Attitude Behaviour Gap: Wieso wir bio wollen, aber billig kaufen

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Viele Deutsche geben an, nachhaltig(er) leben zu wollen. Doch nur wenige setzen ihre guten Vorsätze auch in die Tat um. Woran liegt das? Auf den Spuren der „Attitude Behaviour Gap“.

Nichts ist so verführerisch wie ein Schälchen Erdbeeren. Die leuchtend roten Früchte ziehen in der Obsttheke die Blicke auf sich. Ein Preisschild wirbt mit Sonderangebot: Nur 1,99 für 500 Gramm. Deutlich kleiner steht darunter das Herkunftsland. Die Früchte wurden aus Südamerika eingeflogen – hier ist noch nicht Erdbeerzeit. Bio sind sie auch nicht. Sehen aber lecker aus.

Nun heißt es: Stark bleiben. Den Einkaufswagen entschlossen zur Kasse schieben. Ein letzter, verzagter Blick zurück. Wäre es wirklich so schlimm? Erdbeeren sind doch gesund. Und einmal ist keinmal.

Szenen wie diese spielen sich täglich in etlichen Supermärkten ab. Denn Nachhaltigkeit ist vielen ein Anliegen – doch bei Sonderangeboten oder Schnäppchenpreisen vergessen wir unsere guten Vorsätze. Aber warum ist das so?

Attitude Behaviour Gap: Bio ist besser – doch wir kaufen es nicht

An guten Vorsätzen mangelt es den Deutschen nicht: Laut einer Studie des Hausgeräteherstellers Ritterwerk würden 60 Prozent lieber auf Wochen- und Biomärkten beziehungsweise auf dem Bauernhof einkaufen. 26 Prozent sagen, sie würden für Bio bis zu zehn Prozent mehr zahlen.

Doch die Realität sieht anders aus: Im europäischen Vergleich geben Deutsche eher wenig für Lebensmittel aus. 2018 kauften sie Nahrungsmittel großteils im Discounter.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Einigen Menschen gelingt es, ökologisch und umweltbewusst einzukaufen. Auch sind Bio-Produkte in den vergangenen Jahren beliebter geworden – immer mehr Discounter führen sie in ihrem Sortiment.

Der Umsatz der Bio-Branche in Deutschland ist 2018 um 5,5 Prozent gestiegen –  auf insgesamt 10,91 Mrd. Euro. Doch das ist vergleichsweise wenig: Für Lebensmittel gaben die Deutschen 2018 insgesamt 159,29 Mrd. Euro aus. Der Anteil von Bio liegt also nur bei etwa sieben Prozent. Das spiegelt nicht einmal annähernd das Interesse wider, das die Umfragen ermittelt haben.

Wenn wir gute Absichten nicht umsetzen

Den Unterschied zwischen grundsätzlicher Einstellung und tatsächlichem Verhalten beschreiben Verhaltensökonomen als „Attitude Behaviour Gap“.  Nachhaltig zu handeln ist eine gute Absicht. Doch schafft man es im Alltag oft nicht, sie umzusetzen. Und das nicht nur beim Einkauf von Lebensmitteln.

Dr. Silke Kleinhückelkotten vom ECOLOG-Institut für sozial-ökologische Forschung und Bildung hat die Attitude Behaviour Gap beim Kleiderkauf erforscht. Ihre Studie ergab: Ein Großteil der rund 2.000 Befragten empfand es als sehr wichtig, dass Kleidung nachhaltig (46 Prozent) und fair (47 Prozent) hergestellt wird. Auch war der Mehrheit der Befragten bekannt, dass Textilunternehmen ihre Arbeiter oft ausbeuten und umweltschädliche Chemikalien verwenden.

Ihr Kaufverhalten wollen sie zukünftig trotzdem nicht ändern. „Nur weil etwa 50 Prozent der Befragten sagen, dass ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist, heißt das nicht, dass diese Hälfte in Zukunft entsprechend handelt“, folgert Dr. Kleinhückelkotten im Gespräch mit Utopia.

Ist uns Umweltschutz zu anstrengend?

Plastikverpackungen haben großen Nachholbedarf im Bereich Recycling.
Die Deutschen recyceln im Schnitt 415 Kilogramm Wertstoffe pro Kopf und Jahr. (Foto: CC0 / Pixabay / blickpixel)

Heißt das, wir heucheln lediglich Interesse vor – die Umwelt ist uns aber eigentlich egal?

Nein. Laut einer Studie des Umweltbundesamts empfinden immer mehr Deutsche Umwelt- und Klimaschutz als wichtig. Zwei Drittel sehen sie als eine grundlegende Bedingung, um zukünftige Aufgaben zu bewältigen.

Dr. Kleinhückelkotten zufolge sind uns andere Dinge aber manchmal wichtiger. An ein Kleidungsstück stellen wir beispielsweise verschiedene Anforderungen: Idealerweise sollte es nachhaltig sein, aber für viele ist es wichtiger, dass es dem eigenen Modegeschmack entspricht. Und gleichzeitig muss das Teil bequem sein, oder sommerlich, oder beides.

Wer einkauft, wägt – bewusst oder unbewusst – ab: Je höher der Aufwand oder der Preis, desto unwahrscheinlicher, dass man die umweltfreundliche Alternative wählt. Deshalb recycelt der Durchschnitts-Deutsche immerhin 415 Kilogramm Wertstoffe pro Jahr (wenig Aufwand). Auch benutzen viele (billiges) recyceltes Toilettenpapier. Doch es gibt nur 83.175 zugelassene Elektro-Autos in Deutschland (von 64.800.000 Fahrzeugen) – denn eine Neuanschaffung ist teuer. Und nur 1,6 Prozent der Bevölkerung haben ihre Ernährung umgestellt und ernähren sich vegan.

Wissen wir nicht mehr, was nachhaltig ist?

Ein weitere mögliche Ursache für die Attitude Behaviour Gap: Unser Handel ist zu intransparent. Schaut man sich ein Produkt näher an, blickt man auf lange Zutatenlisten voller E-Nummern oder Wörter wie „Glycerinfettsäureester“.

Auch die vielen Siegel stiften Verwirrung. Immerhin gibt es allein in Deutschland mehr als 1000 verschiedene Kennzeichen und Label. Eine Studie der Verbraucherzentrale aus dem Jahr 2016 bewertete fast alle deutschen „Klima-Label“ als intransparent und wenig glaubwürdig. Meist handelt es sich um Eigenlabel einzelner Marken wie „Alpro Soya“ oder „Frosta“.  „Der Konsument muss erst mal ein Siegel-Diplom machen, bevor er einkaufen geht“, schimpft Dario Sarmadi von der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Dr. Kleinhückelkotten sieht das anders: „Dieses Argument wird teils vorgeschoben“, kritisiert die Expertin für Nachhaltigkeitsbewusstsein. Man könne sich sehr wohl informieren – die nötige Recherche sei vielen aber zu aufwändig.

Wirklich viel Zeit müssten Verbraucher eigentlich nicht investieren: Immerhin gibt es Apps wie Codecheck, die Inhaltsstoffe per Barcodescanner überprüfen. Auch kann man sich an ein paar seriösen Siegeln orientieren – auch im Textilbereich. Und bei Lebensmitteln ist „Bio“ ein geschützter Begriff. Das heißt: Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin.

Attitude-Behaviour-Gap überwinden: So handelst du nachhaltiger

attitude behavour gap einkaufen
Etabliere neue Einkaufsroutinen. So kannst du die Attitude Behaviour Gap überwinden. (Foto: Pixabay/ CC0/ Pexels)

Für viele ist Einkaufen Routine. Wir greifen zu Lebensmitteln, Haushaltswaren oder kaufen von bestimmten Modeketten, ohne lange darüber nachzudenken. Das spart Zeit und Nerven. Und trägt leider dazu bei, dass wir nachhaltige Optionen gar nicht erst wahrnehmen.

Um das zu ändern, musst du deine Routine aufbrechen. Sieh dir beim nächsten Supermarktbesuch alle Regale an. Merke dir, wo die Bio-Produkte stehen und orientiere dich an Nachhaltigkeits-Siegeln wie dem Blauen Engel,  einem Bio-Siegel oder dem Fairtrade-Siegel. Mit der Zeit fällt dir das immer leichter und du entwickelst neue Einkaufsgewohnheiten.

Vielleicht erledigst du deine Einkäufe auch schon in Unverpackt-Läden oder kaufst Obst und Gemüse nur saisonal. Das ist super, weiter so. Wenn du aber doch einmal zu den konventionellen Erdbeeren greifst – sei nicht frustriert. Das nächste Mal kannst du es besser machen. Sei lieber stolz auf das, was du schon geleistet hast. Jeder kleine Beitrag zum Klimaschutz zählt.

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(3) Kommentare

  1. Mitunter ist die Abwägung auch schwierig, selbst wenn man den finanziellen Aspekt ganz außen vor lässt. Lebt man z. Bsp. (wie ich) nicht in einer Großstadt und möchte sich mal ein neues Outfit (aktuell: Kommunionsfeier) leisten, kommt die Frage auf: In der Stadt einkaufen? Ja, denn ich unterstütze somit die örtl. Boutiquen/kleinen Einzelhändler, habe persönliche Beratung, die Kleidung passt und steht mir. Aber sicher ist sie weder fair noch bio produziert. Also bei einem fair+bio Versandhändler bestellen: Die Ware (falls man was entsprechendes findet) wird verpackt und versandt, die Größe passt evtl. nicht oder es steht mir einfach nicht, also zurückschicken und neu bestellen, oder gleich ein paar zur Auswahl und teilweise zurückschicken, womöglich passt aber nichts davon so richtig, und die örtl. Boutiquen profitieren auch nicht und würden dichtmachen (verwaiste Innenstadt?), wenn alle nur im Internet bestellen. Was ist jetzt im Endeffekt nachhaltiger oder besser?
    Anderes Beispiel: Nahrungsmittel. Der nächste Unverpacktladen ist 30 km entfernt, macht das wirklich Sinn, mit dem Auto dorthin zu fahren, um die paar Dosen Reis, Nudeln und Müsli zu kaufen, die ich benötige? Oder mit dem Zug, der wesentlich teuerer ist und überdies noch einen zusätzlichen Fußmarsch von mehreren Kilometern erfordert? Der nächste Bioladen ist 15 km entfernt, nur mit dem Auto (oder Fahrrad) erreichbar. Dorthin fahre ich öfters, aber bei größeren Einkäufen/Kühlwaren ist das mit dem Rad schon recht schwierig, zumals man auch nicht immer die Zeit/das Wetter/die Kraft hat, mal eben so mit dem Rad zu fahren (hin und zurück 30 km). Also Auto. Die örtlichen Supermärkte haben größtenteils aber nur das „normale“ EU-Bio Angebot, welches – gerade bei den tierischen Produkten – natürlich nicht den Kriterien der strengeren Verbände wie Demeter oder Bioland entspricht. Und meistens schön in Plastik verpackt und nicht so regional wie im Bioladen. So gilt es immer wieder, auf’s neue abzuwägen.

  2. Ich kann dem zustimmen, was ‚Petra M.‘ schreibt: Der finanzielle Aspekt bleibt immer außen vor.
    Bedenkt keiner, dass selbst wenn die Erkenntnis da ist, oftmals – und in Zukunft bestimmt noch häufiger – der finanzielle Background einfach nicht da ist?!
    Stichwort Ökostrom, der immer teurer wird, Bio-Lebensmittel-Reinigungsmittel,-Kosmetik etc. werde ich persönlich mir nach 10-15 Jahren Treue demnächst nicht mehr leisten können. Zum Einen weil es immer teurer wird (obwohl die Branche mehr Zulauf hat) und zum Anderen, weil sich die finanzielle Situation (m)eines Haushaltes drastisch verschlechtert hat und zukünftig nur marginal wieder bessern wird.
    Es steckt eine unschöne Arroganz/Überheblichkeit hinter dieser Art von Bericht – für mich ist das typisch politisch-grün, d.h. unterm Strich für einen großen Teil der Bevölkerung einfach nicht finanzierbar…

  3. Das mit dem finanziellen Aspekt ist so eine Sache. Ich würde es so formulieren: man braucht Geld. Oder Zeit. Die entsprechende körperliche Fitness vorausgesetzt.
    Bei uns in der Gemeinde gibt es einige öffentliche Obstbäume. Dort kann sich jeder Obst pflücken. Allerdings interessiert das fast niemanden. Auch in den Nachbargemeinden weiß ich öffentliche Obstbäume, an denen das Obst verfault. Hier kann man – vor allem auf dem Land – einmal beim örtlichen Bauhof nachfragen, ob es Obstbäume gibt. Wenn nicht, kann man sich für die Pflanzung einsetzen. Kostet halt Zeit… (siehe auch mundraub.org)
    Bei uns im Dorf gibt es einen Biobauern, der die Kartoffeln deutlich günstiger verkauft als der Bioladen weiter weg. Biomilch gibt es an einer Milchtankstelle gleich neben dem Kuhstall für 1 € pro Liter.
    Für Kleidung gibt es in der Nähe gelegentlich Tauschbörsen oder Flohmärkte.
    Oft ist nachhaltig also sogar billiger als Konventionell.
    Wahrscheinlich habe ich hier viel Glück mit meiner Umgebung. Man kann aber immer auch versuchen, seine Umgebung zu gestalten. Sofern man nicht ganz allein ist mit seinen Anliegen…

    Sehr gut finde ich in diesem Zusammenhang das Selfix Manifesto:
    http://www.selfix-manifesto.de/

    Klar gibt es oft die von Petra M. erwähnten Konflikte. Wenn zwei Alternativen ähnlich sinnvoll erscheinen, macht man es halt am besten mal so, mal so 🙂
    Das Outfit würde ich mir in der Stadt kaufen, der Unverpacktladen wäre mir zu weit weg, zum Biomarkt würde ich auch radeln, wenn das Wetter passt, und ansonsten Bio im Supermarkt ist ja eh schon vorbildlich. Klar gibt es immer noch eine Steigerung…

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