Heftige Kritik an Klöckners geplantem staatlichen Tierwohl-Label

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Mehr Platz für Schweine, mehr Zeit bei der Mutter und weniger Stress beim Transport und bei der Schlachtung. Die Kriterien für das neue staatliche Tierwohlkennzeichen wurden definiert und klingen erstmal gar nicht so verkehrt. Für Tierschützer ist das Label aber alles andere als ein Grund für Begeisterungsstürme. Inzwischen wird auch der Gegenwind, der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) aus den politischen Parteien entgegen weht, immer stärker.

In den letzten Monaten hat der Druck auf die Landwirtschaftsministerin zugenommen. Immer mehr Menschen möchten wissen, wie das Tier, das als Schnitzel auf ihrem Teller landet, gelebt hat und wie es gestorben ist. Jetzt wurden die Kriterien für das staatliche Tierwohl-Label definiert. Um es gleich vorwegzunehmen: Ein Meilenstein ist das neue Label nicht. Der Name Tierwohl hält aus Sicht von Verbraucher- und Tierschützern nicht, was er verspricht.

„Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware“

Julia Klöckner hat bei der Vorstellung des neuen staatlichen Tierwohllabels klar gemacht: „Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware“. Deshalb gehe das Thema alle an, „nicht nur die Tierhalter, sondern auch Handel, Gastronomie und Verbraucher“.

Das neue Label soll zunächst nur für Schweinefleisch gelten. Drei Stufen werden ab 2020 darüber informieren, wie die Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung gelebt haben.

Das ist über das geplante staatliche Label bekannt

  • Das Label wird nicht verpflichtend, sondern freiwillig sein.
  • Die Kennzeichnung wird drei Stufen haben.
  • Die Stufen sollen über die Haltungsbedingungen der Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung informieren.
  • Es soll voraussichtlich ab 2020 gelten – vorerst aber nur für Schweinefleisch.
  • Die unterste Stufe soll geringfügig über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen.
  • Für die Informationskampagne werden 70 Millionen Euro bereitgestellt.
Insgesamt umfasst der Katalog 13 Punkte

Mehr Platz für Schweine

Auch in der untersten Stufe soll es den Tieren besser gehen als gesetzlich vorgeschrieben. Ein Beispiel: Ferkel sollen in der untersten Stufe mindestens 25 Tage von ihrer Mutter gesäugt werden, in der dritten Stufe 35 Tage. Gesetzlich vorgeschrieben sind 21 Tage.

Außerdem sollen die Schweine künftig mehr Platz im Stall haben: 20 Prozent in der untersten Stufe, knapp 50 Prozent in der zweiten und 100 Prozent in der dritten Stufe.

Wer zahlt für die besseren Bedingungen?

Mehr Platz und bessere Lebensbedingungen kosten Geld. Für die Kunden wird Fleisch mit dem staatlichen Label wohl teurer werden. Experten rechnen damit, dass Fleisch der Tierwohl-Einstiegsstufe 20 Prozent mehr kosten wird (sueddeutsche.de). Für Fleisch der höheren Stufen werden die Kunden nochmals tiefer in die Tasche greifen müssen.

Was sagen die Kritiker?

Von Seiten der Verbraucher- und Tierschützer kommt scharfe Kritik – vor allem an den schwachen Kriterien der Einstiegsstufe. „Die Einstiegsstufe 1 ist deutlich zu niedrig, um von mehr Tierwohl zu sprechen“, sagt Jutta Saumweber, Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Bayern. Auch die Stiftung für Tierschutz Vier Pfoten kritisiert die schwachen Kriterien. Diese Kriterien würden es den Tierhaltern erlauben, Schweinen weiter illegal die Ringelschwänze abzuschneiden, obwohl dies seit 25 Jahren EU-weit verboten ist. „Ein Tierwohlkennzeichen darf auch nicht die Dauerfixierung von Sauen im engen Kastenstand und die Haltung von Schweinen auf harten betonierten Vollspaltenböden auszeichnen“, so Rüdiger Jürgensen, Geschäftsführer von Vier Pfoten Deutschland.

Ein bisschen mehr Platz ist noch zu wenig

Nach wie vor hätten Schweine zu wenig Platz, so ein weiterer Kritikpunkt der Tierschützer. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, meint: „Die Aussage, man habe ’20 Prozent mehr Platz schon in der 1. Stufe geschaffen‘ hat PR-Charakter, aber für den Tierschutz keinen Effekt. Schweine mit unversehrten Schwänzen zum Beispiel benötigen nach aller wissenschaftlichen und praktischen Erfahrung deutlich mehr als 20 Prozent Platz.“

Bioland bezeichnet das freiwillige Label als „viel zu kurz gegriffen und kontraproduktiv für den Umbau der Nutztierhaltung hin zu mehr Tierschutz“.

Handelsunternehmen sowie der Deutsche Bauernverband und alle Verbände aus den Bereichen Tierschutz, Umwelt und Ökolandbau fordern ein gesetzlich verpflichtendes und umfassendes Kennzeichnungssystem.

Forderung nach Pflichtkennzeichnung von SPD und CSU

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) meldet laut Tagesspiegel in zahlreichen Punkten Nachbesserungswünsche an. Der wichtigste: Die Umweltministerin drängt auf eine verpflichtende Kennzeichnung. Und auch CSU-Bundeninnenminister Horst Seehofer hat sich kritisch zu dem von Julia Klöckner geplanten Label geäußert und eine Pflichtkennzeichnung gefordert. (Quelle Augsburger Allgemeine). In der Sommerpause will die CSU einen Gesetzentwurf für eine verpflichtende Kennzeichnung erarbeiten.

#Tierwohl: Gefundenes Fressen für Satire

Auch Satiriker bei extra3 und der ZDF heute-show nehmen sich dem Thema an und bringen die Probleme auf den Punkt:

Tierwohl-Kennzeichnung der großen Lebensmittelhändler

Erst im Januar hatten viele der großen Lebensmittelhändler (Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe) eine eigene vierstufige Kennzeichnung zur Tierhaltung eingeführt – als Reaktion auf die Untätigkeit der Bundesregierung. Die Skala reicht von Stufe 1 (Stallhaltung nach gesetzlichem Standard) bis Stufe 4 (entspricht in etwa Bio).

In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentralen wurde untersucht, was Verbrauchern beim Fleisch wichtig ist. Ein Fazit der Wissenschaftler: Die Haltungskennzeichnungen des Handels sind den meisten nicht bekannt – und das, obwohl sie inzwischen auf den meisten Fleischpackungen aufgeklebt sind. „Nur 17 Prozent der Befragten geben an, die Haltungskennzeichnung auf Fleischpackungen schon einmal gesehen zu haben.“

Werbung vermittelt falsches Bild von Tierwohl

Die Werbung liebt Begriffe wie „artgerecht“ und „Tierwohl“. Der Erfolg gibt ihr Recht. Denn laut der Studie vertrauen viele Verbraucher darauf, dass als „artgerecht“ oder mit „Tierwohl“ beworbenes Fleisch auch wirklich aus artgerechter Tierhaltung stammt, selbst wenn keine klaren Kriterien genannt werden.

Ein Beispiel der Verbraucherzentrale Bayern: Bei Fleischprodukten unter dem Slogan ‚Herzenssache Geflügel…aus artgerechterer Haltung. Initiative Tierwohl‘ (Netto Marken-Discount) erwarten zum Beispiel 51 Prozent der Befragten, dass diese aus artgerechter Tierhaltung stammen. Dabei steckt nicht viel dahinter: Eindeutige Kriterien findet man bei Netto nicht. Es wird Fleisch beworben, das nur minimal mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt.

Die Forderung der Verbraucherzentralen lautet: „Es braucht dringend mehr Transparenz und klare Regeln für die Werbung, wenn es um artgerechte Tierhaltung geht.“

Gut zu wissen: Die Begriffe „artgerecht“ und „Tierwohl“ haben kaum eine verbindliche Bedeutung. Verbraucher sollten sich nicht von leeren Versprechungen und glücklichen Kühen auf der Verpackung in die Irre leiten lassen. Auch in dieser Verpackung kann Fleisch von Tieren stecken, die in ihrem Leben nicht mehr als die gesetzlichen Mindeststandards kennengelernt haben.

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