Sie kämpft gegen Monsanto, Nestlé und Co.: Vandana Shiva im Interview

Fotos: © Bernward Geier; Colourbox.de:

Wasser, Saatgut, Land: Großkonzerne versuchen, die Natur in Besitz zu nehmen, sagt Vandana Shiva. Seit Jahrzehnten kämpft sie dagegen – und legt sich mit Firmen wie Monsanto-Bayer oder Persönlichkeiten wie Bill Gates an. Wir haben die Trägerin des Alternativen Nobelpreises zum Interview getroffen.

Vandana Shiva ist eigentlich promovierte Quantenphysikerin, bekannt ist sie aber vor allem für ihren Einsatz gegen Saatgut-Patente, synthetische Düngemittel und Pestizide. Sie hat mächtige Gegner: Agrar-Riesen wie Bayer-Monsanto und Cargill oder Konzerne wie Nestlé und Coca-Cola.

In ihrer Heimat Indien hat sie mehrere Organisationen gegründet, mit denen sie Kleinbauern unterstützt und Saatgut von regionalen Pflanzen bewahrt. Als Mitglied des renommierten „Club of Rome“ und Trägerin des Alternativen Nobelpreises geht ihr Einfluss aber weit über Indien hinaus. Im Januar hat sie in mehreren deutschen Städten Vorträge gehalten und ihr neues Buch vorgestellt. („Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam“). Utopia hat sie im bayerischen Herrsching zum Gespräch getroffen.

Vandana Shiva
Vandana Shiva im Interview mit Utopia. (Foto: © Utopia)

Vandana Shiva: „Landwirtschaft ist ein Ort der Kriegsführung“

Utopia: Dr. Shiva, Sie konzentrieren sich in Ihrem Aktivismus auf Saatgut. Was hat Sie dazu bewogen?

Vandana Shiva: Ich habe in den 80er-Jahren herausgefunden, dass Techniken, mit denen Menschen getötet wurden, in die Landwirtschaft eingeführt wurden – als sogenannte „Agrochemikalien“. Das Giftgas Zyklon B etwa, das in Konzentrationslagern verwendet wurde, ist ein Vorfahre der Pestizide, die wir heute nutzen.

Die Landwirtschaft ist zu einem Ort geworden, an dem chemische Kriegsführung fortgeführt wird und Profite daraus gemacht werden. Gleichzeitig nutzen die Konzerne Genmanipulation, um sich Pflanzen patentieren zu lassen, damit sie das Saatgut besitzen können. Dagegen wollte ich etwas tun, deswegen habe ich beschlossen, mein Leben den Pflanzensamen zu widmen.

Patente auf Kurkuma, Weizen und den Niembaum

Utopia: Sie versuchen, altes Saatgut zu schützen und zu verbreiten, und kämpfen gegen Patente auf Pflanzen. In Ihrem Buch sprechen Sie zum Beispiel über den Niembaum und Kurkuma.

Vandana Shiva: Richtig. Ich habe damals eine Kampagne gestartet: „Pflanz einen Niembaum“ – statt Pestizide. Der Niembaum wirkt nämlich als natürlicher Pflanzenschutz. Ich wurde ausgelacht, die Unternehmen haben gesagt, der Niembaum hilft nicht gegen Unkraut. Das sei nur ein Aberglaube. Zehn Jahre später finde ich heraus, dass der Baum jetzt ein Patent hat.

Utopia: Wer hat das Patent angemeldet?

Vandana Shiva: Das Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten. Und es gab auch andere Patente, aber das vom Ministerium haben wir angefochten. Übrigens im Patentamt in München. Ich habe elf Jahre gekämpft und am Ende gegen das US-Landwirtschaftsministerium gewonnen. Oder Kurkuma: Sie haben gesagt, es sei Aberglaube, dass Kurkuma Heilwirkungen hat. Dann patentieren sie es als Antibiotikum.

Kurkuma hilft, Bettwanzen zu beseitigen.
Kurkuma gilt als Heilmittel. (Foto: CC0 / Pixabay / cgdsro)

Utopia: Und verkaufen es teuer?

Vandana Shiva: Nicht nur das. Sie monopolisieren es. Sie können dich davon abhalten, dein eigenes Kurkuma anzubauen. Sie können dich davon abhalten, deine eigene ayurverdische Medizin zu haben. Monsanto hat alte Weizensorten aus Indien patentieren lassen, die bei einer Glutenunverträglichkeit unproblematisch sind. Der Konzern hatte es auf den Markt für glutenfreie Produkte abgesehen. Ich nenne dieses Phänomen „Biopiraterie“: Das Wissen indigener Völker stehlen und dann zu behaupten, man hätte es erfunden. Dabei hat man es nur geklaut.

Vandana Shiva: Leben kann man nicht besitzen

Utopia: Sie vergleichen das, was mit dem Saatgut passiert, in Ihrem Buch ja auch mit Kolonialismus.

Vandana Shiva: Ja, die Kolonialisierung hat Land als Besitz definiert und dieses Land eingenommen. Jetzt gründen die Unternehmen neue Kolonien, indem sie Saatgut zu Besitz machen. Bill Gates arbeitet am nächsten großen Schritt: Dass man nur noch ein einzelnes Gen verändern muss, um eine Pflanze zu patentieren. Dann wird es für Konzerne noch leichter, das Saatgut zu besitzen – und damit das Leben auf Erde. Ich nenne das „Bio-Imperialismus“. Das darf nicht sein. Wir dürfen Leben nicht als Material sehen, das man besitzen kann.

Weizenähre
Vandana Shiva: Durch Patente machen Konzerne Pflanzen zu Besitz. (Foto © Pixabay / Hans)

Utopia: Was können wir gegen Bio-Imperialismus tun?

Vandana Shiva: Wenn wir über Landwirtschaft sprechen: Lebe ohne Chemie. Arbeite mit der Natur, damit du nicht abhängig bist. Werde Gentechnik-frei und verteile Saatgut.

Und was noch wichtiger ist: Das globale System verändert sich jetzt. Konzerne haben Lebensmittel vergiftet und euch krank gemacht. Sie haben euch zu Menschen gemacht, die an Ausbeutung beteiligt sind: Weil die Bauern, die eure Bananen anbauen, fast nichts bekommen. Sie bekommen ein Prozent. Die Gewinne machen Walmart und Co.

Ihr möchtet in einer Art und Weise leben, die fair zur Erde und zu anderen Menschen ist? Dann müsst ihr euch umstellen und lokale Nahrungsmittel-Ökonomien wiederherstellen. Das ist der einzige Weg, um auch den Klimawandel und das Artensterben aufzuhalten. Der einzige Weg, unsere Gesundheit zu bewahren und noch wichtiger: Es ist der einzige Weg, unsere Freiheit zu bewahren.

„Wir  müssen Systeme mitgestalten“

Utopia: Was genau bedeutet das? Dass ich als Konsument*in darauf achte, wo meine Lebensmittel herkommen, ob sie regional, ökologisch und fair produziert sind?

Vandana Shiva: Es geht weiter als das. Wir sind keine Konsument*innen. Wir sind in erster Line Bürger*innen der Erde. Was wir also tun müssen, ist uns weg vom Konsum zu bewegen – und stattdessen zu Co-Produzent*innen der Erde werden. Wenn ich esse, sollte ich mir sicher sein, dass ich keine Bienen getötet habe. Ich sollte den Bauern/die Bäuerin so gut kennen, dass es mir egal ist, ob der Betrieb ein Zertifikat hat oder nicht. Oder die Gruppe, die die Milch von den Landwirt*innen holt und den Kohl vom Feld. Wir müssen Mitglieder von Erdgemeinschaften und Lebensmittel-Gemeinschaften werden. Uns nur zu informieren, ist nicht genug. Es gibt keine Abkürzung, wir müssen die Systeme mitgestalten.

Utopia: Aber wie macht man das, wenn man in einer Großstadt lebt? Man hat dort gar nicht die Möglichkeiten?

Vandana Shiva: Naja, du kannst zwei Dinge tun: Du kannst dich an einem Gemeinschaftsgarten beteiligen. Oder ein paar Pflanzen auf deinem Balkon haben. Damit beginnst du, etwas zu verändern.

Obst auf dem Balkon
Lebensmittel selber anpflanzen funktioniert auch in der Stadt. (Fotos: © piXuLariUm / stockadobe.com; Tommy Lee Walker / photocase.de)

Industrielle Landwirtschaft: Gute Propaganda – schlechte Wissenschaft

Utopia: Die Agrarkonzerne sagen, dass wir Pestizide und die industrielle Landwirtschaft brauchen, weil die Weltbevölkerung rasant wächst. Wie sehen Sie das?

Vandana Shiva: Die Massenproduktion ist im Grunde Betrug. Sie ist ein extrem ineffizientes Verfahren, um die Ressourcen der Erde zu nutzen. Düngemittel und Pestizide sollen den Ertrag steigern, zerstören aber den Boden, das Wasser und die Atmosphäre. Wenn die Böden reich an Organismen sind, ist die Produktion höher. Wenn man die Organismen mit Chemikalien tötet, nimmt die Lebensmittelproduktion ab. Wenn man das große Ganze betrachtet, ist ökologische Landwirtschaft effizienter.

Ein anderer Punkt: Die meisten Menschen, die hungern, sind selbst Landwirt*innen. Das sind Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FOA). Genmanipuliertes Soja, das die Landwirt*innen für Tierfutter oder Bio-Kraftstoffe produzieren, können sie nicht essen. Gleichzeitig geben sie viel Geld aus, um es anzubauen. Ich habe das in Indien gesehen. Sie verkaufen ihr Silber, leihen sich Geld für chemischen Dünger. Sie stecken in der Schuldenfalle. Das Narrativ, dass die industrielle Landwirtschaft der einzige Weg ist, die Welt zu ernähren, ist gute Propaganda – aber schlechte Wissenschaft.

Die Biotech-Industrie wünscht sich, dass Vandana Shiva verschwindet

Utopia: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sagen, das globale System versucht, die Natur, Frauen und den globalen Süden zu dominieren. Sie als Frau aus dem globalen Süden setzen sich für die Natur ein – und haben damit das System und mächtige Konzerne wie Monsanto gegen sich. Wie gehen sie mit dem Druck um?

Vandana Shiva: Die Unternehmen der Biotechnologie würden nicht nur gerne sehen, dass mir etwas passiert, sie wünschen sich, dass ich ganz verschwinde. Aber ich werde mit Landwirt*innen zusammenarbeiten, bis das Saatgut überall ist.

Wie ich mit dem Druck umgehe: Indem ich von der Natur und der ökologischen Landwirtschaft lerne. Es gibt ein inneres System: Ein Samenkorn – es ist winzig – wird eingepflanzt und zum Baum. Oder zu einer Haferpflanze oder zu Gerste. Das Korn weiß im Inneren, dass es eine Gerste ist, niemand muss ihm das sagen. Wenn wir unser Selbstbewusstsein aufrechterhalten, unsere innere Orientierung und unser Gewissen, dann kann uns keine Gewalt von einem äußeren patriarchalen System innerlich etwas anhaben.

Info**: Das Buch „Eine andere Welt ist möglich. Aufforderung zum zivilen Ungehorsam“ von Vandana Shiva (190 Seiten, Oekom, 20 Euro) gibt es direkt beim Verlag, bei Buch7, Thalia oder buecher.de. Der Verlag bietet auch eine Leseprobe an.

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