Buchtipp – Bill Gates: „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“

Foto: Utopia / Leonie Barghorn

Mit „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern – Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind“ entwirft Microsoft-Gründer Bill Gates einen Plan, wie die Welt bis 2050 CO2-neutral werden kann.

Bill Gates gibt gleich zu Beginn seines Buches „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ zu, dass er nicht vom Fach ist und der Klimawandel lange keine große Rolle für ihn gespielt hat. Seine Motivation, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, entstand durch die Arbeit der Gates Foundation in Entwicklungsländern. Er stellte fest, dass dort viele Menschen keinen oder keinen sicheren Zugang zu Strom haben. Dies zu ändern wurde für ihn ein wichtiges Ziel – doch bald musste er sich in diesem Zusammenhang mit einer weiteren Frage auseinandersetzen: Wie lässt sich das erreichen, ohne dass dadurch die Treibhausgasemissionen ansteigen?

Gates begann sich zunehmend für den Klimawandel zu interessieren, er traf viele Experten und las Fachliteratur wie die Berichte des Weltklimarats (IPCC). Am Ende der Recherche standen aus seiner Sicht drei Tatsachen fest:

  1. Die Klimakatastrophe lässt sich nur verhindern, wenn wir Treibhausgasemissionen weltweit auf null reduzieren.
  2. Es gibt bereits Technologien wie Photovoltaik oder Windkraft, die helfen, dieses Ziel zu erreichen. Sie müssen stark ausgeweitet und „klüger“ eingesetzt werden.
  3. Das allein reicht nicht aus. Es braucht darüber hinaus neue „bahnbrechende“ Technologien.

Im Buch entwirft Gates einen Plan, wie sich das Ziel von null Treibhausgasemissionen erreichen lässt. Dabei ziehen sich zwei Aspekte, die sicher auch mit seinem persönlichen Hintergrund zusammenhängen, durch alle Kapitel:

  1. Die Begeisterung für (neue) Technologien und der Glaube daran.
  2. Die Frage, wie diese Lösungen auch für Schwellen- und Entwicklungsländer erschwinglich sein können.

Bill Gates: „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“

Ein Problem: Fossile Kraftstoffe sind meist billiger als klimafreundlichere Alternativen.
Ein Problem: Fossile Kraftstoffe sind meist billiger als klimafreundlichere Alternativen. (Foto: CC0 / Pixabay / IADE-Michoko)

Gates gliedert sein Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ in fünf Teile.

  1. Im ersten Kapitel erklärt Gates, warum wir auf null Treibhausgasemissionen (genauer: Netto-Null bis 2050) kommen müssen und umreißt die Folgen der Klimakrise.
  2. Im nächsten Kapitel listet er Herausforderungen auf, die zwischen uns und diesem Ziel liegen.
  3. Bevor er zu konkreten Maßnahmen kommt, macht Gates einen kurzen Exkurs zur Frage, wie die Diskussion über das Klima faktenbasierter werden kann. Dabei führt er das Konzept des „Ökozuschlags“ ein, das für seine Maßnahmen eine wichtige Rolle spielt: Mit „Ökozuschlag“ bezeichnet er die Kostendifferenz zwischen einer herkömmlichen (beispielsweise Benzin) und einer CO2-freien oder -armen Lösung (beispielsweise ein synthetischer Kraftstoff aus Wasser und atmosphärischem CO2). Bei vielen später vorgestellten Maßnahmen schätzt Gates die Ökozuschläge ab (meistens sind sie positiv, da die klimafreundlicheren Lösungen teurer sind). Anhand deren Höhe beurteilt er, ob eine Technologie wahrscheinlich breite Akzeptanz und Umsetzung erfahren wird. Wenn nicht, müssen Innovationen und politische Maßnahmen helfen, den Ökozuschlag zu verringern.
  4. In den folgenden Kapiteln geht Gates nacheinander auf die verschiedenen Bereiche ein, in denen Treibhausgasemissionen entstehen. Er unterteilt sie in Stromerzeugung, Industrieproduktion, Landwirtschaft, Mobilität sowie Kühlen und Heizen. Für jeden Bereich stellt er zunächst da, weshalb er Emissionen verursacht und schlägt anschließend Maßnahmen vor, um diese auf Null zu bringen.
  5. In den letzten beiden Kapiteln beschreibt Gates, wie Politik, Wirtschaft und Privatpersonen dafür sorgen können, dass die im vorigen Teil vorgeschlagenen Veränderungen tatsächlich wahr werden in der kurzen Zeit, die uns noch bleibt.

„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ erklärt Wissenschaft verständlich

Gates spricht auch weniger bekannte, aber sehr große Probleme wie die Zementindustrie an.
Gates spricht auch weniger bekannte, aber sehr große Probleme wie die Zementindustrie an. (Foto: CC0 / Pixabay / PIRO4D)

Gates‘ Aussagen in „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ sind überwiegend wissenschaftlich untermauert. Viele Beobachtungen und Ideen decken sich mit denen aus den IPCC-Berichten – insbesondere „Mitigation of Climate Change“ von 2014 und dem Special Report von 2018 zum 1,5-Grad-Ziel. Auch ein Physiker vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) meint gegenüber Deutschlandfunk, das Buch sei wissenschaftlich fundiert.

Gleichzeitig schafft Gates es, sich allgemeinverständlich auszudrücken. Er verzichtet überwiegend auf Fachvokabular und erklärt stets, wie er zu einer Ansicht gelangt. Darüber hinaus nutzt er Beispiele, um abstrakte Sachverhalte darzustellen. Beispielsweise beschreibt er, wie fiktive Bauernfamilien an verschiedenen Orten der Welt unter Auswirkungen des Klimawandels leiden oder wie sich der Ökozuschlag auf ein bestimmtes Produkt in den monatlichen Kosten eines Haushalts niederschlagen würde.

Für Menschen, die sich bereits mit der Klimakrise und Maßnahmen dagegen auskennen, liefert Gates‘ Buch möglicherweise wenig neue Informationen – es bietet allerdings einen schönen und überwiegend differenzierten Überblick und behandelt auch weniger bekannte Probleme wie die Problematik von Beton. Doch insbesondere für weniger fachkundige Leser:innen lohnt sich ein Blick in das Buch, zumal Gates sich intensiv mit den ökonomischen Folgen von und ökonomischen Voraussetzungen für die verschiedenen Maßnahmen beschäftigt.

Kritik an „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“

Für Gates Teil der Lösung: Atomkraftwerke.
Für Gates Teil der Lösung: Atomkraftwerke. (Foto: CC0 / Pixabay / Burghard)

Wenn man Gates‘ Buch liest, ist man geneigt, sich seinem Glauben an die Technik anzuschließen. Ob dieser sich wirklich bewähren wird, ist jedoch unklar. Gates baut in „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ nicht nur auf bereits etablierte Technologien wie Photovoltaik oder E-Autos, sondern auch auf neuartige Atomkraftwerke und Kernfusion. Sein Credo: Wenn Staaten und Unternehmen ausreichend in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien investieren, werden genug von ihnen erfolgreich sein. Er selbst hat vor einigen Jahren die Organisation „Breakthrough Energy Coalititon“ gegründet, die die Förderung in neue Technologien vorantreibt.

  • Kernfusion steckt jedoch noch in den Kinderschuhen: Bisher gibt es keinen Reaktor, der es schafft, mehr Energie herzustellen als er benötigt. Der „Internationale Thermonukleare Experimentalreaktor“ (ITER) soll dies schaffen – jedoch frühestens 2030, wie Gates selbst schreibt. Es erscheint deshalb unwahrscheinlich, dass Kernfusion helfen wird, bis 2050 auf die Netto-Null zu kommen.
  • Atomkraftwerke sind umstritten: Einerseits können dort gefährliche Unfälle entstehen und es gibt bisher keine sicheren Atommüll-Endlager. Andererseits liegen die CO2-Emissionen von Atomkraftwerken laut dem IPCC in der Größenordnung von Solarenergie. Im Vergleich dazu liefern Atomkraftwerke jedoch weit mehr Leistung pro Fläche und sind unabhängig von Wetter und Jahreszeiten. Aus diesen Gründen spielt Atomkraft auch in den Szenarien des IPCC eine Rolle. Gates hat 2008 die Firma „TerraPower“ gegründet: Sie hat einen neuartigen Kernreaktor entwickelt, der unter anderem vollautomatisch läuft und auch herkömmlichen Atommüll verwerten kann. Bisher existiert dieser Reaktor jedoch nur als Computersimulation – ob er rechtzeitig Marktreife erreichen kann, ist zweifelhaft. Zumal auch er Atommüll produzieren würde.
  • Eine weitere neue Technologie, auf die Gates setzt, ist die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre („Direct Air Capture“). Auch das IPCC meint, dass wir solche Technologien brauchen. Bisher werden sie jedoch kaum irgendwo eingesetzt, sind teuer und zum Teil noch nicht marktreif.

Deshalb stellt sich die Frage, wie berechtigt Gates‘ Optimismus wirklich ist. Zumal er in einem Punkt von den Berechnungen des IPCC abweicht: Demzufolge reicht es nicht, bis 2050 auf Netto Null zu kommen – sondern es kommt auch auf den Weg dorthin an. Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir vielleicht schon 2030 unser gesamtes CO2-Budget im Rahmen des 1,5-Grad-Ziels ausgeschöpft. Um 2050 noch etwas zur Verfügung zu haben, müssten die Emissionen 2030 etwa 45 Prozent unter denen von 2010 liegen. Gates dagegen sagt, es komme darauf an, bis 2030 die Weichen für 2050 gestellt zu haben – wie stark der Treibhausgasausstoß bis 2030 gesunken ist, sei dagegen weniger wichtig. Dies widerspricht den wissenschaftlichen Berechnungen. Dabei hat Gates selbst das begrenzte CO2-Budget schön veranschaulicht: Mit einer Badewanne, die irgendwann überlaufen wird, solange wir den Wasserhahn nicht zumachen.

Übrigens: In einem TED-Talk vom März 2021 spricht Gates über die Punkte, die er auch in seinem Buch anspricht.

Ist immerwährender Fortschritt der richtige Weg?

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Gates trotz seiner differenzierten und umfassenden Darstellung eines nicht in Frage stellt: Unser weltweites Wirtschaftssystem und den immerwährenden Fortschritt. Sein Plan erinnert stark an das Konzept der „Green Economy„, das nicht alle uneingeschränkt positiv sehen. Beispielsweise bezweifelt die Heinrich-Böll-Stiftung in einer kritischen Analyse der Green Economy, dass sich diese wirklich ohne eine Abkehr vom Ideal des unbeschränkten Wirtschaftswachstums erreichen lässt. Zu viele Interessenskonflikte und Rebound-Effekte drohen. Das spricht auch Gates an – eine wirklich überzeugende Lösung für solche Probleme findet sich im Buch jedoch nicht.

Außerdem fällt auf, dass er es vor allem als Aufgabe der reicheren Nationen sieht, innovative Lösungen zu finden – da diese das nötige Kapital und die Forschungsinfrastruktur haben. Andererseits könnten auch andere Länder an wirtschaftlicher Stärke gewinnen, indem sie innovative Lösungen (mit-)entwickeln.

Fazit zu „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“

"Wie wir die Klimakatastrophe verhindern" bietet einen umfassenden Überblick über Herausforderungen und Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität.
„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ bietet einen umfassenden Überblick über Herausforderungen und Maßnahmen auf dem Weg zur Klimaneutralität. (Foto: Utopia / Leonie Barghorn)

„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ von Bill Gates liefert einen umfassenden, differenzierten und gut verständlichen Überblick über Herausforderungen und Maßnahmen auf dem Weg zu null Treibhausgasemissionen. Damit ist das Buch vor allem für weniger fachkundige Leser:innen interessant. Aber auch für Menschen, die schon viel über den Klimawandel gelesen haben, ist die technik- und wirtschaftsorientierte Sichtweise vielleicht neu.

Dabei kommen andere Sichtweisen womöglich zu kurz – allerdings macht Gates auch keinen Hehl daraus, dass es sich bei dem Werk um seine Meinung handelt. Am Ende bleibt nur die Frage, ob sich sein Plan wirklich in der kurzen verbleibenden Zeit umsetzen lässt. Auf der anderen Seite wäre Pessimismus auch keine Alternative. Denn wir können Netto-Null nur erreichen, wenn wir daran glauben, dass es möglich ist.

Titel: „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern – Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind“

Autor: Bill Gates

Deutsche Übersetzung: Karsten Petersen und Hans-Peter Remmler

ISBN: 978-3-492-07100-0

Preis: 22 € (gebundene Ausgabe), 18,99 € (E-Book)

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(1) Kommentar

  1. Ich würde ja gerne daran glauben, aber irgendwie klingt Herr Gates Buch sehr nach Marketing. Fortschritt durch Forschung und Innovation hört sich in diesem Zusammenhang immer sehr gut an, aber sind danach auch noch solch riesige Gewinne für die Konzerne möglich? – Nicht wirklich, wenn alles nicht wieder zu Lasten von Mensch und Natur erwirtschaftet werden soll.
    DER Knackpunkt, den Herr Gates in seinen Ausführungen gerne ausgespart hat und der das (derzeitige) kapitalistische Wirtschaftssystem generell für Nachhaltigkeit ungeeignet macht. Stattdessen herrscht blinder Glaube an Wissenschaft und Technik…
    Ich erinnere nur mal daran, wie sehr uns Technik und Wissenschaft bei der Bewältigung der derzeitigen Pandemie viel zu spät, gar nicht oder nur sehr unzureichend geholfen hat!
    Um diesen unhaltbaren und ineffizienten Zustand zu verbessern, muss in der Wissenschaft sehr viel mehr zielorientiert und fachübergreifend gearbeitet werden!
    Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist eine grundlegende Reformation des Patentrechts -> mit dem Recht auf freie Informationen und Entwicklungen, sonst beschränken wir uns nur weiter gegenseitig 😉
    -Ähh, wie viele Patente hält Microsoft nochmal?