Neues „Tierwohl-Label“ der Discounter: mehr als Augenwischerei?

Fotos: © petunyia / Adobe Stock; haltungsform.de

Aldi, Lidl, Penny & Co. haben angekündigt, ab April ein einheitliches Label auf Fleischprodukten einzuführen. Das Haltungsform-Kennzeichen soll Verbraucher darüber informieren, wie die Tiere gelebt haben. Was das bringt – und bessere Alternativen.

Damit Fleisch billig ist, muss es möglichst kosteneffizient produziert werden: Rinder, Schweine und Hühner werden deshalb häufig in Massentierhaltung zusammengepfercht, innerhalb weniger Wochen auf Schlachtgewicht gemästet und mit Antibiotika vollgestopft.

Discounter wollen einheitliche Haltungskennzeichnung

Weil immer mehr Verbraucher diese katastrophalen Haltungsbedingungen nicht unterstützen wollen, möchten sie Fleisch von Tieren kaufen, die bis zur Schlachtung ein – verhältnismäßig – gutes Leben hatten. Der Handel reagiert auf diesen Verbraucherwunsch mit immer neuen Kennzeichnungen.

Lidl führte 2018 als erster Discounter einen sogenannten „Haltungskompass“ ein, an dem Kunden erkennen sollen, wie Tiere gehalten wurden.  Netto, Kaufland, Penny, Aldi und weitere Discounter und Supermärkte zogen nach.

Im Januar 2019 kündigten einige Handelsunternehmen an, die Haltungskennzeichnungen für verpacktes Fleisch vereinheitlichen zu wollen: Ab April 2019 soll es ein gemeinsames Label der von Aldi, Edeka, Netto, Kaufland, Lidl, Penny, Rewe und der kleinen Supermarktkette Wasgau geben.

Diese Discounter und Supermärkte haben sich in der „Initiative Tierwohl“ mit dem Fleischwirtschaft und der Landwirtschaft zusammengeschlossen. Die Initiative wiederum soll die Koordination und Organisation der Haltungsform-Kennzeichnung steuern. (Hier mehr zur Initiative Tierwohl.)

Haltungsform: Die vierstufige Haltungskennzeichnung der Discounter

Ab April soll in den Kühltruhen der Discounter und Supermärkte Eigenmarken-Frischfleisch von Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten zu finden sein, auf dem eine vierstufige Kennzeichnung abgebildet ist. Sie unterscheidet verschiedene sogenannte „Haltungsformen“. Das schreiben die Stufen konkret vor:

  • Stufe 1: „Stallhaltung“ entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, also der branchenüblichen Haltung von Rindern und Puten. Noch schlechter ist also verboten.
  • Stufe 2: Bei der „StallhaltungPlus“ haben die Tiere etwas mehr Platz im Stall sowie Beschäftigungsmaterial, Rinder dürfen nicht angebunden sein.
  • Stufe 3: „Außenklima“ bedeutet, dass die Tiere vor der Schlachtung frische Luft bekamen, aber nicht zwingend, dass sie auch ins Freie durften. Außenklima kann auch eine offene Stalltür bedeuten.
  • Stufe 4: „Premium“ steht für noch mehr Platz im Stall und dafür, dass die Tiere tatsächlich Auslauf im Freigelände erhalten. Laut der Verbraucherzentrale entspricht diese Haltungsform dem EU-Bio-Siegel.

Mehr Infos gibt es auf der Website Haltungsform.de

Haltungsform Initiative Tierwohl
Das vierstufige Label findet man ab April 2019 auf Fleischwaren dieser Discounter und Supermärkte. (Screenshot: Haltungsform.de)

Die Haltungsform ist richtig – aber kein Tierwohl-Label

Die Kennzeichnung vereinheitlichen zu wollen, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Je weniger unterschiedliche Label es gibt, desto leichter finden sich Verbraucher zurecht. Außerdem können Kunden so besser erkennen, woher ihr Fleisch stammt.

Leider hapert es an anderer Stelle: Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass die besseren Haltungsformen (Stufe 3 oder 4) kaum in Supermärkten und Discountern verfügbar sind. Der Großteil des Angebots stammt aus der Haltungsform 1, wenig aus Stufe 2. Das haben auch wir bei einem eigenen Marktcheck festgestellt.

Wichtig: Bei der neuen Kennzeichnung handelt es sich nicht um ein „Tierwohl-Label“ – auch wenn es von der Initiative Tierwohl gesteuert wird. Dasselbe Fleisch wird lediglich – vom gesetzlichen Mindeststandard bis zum Bio-Standard – in vier Stufen eingeordnet, so die Verbraucherzentrale.

Das heißt: An den Haltungsbedingungen der Tiere ändert sich durch das neue einheitliche Label überhaupt nichts. Verbraucher können nun lediglich erkennen, welche Tiere es ein bisschen besser hatten, als es der gesetzliche Mindeststandard verlangt. Die Stufe 1 ist gar nicht ernst zu nehmen, die Stufe 2 „so niedrig, dass wir nicht von einem Tierwohl-Label sprechen können“, findet auch VZBV-Vorstand Klaus Müller.

Besser ist bio: Das sind die Alternativen

Wirklich empfehlenswert sind deshalb weiterhin nur Fleischwaren, die mindestens das EU-Biosiegel tragen. Theoretisch können wir also die Stufe 4 der Haltungsform empfehlen – weisen aber dennoch darauf hin, auf das bekannte EU-Bio-Siegel zu achten: Bei Bio-Tierhaltung haben die Tiere in den Ställen mehr Platz, erhalten mehr Auslauf, werden artgerechter gehalten, und ihr Futter muss bestimmten Qualitätskriterien genügen. Gentechnische Veränderungen sind verboten, auch beim Futter.

Perfekt ist aber auch das EU-Bio-Siegel nicht. Denn es ist immer noch industrielle Tierhaltung – „glückliche Tiere“ gibt es auch hier nicht.

Artgerechte Tierhaltung bei den Bio-Anbauverbänden

Wer wirklich artgerechte Tierhaltung unterstützen will, kauft Fleisch, das ein Siegel der Bio-Anbauverbände Bioland, Naturland oder Demeter trägt. Sie haben strengere Vorgaben, was die Haltungsbedingungen der Tiere betrifft. Die Tiere haben noch mehr Platz und Auslauf, und die Bio-Tierhaltung darf nicht mit konventioneller Tierhaltung kombiniert werden (anders als beim EU-Biosiegel). Die Tiere erhalten Futter zu einem hohen Teil aus Bio-Produktion, teils aus Eigenproduktion. Das alles kommt am Ende dem Bio-Fleisch zugute.

Die Verbände sind dabei jeweils unterschiedlich streng, Demeter zum Beispiel gilt in vielen Aspekten als strenger als andere (100 Prozent Bio-Futter, 50 Prozent des Futters müssen vom eigenen Hof oder Kooperationen stammen u.v.m.).

Mehr zum Thema Bio-Fleisch: Bio-Siegel: Was haben die Tiere davon?

Weniger, aber besseres Fleisch

Eine weitere Möglichkeit, Fleisch aus artgerechter Haltung zu bekommen: vom Produzenten vor Ort kaufen, z.B. aus dem Hofladen. Dort kann man sich auch persönlich informieren. Generell musst du aber bereit sein, mehr Geld für weniger, aber besseres Fleisch auszugeben. Tiere und Umwelt werden sich bedanken.

Weiterlesen auf Utopia.de: 

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter:

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.