Verdecktes Kantinen-Video bei Tönnies: Mitarbeiterin wurde jetzt fristlos gekündigt

Foto: Screenshot Twitter TC3910

Ein heimlich gefilmtes Video aus der Tönnies-Kantine in Rheda-Wiedenbrück hat Mitte Juni für Schlagzeilen gesorgt. Verbreitet wurde das Video offenbar von einer Mitarbeiterin eines Catering-Dienstes – ihr wurde nun gekündigt. Die Frau geht jedoch gegen die Kündigung vor.

Fast 2.000 Corona-Fälle wurden im größten deutschen Schlachtbetrieb „Tönnies“ in Rheda-Wiedenbrück festgestellt, der Landkreis Gütersloh schloss alle Schulen und Kitas, 7.000 Tönnies-Mitarbeiter*innen mussten in Quarantäne.

Aber wie konnte es überhaupt soweit kommen? Offenbar hielt der Betrieb zumindest zeitweise die Corona-Hygienevorschriften nicht ein – darauf deutet ein Video hin, Mitte Juni in den sozialen Medien verbreitet wurde. Das Video zeigt eine Betriebskantine der Tönnies-Fabrik zur Pausenzeit.

Zahlreiche Angestellte sitzen eng aneinander an den Tischen, die Kantine ist so voll, dass sich Abstandsregelungen nicht einhalten lassen. „Wie sollen wir uns hier schützen?“, fragt eine Frau im Hintergrund – sie hat das Video aufgenommen. Hier das Video auf Twitter:

Fristlose Kündigung für die Mitarbeiterin

Wie das „Westfalen-Blatt“ berichtet, war es eine Mitarbeiterin des Caterers, die das Video in den sozialen Medien veröffentlichte. Ihr sei wegen der Aufnahmen fristlos gekündigt worden. Außerdem habe sie Hausverbot bei Tönnies. Unklar ist, ob es sich bei ihr auch um die Frau handelt, die in dem Video zu hören ist, oder ob sie die Aufnahmen lediglich verbreitet hat.Laut dem Westfalen Blatt hat sie bereits Klage gegen die Kündigung vor dem Arbeitsgericht Bielefeld eingereicht.

Von wann stammt das Tönnies-Video?

Ein Sprecher von Tönnes erklärte zunächst, das Video sei dem Unternehmen seit März bekannt. Damit würde es aus einer Zeit stammen, in der es noch keine verpflichtenden Corona-Schutz- und Hygienemaßnahmen gab. Aber wieso fragt die Frau in dem Video dann, wie sich die Mitarbeiter*innen schützen sollen?

Der Südwestrundfunk (SWR) hat die Metadaten des Originalvideos analysiert. Das sogenannte Kodierungsdatum des Videos sei auf den 8. April 2020 um 8.39 Uhr datiert. Bereits am 30. März hatte Nordrhein-Westfalen Hygienevorschriften beschlossen – das Video ist neun Tage später entstanden.

Schlachthöfe als Hotspots für Corona-Infektionen

Weshalb verbreitet sich das Virus ausgerechnet in Schlachthöfen so stark? „Das ist das traurige Resultat eines kranken Systems“, sagt die „Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten“ (NGG). Die Organisation kritisiert schon länger, wie die die Fleischindustrie mit ihren Angestellten umgeht.

Um Kosten zu sparen, stellen Schlachtbetriebe einen Teil ihrer Arbeiter*innen nicht fest an. Stattdessen beauftragen sie Subunternehmen, die ihnen Arbeitskräfte aus dem Ausland vermitteln. In der Regel sind es Arbeitsmigrant*innen aus Osteuropa, allen voran Rumänien und Bulgarien. Das Ganze funktioniert über Werk- oder Leihverträge.

Während die Arbeiter*innen bei den Schlachthöfen beschäftigt sind, wohnen sie in Sammelunterkünften. Zeit online berichtet von bis zu neun Personen in einer Dreizimmerwohnung – ideale Bedingungen für ein hochansteckendes Virus.

Hoher Preisdruck bei Fleisch

Kein Wunder also, dass sich so viele Beschäftigte in Schlachtbetrieben mit dem Coronavirus infiziert haben. Sie sind wegen der harten körperlichen Arbeit ausgelaugt und damit ohnehin besonders anfällig. Ist erst einmal jemand infiziert, kann sich die Krankheit in den beengten Verhältnissen schnell verbreiten.

„Die Corona-Fälle sind trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch. Diese Krise macht deutlich, wie überfällig es ist, auf Stopp zu drücken und den ruinösen Preiskampf beim Fleisch zu beenden“, sagt die NGG. Sie fordert strengere Kontrollen und Regeln für Schlachthof-Unterkünfte – und dass die Arbeiter*innen besser vor Ausbeutung geschützt werden.

Fleisch
Billigfleisch hat seinen Preis. (Bild von Karamo auf Pixabay / CC0 Public Domain)

„Du bist kein Mensch für sie“

Nicht nur die Unterkünfte sind problematisch, der Status als Werk- oder Leiharbeiter*innen bringt noch mehr Nachteile mit sich: Der Arbeitsplatz ist nicht sicher, die Beschäftigen leben in ständiger Angst vor Kündigung. Außerdem erhalten sie oft nur den Mindestlohn – für körperlich und psychisch extrem belastende Arbeiten. Vielen wird außerdem Geld für Arbeitsmittel und die Unterkunft vom Lohn abgezogen.

„Du arbeitest dort wie ein Sklave auf der Plantage“, berichtete ein Arbeiter aus der Republik Moldau dem WDR. „Du bist kein Mensch für sie. Für sie ist das wichtigste, dass du arbeitest und ihnen Geld bringst […] Wenn du nicht so schnell arbeiten kannst, dann war es das, du bist gefeuert.“

Utopia meint: Über katastrophale Bedingungen in Viehbetrieben und Schlachthöfen wird immer wieder berichtet – meist geht es dabei um Tierquälerei. Die vielen Corona-Infektionen in Schlachtbetrieben bringen ans Licht, wie auch Menschen in solchen Anlagen ausgebeutet werden. Damit die Supermärkte Hackfleisch für ein paar Cent anbieten können, werden menschenunwürdige und gesundheitsschädliche Zustände für die Beschäftigten in Kauf genommen. Ein Grund mehr, auf Fleisch zu verzichten, oder den Fleischkonsum zumindest zu reduzieren. Tipps hierfür:

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(3) Kommentare

  1. War irgendwie klar, dass das unangenehme Folgen für die Frau nach sich zieht.
    Und das nachdem Herr Tönnies noch groß ankündigte, jetzt zum Vorzeigebetrieb zu werden. Aber man sieht’s ja, freiwillig wohl kaum!

    Daher die Forderung: Amnestie für alle Whistleblower und zudem eine offizielle Anerkennung ihrer Aufklärungsarbeit für die Gesellschaft !!!
    Meinetwegen in Form einer Ehrenmedaille und eines guten Jobangebots z.B. als Korruptions- oder Arbeitsschutzbeauftragte/r in dieser Firma 😉

  2. Gegen den Arbeitgeber, der die Kündigung ausgesprochen hat, sollte Strafanzeige gestellt werden wegen versuchter Verhinderung der Aufdeckung und Verfolgung von Straftaten. Die Videobloggerin hat die wichtige Aufgabe einer Zeugin erfüllt, deren Beobachtungen für die Rechtsfindung unverzichtbar sind.
    Wer das als Kündigungsgrund sieht, dem fehlt zur Führung eines Unternehmens die charakterliche Reife. Der Catering-Chef sieht anscheinend nicht das Vergehen von Tönnies gegen die Hygienevorschriften (Anordnungen des Rechtsstaates!) sondern nur einen vor dem Zugriff der Justiz zu deckenden Geschäftspartner. Unternehmensprinzip: „Rechtsstaat nein danke!“
    Aber schon in der Antike soll ja der Überbringer schlechter Nachrichten geköpft und der Verursacher verschont worden sein.
    Mein Wunsch an den Rechtsstaat bleibt wohl unerfüllt: Das solchen Mafia-Arbeitgebern gerichtlich das Führen eines Betriebes untersagt wird.

  3. Sehe ich auch so.
    Da hilft nur eins: öffentliche Diskreditierung solcher und ähnlich desaströser Zustände, klare Benennung der Schuldigen auch aus der politischer Ecke und hohe Geldstrafen für die Verantwortlichen, bis hin zum Berufsverbot!
    Damit das endlich mal Wellen schlägt und auch ein Zeichen setzt als Abschreckung für andere mafiöse Organisationen.