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„Da ist kein Platz für queere Menschen“: Münchens fragwürdiges Oktoberfestportal

Foto: Pexels / Manuel Joseph

Das Oktoberfest ist wohl die Touristenattraktion in München schlechthin. Ein inoffizielles Portal bietet Informationen rund um die Wiesn – inklusive queerfeindlicher Verhaltensregeln. Trotz heftiger Kritik bleiben die Betreiber:innen sowie die Stadt weitgehend untätig.

Es kommt wie ein harmloses Portal daher, das Informationen rund um das Münchner Oktoberfest liefern soll. Neuheiten, Schausteller, und Wirte der Wiesn werden auf der Plattform vorgestellt. Neben allgemeinen Tipps für Tourist:innen findet sich auch ein FAQ für „schwule Wiesn-Gänger“, wie es auf der Seite www.oktoberfestportal.de heißt.

Was erst einmal wie ein netter Service klingt, entpuppt sich schnell als diskriminierende Auslassung darüber, wie sich queere Menschen angeblich zu verhalten haben. Denn: „Nicht jeder Besucher des Oktoberfest ist so tolerant (…)“, schreiben die Betreiber:innen der Website. Das Portal selbst bezeichnet die „Tipps“ sogar als „Verhaltensregeln“.

Insgesamt vier „Fragen“ beantwortet das Portal, das laut Impressum vom „Wiesnteam“ betrieben wird. Wer sich genau dahinter verbirgt ist unklar, sicher ist nur: Es handelt sich nicht um eine offizielle Website der Stadt München. Der Website zufolge sei das „Wiesnteam“ „Unternehmen und Netzwerk“ zugleich. „Unternehmen, Vereine, Institutionen, Medien und Betreiber von Shops und Webseiten ebenso wie aber auch interessierte Privatpersonen“ sind an dem Projekt beteiligt, heißt es. Das angebliche Anliegen der Betreiber:innen: Unter anderem das „positive Image“ des Oktoberfests „in aller Welt“ fördern – sowie die „Vielfalt“ der Wiesn aufzeigen.

FAQ für „schwule Wiesn-Gänger“

Von Vielfalt will man im FAQ für „schwule Wiesn-Gänger“ allerdings wenig wissen. Zu der Frage, ob queere Menschen auf dem Oktoberfest flirten dürften, schreibt das Portal: „Generell gilt eine gewisse Zurückhaltung auf der Wiesn. Nicht jeder Besucher des Oktoberfests ist so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann.“

Deshalb sei „ein bisschen“ Zurückhaltung geboten. „Nicht alle Wiesngänger haben Verständnis für eine offene schwule oder lesbische Lebensweise. Also einfach Augen und Ohren offen halten, ob Ihr für Gesprächsstoff sorgt“, heißt es weiter. Die Auslassung zum Thema Flirten auf der Wiesn endet damit, den Leser:innen zu erklären, dass das Bierzelt „nicht der richtige Ort“ sei, um Menschen „Begriffe wie Toleranz und Gleichberechtigung“ zu erklären. Von männlichen Bedienungen sollten „schwule Wiesn-Gänger“ die Finger lassen, schreibt das Portal – die seien „natürlich tabu“.

Laut der Münchner Zeitung tz soll der homosexuelle Journalist und Aktivist Bernd Müller das FAQ verfasst haben. Dem Bericht zufolge würde er den Text mittlerweile zwar vorsichtiger formulieren, dennoch bleibe er bei den Aussagen: „Man kann sich auf der Wiesn nicht auf die Toleranz der Besucher verlassen!“, zitiert ihn die tz.

„Kann nicht sein, dass queere Menschen sich immer noch anpassen müssen“

Wie verletzend sich derartige „Verhaltensregeln“ anfühlen können, weiß der Journalist und Influencer Maxi Pichlmeier. Der 27-Jährige ist in Bayern aufgewachsen, homosexuell und Teil der queeren Community, wie t-online schreibt. Er hat auf seinem TikTok- und Instagram-Kanal, wie schon zuvor die Comedian Enissa Amani, auf das fragwürdige Oktoberfestportal aufmerksam gemacht.

Für Pichlmeier ist die Wiesn kein sicherer Ort, wie er t-online sagt: „Bayerische Tradition steht für mich für klassische Rollenbilder. Da ist kein Platz für queere Menschen.“ Je mehr Alkohol fließe, desto unsicherer fühle er sich. „An einem Biertisch mit wildfremden Leuten würde ich genau abwägen, ob ich meinen Freund küsse oder nicht.“ Über das Portal ist Pichlmeier empört. „Es ist 2022, da kann es nicht sein, dass queere Menschen sich immer noch anpassen müssen, um der Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen“, wird er zitiert.

Bereits die Comedian Enissa Amani hatte auf Instagram die „Verhaltensregeln“ des Oktoberfestportals angeprangert. Daraufhin forderten User:innen Aufklärung seitens der Wiesn-Veranstalter. Wie der Express berichtet, meldete sich die offizielle Seite des Oktoberfests per Instagram-Nachricht bei Amani – und erklärte: „Wir haben absolut nichts mit dem Artikel zu tun, der hier auf Instagram gerade geteilt wird und würden die Sache gerne klarstellen und uns distanzieren.“ 

Halbherzige Reaktion der Portal-Betreiber:innen

Utopia wollte von der Stadt München wissen, ob sie als Veranstalter der Wiesn gegen die besagten „Tipps“ in irgendeiner Weise vorgeht. Schließlich ist die Außenwahrnehmung Münchens unweigerlich mit der Wiesn – der Touristenattraktion der Stadt schlechthin – verbunden. Auf die Anfrage hieß es lediglich, dass sich die bayerische Landeshauptstadt zu den Werten der „Weltoffenheit, Toleranz und Diversität“ bekenne. Das Oktoberfest sei „seit vielen Jahren ein Treffpunkt für die LGBT-Community“, wie die geplanten LGBT-Veranstaltungen für die Wiesn 2022 zeigen würden. Auch die Betreiber:innen des Oktoberfestportals hatte Utopia um Stellungnahme gebeten, bislang ohne Antwort.

Sie haben bislang halbherzig auf die empörten Reaktionen reagiert. Man verweist mehrfach auf das (ebenfalls vom „Wiesnteam“ betriebene) Portal Rosa Wiesn. Vor den sogenannten FAQs wurde eine Art Disclaimer auf dem Portal hinzugefügt: Man freue sich über die Diskussion, „vor allem, wenn daran nun auch die schwul-lesbische Community teilnimmt“. Gleichzeitig tut man die Vorwürfe der Queerfeindlichkeit als „lebendige Diskussion mit konträren Meinungen“ ab. Medienvertreter:innen lässt man wissen, dass man keine Zeit für Anfragen habe. Die vermeintlichen Tipps sind auf dem Portal immer noch zu finden.

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