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Flaschen aus Papier: Ist Coca-Cola jetzt plötzlich umweltfreundlich?

In Ungarn testet Coca-Cola den Prototyp der Papierflasche mit dem Getränk AdeZ
Foto: © Coca-Cola

Eine Flasche aus Papier – das ist die neueste Innovation von Coca-Cola. Ist die Flasche wirklich eine nachhaltige Alternative zur Plastikflasche? Unsere Autorin ist der Sache auf den Grund gegangen.

Am 11.02.2021 veröffentlicht Coca-Cola eine Pressemitteilung: „Coca-Cola Europa will ersten Prototyp einer Papierflasche testen“. Klingt im ersten Moment nach einer guten Sache: kein Plastik, dafür Papier, denke ich mir. Das könnte bedeuten, es gäbe dann weniger Plastikflaschen im Meer, niemand muss sich mehr Gedanken um die Entsorgung machen. Klasse! Aber ist dem so? Wie nachhaltig ist diese Flasche aus Papier wirklich? Dem will ich nachgehen. Meine Recherchen zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, diese Fragen zu beantworten.

Das sagt Coca-Cola zur Papierflasche

Die Papierflasche wird von Coca-Cola in Zusammenarbeit mit Paboco (Paperbottlecompany) entworfen und hergestellt. Paboco sitzt in der Nähe von Kopenhagen und wurde 2019 gegründet. Zunächst wende ich mich an dieses Unternehmen, um Informationen zu Materialien, Zusammensetzung und Herkunft der Rohstoffe zu erhalten. Leider bekomme ich als Rückmeldung nur, dass Paboco mir keine Auskunft geben kann.

Deswegen wende ich mich an Coca-Cola und erhalte folgende Informationen:

  • Die Papierflasche ist ein Prototyp – erst einmal geht es darum, diese Verpackungsart auf dem Markt zu testen, um herauszufinden, wie Menschen auf das neue Verpackungsformat reagieren, wie die Flasche aussehen wird, wie sie sich anfühlt und wie sie funktioniert.
  • Der Prototyp ist zu 100 % recycelbar, besteht aus 10 Gramm Papier und einer Kunststoffauskleidung aus 100% recyceltem PET, der Verschluss besteht aus HDPE (High Density Polyethylen).
  • Der Prototyp befinde sich noch in der Entwicklung und es sei das klare Ziel von Coca-Cola die Kunststoffauskleidung und den Verschluss zu entfernen und eine Flasche zu produzieren, die als Papier recycelbar ist – daran arbeite momentan Paboco.
  • Die Papierflasche besteht aus FSC-zertifizierten Ressourcen.
  • Coca-Cola möchte nach eigener Aussage immer weiter an den Verpackungen arbeiten – sowohl an den alten als auch an den neuen – , diese verbessern und Alternativen suchen.
Coca-Cola mit Papierflasche plötzlich öko?
Laut Coca-Cola ist sowohl der Kunststoff als auch das Papier der Flasche recycelbar (Foto: CCO Public Domain / Pixabay - Michael Schwarzenberger)

Soweit klingt alles noch ganz gut. Um eine unabhängige Einschätzung zu bekommen, wie Coca-Cola zu Nachhaltigkeit steht und warum der Konzern den Anschein macht ökologisch zu werden, spreche ich mit Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Er erklärt mir, es sei zunächst wichtig zu verstehen, dass Coca-Cola ein Konzern mit Sitz in Atlanta in den USA ist; dort gibt es nur Einwegflaschen. Das Unternehmen setzt auf zentrale Abfüllstrukturen und liefert die Getränke deutschlandweit, aber auch international über weite Transportentfernungen. „Alles dreht sich um möglichst wenige und zentral gelegene Abfüllstandorte sowie einheitliche Verpackungen. Dabei wird auf Einweg gesetzt. Regionale Mehrwegflaschen passen nicht in das Schema“, sagt Fischer.

In Deutschland haben wir jedoch noch das weltweit größte Mehrwegsystem für Getränkeverpackungen und das kann auch ein Unternehmen wie Coca-Cola nicht ignorieren. Deshalb bietet der Brausekonzern in Deutschland Mehrwegflaschen an.

Der Konzern bestreitet auf Nachfrage, dass er Einweg bevorzuge: Man produziere lokal und setze auf einen Verpackungsmix. „An allein 11 unserer Standorten in Deutschland werden verschiedene Mehrweggebinde abgefüllt. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen vier Jahren mehr als 250 Millionen Euro in Mehrweg investiert“. Das Unternehmen setze sich „grundsätzlich“ weltweit für die Einführung von Pfand- und Sammelsystemen ein.

Pappflasche: Einweg statt Mehrweg?

Unter Berücksichtigung dieses Wissens vermutet Fischer von der DUH vor allem zwei Gründe für den Einsatz einer Pappflasche: Zum einen wird so Einwegplastik durch ein Material ersetzt, welches ein umweltfreundliches Image hat. Denn Papier wird aus nachwachsenden und biologisch abbaubaren Rohstoffen hergestellt und hat dadurch bei Verbraucher:innen einen guten Ruf. Coca-Cola hofft so, bei Einweg bleiben zu können, glaubt Fischer.

Zum anderen wäre eine Pappflasche nach der jetzigen Gesetzgebung pfandfrei. Somit könnte der Konzern die Flaschen verkaufen, bekommt aber keine mehr zurück und muss so keine Verantwortung für den Müll übernehmen.

Mehr dazu: Statt Plastik: Sind Verpackungen aus Papier oder Karton wirklich besser?

verpackung papier karton plastik
Verpackungen aus Papier sind nicht automatisch besser als welche aus Plastik (Foto: © petunyia - Fotolia.com, CC0/ Pixabay/ Stevepb)

Auch dazu bitte ich Coca-Cola zu einer Stellungnahme. Als Antwort bekomme ich, dass die Papierflasche als potenzielle Ergänzung hinzukommen und nicht als Ersatz für die Nutzung von PET-Kunststoff dienen soll. Alle 2000 Flaschen des Prototyps, den Coca-Cola testweise in Ungarn einsetzt, will der Konzern zurück nehmen und dafür sorgen, dass die genutzten Materialien in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden.  

So wird das Plastik recycelt

Wie Coca-Cola dann die Flasche recyceln wird, weiß ich nicht. Sie ist bisher ja auch ein sehr hypothetisches Projekt. Aber dennoch möchte ich wissen, wie recyclingfähig die Flasche ist, so wie sie momentan geplant ist – also eine Verbundverpackung aus Papier und Plastik. Da ich keine Expertin für Recycling bin, wende ich mich an das Öko-Institut und spreche mit Dr. Johannes Betz, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Ressourcen und Mobilität. Er kann zwar keine genaue Einschätzung zur Flasche geben, mir meine Fragen aber allgemein beantworten:

Sowohl PET als auch HDPE sind generell recyclingfähig. Die Einwegflaschen werden nach dem Gebrauch im Idealfall wieder zum Geschäft zurückgebracht und üblicherweise recycelt – also geschreddert und im besten Fall wieder zu Getränkeflaschen verarbeitet. Flaschen im gelben Sack werden auch recycelt, aber zu einem geringeren Prozentsatz, weil es da aus technischen Gründen zu Problemen kommen kann (Sortierung, Materialzusammensetzung, Verschmutzungsgrad).

So sieht ein Ballen von PET-Flaschen vor dem PET-Recycling aus.
So sieht ein Ballen von PET-Flaschen vor dem Recycling aus. (Foto: CC0 / Pixabay / Hans)

Rein theoretisch kann also das Plastik recycelt werden. Jedoch ist bei einer Verbundverpackung das Recycling nicht mehr so leicht: „Um recycelbar zu sein, muss das Plastik vom Papier getrennt werden. Die Trennung ist je nach Zusammensetzung der Verpackung schwierig“, sagt Betz vom Öko-Institut. Die Verpackungen kommen dafür in einen so genannten Pulper; der löst die Fasern aus dem Verbund und trennt sie vom Plastik. Hier können Verluste auftreten. „In diesem Prozess wird der Papieranteil zu einem relativ hohen Anteil recycelt. Der Plastikanteil geht dabei meist vollständig verloren, denn eine Auftrennung ist selten ökonomisch sinnvoll“, so Betz.

Mit diesem Argument konfrontiere ich Coca-Cola. Mir wird mitgeteilt, dass alle Flaschen aus dem Testlauf wieder zurück genommen würden, es sich erstmal nur um einen Prototypen handele und die Recyclingfähigkeit der Verpackung immer weiter entwickelt würde.

Doch Fischer von der DUH geht davon aus, dass, wenn es die Flasche im Handel zu kaufen geben würde, es die meisten Flaschen gar nicht bis in die Recyclinganlage schaffen, sondern in der Umwelt landen würden. Denn die Pappflasche müsste nach der jetzigen Gesetzgebung pfandfrei sein – was dazu führen könnte, dass viele Flaschen, ähnlich wie Coffee-to-go-Becher, irgendwo liegen bleiben.

Für die Pappflasche werden Bäume abgeholzt werden

Ebenfalls ein entscheidender Faktor, warum die Flasche allem Anschein nach nicht ganz so nachhaltig ist wie gedacht, ist das Problem mit dem Papier an sich: „In den Pappflaschen werden mit großer Sicherheit keine Recyclingfasern aus der Papiertonne eingesetzt,“ so Fischer. Denn dort kommen auch mineralölbasierte Druckfarben vor, die nicht mit Lebensmitteln in Berührung kommen sollten. „Für die Pappflasche werden also Bäume abgeholzt werden.

Das dem so ist, bestreitet Coca-Cola nicht. Der Konzern erwähnt auf Nachfrage, dass man Papier aus FSC-zertifizierten Quellen verwende.

Mehr dazu: Nachhaltige Forstwirtschaft: Das steckt dahinter

nachhaltige forstwirtschaft
Nachhaltige Forstwirtschaft kann Klimaschutz sein. (Foto: CC0/pixabay/Valiphotos)

Aber: „Auch die Herstellung von Pappe ist nicht umweltfreundlich. Die Produktion erfordert den Einsatz von viel Energie, Wasser und Chemikalien, wie beispielsweise Natronlauge“, sagt Fischer weiter.

„Diese Verpackung ist reines Greenwashing“

Nach diesen Aussagen drängt sich mir noch eine Frage auf, denn Coca-Cola hatte mir ja geschrieben, dass die Flasche bereits jetzt zu 100 Prozent recycelbar sei. Wie kommt das? Diese Frage beantwortet Fischer wie folgt: „Sprüche kann man ja auch theoretisch formulieren. Denn alles ist recycelbar mit einem entsprechenden Aufwand, der betrieben wird“. Und kommt somit zum Fazit: „Diese Verpackung ist reines Greenwashing und ein weiterer Versuch Einwegverpackungen zu legitimieren. Mit dieser Wegwerfverpackung werden die Verbraucher hinters Licht geführt, indem man ihnen vorgaukelt, dass Pappe besonders umweltfreundlich ist. Dabei wären regionale Mehrwegflaschen die umweltfreundliche Lösung.“.

Aus meiner Recherche nehme ich also mit: Rein theoretisch kann die aktuelle Ausführung der Papierflasche schon jetzt recycelt werden, mit dem nötigen Aufwand. In der Praxis ist das aber unwahrscheinlich. Wenn es Coca-Cola allerdings gelingen würde, eine Flasche komplett aus Papier herzustellen, wäre das tatsächlich ein Durchbruch und Kund:innen müssten sich nicht mehr um die Entsorgung von Plastik sorgen. Zumal der Konzern wahrscheinlich die finanziellen Mittel dafür hätte, um so eine Innovation voranzubringen. Dennoch würden auch dann für jede Flasche Bäume abholzt werden und für die Herstellung viel Energie und Chemikalien verbraucht werden.

Mir fällt auf, dass Coca-Cola immer wieder betont, dass es sich bei dieser Flasche ja nur um einen Prototypen handelt und in Zukunft eben nur noch mehr verbessert werden muss, um dann irgendwann die perfekte Flasche auf den Markt zu bringen. Es wirkt, als wolle Coca-Cola sich dahinter verstecken, um noch keine konkreten Angaben machen zu müssen.

So wie die Flasche momentan präsentiert wird, wird es sich bei dieser Flasche aller Wahrscheinlichkeit nach um eine kurzlebige Einwegverpackung ohne Pfand, also um eine Wegwerfverpackung handeln. Und das sollte nicht die Zukunft sein. Denn wir sollten alle dafür sorgen, dass wir Ressourcen sparen und somit die Umwelt schonen.

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