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Netflix, Youtube, Spotify: So klimaschädlich ist Streaming wirklich

Foto: Pixabay.de/ CC0/ mohamed_hassan

Du suchtest gerne mal Netflix? Damit bist du nicht allein – trotzdem solltest du dabei auch mal an die Umwelt denken. Denn auch digitale Streaming-Dienste wie Netflix verursachen CO2 – und zwar viel.

Streaming ist das neue Fernsehen. Darauf deutet auch eine aktuelle Umfrage hin:  Hier gaben über die Hälfte der Befragten an, kostenpflichtige Videostreaming-Dienste zu nutzen. Dank Corona hatten Streaming-Anbieter einen enormen Zuwachs. Netflix allein hat Anfang des Jahres 1,8 Millionen User*innen in Deutschland dazu gewonnen – im ersten Quartal 2020 lag die Zahl der Abonnent*innen bei über 7,2 Millionen.

Viele nutzen Streaming-Dienste, weil es bequem ist – manche vielleicht auch, weil es umweltfreundlicher erscheint. Immerhin bestehen DVDs bzw. Blu-rays und die dazugehörigen Verpackungen aus Kunststoff – der beim Streamen immerhin wegfällt. Doch sind Netflix & Co. wirklich besser für die Umwelt?

Streaming-Dienste benötigen Strom ­– viel Strom

Damit wir Filme, Serien und Songs online streamen können, müssen die Daten auf Servern gelagert werden. Und diese Server benötigen Energie: Die Netzinfrastruktur in Deutschland verschlingt laut SWR im Jahr etwa 55 Terawattstunden. Um den Strom dafür bereitzustellen, benötigt man etwa zehn mittlere Kraftwerke. Ein Drittel der Energie geht übrigens an Klimaanlagen. Diese müssen die Rechenzentren auf etwa 25 Grad kühlen, damit sie nicht überhitzen.

Natürlich zählen nicht nur Streaming-Dienste zur Netzinfrastruktur. Doch sie machen einen Großteil davon aus: Der globale Datenverkehr besteht zu 80 Prozent aus Video-Daten. Die Dateien sind besonders groß und verbrauchen daher auch viel Platz auf den Servern und Energie bei der Übertragung.

Video-Streaming-Dienste und CO2: Wie klimaschädlich sind sie?

netflix streaming dienste klima
Produziert der Streaming-Dienst Netflix viel CO2? (Foto: Pixabay.de/ CC0/ jade87)

Alles im Internet verbraucht Energie, vom googeln bis zum Lesen auf Utopia.de. Doch welchen Anteil daran haben eigentlich die Streaming-Dienste?

Darüber sind sich Forscher nicht einig. 2019 veröffentlichten Forscher des französischen Thinktanks „Shift Project“ eine Studie mit erschreckenden Zahlen. Der zufolge, habe Video-Streaming allein 2018 mehr als 300 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursacht. Das entspreche der Menge, die das gesamte Land Spanien in einem Jahr ausstößt.

Die Forscher zeigten auch auf, wie sich der weltweite Video-Konsum zusammensetzt:

  • 34 Prozent Video-on-Demand-Services: Seiten wie Amazon Prime und Netflix verursachten über 100 Millionen Tonnen CO2-Equivalent – also so viel ganz Griechenland im Jahr 2017 ausgestoßen hat.
  • 27 Prozent pornographische Videos: Diese führten 2018 zu 80 Millionen Tonnen CO2-Emissionen – so viel wie alle Haushalte Frankreichs im selben Jahr produzierten.
  • 21 Prozent Video-Plattformen wie YouTube
  • 18 Prozent „Andere“, beispielsweise Socialmedia-Videos auf Facebook, Instagram und Snapchat
Grafik globaler videokonsum internet
Globaler Video-Konsum im Internet (Daten: theshiftproject.org)

Wie aussagekräftig sind die Zahlen?

Einige Medien kritisieren, dass Studien wie die von Shift Project wenig aussagekräftig sind, weil sie mit groben Schätzwerten arbeiten müssen. Denn der genaue Stromverbrauch beim Streamen hängt unter anderem davon ab, welchen Strom die Rechenzentren verwenden, mit welchem Endgerät man streamt und woher ein Videostream stammt. Diese Faktoren lassen sich nur schwer bestimmen.

„Die Zahlen liegen bei wenigen Akteuren, die sich nicht in die Karten schauen lassen, da die Energiekosten Teil der Geschäftsstrukturen sind“, erklärt Clemens Rohde vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung gegenüber der TAZ.

Im Februar 2020 erschien eine weitere Studie, die zu folgendem Ergebnis kam: Der Datenverkehr ist in den letzten acht Jahren zwar um das 6,5-fache gestiegen und die Anzahl der Server um den Faktor 26. Aber: Der Energieverbrauch hat im selben Zeitraum nur um sechs Prozent zugenommen. Den Forschern zufolge liegt das daran, dass der Datenaustausch jährlich rund 20 Prozent effizienter wird. Der Anteil von Datenzentren am weltweiten Energieverbrauch liegt stabil bei einem Prozent.

Wieso schauen wir so viele Online-Videos?

Fest steht: Beim Streamen müssen sehr viele Daten übertragen werden – und wir streamen immer mehr. Unser massiver Video-Konsum setzt sich aus verschiedenen Quellen zusammen. „Einige Videos sehen wir an, weil wir das wollen, andere, weil uns das digitale System dazu zwingt“, erklärt Maxime Efoui-Hess, einer der Autoren der Shift-Projekt-Studie, im Gespräch mit Utopia.

Webseiten wie beispielsweise Facebook würden Clips oft automatisch abspielen, um die Aufmerksamkeit zu erlangen. Streaming-Dienste wie etwa YouTube, würden die Autoplay-Funktion nutzen, um die Aufmerksamkeit des Nutzers zu behalten. Auf diese Weise würden wir dazu verleitet, Videos anzusehen, ohne dass wir uns gezielt dafür entschieden hätten. Und das treibt den Datentransfer in die Höhe.

Ist Netflix umweltschädlicher als eine DVD?

Wenn Streaming-Dienste wie Netflix so viel CO2 verursachen, sollten wir dann einfach wieder zur guten alten DVD greifen? So leicht ist das leider nicht.

Denn auch DVDs haben Nachteile: Zum einen verbraucht die Herstellung Ressourcen. Zum anderen besteht die Disk aus Plastik, kommt im Plastikbehälter und wird in Plastik eingeschweisst. Außerdem braucht es Energie, um DVDs und Verpackung herzustellen und diese in Läden zu transportieren. Kunden fahren dort hin, um sie einzukaufen.

Forscher des Lawrence Berkeley National Laboratory und der McCormick School of Engineering haben 2014 untersucht, wie viel Primärenergie und Treibhausgasemissionen bei einer DVD anfallen und diese Werte mit denen von Video-Streaming verglichen. Das Ergebnis: Wenn man sich die DVD per Post schicken läßt, verbraucht sie in etwa in etwa gleich viel Energie wie Streaming. Fährt der Käufer mit dem Auto zu einem DVD-Verleih oder -Laden, verbraucht er dadurch mehr Energie und stößt der Studie zufolge mehr CO2 aus.

Die Studie bezieht sich auf Durchschnittswerte – Faktoren wie Elektroautos, öffentliche Verkehrsmittel oder Ökostrom wurden nicht beachtet. Außerdem berücksichtigt sie nicht alle wichtigen Faktoren – auf den gesamten Ressourcenverbrauch der einzelnen Methoden geht die Studie nicht ein. Sie ist allerdings etwas veraltet, heutzutage arbeitet Streaming effizienter. Schaust du den Film über einen Streaming-Dienst in hoher Auflösung auf einem großen Fernseher, kann es allerdings auch mehr Energie verbrauchen.

„Zur DVD zurückzukehren ist nicht die Lösung“, findet Maxime Efoui-Hess vom Shift Projekt. Seiner Meinung nach müssen wir weniger Online-Videos ansehen und die Videos gezielter auswählen.

Musik-Streaming-Dienste und CO2: Wie klimaschädlich sind sie?

musik streaming
Auch Musik-Streaming verursacht CO2. (Foto: Pixabay.de/ CC0/ foundry)

Forscher der Universitäten in Glasgow und Oslo haben den ökologischen CO2-Fußabdruck von Musik-Streaming analysiert und mit dem von Kassetten, Schallplatten und CDs verglichen.

Zunächst die guten Nachrichten: Die US-Musikindustrie produziert dank Streaming weniger Plastikmüll. Im Jahr 2000 wurden CDs aus 61.000 Tonnen Plastik gefertigt, bis 2016 schrumpfte die Zahl auf 8.000 Tonnen.

Die Treibhausgasemissionen durch Musik sind allerdings gestiegen, schätzen die Forscher. 2000 hat die Musikindustrie US-weit etwa 157 Millionen Kilo Treibhausgase verursacht. Im Jahr 2016 hingegen soll die Zahl zwischen 200 Millionen und 350 Millionen Kilo gelegen haben. Die Forscher berücksichtigen in ihrer Schätzungen sowohl CO2-Emissionen durch Streaming-Dienste als auch solche, die durch Downloads von Albums und Singles entstanden sind.

US-Musikindustrie
* Die Zahl für 2016 ist ein Mittelwert aus den Schätzungen der Wissenschaftler. (Daten: www.gla.ac.uk)

Macht es einen Unterschied, wo ich streame?

Greenpeace hat 2017 in der Studie „Clicking Clean“ unter anderem untersucht, mit was für Strom Streaming-Anbieter ihre Rechenzentren versorgen. Bei den Musik-Anbietern schnitt iTunes (Note A) besonders gut ab. Greenpeace maß dem Streaming-Anbieter einen „Clean Energy Index“ von 83 Prozent bei. Dieser berechnet sich aus dem gesamten Stromverbrauch des Unternehmens und dem Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien. Spotify erhielt die Note D, Soundcloud die Note F.

Im Bereich Video schnitt YouTube am besten ab. Weil der Dienstleister zu 56 Prozent „Clean Energy“ bezieht, erhielt er die Note A. Amazon Prime erhielt immerhin Note C, Netflix Note D für die CO2-Bilanz des Stroms.

clicking clean streaming
Auszug der Daten der Clicking Clean Studie von Greenpeace (Daten: www.greenpeace.de)

Klimafreundliches Streaming: Kann man den CO2-Ausstoß reduzieren?

„Wie wir unsere digitale Infrastruktur betreiben, kann darüber entscheiden, ob wir den Klimawandel rechtzeitig stoppen können“ – erklärt Greenpeace-IT-Spezialist Gary Cook. Um das Klima zu schonen, müssen wir nicht ganz auf digitale Techniken verzichten – aber wir müssen sie anders nutzen.

Denn Streaming an sich ist nicht schlecht, die Datenübertragung wird sogar immer effizienter. Auch Prozessoren erbringen zum Beispiel immer mehr Leistung bei geringerem Energieaufwand.

Doch leider steigen auch die Ansprüche der Konsumenten: Vor wenigen Jahren waren noch HDTV-Videos mit einer Auflösung von 720p Standard – heute verlangen viele Zuschauer 4K-Qualität (2160p). Gleichzeitig streamen immer mehr Menschen immer mehr Songs und Videos.

Forscher vom Shift Project sehen vor allem die Streaming-Dienste in der Pflicht, die Emissionen zu senken. Ihre konkreten Vorschläge:

  • Streaming-Dienste müssen ihr Design ändern. Denn Funktionen wie Autoplay und integrierte Videos würden „darauf abzielen, den Konsum [von Videos] zu maximieren“.
  • Außerdem bräuchten Streaming-Dienste strengere nationale und internationale Regulierungen – hier sehen die Forscher besonders die EU in der Pflicht.
  • Darüber hinaus müsste man Wege entwickeln, um Server energieeffizienter zu betreiben. In Darmstadt wird z.B. dem SWR zufolge eine Methode getestet, die Rechenzentren mit Wasser anstelle von Luft zu kühlen.

Forscher der Universität Glasgow argumentieren außerdem, dass man die Klimabilanz nachhaltig verbessern könnte, wenn mehr Anbieter ihre Rechenzentren mit Ökostrom betreiben würde.

Nachhaltiger streamen: 9 Tipps

Die großen Änderungen müssen also die Streaming-Anbieter vornehmen. Doch auch du kannst CO2-Emissionen durch Streaming vermeiden. Dazu musst du keineswegs ganz auf Videos, Serien und Spielfilme verzichten.

  1. Streame weniger und sei dabei wählerischer: Wenn ein Film oder eine Serie dir nicht zusagt, dann schalte ab.
  2. Qualität reduzieren: Es muss nicht immer 8K-Qualität sein – die meisten Videos kannst du auch in geringerer Qualität wiedergeben. Natürlich solltest du noch erkennen können, was auf dem Bildschirm passiert, doch dafür reichen auch niedrigere Auflösungen.
  3. Kleineren Bildschirm nutzen: Clemens Rohde vom Fraunhofer-Institut empfiehlt, Videos auf dem Smartphone anzusehen und nicht auf einem großen Bildschirm, um die Netzlast zu reduzieren.
  4. Achtsam bleiben: Wenn du einen Film anschaust, solltest du nicht gleichzeitig am Handy hängen oder surfen – das verbraucht mehr Datenvolumen, und du bekommst die Handlung nicht richtig mit. Konzentriere dich lieber auf eine einzige Sache.
  5. Digital Detox: Verbringe nicht jeden Abend vor dem Bildschirm. Lies zur Abwechslung ein Buch. Mehr Tipps: Digital Detox: bewusst offline gehen.
  6. Richtig Musik hören: Lade Songs runter, die du regelmäßig hörst. Das ist sparsamer, als sie jedes mal neu zu streamen.
  7. Keine Youtube-Musik: Der Streaming-Dienst spielt nicht nur Ton, sondern immer auch ein Video ab – das treibt den Datentransfer unnötig in die Höhe.
  8. Handy aufräumen: Lösche Apps, die du nicht nutzt. Auch die verbrauchen durch Updates Datenvolumen.
  9. Apps schließen: Lasse Apps nicht im Hintergrund weiterlaufen, sondern schließe sie. Einzige Ausnahme: Wenn du die App ständig nutzt und immer wieder öffnen müsstest.

Streaming und Corona

Anfang des Jahres hatte sich ein großer Teil des öffentlichen Lebens ins Netz verlagert: Viele streamten aus Langeweile Serien oder zockten online. Noch immer sind viele von uns im Homeoffice, wo wir statt Meetings Videokonferenzen abhalten. Kurz gesagt: Wir streamen mehr als vorher.

Wie groß die Änderung war und welche Auswirkungen sie auf den digitalen CO2-Fußabdruck hatte, ist noch nicht untersucht. Was wir wissen: Am Internet-Knotenpunkt DE-CIX in Frankfurt im März ein neuer Rekord gemessen: 9,1 Terabit pro Sekunde. Das entspricht einem Datentransfer von mehr als 20 Blu-rays pro Sekunde, wie die SZ erklärte.

Dass wir durch Streaming das Netz überlasten könnten, halten Experten für unwahrscheinlich. Der DE-CIX kann bis zu 54,1 Terabit pro Sekunde übertragen – hier bestand also kein Grund zur Sorge.

Weiterlesen auf Utopia.de:

English version available: How Sustainable are Online Streaming Services Really?

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(4) Kommentare

  1. Genau so einen Artikel habe ich dem Letzt gesucht. Vielen Dank.

    Nur ihr müsst euch an die eigene Nase fassen: irgendwann ploppte (Handy) rechts unten ein Video auf.

  2. Somit sollte das ein Aufruf zu mehr grüner Energie sein. Stattdessen sehen wir gezieltes schlecht machen von wenigen ausgesuchten Unternehmen. Gerade das Internet wird die Zukunft bestimmen. Das Internet wird die Menschen auf ein gutes Level bringen. Die Expansion hier in Frage zu stellen ist schlecht.
    Da sind so viel mehr Branchen die eingeschränkt werden müssen. Was soll das hier?

  3. Exakt!
    Im letzten Satz noch „Außerdem könnten die Unternehmen Ökostrom benutzen“ – ja, nee, nicht außerdem, so muss es sein! Wenn sie Strom aus erneuerbaren Energien nutzen, bzw. ganz Deutschland (am besten ganz Europa, am allerbesten die ganze Welt) auf grünen Strom umsteigt, können wir so viel streamen, bzw. generell so viel Strom verbrauchen, wie wir wollen. Also, nicht unendlich viel, die Kapazitäten müssen ja auch da sein, aber jedenfalls ist Strom dann nichts Schlechtes mehr.
    Ich finde es total befremdlich, dass Strom immer so pauschal mit Treibhausgasemissionen gleichgesetzt wird, so als wäre es völlig abwegig, mal auf 100% erneuerbare Energien zu kommen.
    Klar, solange Netflix und Co noch keinen Ökostrom verwenden, kann man sich natürlich ein bisschen im Verzicht üben, aber das als Lösung zu präsentieren ist total bescheuert.

  4. Ganz klassisches Fernsehen oder Radio sind wohl auch nicht ganz „ohne“ ? Bleiben aber unerwähnt.
    Und wer im Ausland lebt freut sich seine Lieblingsender aus der alten Heimat zu hören, nun wird audio nicht so Energiegefrässig sein wie Video, aber trotzdem.
    Fazit : Bibeltexte lesen ist umweltfreundlicher als Pornos schauen.