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Fleisch-Labels und -Siegel der Discounter: Sauerei im Kühlregal?

Viele Siegel -viel Verwirrung bei den Labels und Siegeln der Discounter
Foto: Utopia.de

Tierwohl und Tierschutz sind nicht das, was man als Erstes mit Frischfleisch vom Discounter verbindet. Mittlerweile findet sich auf den Fleischpackungen der Discounter eine ganze Flut von Labels, Siegeln und Kennzeichnungen. Wir bringen mit unserem Marktcheck Licht ins Dunkel.

Tierwohl und Tierschutz beim Kauf von Frischfleisch werden viel diskutiert. Das Problem: Ein staatliches Siegel gibt es bislang nicht – deshalb wurde der Handel jetzt selbst aktiv. Die Discounter sind in den letzten Monaten nach und nach mit eigenen Labels für Frischfleisch an den Start gegangen. Lidl war der erste Lebensmittelhändler, der einen vierstufigen Haltungskompass für Fleisch einführte. Netto, Penny und Aldi folgten mit ähnlichen Kennzeichnungs-Initiativen.

Neben der Haltungskennzeichnung kleben auf den Frischfleischpackungen aber auch diverse Qualitäts-Siegel, die in ihren Kriterien jedoch stark voneinander abweichen. Eine Übersicht:

Überblick im Siegel-Dschungel

Initiative Tierwohl

Bei der ‚Initiative Tierwohl‘ handelt es sich um einen Zusammenschluss der Landwirtschaft, der Fleischwirtschaft und des Lebensmittelhandels (Rewe, Aldi, Netto, Penny, Edeka, Kaufland, Lidl und Wasgau).

Das Siegel bietet nur wenig mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen. Die Tiere haben 10 Prozent mehr Platz zur Verfügung, und Masthühner und Schweine bekommen Spielzeug zur Beschäftigung. Die Landwirte erhalten Tierwohl-Entgelte, die der Einzelhandel in einen Fonds einzahlt (6,25 Cent für jedes verkaufte Kilo Schweine- und Geflügelfleisch sowie -wurst). Der Deutsche Tierschutzbund, der bei der Initiative Tierwohl ursprünglich in Beratungsfunktion tätig war, ist inzwischen ausgestiegen und hat ein eigenes Label (‚Für mehr Tierschutz‘) gegründet.

Problematisch: Bis April 2018 konnte der Verbraucher dem Produkt selbst nicht ansehen, ob es aus einem Betrieb stammt, der bei der ‚Initiative Tierwohl‘ wirklich mitmacht und die Kriterien einhält. Denn das Siegel besagte nur, dass das Unternehmen, bei dem er einkauft, die Initiative unterstützt. Diese Kennzeichnung wurde vielfach kritisiert, seit April arbeitet die Initiative Tierwohl mit zwei Kundeninformationen: Das neue gelbe Siegel (Bild rechts, oben) darf nur auf Produkte aufgedruckt sein, die von einem Betrieb der Initiative Tierwohl stammen. Anders ist das bei der Kundeninformation (Bild rechts, unten). Hier muss sich das Unternehmen selbst nicht an die Kriterien halten, sondern lediglich die Initiative finanziell unterstützen. Inzwischen ist diese Kundeninformation aber aufgrund des neu eingeführten Produktsiegels kaum noch auf den Verpackungen zu finden.

Nichtsdestotrotz: Auch wenn die Kennzeichnung verbessert wurde, die Kriterien sind zu lax.

Weitere Infos: www.initiative-tierwohl.de

Label 'Für mehr Tierschutz'

Für mehr Tierschutz

‚Für mehr Tierschutz‘ ist das Label des Deutschen Tierschutzbundes für artgerechte Tierhaltung, das es in zwei Stufen gibt.

  • Stufe 1: Hier haben die Tiere mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten. Es gibt zudem eine Begrenzung, wie viel Gewicht die Tiere in einem bestimmten Zeitraum zulegen dürfen. Die Anforderungen an Transport und Schlachtung sind streng. Damit geht Stufe 1 deutlich über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus. Nichtsdestotrotz sei das „aber noch kein sehr hohes Tierschutzniveau“, so das Urteil der Verbraucherzentrale.
  • Stufe 2 (Premiumstufe): Diese Stufe beinhaltet Auslauf und Freilandhaltung für die Tiere. Das Urteil der Verbraucherzentrale lautet: „Das Label der Premiumstufe kennzeichnet ein hohes Tierschutzniveau im Vergleich zum gesetzlichen Standard.“

Der Deutsche Tierschutzbund vergibt das Label derzeit bei Hähnchenfleisch nur als Einstiegsstufe, für Schweinefleisch werden beide Stufen vergeben.

Weitere Infos: www.tierschutzlabel.info

Siegel 'Tierschutz kontrolliert'

Tierschutz kontrolliert

Das Label ‚Tierschutz kontrolliert‘ des Vereins ‚Vier Pfoten‘ zertifiziert nach ähnlichen Kriterien wie das Label ‚Für mehr Tierschutz‘: Es gibt ebenfalls zwei Stufen (Einstiegs- und Premiumstufe). Bei der Einstiegsstufe haben die Tiere mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, bei der Premiumstufe auch Auslauf im Freien. Zudem darf der Transportweg zum Schlachthof nicht länger als vier Stunden dauern.

Weitere Infos: www.vier-pfoten.de

Fair & Gut

Siegel 'Fair & Gut' von AldiAldi hat im Januar 2018 eine neue Eigenmarke eingeführt: Unter dem Label ‚Fair & Gut‘ verkauft der Discounter Frischfleisch „aus verbesserter Tierhaltung“, so das Versprechen des Unternehmens. Zu den Kriterien, die von der Einstiegsstufe des Labels ‚Für mehr Tierschutz‘ (siehe oben) übernommen wurden, gehören: Mehr Platz, Stroh im Stall, Zugang zu frischer Luft und Futter ohne Gentechnik. Da die ‚Fair & Gut‘-Produkte nicht zum Standardsortiment gehören, gibt es sie nicht in allen Aldi-Filialen.

Problematisch: Obwohl Aldi sein ‚Fair & Gut‘-Sortiment breit bewirbt, fanden wir bei unserem Marktcheck unter einer Vielzahl konventioneller Hähnchenprodukte nur zwei ‚Fair & Gut‘-Angebote.

Die Tierwohl-Kennzeichnungen der Discounter

Die neuen Tierwohl-Labels der Discounter ähneln nicht nur optisch, sondern auch, was die Bewertungskriterien betrifft. Sie sind alle vierstufig und arbeiten mit ähnlichen Farben und Namen für die einzelnen Güteklassen. Die Systeme orientieren sich damit daran, wie Eier gekennzeichnet werden. Verwirrend finden wir: Die Reihenfolge ist umgekehrt, beim Eier-Code entspricht die Zahl 0 der Güteklasse Bio (also der höchsten Stufe), beim Haltungskompass der Discounter steht die Zahl 1 hingegen für die niedrigste Stufe.

Wir haben das Angebot in den Discountern kritisch unter die Lupe genommen. Unsere Marktstichprobe hat gezeigt: Stufe 3 und 4 sind in den Kühltheken nur sehr vereinzelt zu finden.

Aldi: Vier-Stufen-Modell der Tierhaltung

Seit August 2018 wird die Haltungs-Transparenz auf den Verpackungen von Frischfleischprodukten aus Schwein, Geflügel und Rind angezeigt. So sehen die dazugehörigen Label aus:

Stufe 1 (Rot): Stallhaltung: Reguläre Stallhaltung nach gesetzlichen Anforderungen.

Stufe 2 (Blau): Stallhaltung plus: Die Tiere haben mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und erhalten Beschäftigungsmaterial.

Stufe 3 (Orange): Außenklima: Die Tiere haben mehr Platz als in Stufe 2, verfügen über eine abwechslungsreichere Umgebung und haben Zugang zu Außenklimabereichen.

Stufe 4 (Grün): Bio: Hier gilt der EU-Bio-Standard.

Bis 2019 will das Unternehmen die Hälfte der eigenen Produkte mindestens auf die zweite Stufe anheben.

Viel Werbung - nicht viel dahinter
Viel Werbung – nicht viel dahinter (Utopia.de)

Ergebnis der Utopia-Recherche*: In den Kühltheken findet sich bei Schweinefleisch nur Stufe 1, ebenso beim Rind – mit Ausnahme eines einzelnen Bio-Artikels. Das Geflügel-Sortiment bietet die ganze Bandbreite von Stufe 1 bis 4. Hackfleisch ist in Stufe 1 und Stufe 4 erhältlich. Das ‚Fair & Gut‘-Sortiment wird ausführlich beworben, gefunden haben wir aber nur zwei Hühnchenprodukte.

Weitere Informationen: www.aldi-sued.de

Lidl: Haltungskompass

Auch Lidl arbeitet mit einem vierstufigen Fleischlabel. Ein Kompass zeigt, wie das Tier aufgewachsen ist und gezüchtet wurde.

Stufe 1 (Rot): Stallhaltung: Entspricht den gesetzlichen Standards.

Stufe 2 (Blau): Stallhaltung plus: Gewährt Tieren mehr Platz sowie Beschäftigungsmaterial.

Stufe 3 (Orange): Außenklima: Gewährt Tieren zusätzlichen Raum, die Tiere werden gentechnikfrei gefüttert und haben Zugang zu Außenklimabereichen.

Stufe 4 (Grün): Bio: Entspricht den gesetzlichen Bestimmungen für Bio-Fleisch.

Auch Lidl hat nach eigenen Angaben das Ziel, die Hälfte der Frischfleischprodukte mindestens auf Stufe 2 umzustellen.

Blick in die Lidl-Kühltruhe: Das Angebot an Stufe 3 und 4 ist dürftig.
Blick in die Lidl-Kühltruhe: Das Angebot an Stufe 3 und 4 ist dürftig. (Foto: Utopia.de)

Ergebnis der Utopia-Recherche*: In den Kühltheken gibt es wie bei Aldi bei Schweinefleisch nur Stufe 1, bei Rind ebenso – mit Ausnahme eines Bio-Artikels. Das Geflügel-Sortiment bietet die ganze Bandbreite von Stufe 1 bis 4. Hackfleisch ist mit Stufe 1 und 4 erhältlich.

Weitere Informationen: www.lidl.de

Penny: Haltungskennzeichnung

Auch der Discounter Penny hat eine Haltungskennzeichnung bei Frischfleisch eingeführt. Die Kennzeichnung ähnelt den Kriterien der anderen Discounter.

Stufe 1 (Rot): Stallhaltung: Tierhaltung nach gesetzlicher Vorgabe.

Stufe 2 (Blau): Stallhaltung plus: Tierhaltung mit mehr Bewegungsfreiheit.

Stufe 3 (Orange): Tierwohl plus: Tierhaltung mit Zusatzfläche.

Stufe 4 (Grün): Bio: Tierhaltung nach EU-Öko-Verordnung, Tierhaltung mit Auslauf.

Ergebnis der Utopia-Recherche*: In den Kühltheken gibt es bei Schweine- und Rindfleisch nur Stufe 1. Alle Geflügel-Artikel waren mit der Stufe 2 gekennzeichnet. Insgesamt fanden wir nur ein einziges Bio-Produkt. Werbung für die Stufen war nicht platziert.

Weitere Informationen: www.penny.de

Netto: Haltungszeugnis

Stufe 1 (Rot): Konventionelle Stallhaltung: Entspricht den gesetzlichen Standards.

Stufe 2 (Blau): Nachhaltige Stallhaltung (mit ‚Initiative Tierwohl‘-Siegel): Mehr Platz, Beschäftigungsmaterial.

Stufe 3 (Beige): Außenklima (mit ‚Für mehr Tierschutz‘-Siegel): Futter ohne Gentechnik, Zugang zu einem Außenbereich, mehr Platz.

Stufe 4 (Grün): Bio-Haltung: Entspricht den gesetzlichen Bestimmungen für Bio-Fleisch.

Seltenheit: Bei Netto gibt es auch Schweinefleisch mit Stufe 3
Seltenheit: Bei Netto gibt es auch Schweinefleisch mit Stufe 3. (Foto: Utopia.de)

Ergebnis der Utopia-Recherche*: In den Kühltheken fanden wir – im Unterschied zu den anderen Discountern – auch Schweinefleisch, das mit Stufe 3 ausgezeichnet war. Rind war mit Stufe 1 gekennzeichnet, Geflügelfleisch in verschiedenen Stufen erhältlich.

Weitere Informationen: www.netto-online.de

Kaufland: Haltungskompass

Der Haltungskompass von Kaufland ist an den von Lidl angelehnt.

Stufe 1 (Rot): Stallhaltung: Entspricht den gesetzlichen Bestimmungen.

Stufe 2  (Blau): Stallhaltung plus: Gewährt Tieren mehr Platz als Stufe 1 sowie Beschäftigungsmaterial; das gekennzeichnete Fleisch stammt nachweislich aus Betrieben, die diese Zusatzkriterien erfüllen.

Stufe 3 (Orange): Außenklima: Gewährt Tieren zusätzlich mehr Platz als Stufe 2, Tiere werden gentechnikfrei gefüttert und haben Zugang zu Außenklimabereichen.

Stufe 4  (Grün): Bio: Entspricht den gesetzlichen Bestimmungen für Bio-Fleisch nach EU-Öko-Verordnung.

Weitere Informationen: www.unternehmen-kaufland.de

Was ist von den Labels zu halten?

Die Tierschutz-Debatte, die durch die neuen Siegel und Kennzeichnungen befeuert wird, ist wichtig, wenn auch zäh und schwierig. Die wichtigste Frage bei der Diskussion um Für und Wider der Labels lautet: Wird das Tierwohl durch die neuen Kennzeichnungen tatsächlich verbessert?

Was für die Labels spricht

Der Ansatz ist nicht verkehrt und besser als nichts. „Der Staat hat nicht gehandelt, jetzt haben das die Discounter übernommen“, so bringt Gerald Wehde, Sprecher von Bioland, die fehlende Entscheidungsfreude von staatlicher Seite auf den Punkt. Tierschutz- und Umweltorganisationen sowie die Anbauverbände sind sich in einem einig: Es ist gut, dass die Discounter aktiv werden. „Ein Punkt, der sich zu loben lohnt, ist die Tatsache, dass die Discounter die Stufe 1 kommunizieren“, meint Gerald Wehde. Er gibt aber auch zu bedenken, dass genau das auch ein großes Problem mit sich bringe: „Die Stufe 1 suggeriert Tierwohl – in Wahrheit bekommt der Verbraucher aber gewöhnliche Stallhaltung, Stufe 2 ist diesbezüglich nicht viel besser.“

Der Deutsche Tierschutzbund kann der Initiative der Discounter ebenfalls etwas abgewinnen: „Konventionelle Produkte, die keinen Mehrwert im Vergleich zum gesetzlichen Standard bieten, sind nun als solche auch erkennbar.“

Was gegen die Labels spricht

  1. Zu viele Labels & Kennzeichnungen! Allein die Tatsache, dass momentan jeder Supermarkt und jeder Discounter mit anderen Kennzeichnungen arbeitet, ist verwirrend.
  2. Zu viel Stufe 1! Die meisten Produkte, die uns bei unserer Recherche in den Discountern begegnet sind, entsprechen nur den gesetzlichen Mindestanforderungen. Und die sind weit entfernt von auch nur der Note „ausreichend“. Die unteren Standards sind zu niedrig, um überhaupt von Tierwohl sprechen zu können.
  3. Verbrauchertäuschung! Die Vermutung liegt nahe, dass der Fleischkäufer ein Produkt mit Label sieht, das Produkt kauft, ohne überhaupt darauf zu achten, welches Label er vor sich hat – und den Laden mit gutem Gewissen verlässt. Er hat jetzt etwas fürs Tierwohl getan und muss nicht länger darüber nachdenken. „Das Tierwohllabel suggeriert dem Verbraucher, etwas Gutes zu tun“, das meint auch Jutta Saumweber, Referatsleiterin Lebensmittel und Ernährung von der Verbraucherzentrale Bayern e.V. gegenüber Utopia.de: „Nicht aussagekräftig und unglaubwürdig sind Werbungen am Regal oder in Prospekten mit nicht von außen nachvollziehbaren Qualitätsversprechen wie ‚artgerechte Haltung, Fleisch von irischem Weiderind‘ etc. Unternehmensaussagen im Internet über zukünftige Tierwohlstrategien und den Umgang mit Tieren sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen.“ Die Vermutung liegt nahe, dass der Handel hofft, mit der niedrigsten Einstiegsstufe eine gute Haltung der Tiere vorgaukeln zu können. „Mit Tierschutz hat das nichts zu tun!“, so die Verbraucherzentrale Bayern. Bioland-Sprecher Gerald Wehde konstatiert: „Wenn kein Tierschutz drin ist, ist das Verbrauchertäuschung.“
  4. Gesundheit wird zu wenig thematisiert! Dazu meint Matthias Wolfschmidt von foodwatch (Veterinärmediziner und Autor des Buches „Das Schweinesystem“): „Ob ein von Tieren stammendes Lebensmittel tatsächlich von einem Tier stammt, das ein gutes und gesundes Leben hatte, kann keines der bisher vorgestellten Label garantieren. Denn Gesundheit spielt dabei keine Rolle. Es geht im Wesentlichen um Platz, Einstreu, Außenzugang. Aber ob die Tiere auf dem jeweiligen Hof tatsächlich bei guter – oder bei schlechter – Gesundheit waren, interessiert absurderweise nicht. Dabei geht es nicht darum, was wir uns wünschen – also zum Beispiel idyllische Höfe –, sondern darum, wie es aus der Perspektive des einzelnen Tieres tatsächlich aussieht.“
Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein einheitliches staatliches Label. (Foto: Colourbox.de)

Wo bleibt ein staatliches Tierwohl-Label?

Wenn es um den Fleischkonsum geht, sind sich die meisten Deutschen einig: Knapp 80 Prozent wünschen sich ein einheitliches staatliches Tierwohllabel. Sie möchten wissen, wie die Pute oder das Schwein, deren Fleisch sie auf dem Teller haben, gehalten wurden. Das bestätigt eine Umfrage für den Ernährungsreport 2018 der Bundesregierung.

Bis dieser Wunsch wahr wird, wird es wohl noch eine Weile dauern. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) plant, das Label bis 2020/21 in den Supermärkten zu platzieren. Diese wesentlichen Details sind schon bekannt:

  • Es soll sich um ein dreistufiges Label handeln.
  • Die Kriterien der Eingangsstufe sollen deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard liegen.
  • Die Teilnahme an der Kennzeichnung soll freiwillig sein.

Der gesetzliche Mindeststandard soll weiterhin bestehen bleiben, wird dann aber nicht mehr als Tierwohl gelabelt. Julia Klöckner erklärte dazu gegenüber dem Agrarfachmagazin topagrar: „Wir können nicht etwas labeln, was lediglich die gesetzlichen Vorgaben erfüllt, sondern nur, was darüber liegt und mehr Tierwohl beinhaltet.“

Kritik von allen Seiten

Staatliches Siegel ja, da sind sich alle einig. Aber nein zu Punkt 3 – der Freiwilligkeit der Teilnahme. Die stößt bei Tierschutzverbänden und Anbauverbänden auf herbe Kritik. Sie alle fordern eine staatliche Pflicht-Kennzeichnung, vergleichbar mit der bei Eiern. So betont Bioland-Sprecher Gerald Wehde: „Ein staatliches Label muss unbedingt verpflichtend sein“.

Auch die Tierschutzorganisation ‚Vier Pfoten‘ kritisiert Klöckners Konzept scharf. Die Organisation hat die AgrarministerInnen der Länder im September 2018 aufgefordert, sich gegen das geplante staatliche Tierwohlkennzeichen der Bundesregierung und für eine gesetzlich verpflichtende Kennzeichnung aller tierischen Produkte auszusprechen. „Das Tierwohlkennzeichen wird in seiner jetzigen Form nichts an der bemitleidenswerten Situation der Tiere in der Massentierhaltung verändern, da es aufgrund der Freiwilligkeit über 80 Prozent der Nutztiere nicht betrifft“, kritisiert ‚Vier Pfoten Deutschland‘.

Von Tierwohl weit entfernt: Tierhaltung nach gesetzlichen Standards.
Von Tierwohl weit entfernt: Tierhaltung nach gesetzlichen Standards. (Foto: Vier Pfoten - Fred Dott)

Kennzeichnung über dem gesetzlichem Standard

Der Deutsche Tierschutzbund e.V. betont: „Die Kriterien für eine solche Kennzeichnung müssen klar über dem gesetzlichen Standard liegen.“ Wichtig ist Bioland dabei die Ausgestaltung der ersten (das heißt der untersten) Stufe: „Die Tiere müssen mindestens 40 Prozent mehr Platz haben. Und das Kürzen der Schwänze muss unbedingt verboten sein.“

Die Verbraucherzentrale setzt bei ihrer Forderung den Fokus auf hohe Standards für Tierschutz und Tiergesundheit. „Außerdem sollte sich die Politik für eine europaweite verbindliche Haltungskennzeichnung für Fleisch einsetzen, sodass Standards für alle Mitgliedsstaaten verbindlich sind und nicht unterlaufen werden können“, so Jutta Saumweber, Leiterin des Referats Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale.

Julia Klöckner verteidigt das geplante Siegel

Auf den Vorwurf, die geplanten Vorgaben des staatlichen Siegels seien zu lax, entgegnet Julia Klöckner in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Es bringt nichts, in fantastischen Höhen Bedingungen zu formulieren für ein Tierwohl-Label, wenn die Breite nicht mitmachen würde, und deshalb ist es natürlich klar, dass Tierschutzverbände sagen, am besten die allerhöchsten Standards. Aber das wird dazu führen, dass es kaum bezahlbar sein wird, dass vor allen Dingen kaum jemand mitmachen wird, und dann ist dem Tier nicht geholfen.“

Was für ein staatliches Siegel spricht

Bei vielen Kunden ist der Wunsch nach einem nachhaltigeren Konsum da – es fehlt nur die Initialzündung, diesen Wunsch auch in die Realität umzusetzen und entsprechend zu handeln. Ein staatliches Siegel könnte hier ein guter Ansatz sein. Ein Siegel statt vieler individueller ist dringend notwendig und würde für mehr Klarheit sorgen.

Dabei sollte bei der Debatte um Tierschutz und Tierwohl nicht nur das Frischfleisch in den Supermärkten im Fokus stehen, so Gerald Wehde von Bioland: „Nur die Hälfte des Fleischs landet im Handel, die andere Hälfte bei der Gastronomie. Das darf nicht unter den Tisch fallen.“

Beim Fleischkauf Geld sparen vs. Tierschutz unterstützen

Was bei der Diskussion um die Kennzeichnung und Siegel nicht vergessen werden darf: Umfragen besagen zwar, dass die Verbraucher bereit sind, mehr Geld für Fleisch aus tierfreundlicher Produktion auszugeben. Die Wahrheit sieht aber anders aus: Wenn es um Bares geht, entscheiden sich viele Menschen schlussendlich doch wieder für die kostengünstigste Alternative. In der Brust der meisten Verbraucher schlagen zwei Herzen: Das eine will mehr für den Tierschutz tun, das andere möglichst wenig Geld ausgeben.

Artgerechte Tierhaltung gibt es aber nicht umsonst: Wenn Tiere mehr Platz im Stall und frische Luft haben sollen, dann macht sich das im Preis bemerkbar. Anders geht die Rechnung nicht auf. Deshalb ist jeder Einzelne von uns gefordert, nicht nur Tierwohl und Tierschutz zu wollen, sondern auch entsprechend zu handeln.

Welches Produkt und welche Kennzeichnung machen momentan Sinn?

Wirkliche gute Haltungsbedingungen garantieren nur das Bio- und das Naturland-Siegel sowie die Premiumstufen von ‚Für mehr Tierschutz‘ und ‚Tierschutz kontrolliert‘ (siehe für diese oben). Gutes Fleisch aus artgerechter Haltung hat seinen Preis, daran wird sich nichts ändern. Das Prinzip des Deutschen Tierschutzbundes bringt es gut auf den Punkt: „Fleischverzicht ist der beste Weg zu mehr Tierschutz“. Manchmal ist weniger einfach mehr!

Weiterlesen auf Utopia.de:

*Recherche am 18. Oktober 2018 in Discountern in München. Das Ergebnis ist eine Stichprobe und nicht repräsentativ.

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(3) Kommentare

  1. Was soll man da sagen? „Die spinnen, die Römer!“

    Das scheint ja richtig System zu haben, dass sich da jeder sein eigenes Siegel malen darf … und noch ein bisschen Wortklauerei bei renomierten Labes („Fair und gut“ ist halt nicht Fair Trade, aber die Verbindung ist geschaffen!).
    Ob der Staat so besorgt um seine Bürger ist oder gar um das Tierwohl, dass er der Kreativität der Wirtschaft einen Riegel vorschiebt?

  2. Bzgl. „Zu viel Stufe 1!“ denke ich nicht, dass es ein negativer Aspekt ist der auf die Labels zurückzuführen ist. Ja – natürlich ist es schrecklich dass so viele Produkte aus schlechter Haltung / „gemäß Gesetzen“ in den Kühltruhen liegen aber spiegelt das nicht einfach nur die Wirklichkeit da? Wenn das jetzt kritisiert wird gehen die Supermärkte halt hin und ändern die Labels irgendwie um, ohne dass sich was am Tierwohl geändert hat, nur damit es besser aussieht. Ich finde diese Labels schaffen eine gewisse Transparenz und das ist immer ein Schritt in eine gute Richtung.
    „Zu viel Stufe 1!“ sollte also eher ein Kritikpunkt am Kaufverhalten von uns Käufern sein denn – wird Stufe 1 nicht mehr nachgefragt wird es sie auch bestimmt nicht mehr so lange geben! 😉

  3. Was spricht dagegen, wenn in den Kühltheken Fleisch mit den 4-Stufen-Labeln gekennzeichnet ist? Zum Glück sind sich hier alle Marken endlich halbwegs einig, vielleicht sehen die Stufenlabels immer ein wenig anders aus, aber weitestgehend ist es das gleiche System. Endlich kann ich als Verbraucher wählen, was ich da kaufe. Bisher war das nicht so, da fand ich höchstens nette Bildchen und blumige Worte, die mir immer noch nichts sagten. Dass (noch) so viel Stufe 1 verkauft wird, sollte man nicht kritisieren, da ist der Handel einfach nur ehrlich und bildet die Wirklichkeit ab. Jetzt liegt es einzig und allein am Kunden, was er wählt. Ganz einfache Rechnung: Wird mehr Stufe 2, 3 oder 4 verkauft, dann wird auch das Angebot angepasst. Das simple Angebot-und-Nachfrage-Prinzip. Bei Eiern hat der Verbraucher es doch auch hinbekommen, dass die Käfighaltung nur noch in Industrie-Fertigwaren zu finden ist.

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