Tschüss, Pampers: ‚Fairwindel‘ macht kompostierbare Einwegwindeln

Fairwindel Öko Windel abbaubar
Foto © Dominic & Kathrin Franck

Die Fairwindel zeigt, dass Wickeln auch anders geht: Diese vielleicht ökologischste Wegwerfwindel am Markt besteht überwiegend aus kompostierbarer Kartoffel- und Maisstärke und Zellstoff. Das klingt gut – doch in die Bio-Tonne darf die Ökowindel trotzdem nicht. Macht das also ökologisch Sinn? 

Eine normale Windel ist ein reines Plastik-Produkt. Egal ob Schutzvlies oder Absorbierschicht, Saugkern oder bunt bedruckte Außenfolie: Erdöl ist – zumindest beim Marktführer Pampers – die Ressource der Wahl.

Die Fairwindel ist anders: Zu 80 Prozent besteht sie aus Kartoffel- und Maisstärke, nachwachsenden Rohstoffen also, und ist biologisch abbaubar. Die Wegwerfwindel schneidet damit deutlich besser ab als normale Ökowindeln, für die das nur etwa zur Hälfte zutrifft.

1 Tonne Plastik-Windeln pro Baby: Geht das auch anders?

Die Wahl der Einwegwindel sollte gut überlegt sein: Denn ein Baby braucht etwa 5000 Windeln, bis es trocken ist – das ist etwa eine Tonne Plastik-Abfall, mehr als das Gewicht eines durchschnittlichen Autos. Das für die Windeln nötige Plastik muss aufwendig produziert werden, kann hinterher nicht recycelt werden – und verrottet nicht. Das ist ein großes Problem, besonders in Asien, wo eine wachsende Mittelschicht sich Wegwerfwindeln leistet, aber anders als bei uns keine gut funktionierende Müllentsorgung existiert, die sie von der Straße holt.

Das muss doch anders gehen, dachten sich die Brandenburger Kathrin und Dominic Franck, als ihre zwei Kinder geboren wurden. Da sie aber nicht auf den Komfort der Wegwerfwindeln verzichten wollten, sollte ihre Öko-Windel wenigstens so nachhaltig wie möglich sein.

Der Chemiker Franck begann die Entwicklung der neuen Einwegwindel mit dem Saugkern: Dieser besteht bei fast allen Wegwerfwindeln, egal ob öko oder nicht, aus erdölbasiertem Sauggranulat. Kleine, extrem saugfähige Kügelchen sind das, die sich bei Flüssigkeitskontakt in Gel verwandeln. „Das macht über ein Viertel der Windel aus“, sagt Franck. Also begann er mit natürlichen, saugfähigen Materialien zu experimentieren.

Fairwindel: Experimente mit der Saugfähigkeit von Kartoffel-Wegwerfwindeln
Fairwindel: Experimente mit der Saugfähigkeit von Kartoffel-Wegwerfwindeln (Foto © Dominic & Kathrin Franck)

Schließlich fand er Kartoffelstärke, die zu Flocken verarbeitet ein extrem saugfähiges Material ergibt. Herkunft der ökologisch zertifizierten Industrie-Kartoffeln: Brandenburg. Die extrem mehligen Kartoffeln sind nicht für den Verzehr geeignet – Lebensmittel landen also nicht am Babypo.

Fairwindel: die Einwegwindel aus Kartoffeln

Auch die äußere Folie der Fairwindel ist frei von erdölbasiertem Plastik: Sie besteht aus zertifizierter Maisstärke, vorwiegend in Europa angebaut. Die innenliegende Absorbierschicht besteht aus nachhaltigem und garantiert chlorfreiem Zellstoff – statt dem herkömmlichen Gemisch aus Zellulose und Polyester.

Überhaupt verfolgt die Fairwindel das ‚Weniger ist mehr’-Prinzip: keine bunten Aufdrucke, keine geruchsbindenden Lotionen. „Weil weniger Chemie einfach gesünder ist“, sagt Kathrin Franck.. „Die Windeln stinken kaum – eher riechen sie wie Kirschkernkissen.“

Fairwindel: weniger Plastik, kompostierbare Anteile sollen sie zur Ökowindel machen
Fairwindel: weniger Plastik, kompostierbare Anteile sollen sie zur Ökowindel machen (Foto © Dominic & Kathrin Franck)

Damit hatten die Franks eine weitgehend biologisch abbaubare Windel entwickelt. Sie stellten die ersten Prototypen her und testeten sie unter anderem an den eigenen Kindern. Ergebnis: Die Ökowindel hielt den Anforderungen stand. 80 Milliliter, den normalen Blaseninhalt einer Zweijährigen, nahm der Kartoffel-Saugkern problemlos auf. „Und wir nennen sie seitdem „Protestwindel“ – eine Erfindung unserer Tochter, die ständig die Worte ‚Testwindel‘ und ‚Prototyp‘ hörte“, wie Kathrin Franck erklärt.

Ab Juni 2016 sammelten die Francks über eine Art Crowdfunding-Kampagne 250 bezahlte Vorbestellungen ein und produzierten kurz darauf in Deutschland die erste Charge von 100.000 Stück.

Die Fairwindel ist noch keine perfekte Ökowindel

Doch 20 Prozent der Fairwindel bleiben weiterhin nicht abbaubar – und verhindern, dass die Wegwerfwindel vollständig verrottet. Schuld sind zum einen die Gummibänder, die aber in Zukunft biologisch abbaubar sein sollen. Zum anderen sind es die Klettverschlüsse, die bald ablösbar und wiederverwendbar sein sollen.

Die nächste Idee: Verschlüsse, die auf beiden Seiten „kletten“ und von einer Windel auf die nächste übertragbar sind. „Aber die Entwicklung ist schwierig, denn das System muss einfach sein – auch die Kita und die Oma muss damit umgehen können. Aber in ein paar Jahren kommt das!“

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Bis dahin darf die Wegwerfwindel nicht in die Bio-Tonne. Das liegt nicht nur an den 20 Prozent Plastik, sondern auch an der geltenden Düngemittelverordnung. Während fäkalienhaltige Düngemittel und Klärschlamm auf den Feldern verteilt werden dürfen, ist das bei menschlichen Ausscheidungen verboten. Unsinn, findet Dominic Franck – doch eine Menge Lobbyarbeit sei nötig, um solche Verordnungen zu ändern.

Ganz pragmatisch arbeiten die Francks erstmal mit lokalen Entsorgern an Rücknahme- oder Kompostiersystemen für Tagesmütter und Kitas, wo die meisten Windeln anfallen. Und die Francks haben ihre eigene Lösung: Die Fairwindeln ihrer Kinder kommen auf den hauseigenen Kompost. Dort sieben sie die Plastikverschlüsse und -bändchen nach ein, zwei Jahren einfach heraus.

Besser als Plastikwindeln, schlechter als Stoffwindeln

Doch die wenigsten Deutschen besitzen einen eigenen Kompost. Also entsteht letztendlich der gleiche Müllberg wie bei herkömmlichen Wegwerfwindeln. Was ist dann noch Öko an den Ökowindeln?

„Wir bringen eben fast kein neues Plastik in Umlauf. Und wir arbeiten fast CO2-neutral – durch unsere nachwachsenden, ökologischen Rohstoffe aus Europa und durch die lokale Produktion“, sagt Dominic Franck. Und betont, die vollständig kompostierbare Fairwindel werde in ein paar Jahren auf dem Markt sein.

Ökowindel? Die 'Fairwindel' geht neue Wege bei der Einwegwindel
Ökowindel? Die ‚Fairwindel‘ geht neue Wege bei der Einwegwindel (Foto © Dominic & Kathrin Franck)

Das überzeugt eine wachsende Kundenschicht, die auch höhere Preise in Kauf nimmt. Während der Stückpreis einer herkömmlichen Windel beim Discounter bei 10 Cent liegt, kostet die Fairwindel je nach Größe und Gebinde 57 bis 60 Cent. Damit ist sie auch etwas teurer als andere Ökowindeln. Immerhin stellt die Firma gerade die zweite 100.000er-Charge her – die Windel-Kombination aus Nachhaltigkeit und Komfort scheint eine Zukunft zu haben.

Utopia meint: Die Fairwindel als ökologische(re) Einwegwindel ist eine gute Idee, die es sich lohnt, im Auge zu behalten. Nicht ganz aus den Augen verlieren sollte man dabei die Frage, ob der Kartoffelanbau für die Stärke eines Tages in Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau stehen könnte – und ob sich für Stadtbewohner bessere Entsorgungswege als der Restmüll etablieren lassen.

Alternative Öko-Windeln findest du in unserer Bestenliste Die besten Öko- und Stoffwindeln, zum Beispiel (Produkte-Links führen jeweils zu Seiten mit mehreren Bezugsquellen**)

Noch schonender – zumindest für Geldbeutel und Umwelt – bleiben allerdings waschbare Windeln. Smarte, dichte und einfach handhabbare Systeme wie Flip gibt es inzwischen viele, in unserer Bestenliste Die besten Öko- und Stoffwindeln zum Beispiel Disana Stoffwindeln (Bio-Baumwolle) und PoPoLiNi Stoffwindeln (Bio-Baumwolle optional), die Links führen ebenfalls zu einer Seite mit Bezugsquellen.

Lies auch: Nachhaltige Windeln: Alternativen zu Pampers und anderen.

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