Unfassbar: 9 Mikroplastik-Fakten, die du noch nicht kanntest

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Mikroplastik belastet nicht nur die Weltmeere – inzwischen sind die Mikropartikel auch in unserem Essen und unserem Wasser zu finden. Hier die außergewöhnlichsten Fakten rund um Mikroplastik.

Mikroplastik ist in aller Munde, und das darf man wörtlich nehmen: Allein mit Leitungswasser nehmen wir 5000 Partikel pro Jahr auf, schätzt das Verbrauchermagazin Öko-Test – im Flaschenwasser schwimmen sogar noch mehr Partikel.

1. Mikroplastik kann über 100 Kilometer weit fliegen

Kleinste Kunststoffpartikel verteilen sich nicht nur über Flüsse und Seen. Französische Umweltforscher konnten nun feststellen, dass große Mikroplastik-Mengen auch über die Luft transportiert werden können.

Die Forscher fanden in Wasseranalysen einer entlegenen Bergregion in den Pyrenäen so große Mengen von Kunststoffpartikeln, wie sie in Großstädten wie Paris üblich sind. Täglich lagern sich in dem Gebirge 365 Plastikteilchen pro Quadratmeter ab.

Durch Computersimulationen konnten die Forscher nachvollziehen, dass das Mikroplastik beinahe 100 Kilometer zurückgelegt haben musste, um an diesen abgelegenen Ort zu gelangen. Erreichen die Partikel eine gewisse Höhe, können sie – ähnlich wie etwa Vulkanasche – große Distanzen zurücklegen.

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plastiktüte luft fliegt
Mikroplastik verbreitet sich auch über die Luft. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash - Paul Bence)

2. Mikroplastik in menschlichem Körper gefunden

Nach Schalentieren, Fischen und anderen Lebewesen trifft es nun auch den Menschen: Eine Studie des Umweltbundesamts Österreichs und der Medizinischen Universität Wien hat erstmals Plastik im menschlichem Darm nachgewiesen. Für das Experiment wurden Stuhlproben von acht Teilnehmern aus verschiedenen Herkunftsländern auf Mikroplastik analysiert – alle positiv.

Insgesamt fanden die Forscher neun verschiedene Plastikarten. Zehn Gramm Probenmaterial enthielten im Schnitt 20 Partikel. Woher das Mikroplastik stammt, ist noch nicht geklärt. Mehr dazu: Erstmals Mikroplastik in menschlichen Stuhlproben.

Dass gerade der Mensch viel Mikroplastik zu sich nimmt, war aber zu erwarten. Eine Studie von 2017 analysierte 159 Proben von Leitungswasser aus aller Welt – in 83 Prozent fanden die Forscher Plastik-Partikel. Auch viele Markenwasser sind laut einer weiteren Untersuchung betroffen.

Doch auch feste Nahrung bleibt nicht vor Kunststoff verschont: Forscher der Heriot-Watt University in Edinburgh haben herausgefunden, dass wir pro Mahlzeit mehr als 100 Plastik-Partikel zu uns nehmen. Der Großteil davon stammt nicht aus dem Meer – unsere Lebensmittel nehmen sie vor allem durch Plastikstaub aus der Luft auf.

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3. Mikroplastik kann auch flüssig sein

Mikroplastik in Zahnpasta & Co.
Viele Kosmetikartikel enthalten wasserlösliche Polymere. (Foto: © complize / photocase.com)

Viele Kosmetikhersteller geben an, dass ihre Produkte frei von Mikroplastik sind. Die deutsche Kosmetikindustrie will sogar bis 2020 gänzlich auf Plastikpartikel in ihren Produkten verzichten – diese Abmachung gilt aber nur für festes Plastik, denn eine bindende Mikroplastik-Definition gibt es nicht.

Der Verbrauchermagazin Öko-Test befragte in der Novemberausgabe 2018 (ePaper) Birgit Huber vom Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW), wieso gelöste Kunststoffpartikel hier nicht berücksichtigt werden. Die Antwort: Sie tragen „[n]ach anerkannter Expertenmeinung von Behörden und Industrie […] nicht zu einer Verschmutzung der Meere bei“.

Professorin Dr. Jutta Kerpen vom Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik sieht das anders. Sie warnt, dass gerade diese Verbindungen so gut wie nicht biologisch abbaubar sind und leicht in den Wasserkreislauf eindringen können. Details im Mikroplastik-Artikel aus Öko-Test.

Mikroplastik-Artikel aus Öko-Test (ePaper)

Laut Angaben des BUND ist bisher nicht geklärt, wie diese Art von Plastik abgebaut werden kann und wie sie sich auf die Umwelt auswirkt. Auch Greenpeace warnt vor solchen unklaren Begriffen. Für die NGO zählen alle synthetischen Kunststoffe zu Mikroplastik, auch wasserlösliche, gelförmige, wachsförmige oder flüssige.

4. Die größten Verursacher von Mikroplastik sind … Autos!

Damit wir unsere Umwelt vor Mikroplastik schützen können, müssen wir erst herausfinden, wo es herkommt. Das Fraunhofer-Institut für Umwelttechnik in Oberhausen lieferte im September eine überraschende Antwort: In Deutschland entstehen die Kunststoffpartikel vor allem durch den Abrieb von Autoreifen.

auto reifen mikroplastik
Autoreifen sind die größten Mikroplastik-Verursacher in Deutschland. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.de)

Autoreifen produzieren demnach etwa ein Drittel der gesamten Mikroplastik-Menge. Die drittgrößte Quelle ist Bitumen, ein Bestandteil von Asphalt, der ebenfalls großteils durch Autos abgerieben wird. Platz 9 belegen Fahrstreifen-Markierungen, die von Autoreifen nach und nach abgetragen werden.

Laut Umweltbundesamt gelangen durch Reifenabrieb pro Jahr 60.000 bis 111.000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt. Zum Vergleich: Synthetische Plastikfasern aus Textilien spielen mit 80 bis 400 Tonnen eine vergleichsweise geringe Rolle, ebenso Kosmetik mit 500 Tonnen Mikropartikel pro Jahr. „Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen entspricht das einem Pro-Kopf-Wert von 0,75 bis 1,38 Kilogramm [Mikropartikel aus Kunststoff] pro Jahr“, rechet das UBA vor (PDF). In der Ostsee gehöre der Reifenabrieb zu den Hauptbefunden.

Mehr Informationen: Neue Studie: Das meiste Mikroplastik stammt nicht aus Kosmetik

5. Mindestens 5.250.000.000.000 Plastikteilchen schwimmen in den Weltmeeren

Zu diesem Schluss kam eine Studie Ende 2014 – inzwischen dürfte die Zahl noch einmal gestiegen sein. Die Forscher fischten jahrelang Plastikreste aus den Ozeanen und schlossen anhand deren Gewicht darauf, wie viel Plastik bereits unter die Meeresoberfläche abgesunken ist. Ihrer Rechnung nach befinden sich 269.000 Tonnen Plastikabfall im Meer – ein Großteil davon ist Mikroplastik. Zusammengezählt wiegt der maritime Plastikmüll über fünf mal so viel wie ein Kreuzfahrtschiff in der Größe der Titanic.

Noch sind die Kunststoffteile vor allem für Meeresbewohner bedrohlich: In größeren Plastikmüll-Teilen können sich Fische, Schildkröten und andere Tiere verheddern oder an ihnen ersticken. Mikroplastik nehmen die Tiere hingegen oft unbewusst auf. Verschiedene Experimente zeigen, dass sich die Teilchen nicht nur in ihren Mägen, sondern auch in ihrem Gewebe ansammeln.

Laut BUND ziehen die Kunststoffpartikel Schadstoffe an, die Meereslebewesen dann zu sich nehmen. In den Organismen führt das Mikroplastik dann unter anderem zu Tumorbildung und erhöhten Sterberaten, auch Fortpflanzung und Immunsysteme werden geschädigt. Korallen werden vom Plastik im Meer förmlich erstickt – und sterben so noch schneller ab, als sie es durch den Klimawandel sowieso schon tun.

Mehr Informationen: Plastik im Meer – was kann ich dafür?

6. Die Menschheit hat über 8 Milliarden Tonnen Plastik produziert – und 70% davon weggeworfen

Kunststoff ist ein sehr junges Material – erst seit den 50er Jahren wird es großflächig verwendet. Allerdings brauchen die meisten Plastikarten mehrere hundert Jahre, um sich auf natürliche Weise wieder zu zersetzen. So ist Plastik in den vergangenen 70 Jahren von einem nützlichen Werkstoff zu einer Problemquelle geworden.

Nun haben Forscher erstmals eine Hochrechnung zur globalen Plastikproduktion veröffentlicht. Das unvorstellbare Ergebnis: 8,3 Milliarden Tonnen, da entspricht dem Gewicht von 880.000 Eiffeltürmen, 25.000 Empire State Buildings oder einer Milliarde Elefanten. Etwa 30 Prozent werden noch verwendet – der Rest wurde inzwischen weggeworfen.

Mikroplastik im Mittelmeer

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich in den letzten Jahrzehnten in den Weltmeeren ganze Plastikberge bilden konnten. Der Pazifische Müllstrudel zwischen Hawaii und Kalifornien ist beispielsweise fast fünfmal so groß wie Deutschland.

Organisationen wie The Ocean Cleanup wollen den Pazifik von diesem Müll befreien – und so auch verhindern, dass sich mehr Mikroplastik bildet. Das Start-up hat eine Art Meeresstaubsauger entwickelt, das Plastikmüll aus dem Ozean fischen soll. Die Mikropartikel selbst kann der Staubsauger leider nicht herausfiltern. Ließ auch Diese 5 Organisationen wollen unsere Meere schützen.

7. Aus Plastik entstehen Treibhausgase

Eine Studie der University von Hawaii zeigt, wie Plastik den Klimawandel auf bisher ungeahnte Weise vorantreibt: Wenn sich Kunststoffe unter UV-Strahlung zersetzen, bilden sie unter anderem Methan und Ethylen. Methan gilt als klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid (CO2).

Auch wenn der Anteil der von Plastik freigesetzten Klimagase derzeit als gering gilt, kann sich das in Zukunft ändern: Wenn Plastik zerfällt, besitzt es eine größere Oberfläche und setzt den Forschern zufolge womöglich mehr Treibhausgase frei. Je mehr Mikroplastik wir also produzieren, desto stärker beschleunigen wir den Klimawandel.

Lies auch: Plastikfrei leben: Brotdosen aus Edelstahl, Glas und Holz

8. Mikroplastik kann Krebserkrankungen auslösen

Das Bundesinstitut für Risikobewertung veröffentlichte 2015 folgende Aussage: „Aufgrund des Fehlens belastbarer Daten ist eine gesundheitliche Risikobewertung für den Verzehr von mit Mikroplastikpartikeln verunreinigten Lebensmitteln derzeit nicht möglich.“ Laut Nachfrage von Öko-Test (Heft 11-2018) gilt das bis heute.

Das Verbrauchermagazin startete eigene Nachforschungen und interviewte unter anderem Dr. Tamara Grummt vom Umweltbundesamt. Sie und ihr Team stellten eigene Forschungen darüber an, wie Zellen reagieren, wenn sie über einen längeren Zeitraum mit Mikroplastik in Kontakt kommen.

Laut Grummt lagert sich Mikroplastik zwischen den Körperzellen an und kann von dort aus Entzündungen auslösen, die zu chronischen Erkrankungen wie Krebs oder Leberzirrhose führen können. Das übrige Interview gibt zum Nachlesen:

Mikroplastik-Artikel aus Öko-Test (ePaper)

9. Zigaretten, Sonnencreme und deine Kleidung – auch so kommt Mikroplastik ins Meer

verstecktes Mikroplastik: Zigarettenkippen
Auch Zigarettenkippen sind Quellen für Mikroplastik. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay - sulox32)

Eigentlich sind Zigaretten biologisch abbaubar: Sie bestehen aus einer Art Bioplastik, das auf Zellstoff (Holzfasern) basiert. Vielleicht schmeißen deshalb so viele Leute ihre Kippen unbekümmert in den Sand. Was diese Raucher nicht beachten: Bevor die Filter ganz abgebaut sind, zersetzen sie sich in einzelne Fasern, die von Wasserlebewesen aufgenommen werden können. Neben Plastik enthalten die Stummel außerdem Weichmacher und die giftigen Rückstände des Zigarettenrauchs.

Doch auch wer mit konventioneller Sonnencreme baden geht, trägt kleinste Plastikpartikel ins Wasser. Denn, wie der Hersteller Nivea auf seiner Website offen zugibt: Flüssige oder gelartige Polymere sorgen dafür, dass sie Sonnencreme wasserfester ist und werden deshalb gerne beigemischt. Besser, du greifst zu mineralischen Sonnencremes von zertifizierten Naturkosmetik-Herstellern – diese sind immer frei von Mikroplastik.

Um Meere mit Mikroplastik zu verschmutzen, musst du aber nicht zwingend vor Ort sein. Selbst wenn du deine Waschmaschine startest, trägst du unbewusst zur Umweltverschmutzung bei, denn: Beim Waschen von synthetischen Stoffe lösen sich winzige Faserteilchen, die in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können. So gelangen sie ins Grundwasser und von dort aus in unsere Umwelt sowie unser Trinkwasser – und zu guter Letzt auch in den Ozean. Wenn du das verhindern willst, solltest du lieber Kleidung aus Naturfasern kaufen.

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(15) Kommentare

  1. @ Denkendebürger: oh man,…

    Frage an das Utopia-Team: Der Artikel ist mit dem 18.04.2019 datiert. Die Diskussionen zu dem Artikel sind aus November 2018.
    Ist der Artikel „recycled“ oder geupdated? Wäre ja nicht schlimm, das Thema bleibt aktuell und brisant; Wegen der Transparenz wäre es aber sinnvoll, einen Hinweis zu Anfang zu geben, dass es sich ursprünglich um einen älteren Artikel handelt.

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