Biobaumwolle zu Discounter-Preisen – mehr Schein als Sein?

Billige Biobaumwolle?
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C&A und H&M bieten Shirts und Hosen aus Biobaumwolle genauso billig an wie den Rest des Sortiments. Aber ist das wirklich bio? Wird da lasch geprüft, gepanscht – oder einfach querfinanziert, weil öko im Trend liegt?

Bunte Kindershirts für 4,50 Euro, Babykleider mit bunten Schmetterling-Prints für 9 Euro, lustig bedruckte Jeans-Latzhosen für 15 Euro – Biobaumwolle bei großen Ketten wie C&A ist heute unschlagbar billig. Und scheint im Trend zu liegen: Unter dem schlichten Slogan „Nachhaltigkeit“ bewirbt C&A grade seine supergünstige Kinder-Frühjahrskollektion. Doch Biobaumwolle zu Discounter-Preisen – geht das eigentlich? Wie „bio“ ist das wirklich, besonders angesichts immer weniger Biobaumwolle auf dem Weltmarkt?

Biobaumwolle: für C&A und H&M sehr wichtig

Die Palette an T-Shirts, Unterwäsche und Hosen aus Biobaumwolle in den großen Textilketten ist mittlerweile riesig. C&A, eins der führenden Unternehmen auf dem Biobaumwoll-Sektor, hat allein über 110 Millionen Produkte aus Biobaumwolle im Jahr 2013 verkauft, das ist mehr als ein Drittel des C&A-Umsatzes mit Baumwolle. Dieses Jahr will das Unternehmen sogar 155 Millionen Teile verkaufen. Der schwedische Textilgigant H&M ist laut der NGO Textile Exchange sogar der weltweit größte Verbraucher von Bio-Baumwolle. Über 13 Prozent des Baumwollangebots von H&M waren im letzten Jahr „bio“.

Und beide Firmen haben große Ziele: Bis 2020 wollen sowohl H&M als auch C&A nur noch nachhaltige Baumwolle anbieten. Im krassen Gegensatz dazu steht der verschwindend geringe Anteil von Biobaumwolle auf dem Weltmarkt: Weniger als ein Prozent der Baumwolle wird biologisch angebaut. Und statt zu wachsen, sinkt das Angebot in den letzten Jahren. Wird da also gepanscht, mit laschen Kriterien zertifiziert, querfinanziert – oder einfach hart kalkuliert?

„Biobaumwolle ist bei uns immer 100 Prozent Biobaumwolle – wir mischen da gar nichts“, sagt Thorsten Rolfes, Leiter Kommunikation von C&A Europa. „Wir halten den Preis bewusst niedrig: Biobaumwolle soll bei uns nicht teurer sein als konventionelle Baumwollprodukte, damit es für alle erschwinglich bleibt. Wir finanzieren den billigen Preis vor allem über das große Volumen und nehmen geringere Margen in Kauf, die wir beim Schlussverkauf wieder reinholen – da wird bei Biobaumwolle weniger reduziert.“

Biobaumwolle ist nicht gleich Biobaumwolle

Allerdings arbeitet C&A mit weniger strengen Siegeln, als dies kleine Ökopionier-Labels tun. Achtzig Prozent des Baumwollsortiments sind nur nach den Kriterien des Organic Content Standard (OCS) zertifiziert. Der OCS kontrolliert nur den Anteil biologischer Fasern in den Produkten, berücksichtigt aber keine Produktionsprozesse, Chemikalien oder soziale Kriterien.

Nur zwanzig Prozent sind nach den strengen GOTS-Richtlinien (Global Organic Textile Standard) geprüft, die konsequent ökologische und sozial verträgliche Textilien entlang der gesamten textilen Kette garantieren. Bei GOTS kann man guten Gewissens zugreifen: umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien sind verboten, mindestens 70 Prozent der Fasern stammen aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft, garantiert keine Gentechnik, dafür Abwasseraufbereitung und bessere Arbeitsbedingungen.

Und beim Doppelpack Bio-Babybodys für 9,90 Euro von H&M – ist da wirklich bio drin? Wenn ein grünes Schildchen mit der Aufschrift „Conscious“ dranhängt, dann ist es entweder wirklich bio oder recycelte Baumwolle, so H&M. Den günstigen Preis ermöglicht H&M dank effizienter Logistik, Marktkenntnis, langjährigen Lieferanten-Beziehungen – und auch, indem sie auf Marge verzichten: „Wir sind bereit, mehr für Biobaumwolle zu bezahlen, weil sie ohne chemische Pestizide und Kunstdünger angebaut wird und keine gentechnisch veränderten Organismen enthält. Das ist eine positive Nachricht für die Landwirte, die Umwelt und für den Kunden,“ sagt Anna-Kathrin Bünger, Sprecherin von H&M Deutschland.

Recyclingbaumwolle

Klingt gut – trifft allerdings nur auf 13 Prozent der Baumwoll-Klamotten bei H&M zu. Um den Anteil nachhaltiger Baumwolle zu erhöhen, nutzt H&M auch Recyclingbaumwolle und „Better Cotton“. Dahinter steckt die „Better Cotton Initiative“ (BCI). Die wirtschaftsnahe Initiative will durchaus die Umwelt schonen, den Baumwollfarmern ein besseres Auskommen sichern – und ihre Baumwolle auf dem Weltmarkt etablieren. Allerdings ist „besser“ noch nicht gut: Die BCI-Kriterien sind längst nicht so streng wie jene unabhängiger Ökosiegel wie etwa GOTS.

Zwar schreibt BCI einen nachhaltigen Umgang mit Wasser und Böden und reduzierte Agrarchemikalien vor. Tatsächlich enthält „Better Cotton“ aber vor allem konventionelle Baumwolle und Gentechnik ist erlaubt. Immerhin entfaltet BCI eine enorme Breitenwirkung: Bereits 220.000 Farmer wurden eigenen Angaben zufolge nach BCI-Standards geschult, bis 2015 sollen eine Million Baumwollbauern mitmachen – und etablieren so eine immerhin umweltverträglichere Baumwollproduktion. Die Kehrseite allerdings benennt Kirsten Brodde, Textilexpertin von Greenpeace: „Laschere Labels wie die Better Cotton Initiative verwässern den Biobaumwoll-Markt. Wenn sich ‚bio light‘ am Markt durchsetzt, wird es für die reine Biobaumwolle schwerer, sich zu etablieren.“

Doch das wäre nötig, denn die Baumwollproduktion ist eine der größten und umweltschädlichsten Landwirtschaftszweige weltweit.

Wie Baumwolle die Umwelt belastet

Baumwolle ist die weltweit am häufigsten angebaute nicht essbare Pflanze. Der Wasserverbrauch ist enorm: Die Produktion von einem Kilo Baumwolle braucht 11.000 Liter Wasser. Der einst riesige Aralsee trocknet vor allem wegen der Bewässerung der riesigen Baumwollfelder in der Region aus. Giftige Pestizide und künstliche Düngemittel vergiften das Grundwasser in den Anbaugebieten von Usbekistan bis Indien. Und fast die Hälfte der angebauten Baumwolle ist inzwischen gentechnisch verändert.

Der zertifizierte Anbau von Biobaumwolle zeigt dagegen, wie es auch gehen kann: Keine Pestizide, kein Einsatz von künstlichen Düngemitteln, keine Gentechnik. Tröpfchen- und Regenbewässerung sparen bis zu 60 Prozent Wasser. Und das eingesetzte Wasser bleibt sauberer, einfach weil Pestizide und künstliche Düngemittel wegfallen. Davon profitieren nicht nur Fische in Seen und Flüssen, sondern auch die Bauern und Gemeinden vor Ort, die mit weniger Gift hantieren und saubereres Wasser zu trinken haben.

Die Kleinbauern im Blick hat auch C&A – und fördert damit nebenbei den Anbau von Biobaumwolle, die das Unternehmen dringend braucht. Mit Hilfe der C&A Foundation hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits 60 000 kleine indische Baumwollfarmer im Bio-Anbau unterstützt und ausgebildet, höhere Gewinnbeteiligung ermöglicht und mit gentechnikfreiem Saatgut versorgt. Immerhin drei Viertel der Biobaumwolle im Angebot von C&A stammen von diesen unterstützten Bauern.

H&M setzt dagegen zunehmend auf Recycling: In jedem H&M-Shop kann man inzwischen alte Kleidung – egal ob von H&M oder anderswo – abgeben und kriegt dafür 15 Prozent Rabatt auf den nächsten Einkauf (siehe Beitrag: Altkleider gegen Gutschein). Je nach Zustand bekommen die alten Klamotten ein neues Leben als Secondhand-Kleidung, Putzlappen, Dämmstoffe oder werden zu neuen Garnen versponnen. Nur der ganz kaputte Rest wird zur Energiegewinnung genutzt.

Mit diesem Recycling schützt H&M wertvolle Ressourcen – denn noch immer landen drei von vier Teilen auf dem Müll. Da kommen ganze Berge zusammen: Immerhin 5,8 Millionen Tonnen Kleidung werden in Europa jährlich entsorgt. H&M verwertet die wiedergewonnenen Fasern zum Teil in den Jeans der „Conscious“-Kollection. Zwanzig Prozent recycelte Baumwolle enthalten die Jeans – mehr sei derzeit bei gleichbleibender Qualität nicht möglich, so H&M. „Unser Ziel ist es, dies auszuweiten und einen geschlossenen Textilkreislauf herzustellen,“ so Bünger.

Was C&A und H&M für nachhaltige Baumwolle tun

Bleibt also festzuhalten: C&A und H&M tun eine ganze Menge, um nachhaltige Baumwolle aus der Nische in die Masse zu tragen – sei es über streng oder weniger streng zertifizierte Baumwolle, Recycling oder die Förderung von Biobaumwoll-Kleinbauern. Mit ihrer Marktmacht schaffen sie, Bio-Klamotten zum billigen Massenprodukt zu machen. Dass dafür Abstriche an der Bio-Qualität gemacht werden, ist nicht weiter verwunderlich – schließlich haben wir es hier mit Wirtschaftsunternehmen und nicht mit NGOs mit Weltverbesserungsauftrag zu tun.

Aber: Billige Massenware regt auch zum schnellen Massenkonsum an. Damit wird auch das Bio-Kinderkleid Teil der Ex-und-Hopp-Kultur – und die ist eben nicht nachhaltig. Noch besser wäre ein schlauer Kleidungs-Mix aus Secondhand, leihen, tauschen, weitergeben – und selten mal einem neuen Teil. Das kann dann aber auch was kosten – und von einem wirklichen Bio-Label wie Armed Angels oder recolution stammen.

Carolin Wahnbaeck/aw

Baumwoll-Pioniere finden: Die besten Modelabels für faire Mode

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(7) Kommentare

  1. Das unfaire an der Sache ist, dass so große Konzerne für den kleinen Anteil an Biobaumwolle leichter die Marge senken können, da sie ja mit dem konventionellen Sortiment genug verdienen. Reine Biounternehmen wie wir können das nicht, weil wir sonst an keinem Artikel mehr etwas verdienen und ganz schnell Pleite machen. Damit vermiesen die großen Mischkonzerne den kleinen Biofirmen die Preise. Und solange der Konsument dies nicht versteht, sind wir immer in der Preisdiskussion.
    Vielen Dank für die Klarstellung in diesem Artikel.
    http://www.bavarian-boys-and-girls.de

  2. Es gibt auch Verbraucher, die das verstehen, allerdings trotzdem bei C&A ein kleines Zeichen setzen, weil sie sich ein großes Zeichen (bei einem reinen fair-sozial-ökologischen Unternehmen) nicht leisten können. Das hat manchmal nichts mehr mit Prioriätensetzung zu tun, wenn man z.B. SGBII leben muss, sich aber so kleiden will, dass man zwar etwas für den Planeten tut, aber nicht total abgerissen daher kommen will (zweiter Teil der Taktik ist dann auch „Bis-Es-Mir-Vom-Leib-Fällt“-Mentalität, as opposed to „Wegwerf“-Mentalität).

  3. Verständnisfrage: wie kann den Baumwolle bio sein, wenn der Einsatz von Pestiziden nicht überprüft wird? Ist das nicht DAS Kriterium überhaupt?

    Mir ist ausserdem aufgefallen, dass in C&A Kleidung das bio cotton immer nur durch ein angetagtes Schild gekennzeichnet ist – nicht aber im Label im Kleidungsstück selbst. Das ist für mich nicht besonders Vertrauen erweckend.

  4. Die Baumwolle in Ägypten wird schon seit Jahrzehnten ökologisch angebaut, weil dort mal ein schlauer Kopf gesagt hat: wenn Wir so weiter machen, wie bisher („konventionell“), können wir uns den Anbau von Baumwolle bald nicht mehr leisten. Das ist doch mal eine Aussage!
    Deshalb haben sie komplett umgestellt und ich würde sagen, die Baumwoll aus Ägypten ist die Beste der Welt. Während T-Shirts neueren Datums bei mir schon langsam den Geist aufgeben, sind die – wirklich häufig getragenen – aus Ägypten noch immer Hervorragend!

  5. Wie siehts denn mit den Arbeitsbedingungen der Näherinnen bei den Bio-Gewändern von C&A und H&M aus? Ist das in den Bio-Richtlinien auch irgendwie festgehalten?

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