deutscher Meister wurde. Inzwischen beschäftigt sich der Ex-Nationalspieler intensiv mit veganer Ernährung und besitzt sein eigenes Restaurant. Wir haben Timo im Interview gefragt, wie es dazu kam, ob er Fleisch auf seinem Speiseplan vermisst und wie es um pflanzliche Ernährung im Profisport steht.

Ex-Fußballprofi Timo Hildebrand im Interview mit Utopia

Utopia: Ihr veganes Restaurant vhy feierte im Sommer 2021 Eröffnung. Wie lange gab es die Pläne dafür und was waren die größten Herausforderungen?

Timo Hildebrand: Die Pläne haben mit dem Start der Corona-Pandemie angefangen. Für meine Partner aus der Gastronomie und mich war das erste Jahr sehr turbulent, niemand wusste in dieser Zeit ja, was passieren wird. Deshalb haben wir das Thema erst einmal um zwei bis drei Monate hinten angestellt, uns danach nochmal getroffen und gemeinsam entschieden, dass wir immer noch Bock auf die Idee haben. Das habe ich als gutes Zeichen gewertet, dass Leute aus der Gastro sagen: „Hey, obwohl es jetzt unsicher und schwierig ist, sind wir trotzdem überzeugt.“

Veganer Mittagstisch während Corona als Start für das Restaurant-Vorhaben

Ende 2020 etwa belieferten wir aus einer Küche unserer Gesellschafter heraus unser Netzwerk mit einem Mittagstisch. Wir wollten schon einmal anfangen, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Location hatten. Anfang 2021 fingen wir dann an, das Restaurant [Anmerkung der Redaktion: das vegane Restaurant vhy in Stuttgart, Reinsburgstraße 13] umzubauen und unser Foodkonzept zu entwickeln.

Utopia: Das waren erschwerte Rahmenbedingungen durch die Pandemie.

Timo Hildebrand: Stimmt, aber es wurde von Anfang an gut angenommen. Ein bisschen wurde das Lokal zu Beginn auch gehypt durch Tim Bengel [Künstler aus Stuttgart und ebenfalls Gesellschafter] und mich. Aber wenn du keine Qualität lieferst, kommen die Menschen trotzdem nicht wieder. Wir sind sehr happy, dass die Leute das Restaurant gut annehmen.

Utopia: Woher stammen die Zutaten der Gerichte? Setzten Sie auf Bio-Lebensmittel?

Timo Hildebrand: Wir haben das Konzept inzwischen ein bisschen umgestellt: Zu Beginn haben wir klassisch Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise angeboten. Jetzt seit zwei, drei Monaten probieren wir eine Art Sharing-System mit Kleinigkeiten aus. Dadurch kann man sich durchprobieren durch die vegane Küche.

Timo Hildebrand: „Wir wollen eine Gelegenheit bieten, dass die Menschen sich ausprobieren können“

Viele Menschen haben immer noch eine kleine Hürde, was vegane Küche angeht. Wir wollen eine Gelegenheit bieten, dass die Menschen sich ausprobieren können und viele Geschmäcker erleben können. Das Konzept kommt bis jetzt sehr gut an. Wir beschränken uns dabei nicht ausschließlich auf Bio-Produkte, legen aber Wert auf gute Lebensmittel.

„Einfach gut essen – aber ohne Tiere“

Utopia: Kommen denn vor allem Veganer:innen zum Essen zu Ihnen oder auch Menschen, die bewusst etwas Neues probieren wollen und zu Beginn vielleicht noch etwas skeptisch sind?

Timo Hildebrand: Sowohl als auch, das ist echt ne bunte Mischung. Es kommen auch Großeltern mit ihren Enkelkindern, die vegan leben. Wir wollen das Thema Veganismus aber gar nicht so groß aufhängen. Man soll zu uns ins Restaurant kommen, um eine gute Zeit zu haben mit einer schönen Atmosphäre und gutem Service. Einfach gut essen, aber ohne Tiere. Das ist eigentlich recht einfach. Wir wollen den Leuten veganes Essen nicht dogmatisch einprügeln. Das bringt nichts.

Stuttgart hatte kein einziges veganes Restaurant in der Innenstadt

Utopia: In München ist die vegane Restaurantszene inzwischen nicht mehr zu übersehen. Wie sieht die Lage in Stuttgart aus?

Timo Hildebrand: Das war mit der Grund, warum ich vhy eröffnen wollte. In Stuttgart gab es nur ein einziges veganes Restaurant und das ist nicht mal in der Innenstadt oder man findet im Zentrum eher Imbissgerichte. Kein veganes Restaurant in der Innenstadt ist doch für eine Stadt wie Stuttgart komisch. Das wollte ich mit nem coolen Team und guten Koch zusammen ändern.

Utopia: Ernähren Sie sich selbst inzwischen komplett vegan?

Timo Hildebrand: Nein. Wenn mal im Urlaub im Süden bin, esse ich auch ab und an mal Fisch. Aber zu 95 Prozent ernähre ich mich vegan und habe schon seit Ewigkeiten kein Fleisch mehr gegessen.

„Vegane Ernährung ist einfach sinnvoller“

Utopia: Gab es ein bestimmtes Ereignis, das Sie in Sachen Ernährung umdenken ließ oder war es ein langsamer Prozess?

Timo Hildebrand: Es war auf jeden Fall ein Prozess. 2012/13 investierte ich in Veganz [vegane Supermarktkette und Marke aus Berlin]. Durch das Thema Invest bin ich dann immer mehr in die vegane Ernährung reingerutscht und hab mich mit dem Thema beschäftigt. Für mich war es deshalb logisch, immer weiter auf tierische Produkte zu verzichten.

Jeder hat seine eigene Herangehensweise und seine eigenen Gründe wie Gesundheit, Tierwohl oder Umwelt. Gerade für einen Sportler ist das Thema Gesundheit und Verletzungsprophylaxe oder Leistungssteigerung sehr wichtig. Auch wenn das erst gegen Ende meiner Karriere aufkam, war das ein wichtiges Thema für mich. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto sinnvoller erschien es mir, tierische Produkte aus meinem Ernährungsplan zu streichen.

Eine vegane Ernährung muss keinen Verzicht bedeuten, sondern kann sehr abwechslungsreich sein. (Foto: Utopia / Lea Winkelmann)

Utopia: Während Ihrer aktiven Fußballkarriere haben Sie sich noch nicht fleischlos ernährt. Sie hatten mehrere Stationen in deiner Profikarriere, wie sehr stand das Thema vegane oder vegetarische Ernährung damals bei den Fußballvereinen auf der Agenda? Galt man als Veganer als eine Art Sonderling?

Timo Hildebrand: Auf jeden Fall. Ich selbst habe mich erst in den Endzügen meiner Karriere mit dem Thema auseinandergesetzt. Im Fußball kümmert sich der Verein ums Essen, es gibt Büffet und die Spieler nehmen sich das, was da ist. Dass ein Spieler heute sagt: „Ich ernähre mich vegan und ihr müsst darauf Rücksicht nehmen“, das gab es damals nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass hier noch viel mehr möglich ist.

Utopia: Mythen wie: „Sportler:innen brauchen tierische Proteine“ halten sich hartnäckig. Erling Haaland bekräftigte in einer Doku kürzlich, er esse regelmäßig Herz und Leber. Findet hier trotzdem langsam ein Umdenken statt, letztens sagte zum Beispiel Thomas Müller, er greife auch zu pflanzlichen Fleischalternativen?

Timo Hildebrand: Nicht nur langsam glaube ich. Gerade bei Vereinen wie RB Leipzig, bei denen Veganz Sponsor ist, tut sich was. Das fleischlose Angebot für Fans wird immer größer.

Vegane Ernährung im Profisport: Es tut sich was

Aber auch im Sport findet ein Umdenken statt. Dem Sportler geht es letztendlich darum, sich ausgewogen zu ernähren. Vegan heißt nicht automatisch ausgewogen oder gesund. Aber genauso kann eine fleischhaltige Ernährung ungesund sein. Deshalb ist es wichtig, sich mit der Materie zu beschäftigen oder jemanden zu engagieren, der sich damit auskennt und einem einen Ernährungsplan zusammenstellt. Dann kann man sich mit rein pflanzlichen Produkten super versorgen.

Genügend Sportstars machen es vor. Novak Doković etwa achtet penibel auf seine Ernährung. Ich sprach letztens mit Oatly [schwedischer Hersteller für Haferdrinks und -eis], die mit dem SV Babelsberg eine Studie durchgeführt haben. Eine Gruppe von Spielern ernährte sich vegan, die andere Gruppe weiter wie bisher. Die noch recht defensive Bilanz des Versuchs lautete, dass vegane Ernährung beim Sport zu keiner schlechteren Leistung führt. Ich finde, wenn man sich gut vegan ernährt, hat man nur Vorteile.

Wenn du vegane Ernährung ausprobieren möchtest, helfen dir folgende Artikel:

Wir haben mit Timo Hildebrand nicht nur über vegane Ernährung gesprochen, sondern ihn auch um seine Einschätzung zur Fußball-WM in Katar gebeten, lies dazu: Doppelmoral? Timo Hildebrand verteidigt WM-Spieler und wettert gegen die FIFA

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