Was wäre, wenn alle vegan leben würden? Galileo-Sendung polarisiert

Galileo was wäre wenn alle vegan leben würden
Foto: Screenshot ProSieben / Galileo

Die populärwissenschaftliche Sendung „Galileo“ bei ProSieben untersucht in einem Beitrag, welche Folgen das „Extremszenario“ einer veganen Welt hätte. Obwohl der Ton des Clips grundsätzlich positiv ist, gibt es viel Kritik an Details.

Man nehme eine provokante Frage und quetsche die Antwort in einen 14-minütigen Beitrag für das Privatfernsehen. Heraus kommt erwartungsgemäß das, was ProSieben am 9. Dezember in einer Episode der Sendung „Galileo“ gezeigt hat: Der Clip heißt „Was wäre, wenn alle vegan leben würden?“ und wird seit der Ausstrahlung bei Facebook lebhaft diskutiert.

Der zwangsveganisierten Familie geht es relativ gut

Am Anfang des Beitrags heißt es bedeutungsvoll: „In unserem fiktiven [fiktiv? – Anmerkung der Redaktion ] Szenario steht die Welt vor dem Klimakollaps. Immer mehr Umweltkatastrophen zwingen die Regierung zu einem drastischen Schritt: ein komplettes Verbot von tierischen Produkten. Alle Menschen müssen streng vegan leben.“

Im Folgenden skizziert die Sendung, wie diese fiktive vegane Welt aussehen würde. Dafür hangelt sie sich an mehreren Themenfeldern entlang, die den Mitgliedern einer Bilderbuchfamilie zugeordnet werden – wobei man die Aufteilung als ziemlich klischeehaft empfinden könnte: Der Sohn ist Sportler, der Vater verdient das Geld, die Mutter geht einkaufen und die Tochter beschäftigt sich mit Mode und Kosmetik.

Das von ProSieben als „überraschend“ bezeichnete Ergebnis des durchgespielten Szenarios: Allen in der zwangsveganisierten Familie geht es mit rein pflanzlicher Ernährung und Lebensweise relativ gut. Der Sohn hat einen komplett veganen Bodybuilder als Vorbild, stellt fest, dass der Muskelaufbau mit pflanzlichem Protein prächtig funktioniert, und erklärt: „Ich ess ja nicht nur Grünzeug, Leute. Sondern vor allem viele Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Nüsse.“

Vater Heiko ist eigentlich Metzger, hat aber erfolgreich umgerüstet und verkauft veganen Fleischersatz mit neuen Rezepten und eigenen Gewürzkombinationen. Die Mutter kauft nun den als Grundnahrungsmittel billiger gewordenen pflanzlichen Milchersatz und putzt sich mit durch Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta die Zähne. Und die Tochter kleidet sich in veganes Ananasleder und benutzt vegane Kosmetik.

Galileo thematisiert auch einige „Schattenseiten“ einer fiktiven, veganen Welt

Weitere Erkenntnisse, die die Sendung ihren Zuschauer*innen liefert: Wenn alle vegan leben würden, würden wir weniger Ressourcen und Anbauflächen verbrauchen, gesünder sein und wesentlich weniger CO2 und Treibhausgase produzieren. So viel zu den positiven Auswirkungen.

Galileo thematisiert auch einige „Schattenseiten“ einer fiktiven veganen Welt: Mehr als eine Milliarde Menschen verdienten ihr Geld mit der Herstellung von Fleisch, Fisch oder Milch, und der beruflich flexible Familienvater, der beruflich umsatteln konnte, sei eine glückliche Ausnahme. Zudem würde die Vorschrift durch die Regierung, keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren, von vielen nicht akzeptiert. Die Sendung prognostiziert daher einen blühenden Schwarzmarkt, wo Rindersteaks über 500 Euro kosten, Wurst-Dealer-Ringe lukrative Geschäfte machen und Fleisch-Razzien stattfinden.

Es entsteht der Eindruck, vegane Ernährung bedeute automatisch Mangel

Es sind jedoch vor allem zwei Behauptungen, die im Nachhinein bei Facebook auf Unverständnis stießen: Zum einen zeichnet der Beitrag das Bild einer Welt voller Nahrungsergänzungsmittel und mit Vitaminen angereicherten Produkten.

Auch wenn in der Sendung gesagt wird, dass viele Nährstoffe durch eine ausgewogene Ernährung aufgenommen werden können: Es entsteht definitiv der Eindruck, vegane Ernährung bedeute automatisch Mangel, der ausgeglichen werden muss. Dass Vitamin B12-Mangel durchaus auch Nicht-Veganer treffen kann, wird nicht erwähnt. Dementsprechend verweisen einige vegane Kommentator*innen auf ihre guten Blutwerte und darauf, dass sie selbst höchstens Vitamin B12 supplementieren müssen.

Hier kannst du den Facebook-Post zur Sendung sehen (evtl. musst du zuerst die Ansicht aktivieren):

Die Mutter in der Sendung hat „immer öfter Schmerzen im Bein“

Noch größeres Diskussionspotenzial hat, dass die Mutter in der Sendung „immer öfter Schmerzen im Bein“ hat, was dem Calciummangel zugeschrieben wird. Bei der Erklärung für dieses Phänomen bleibt der Beitrag schwammig: „Da Veganer keine Milchprodukte zu sich nehmen, haben die ja angeblich ein hohes Risiko für brüchige Knochen, auch wenn man über pflanzliche Ernährung theoretisch seinen Calciumbedarf decken kann.“

Die vage Formulierung ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sehr umstritten ist, inwiefern Milchkonsum und das Risiko für Osteoporose zusammenhängen (mehr dazu: Die 11 größten Milch-Mythen – und was wirklich dran ist). In jedem Fall ist die Aufnahme von Calcium aber von verschiedenen Faktoren abhängig (etwa von der Vitamin D-Aufnahme), und es gibt viele pflanzliche Lebensmittel, die Calcium enthalten – beispielsweise Grünkohl, Brokkoli, Fenchel, Nüssen und Samen. Darauf weisen auch mehrere Nutzer*innen bei Facebook hin.

Der Beitrag ist an vielen Stellen oberflächlich und vereinfachend

Übrigens ist der Ansatz der Sendung keineswegs neu: Über die Frage „Was wäre, wenn alle vegan leben würden?“ wurde schon viel spekuliert – und auch geforscht. So hat die britische Oxford-Universität berechnet, wie viele Treibhausgase ein einzelner Veganer pro Jahr einspart. Mehr dazu hier: Studie: So viel Treibhausgas sparen Veganer ein

Utopia meint: Die Galileo-Sendung hatte weniger als eine Viertelstunde, um sich diesem komplexen Thema zu widmen. Dementsprechend ist der Beitrag an vielen Stellen oberflächlich und sehr stark vereinfachend geraten.

Neben den genannten Beispielen ist uns auch ein Punkt beim Thema vegane Kleidung aufgefallen: Hier wird darauf hingewiesen, dass Kunststofffasern zu Mikroplastik werden und Umwelt und Meer verschmutzen. Die beste Alternative sei „recycelte Ware“ – von Baumwolle und Naturfasern als vegane Option ist hingegen gar nicht die Rede.

Veganismus wird einem Massenpublikum schmackhafter gemacht

Trotz allem macht die Sendung das Thema Veganismus einem Massenpublikum, das sich möglicherweise noch nie ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hat, schmackhafter und verständlicher. Sie behandelt es grundsätzlich so positiv, dass man sich einen solchen Beitrag vor zehn Jahren kaum hätte vorstellen können.

Auch wenn der Beitrag offenbar nicht vermag, die Gräben zwischen einigen Fleischessern und Veganern zu schließen, die sich (wenig überraschend) unter dem Facebook-Post von ProSieben fetzen: Vielleicht denkt der/die eine oder andere Zuschauer*in ja einmal ernsthaft über seinen oder ihren Fleischkonsum nach.

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