Nachhaltige Wolle: Das musst du wissen

Wolle Ratgeber
Fotos: © puhimec - Fotolia.com; CC0 Public Domain / Unsplash - sam carter

Schafwolle zu Kleidung zu verarbeiten hat eine lange Tradition – doch wie nachhaltig ist das Material Wolle und worauf kann man beim Kauf achten? Über die vielfältigen Eigenschaften von Wolle, das umstrittene Mulesing und wichtige Zertifizierungen.

Seit mehr als 10.000 Jahren verarbeitet der Mensch Wolle zu wärmender Kleidung. Wolle war lange ein kostbares Material, das sich nur vermögende Menschen leisten konnten. Heutzutage wird Schafwolle in großem Stil vor allem aus Neuseeland und Australien importiert.

Jährlich produzieren laut der International Wool Textile Organisation (IWTO) mehr als eine Milliarde Schafe weltweit mehr als eine Million Kilogramm Wolle.

Wolle – ein tierisches Produkt

Wolle wird aus dem Fell von Schafen oder Lämmern gewonnen, indem dieses mindestens einmal jährlich geschoren oder ausgekämmt wird (meist im Frühsommer). Die Qualität von Schafwolle orientiert sich an den Körperregionen des Tieres. Die hochwertigste Wolle stammt von den Seiten, dem Rücken und den seitlichen Halspartien der Schafe.

Man unterscheidet zwischen:

  • Reiner Schurwolle: vom gesunden, lebenden Schaf, keine recycelte Wolle
  • Reißwolle: weniger hochwertig als Schurwolle; wird aus Halb- und Fertigprodukten durch Reißen gewonnen
  • Sterblingswolle: Wolle von verendeten Schafen
  • Lambswool: erste Schur der Lämme
nachhaltige Wolle Schafe auf der Weide
Schafe sind Weidetiere und brauchen Platz (Foto: Pixabay, CCO Public Domain)

Schafrassen werden nach Charakter der Wolle unterteilt. Merinowolle von den Merinoschafen etwa ist eine besonders feine Schafwollqualität, die daher oft für Unterwäsche und Sportkleidung verwendet wird. Die Wolle von europäischen und deutschen Schafen wird auf Grund ihrer gröberen Struktur meist eher für Jacken, Decken und Bettwaren verwendet.

Weitere Tierhaare:

Auch die Haare vieler anderer Tierarten nutzen wir, um daraus Kleidung herzustellen. Kamel, Yak, Alpaka und Kaschmir etwa gehören zur Gruppe der Edelhaare – sie werden nur zu einem sehr geringen Anteil weltweit gehandelt. Dementsprechend hoch ist der Preis etwa für einen echten Kaschmir-Pulli.

Edelhaarprodukte fassen sich sehr fein, weich und leicht an. Im Gegensatz zu Schurwolle sind Edelhaare, wie der Name vorwegnimmt, optisch edler und eleganter.

Schafwolle hat einzigartige Eigenschaften

Das tierische Naturprodukt Wolle besteht wie alle tierischen Fasern aus Keratin: Das sind Proteine, die auch in menschlichen Haaren, Haut und Nägeln sind.

Wolle wird vor allem wegen ihrer vielfältigen Eigenschaften geschätzt:

  • Je nach Außentemperatur wärmt sie entweder oder hält kühl.
  • Wolle ist atmungsaktiv und kann Feuchtigkeit aufnehmen (bis zu 35 Prozent vom eigenen Gewicht, ohne dass sie sich feucht anfühlt). Sie ist daher optimal geeignet für Sportbekleidung.
  • Sie ist elastisch und dehnbar.
  • Wolle bindet unangenehme Gerüche..
  • Durch das Wollwachs (auch „Wollfett“) Lanolin ist die Wolle wasser- und schmutzabweisend (bei den Schafen verhindert Lanolin, dass sie durchnässen).
  • Wolle ist schwer entflammbar.
Wolle Wollknäuel
Wolle besitzt einzigartige Eigenschaften (Foto: Unsplash / Kelly Sikkema, CCO Public Domain)

Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) spricht von Wolle sogar als einer „Klimaanlage“ für den Körper, da sie das „hautnahe Klima des Menschen optimal reguliert“.

Wolle wird vielseitig eingesetzt: nicht nur in der Kleidung, sondern auch für Bettwäsche, Outdoor-Produkte, Einrichtung wie etwa für Teppiche oder im Hausbau zur Dämmung.

Nachhaltige Wolle: Zertifizierungen und Kriterien

Die Naturfaser Wolle wird in der industriellen Verarbeitung häufig mit Chemikalien behandelt, damit sie mit den Materialeigenschaften synthetischer Materialien mithalten kann. So werden etwa vorbeugend gegen Motten bestimmte Fraßgifte in das Material eingebracht und für eine leichtere Pflege werden die Naturfasern mit Kunstharzen überzogen – doch dies verringert die natürliche Selbstreinigungsfähigkeit von Wolle.

Verschiedene Kriterien und Zertifizierungen geben Orientierung, ob die Wolle unter artgerechter und umweltverträglicher Art und Weise produziert und weiterverarbeitet wurde. Wichtig: Die Begriffe „Bio“, „Öko“ und „Natur“ sind in der Kleidungsindustrie nicht geschützt, d.h. theoretisch kann jeder sie verwenden. Du kannst dich aber an diesen Labeln und Siegeln orientieren:

  • Die meisten Tiere für die Wollproduktion sind Weidetiere: Sie brauchen Platz und Bewegung. Die kontrolliert biologische Tierhaltung (kbT) gemäß den Richtlinien für ökologischen Landbau regelt die artgerechte Tierhaltung. KbT schreibt unter anderem vor, dass die Tiere große Weideflächen haben, sich natürlich fortpflanzen können, keine Pestizide oder Masthilfen eingesetzt werden – und natürlich ist auch das umstrittene Mulesing verboten (s.u.). Zudem fordert die Richtlinie schonende Tiertransporte.
  • „Naturtextil“ IVN Best: besonders hohe Anforderungen: umfasst alle Schritte der Kleidungsproduktion, vom Stall bis zum Verkauf im Ladengeschäft, schreibt z. B. kbT vor
  • GOTS (Global Organic Textile Standards): Regelungen sind weniger streng (nur 70 % des Faseranteils muss aus kbT stammen) und daher ist diese Zertifizierung für Produkte leichter zu erhalten, ab 95 % Bio-Anteil wird der Zusatz „organic“ vergeben
  • Responsible Wool Standard (RWS): Standard für den Tierschutz bezogen auf Wollprodukte (u. a. kein Mulesing), umfasst die gesamte Wertschöpfungskette, sagt jedoch nichts über die verwendeten Chemikalien aus
Wolle Schaf Lamm
Bei der Wollkleidung kann man auf verschiedene Zertifizierungen achten (Foto: Pixabay, CCO Public Domain)

Kristin Heckmann vom Fair-Fashion-Label Hessnatur weist darauf hin, dass sich für Halter seltener Schafrassen, kleine Verbunde und einzelne Schäfer aufwendige und teure Zertifizierungen oft nicht lohnen. Bis zu 3.000 Euro könne eine solche Zertifizierung kosten – und sie muss jährlich erneuert werden. Dennoch müsse auch bei nicht-zertifizierter Wolle darauf geachtet werden, dass diese von Tieren aus artgerechter Tierhaltung stamme.

Es lohnt sich also, sich vor dem Kauf auf der Unternehmensseite zu informieren: Hessnatur etwa und viele andere Hersteller verbieten in ihren eigenen internen Richtlinien das Mulesing. Dort findest du auch Informationen über Bio-Standards und die Art der Tierhaltung. Frage zudem beim Händler nach, woher die verarbeitete Wolle stammt.

In der Kritik: Mulesing und Tierleid

Mulesing

Wie bei der Tierhaltung für die Fleischproduktion, gibt es auch kritische Aspekte in der Tierhaltung für die Wollproduktion. Ein besonders stark kritisiertes Verfahren ist das sogenannte Mulesing, was vor allem in Australien und Neuseeland betrieben wird. Dabei werden den einjährigen Lämmern präventiv Hautstücke im Afterbereich herausgeschnitten – oft ohne Betäubung. Ziel ist es, eine glatte Narbe zu erhalten anstatt einer Hautfalte.

Heutzutage sind Schafe nämlich oft so gezüchtet, dass sie viele Hautfalten bilden, um dementsprechend mehr Wolle zu produzieren. „Wenn diese faltenreichen, mit viel Wolle bepackten Schafe koten und urinien, bleibt viel Kot und Urin an den Afterfalten in der Wolle hängen“, erklärt Otto Scheda, Inhaber von Liamonte, einer Manufaktur für ökologische Teppiche. In den vergangenen Jahrhunderten habe sich die Wollmenge pro Schaf durch Züchtungen ungefähr verdoppelt: „Ein Coburger Fuchsschaf (eine alte Schafrasse, Anmerk. d. Red.) etwa liefert pro Schur fünf bis sechs Kilogramm Schweißwolle (ungewaschene Wolle), australische und neuseeländische Schafe acht bis zehn Kilogramm“, verdeutlicht Scheda.

Durch das Mulesing sollen die Schafe in dieser eher feuchten, schmutzigen und warmen Körperregion vor Fliegenbefall bewahrt werden. Die Fliegen legen in der Hautfalte der Schafe oft Eier ab. Die daraus schlüpfenden Maden arbeiten sich in die Haut des Schafes und fressen es von innen heraus auf. Sind die Afterfalten durch das Mulesing entfernt worden, sinkt das Risiko für die Schafe.

„Desweiteren werden die Schafe durch Bäder mit Permethrin getrieben. Diese Chemikalie tötet Insekten und deren Maden und Larven. Permethrin gilt als krebserregend“, so Scheda. Leider lasse sich Permithrin in der australischen und neuseeländischen Wolle in erheblicher Menge nachweisen. Laut Scheda werden Schafe in Europa weder mulisiert noch permethriniert.

Mulesing wird hauptsächlich in Australien und Neuseeland praktiziert.
Mulesing wird hauptsächlich in Australien und Neuseeland praktiziert. (Foto: Coloubox)

Wir empfehlen ausschließlich Produkte von Marken zu kaufen, die mulesingfrei produzieren: Vaude (zu kaufen bei** Otto, Bergfreunde, Avocado Store), Armedangels (zu kaufen bei** Armedangels, Otto, Avocado Store), Lanius (zu kaufen bei** Avocado Store, Glore), Manomama, Grüne Erde, Engel (zu kaufen bei** Avocado Store), Patagonia (zu kaufen bei** Otto, Avocado Store), Hessnatur oder Orthovox (zu kaufen bei** Bergfreunde) sind nur einige große Namen.

Viele weitere Marken findest du in der Liste des Responsible Wool Standards (RWS ) über Mulesing-freie Wolle, in Bioland-Schäfereien kannst du ebenfalls guten Gewissens Wolle kaufen. Produkte aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT), mit GOTS- IVN- oder RWS-Zertifizierung sind grundsätzlich mulesingfrei.

Brutale Aufnahmen aus Schurbetrieben

Doch nicht nur Mulesing ist ein kritischer Aspekt in der Schafhaltung: Die Tierschutzorganisation Peta deckt immer wieder tierquälerische Praktiken in der Schafschur in Australien auf, zuletzt im Dezember 2017. Die Videos von Peta zeigten schockierende Aufnahmen aus Schurbetrieben: Die Schafe werden während der Schur geschlagen, getreten und verstümmelt. Die meisten Tiere haben Schnittwunden und bluten.

Grund für die grausame Prozedur ist laut Peta, dass die Arbeiter nicht pro Arbeitsstunde, sondern pro geschorenem Schaf bezahlt würden. Je schneller die Arbeiter also vorgehen, desto mehr Lohn erhalten sie. Schon im Jahr 2014 hatte Peta schockierende Aufnahmen aus Schurbetrieben veröffentlicht. Die Videos führten dazu, dass mehrere Schafscherer wegen Tierquälerei verurteilt wurden.

Fazit: Wolle ja, aber unter bestimmten Bedingungen

Wolle ist ein einzigartiger, nachwachsender und biologisch abbaubarer Rohstoff. Im Gegensatz zu Kunstfasern wie Polyester gibt Wolle beim Waschen keine winzigen Plastikpartikel ins Meer ab, ist im Prinzip biologisch abbaubar – und sie reguliert den Wärmehaushalt des Menschen deutlich besser als synthetische Kleidung. Zudem haben Wollprodukte in der Regel eine lange Lebenszeit und werden weniger und bei geringerer Temperatur gewaschen.

Tierquälerische Praktiken wie das Mulesing sollte man durch seinen Kauf jedoch nicht unterstützen. Wir empfehlen daher zertifizierte Kleidung zu kaufen oder Produkte, bei denen du weißt, dass sie aus artgerechter Tierhaltung stammen und möglichst keine unnötigen Chemikalien enthalten. Inzwischen gibt es auch viele pflanzliche Alternativen wie Bambus, Baumwolle, Hanf, Leinen oder Tencel – sollte man ganz auf Wolle verzichten wollen.

Wolle Pullover
Wolle wenig waschen und öfter mal auslüften (Foto: Pixabay, CCO Public Domain)

Weitere Tipps für den Wollkauf:

  • Gebraucht kaufen, manche Labels arbeiten nur mit Second-Hand-Wolle
  • Anfassen: hochwertige Kleidung kannst du ertasten, diese hält länger.
  • In das Etikett schauen: Sind billige Polyester-Fasern beigemischt?
  • Abseits der großen Geschäfte schauen: Auf kleinen Bio-Höfen und in deren Onlineshops gibt es oft auch nachhaltige Wollprodukte zu kaufen.

Pflegetipps für Wolle:

  • Flecken abtupfen
  • Knoten mit einem Wollrasierer oder -kamm entfernen
  • Mottenschutz in den Schrank hängen (Lavendel, Zedernholz)
  • Wollkleidung öfter auslüften, statt zu waschen
  • Handwäsche mit Wollwaschmittel

Weiterlesen auf Utopia.de:

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter:

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.