„Bauernbashing der übelsten Art“: Vegan-Plakat in Hamburger S-Bahn sorgt für Aufregung

Foto: CC0 Public Domain / Pixabay

In Hamburger S-Bahnen hängen zurzeit Plakate des Vereins „Vegetarische Initiative“. Sie zeigen ein Kalb in einem Käfig, der dazugehörige Text kritisiert die Tierhaltung der Milchindustrie. Beim Hamburger Bauernverband kommt die Aktion nicht gut an, auch eine Politikerin beschwerte sich.

Die Plakate sollen Mitgefühl erzeugen und Konsument*innen zum Umdenken bewegen – so beschreibt die „Vegetarische Initiative“ auf ihrer Webseite den Zweck ihrer Plakataktion. Auf den Plakaten ist ein schwarz-weißes Kalb zu sehen, das hinter Gitterstäben hervorschaut. „Wussten Sie …, dass für Milch und Käse Kälber sterben?“, steht dabei.

Das Plakat beschreibt außerdem einige Vorgänge in der industriellen Milchproduktion, über die sonst nur wenig gesprochen wird: „…dass ‚Milchkühe‘ nach vier Jahren ausgezehrt sind und im Anschluss an dieses ‚Leben‘ geschlachtet werden? … dass Mutter und Kälbchen nach der Geburt getrennt werden und einander noch tagelang verzweifelt rufen?“

„Das ist Bauernbashing der übelsten Art“

Das Plakat endet mit einer letzten Frage: „Was tun wir ihnen an?“. Noch den gesamten November über sollen die Plakate in den S-Bahnen Hamburgs hängen. Die Vegetarische Initiative ruft außerdem dazu auf, die Bilder auch in den sozialen Netzwerken zu teilen.

In Hamburg sorgten die Plakate bereits für Aufregung. Martin Lüdeke, Vorsitzender des Hamburger Bauernverbandes, kritisierte die Aktion gegenüber Bild.de: „Warum gibt die Deutsche Bahn solchen Behauptungen eine Bühne?”

Auf dem Plakat steht nämlich auch: „Männliche Kälber werden entweder sofort getötet oder zu ‚Kalbfleisch‘“. Dem widerspricht Lüdeke, der selbst Rinder züchtet. „Männliche Kälber werden frühestens nach acht Monaten geschlachtet.“ Auch die FDP-Politikerin Katarina Blume beschwerte sich über die Plakate: „Das ist Bauernbashing der übelsten Art! Ich erwarte von der Deutschen Bahn eine kritischere Vergabe ihrer Werbeflächen.“

Wird die Milchindustrie ungerecht behandelt?

„Bauernbashing“ – dieser Vorwurf fällt immer wieder, wenn Landwirt*innen sich gegen Kritik an ihrer Arbeitsweise wehren wollen. Vergangenes Jahr erlebten etwa ein Kinderbuch-Verlag und Süßwarenhersteller Katjes Shitstorms von Landwirt*innen. Der Bayerische Bauernband legte eine offizielle Beschwerde gegen einen Katjes-Werbespot ein, selbst Julia Klöckner schaltete sich ein.

Aber ist kritische Werbung oder ein Plakat wie das der Vegetarischen Initiative wirklich „Bashing“? Wird die Milchindustrie ungerecht behandelt? Tatsache ist, dass Milchkühe in industriellen Massenbetrieben von ihren Kälbern getrennt werden, sich meist kaum bewegen können und ihren Stall nie verlassen.

Milchkühe sind nach nur wenigen Jahren völlig ausgelaugt

Milchkuh
Milchkühe in industriellen Massenbetrieben können sich kaum bewegen. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - Wolfgang Ehrecke)

Ihre Lebensbedingungen sind oft so schlecht, dass die Tiere es nur einige Jahre darin aushalten. Einer Recherche des Bayerischen Rundfunks (BR) zufolge werden in Deutschland jedes Jahr rund 1,7 Millionen Milchkühe aus den Betrieben aussortiert. Sie sind krank, verletzt oder geben nicht mehr genug Milch ab. Damit sind sie für die Milchproduktion wertlos und werden geschlachtet oder in der Tierkörperverwertung entsorgt. Früher sind Milchkühe laut dem BR 15 bis 20 Jahre alt geworden, heute nur noch fünf bis sechs Jahre alt.

Wieso also soll die Deutsche Bahn ein Plakat mit Kritik an der Milchindustrie nicht zeigen? Joghurt-Werbungen mit glücklichen Milchkühen werden immerhin auch veröffentlicht – ihre Bilder sind deutlich unrealistischer als das auf dem Plakat der Vegetarischen Initiative.

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(3) Kommentare

  1. Bauern-Bashing? Na und? Was der Bauernverband betreibt ist Green-Washing. Außerdem werden keine Bauern „gebasht“ sondern die industrielle Landwirtschaft.
    Allerdings trägt aus meiner Sicht auch der Konsument einen Großteil der Verantwortung für die Zustände in der Landwirtschaft. Gekauft wird was billig ist, ohne Rücksicht auf Verluste. In einer Demokratie ist der Wähler mitverantwortlich und bestimmt auch mit seinem Konsumverhalten die Politik mit. Also, wenn wir etwas ändern wollen, lasst uns einfach intelligent und umweltverträglich, tierfreundlich und sozial verantwortlich konsumieren. Eine Demokratie setzt informierte, mündige und emphatische Bürger voraus um wirklich gut zu funktionieren. Aus meiner Sicht trifft das nur auf einen Bruchteil der Wählerschaft zu.

  2. Die Konsument*innen sind die Auftraggeber*innen aller Tierqualindustrien. Letztere sind „nur“ die Exekutiven. Weder die Einen noch die Anderen unterscheiden sich in ihrem moralischen Handeln: beide sind für unsägliche Verbrechen an jährlich Abermillionen-/milliarden nichtmenschlichen Tieren (Deutschland: 900 Millionen / weltweit: 75-80 Milliarden / aus Gewässern: 2.500-3.500 Milliarden) verantwortlich. Infolge Welthunger (Jahr für Jahr beinahe 1 Milliarden hungernde / 15-20 Millionen verhungerte Menschen), Zerstörung der Regenwälder, Klimakrise-/katastrophe, Insekten-, Vogel-, Artensterben, Pandemien, Verbreitung antibiotikaresistenter Keime, Verseuchung der Grundwässer und Böden mit Gülle, Nitrat, Pestiziden und weiteren Toxinen, usw. usf…. wie bekannt, primäre Ursache/Verursacher für alle katastrophalen Folgen: „Produktion“/Konsum von Tierqual„produkten“ / Tierqualindustrien und deren Auftraggeber*innen!

  3. Konsument*innen sind NICHT die Auftraggeber*innen aller Tierqualindustrien.
    Die Industrie füttert uns durch Werbung und 50% Müll-Ausschuss.
    Gesetze bestimmen wo es langgeht.
    Also wählt anders!

    Natürliche Lebenserwartung von Tieren – und NUTZTIEREN o_O
    http://www.tierschutz-erkrath.de/index.php/tierschutz/aktuelles-zum-tierschutz/44-gesetze-fuer-tiere/leben-ohne-tierleid/145-natuerliche-lebenserwartung-von-tieren

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