Etsy und DaWanda: Selbstgemachtes online verkaufen

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Selbstgenähte Kissenbezüge, handgemachte Ohrringe, liebevoll gebastelte Postkarten, witzige Geschenke – eine große Vielfalt selbst gemachter Unikate gibt es auf Online-Marktplätzen wie Etsy und DaWanda. Jeder kann dort zum Produzenten werden, Massenware ist unerwünscht.

Auf der einen Seite gibt es kreative Menschen, die mit vielfältigen Fertigkeiten Dinge selber machen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ungewöhnliche Geschenkideen suchen oder die zum Beispiel als Schutz für ihr möglichst langlebiges Smartphone eben nicht stinkendes Plastik beim billigsten Versender erwerben wollen.

Etsy und Dawanda: persönlicher Shoppen im Web

Auf speziellen Online-Marktplätzen wie Etsy und DaWanda finden sie zusammen. Die US-amerikanische Plattform Etsy startete bereits 2005, das deutsche Pendant DaWanda zog 2006 nach.

Was Etsy und DaWanda tun, das gehört in den Bereich des so genannten „Social Commerce“. Gemeint ist damit eine Mischung aus Social Media und dem klassischen Online-Einzelhandel (E-Commerce). Bei dieser Geschäftsform sind idealerweise nicht nur die Produkte und möglichst niedrige Preise wichtig, sondern auch die Menschen, die sie herstellen, sowie die Methoden, mit denen sie produziert werden.

Social Commerce bei Etsy und Dawanda

Bei Etsy und DaWanda kann praktisch jeder ein Produkt einstellen, egal, wie mickrig die Produktion ist – eben bis hin zum Unikat. Zugleich weiß eine wachsende Menge von Nutzern, dass sie auf diesen Plattformen viel Handgemachtes und ungewöhnliche Einzelstücke findet. Alleine DaWanda hat derzeit über 4 Millionen registrierte Mitglieder.

Der Fokus liegt dabei auf Selbstgemachtem, Kleinserien oder individualisierten Unikaten. Massenware will man dort nicht sehen. Produkte aus industrieller Fertigung sind nur in Ausnahmefällen erlaubt, unter ganz bestimmten Bedingungen. So müssen das dann zum Beispiel selbst restaurierte Möbel (Bereich „Vintage“) sein oder Handarbeits-Materialien wie etwa Stoffe.

Unabhängig von der Art der verkauften Waren können die potentiellen Kunden die Produkte nach verschiedenen Kriterien filtern, in Bewertungen und Kommentaren über das Produkt diskutieren, eigene Listen mit Favoriten anlegen und auf unkomplizierte Weise dem jeweiligen Anbieter Fragen stellen.

Ein bisschen kann man das bei Amazon und Ebay auch, aber bei Etsy und DaWanda ist der persönliche Kontakt ausgeprägter, die Kommunikationsmöglichkeiten von Verkäufern und Kunden vielfältiger und individueller.

Selbermach-Marktplätze als Bewusstseinswandel

Schön ist, dass die beiden Online-Marktplätze den Trend zum Selbermachen und Selbstgestalten bedienen. Aus der Perspektive der Nachhaltigkeit ist die Entwicklung weg von industrieller hin zu eigener Produktion erfreulich, auch wenn gewiss nicht jeder DaWanda-Anbieter durch und durch nachhaltig arbeitet.

Die Marktplätze fördern vor allem einen Bewusstseinswandel: Produktionsprozesse werden deutlich und auch, dass hinter Designs und Herstellung stets Menschen und Materialien stehen. Zugleich wird mit Shops wie Etsy sichtbar, dass das Bedürfnis nach „guten“ Produkten tatsächlich erfüllt werden kann – auch weltweit. Stark vereinfacht könnte das Motto der Zielgruppe lauten: Wochenmarkt statt Discounter – oder eben DaWanda statt Amazon.

Das Geschäftsmodell von Etsy und Dawanda: einerseits gut…

Das Geschäftsmodell von DaWanda und Etsy ist also eines, das durchaus gut zum Gedanken der Nachhaltigkeit mit seinen ökologischen, sozialen und ökonomischen Komponenten passt. Selbermachen fördert die Unabhängigkeit von Konzernen und Industrieproduktion sowie die handwerklichen Fähigkeiten der Selbermacher – und die Wertschätzung (und damit hoffentlich die Langlebigkeit) der Produkte.

Außerdem engagieren sich beide Unternehmen zumindest punktuell für Umwelt- und Klimaschutz, etwa durch firmeninterne Energie- und Müllsparmaßnahmen, den Bezug von Ökostrom und die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen. „Die Förderung von Frauen in der Wirtschaft – speziell in der männerdominierten Start-up-Szene – ist für die Gründerin und Geschäftsführerin Claudia Helming ein persönliches Anliegen,“, sagt DaWanda-Pressesprecherin Ina Froehner.

…doch Social Commerce ist eben vor allem: Kommerz

Dennoch ist natürlich auch im Land des Social-Commerce nicht alles reiner Idealismus. So fungieren DaWanda und Etsy als „Mittelmänner“ – und verdienen ganz ordentlich mit. Beide Plattformen kassieren pro hochgeladenem Artikel eine Gebühr, die zwischen 10 und 30 Cent liegt, plus eine Provision für jeden verkauften Artikel. Etsy verlangt 3,5 Prozent des Verkaufspreises, DaWanda 9,5 Prozent.

Für viele der privat Produzierenden ist das ganze längst mehr als nur eine virtuelle Theke, wo sie nach Feierabend gehäkelte Einzelstücke verkaufen. Rund ein Viertel der Verkäufer bei DaWanda – in der Mehrzahl sind es Frauen zwischen 20 und 40 – nutzt den Marktplatz inzwischen als Haupteinnahmequelle. Für viele ist DaWanda oder Etsy sogar ein Sprungbrett in die Selbstständigkeit mit eigenem (Online-)Shop.

Entsprechend findet man immer wieder auch Kritiken von Benutzer, die sich darüber beschweren, dass sich durch die Hintertür industrielle Massenware auf die Handelsplattformen schleicht. Dem Kunden bleibt auch hier nicht erspart, die Augen offen zu halten und kritisch hinzuschauen und nachzufragen. Immerhin bieten die Bewertungsmöglichkeiten Platz für Feedback.

Marktplatz-Alternativen auf der Straße

Obwohl DaWanda in Deutschland populärer ist als Etsy, scheint das Unternehmen einige Probleme zu haben und hat Ende Juni 2017 mit 60 Mitarbeiter etwa ein Viertel seines Personals entlassen. Das ist bitter, doch DaWanda konnte bislang offenbar nicht profitabel arbeiten und hofft jetzt, es bis Ende 2018 doch noch zu schaffen. Allerdings steht mit Amazon Handmade schon ein dritter Wettbewerber in den Startlöchern, der bislang nicht für Misserfolge bekannt ist.

Ein Problem haben solche Online-Marktplätze ohnehin: Selbst das nachhaltigste Produkt wird nach dem Kauf verschickt und hinterlässt durch seine Reise einen ökologischen Fußabdruck.

Da hilft nur der lokale (Kunsthandwerker-)Markt, Termine findet man meist auf den Webseiten der jeweiligen Stadt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Webseite kreativmaerkte.de, wo man Märkte in der Umgebung samt Terminen finden kann. Dort kann man das Selbstgemachte auch wieder anfassen – und wirklich von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Mehr „Social“ geht nicht.

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(9) Kommentare

  1. Nicht alles Gold was glänzt….
    Wer zum Wandel in der Gesellschaft beitragen möchte, sollte möglichst das Hirn einschalten. Selbt gemacht bedeutet keineswegs nachhaltig, ökologisch oder fällt unter sonst eine Begrifflichkeit aus dieser hoffentlich nicht bald genauso kommerzialisierten Bewegung wie „BIO“. Die auf den genannten Plattformen gehandelten Waren weisen in der Regel eine weit schlechtere Bilanz auf als Massenprodukte, denn die eingesetzte Energie sowie die Materialien , die zur Herstellung benötigt werden sind bei weitem nicht so optimiert wie es in der industriellen Produktion möglich ist.

    Das positive an den Konzepten ist, daß sie dem zentralisierten Internethandel Umsätze abjagen und somit kleine Betriebe oder Nebeneikünfte ermöglichen. Außerdem steckt bei einigen Produkten tatsälich „Liebe“ drin, so wie es ein Slogan von DaWanda verkündet.

    Leider häufen sich auch gerade hier handfeste Streitigkeiten zwischen Hädlern aufgrund von Produktpiraterie. Da wird kurzerhand ein gut gehender Artikel kaltschnäuzig kopiert, samt den Originalfotos und der Produktbeschreibung des ursprünglichen Herstellers. Da es völlig unwirtschaftlich ist für kleine Serien einen Schutz eintragen zu lassen, muss man dieses Vorgehen in den meisten Fällen auch hinnehmen.

    Der Weg hin zu einer Gesellschft, die nicht geprägt ist von Gier und Neid, ist ein noch sehr langer und es sind viele Hürden und Rückschläge zu überwinden. Naivität ist jedoch eine Eigenschaft, die dies sehr viel schwieriger macht. Wir sollten nicht glauben, daß die derzeitigen Nutznießer des bestehenden Systems tatenlos zusehen, wie die aufwändig installierte Abhägigkeitsfalle demontiert wird.
    Verbraucher müssen dringend lernen ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen – und zwar ständig. Entscheidungen die zur Beruhigung des Gewissens getroffen werden, führen gleichermaßen zu konsumbedingten Umweltverschmutzung. Die einzige Lösung ist Konsumverzicht und das gemeinsame Nutzen von Vorhadenem. Das mag vielen als überzogen erscheinen aber letzlich werden wir nicht mehr vor die Entscheidung sondern vor vollendete Tatsachen gestellt.
    Im Moment, wo der Verzicht nicht mehr als Verlust sondern als Befreiung erfahren wird, wo der energetische Ballast von Materiellem abgeschüttelt wird und Freiraum für die Erfahrung existenzieller Begegnungen von Wesen entsteht, deren Bezeichnung „Verbraucher“ eine zutiefst verachtende Titulierung darstellt, ab disem Moment sind wir auf einem guten Weg – am Ziel noch lange nicht.

  2. Zur Nachhaltigkeit: Der Kunsthandwerkermarkt wurde ebenfalls beliefert und ob da nun ein Stinkeauto von UPS, oder ein privates Stinketransporterchen den Stand und seine bestückung herbeischafft ist der Umwelt relativ egal. Vielleicht sind Unikathersteller ökologisch sogar besser dran, wenn sie ihre fertigen „..“kate per Foto online vermarkten, anstatt sie monatelang von Kunsthandwerkermarkt zu Kunsthandwerkermarkt karren. Sicher gibt es seit Onlinemarktplätzen ein erhöhtes Paketaufkommen und damit auch mehr Verpackungsmüll, mehr gefahrene Kilometer, etc. Aber gerade in solch einem Nischenmarkt, wo „lohnende Vermarktung“ sehr aufwendig ist, kann online die ökologischere Wahl sein. Da muss der Miniserienproduzent, oder die Unikatherstellerin eben erst gar keine benzinbetriebene Transportkutsche kaufen um ihre Ware los zu werden.

  3. Rein ökologisch ist der Internethandel auf jeden Fall mit einer besseren Bilanz ausgestattet. Denn der Logistikfuhrpark transportiert sehr viel effizienter als der Privatmann.
    Die Frage ist, hätte ich auch gekauft, wenn ich erst dafür in die Stadt oder ins Einkaufszentrum hätte fahren müssen? Verleitet also die uneingeschränkte Möglichkeit zum konsumieren genau dazu?
    Das Problem sind hier wirklich die Konsumenten. Bei Rücksenderaten von bis zu 50% wie z.B bei Zalando (denen gönne ich das allerdings, denn die Jungs von Rocket Internet gehören zu den aggresivsten Marktteilnehmern Europas und fahren so lange auf Verlust, bis der überwiegende Facheinzelhandel aufgegeben hat) scheint die Erkenntnis nach der Notwendigkeit einer Konsumveränderung in noch sehr weiter Ferne…

  4. „Die Frage ist, hätte ich auch gekauft, wenn ich erst dafür in die Stadt oder ins Einkaufszentrum hätte fahren müssen?“
    Gute Frage…
    Viele Gegenstände, die in kleinen Auflagen bei Etsy und DaWanda vermarktet werden, sind schlichtweg überflüssig.
    Mir graut schon davor, wenn es mal los geht, daß im großen Stil 3-D-Druck-Plastik-Goodies drüber vermarktet werden.

  5. Wobei ich glaube, daß sich auch bisher schon jeder eine Knarre besorgt hat, der ein wollte.
    Nun ja, mag schon sein, daß es noch einfacher wird…
    Es ist allerdings schwer, ein neues Medium / eine neue Technik nur deshalb zu verbieten, weil man damit auch gefährliche Dinge tun kann.

  6. Was mich dann nur stört, gerade weil es unter dem Thema „Selbstgemacht“ steht, dass nicht selten etwas als sein Eigen genannt wird, aber sieht man sich etwas mehr um, fällt auf, dass es irgendwo doch industrielle Massenprodukte sind. Ich meine damit vor allem Schmuck. Es passiert mir wirklich oft, dass ich ein und den selben Anhänger bei mehreren Shops sehe. Das hat auch nichts mehr mit „selbstgemacht“ zu tun – jedenfalls für mich nicht. Die Produkte sind nicht ihr Geld wert.

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