Nutri-Score: Das musst du über die Ernährungsampel wissen

Foto: Utopia / Leonie Barghorn

Ernährungsministerin Klöckner gibt auf: Die sinnvolle Nährwertkennzeichnung Nutri-Score kommt endlich auch in die deutschen Supermärkte. Wir erklären dir, wie die Nährwertampel Nutri-Score zustande kommt – und was damit nicht stimmt.

Starker Schachzug: Ernährungsministerin Klöckner tut gerade so, als würde ausgerechnet sie die Ernährungsampel Nutri-Score einführen. Dabei hat sie ihn lange bewusst verhindert (Spiegel), weil Teile der Industrie ihn fürchteten – eben jene, die mit einem schlechten Score rechnen müssen. „Nutri-Score ist eine Verbraucherfalle“, behauptete etwa kess und wenig überraschend die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker. „Die Industrielobby, die bisher alles daran gesetzt hat, eine verbraucherfreundliche Kennzeichnung zu verhindern, muss ihre Anti-Ampel-Kampagne einstampfen“, forderte daher Foodwatch.

Worum gehts? Der Nutri-Score bewertet ein Produkt mit der Note „A“, „B“, „C“, „D“ oder „E“ – einfacher geht es kaum und deswegen fanden Verbraucher das auch gut. Als Portionsgröße werden dabei 100 Gramm angenommen. Produkte, die die Note „A“ erhalten, gelten als besonders gesund und für den täglichen Verzehr geeignet. Produkte, die mit „E“ gekennzeichnet werden, sollte man dagegen als seltenen Luxus betrachten.

Im folgenden Abschnitt erfährst du, wie diese Noten zustande kommen. Ursprünglich kommt die Ernährungsampel aus Frankreich, wo sie schon seit 2017 verwendet wird. Noch länger gibt es in Großbritannien eine Lebensmittelampel, die auch als Inspiration für den Nutri-Score diente. Entwickelt wurden beide Lebensmittelampeln von Ernährungswissenschaftlern.

So kommt der Nutri-Score zustande

Gemüse, Obst und Nüsse werden vom Nutri-Score positiv bewertet.
Gemüse, Obst und Nüsse werden vom Nutri-Score positiv bewertet.
(Foto: CC0 / Pixabay / silviarita)

Auch, wenn das Produkt am Ende nur eine Gesamtnote erhält, werden die Inhaltsstoffe einzeln angeschaut und in gesund und ungesund eingeteilt:

Für jeden Inhaltsstoff wird geschaut, wie viel das Produkt davon enthält. Anhand dessen wird eine Punktzahl vergeben. Generell gilt: Pluspunkte sind schlecht, Minuspunkte sind gut. Wenn ein Produkt beispielsweise viel Zucker enthält, kriegt es viele Pluspunkte. Wenn es dagegen viele Proteine enthält, kriegt es viele Minuspunkte, weil Proteine als gesund gelten.

Allgemeine Infos bietet das BMEL. Wie viele Punkte es genau für welche Mengen gibt, kannst du in dem Katalog der „Frequently Asked Questions“ von Santé Publique France nachlesen. Dort erfährst du zum Beispiel auch, dass der Zuckergehalt von Getränken strenger bewertet wird als von Essen. 

Am Ende werden die Punkte zusammengerechnet. Da Minuspunkte gut sind, kannst du dir bereits denken, dass Produkte mit einer negativen Endpunktzahl einen besonders guten Nutri-Score bekommen.

Für Lebensmittel entsprechen die Noten des Nutri-Scores folgenden Punktzahlen:

  • -15 bis -1: A
  • 0 bis 2: B
  • 3 bis 10: C
  • 11 bis 18: D
  • 19 und mehr: E

Für Getränke ist der Nutri-Score strenger:

  • Wasser: A
  • -15 bis 1: B
  • 2 bis 5: C
  • 6 bis 9: D
  • 10 und mehr: E

In der Infobroschüre von Danone (über Foodwatch) wird der Nutri-Score verständlich erklärt und anhand von zwei Beispielen veranschaulicht.

Erste Erfahrungen mit dem Nutri-Score

Wenn Lebensmittel deutlich gekennzeichnet werden, kaufen Menschen gesünder ein.
Wenn Lebensmittel deutlich gekennzeichnet werden, kaufen Menschen gesünder ein.
(Foto: CC0 / Pixabay / ElasticComputeFarm)

In Frankreich, wo es den Nutri-Score bereits seit 2017 gibt, wurden seit der Einführung mehrere Studien zur Lebensmittelampel durchgeführt. Konkret wollten die Forscher zum Beispiel wissen, wie verständlich der Nutri-Score ist und ob die Menschen tatsächlich eher zu den Produkten mit positiven Bewertungen greifen.

Die Ergebnisse der Untersuchungen:

  • In einer Umfrage meinten 80 Prozent der Befragten, dass sie den Nutri-Score sinnvoll finden. In einer anderen Befragung, die im gleichen Bericht veröffentlicht wurde, meinten allerdings 36 Prozent, dass ihnen der Nutri-Score zu wenige Informationen liefere.
  • Eine Feldstudie in 60 verschiedenen Supermärkten hat ergeben, dass sich der Gesundheitswert der eingekauften Lebensmittel im Durchschnitt leicht verbesserte, weil die Menschen eher zu Produkten mit einem guten Nutri-Score griffen.
  • Für eine andere Studie wurde ein künstlicher Supermarkt mit einem repräsentativen Angebot aufgebaut, wobei die Lebensmittel mit dem Nutri-Score gekennzeichnet wurden. Auch hier kauften die Menschen im Schnitt etwas gesündere Lebensmittel ein.

In den gleichen Studien wurde der Nutri-Score mit anderen Bewertungssystemen wie zum Beispiel der multiplen Lebensmittelampel verglichen. Das ist das ursprüngliche Modell aus Großbritannien, bei dem jeder Nährstoff einzeln eine Note bekommt. Insgesamt stellte sich heraus, dass der Nutri-Score von den Menschen am besten angenommen wurde und auch am stärksten den Gesundheitswert der eingekauften Lebensmittel erhöhte.

Nutri-Score: In Deutschland kontrovers diskutiert

Der hohe Anteil an Übergewichtigen ist ein Argument für den Nutri-Score.
Der hohe Anteil an Übergewichtigen ist ein Argument für den Nutri-Score.
(Foto: CC0 / Pixabay / cocoparisienne)

Während der Nutri-Score in Frankreich überwiegend positiv aufgenommen und von der Regierung unterstützt wird, steht in Deutschland vor allem der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) ihm kritisch gegenüber.

Auch die letzten Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft sprachen sich dagegen aus, eine Lebensmittelampel wie den Nutri-Score einzuführen Julia Klöckner haderte besonders lange mit dem Logo, bis sie ihm im Herbst 2019 endlich grünes Licht gab.

Die Kritiker stützen sich dabei auf die folgenden Argumente einiger Ernährungswissenschaftler:

  • Lebensmittel lassen sich nicht auf solch eine simple Weise in gesund und ungesund unterteilen.
  • Jeder menschliche Körper braucht eine andere Ernährung und was als gesund gilt, ändert sich ständig, da in dem Bereich noch viel erforscht werden muss.
  • Wenn man nur Lebensmittel mit der Note „A“ einkauft, heißt das noch lange nicht, dass man sich ausgewogen ernährt. Es kommt immer auch darauf an, welche Lebensmittel kombiniert und in welchen Mengen sie gegessen werden.

Doch selbst Klöckner sagt jetzt: „Der Nutri-Score ist so angelegt, dass er hinsichtlich einer gesunden Ernährung eine erste, gute Orientierung sein kann“, so die Ministerin bei der Vorstellung des Labels.

Verbraucherschützer wie Foodwatch und die Verbraucherzentralen, die Deutsche Adipositas Gesellschaft und Verbände der Kinder- und Jugendmedizin sehen das ebenso:

  • Ihrer Ansicht nach ist wegen der vielen übergewichtigen Kinder und Jugendlichen dringend eine einfachere Kennzeichnung der Lebensmittel nötig.
  • Verbraucherschützer argumentieren, dass gerade Familien mit niedrigem Einkommen und Bildungsstand durch bisherige Maßnahmen nicht erreicht wurden.
  • Französischen Studien hätten dagegen klar belegt, dass Menschen durch den Nutri-Score tatsächlich gesünder einkaufen.

Nutri-Score: Der richtige Weg?

Daran kann der Nutri-Score nichts ändern: Ungesunde Produkte sind im Vergleich zu gesunden zu günstig.
Daran kann der Nutri-Score nichts ändern: Ungesunde Produkte sind im Vergleich zu gesunden zu günstig.
(Foto: CC0 / Pixabay / Free-Photos)

Es ist klar: Es gibt in Europa zu viele Übergewichtige und dies hängt sicherlich mit einer zu ungesunden Ernährung zusammen. Deshalb ist es wichtig, dass die Nährwerte eines Produkts besser gekennzeichnet werden. Die Nährwerttabelle lesen laut einer Studie nur etwa 17 Prozent der Verbraucher.

Aber reicht eine einzige Note wie der Nutri-Score wirklich aus, damit sich die Menschen signifikant gesünder ernähren? Die im vorherigen Abschnitt genannten Argumente der Ernährungswissenschaftler lassen daran zweifeln, zumal Mikronährstoffe und Zusatzstoffe im Nutri-Score nicht oder nur sehr grob betrachtet werden. Sinnvoller wäre es wohl, deutlich den Gehalt von Zucker und Transfettsäuren zu kennzeichnen, da sich Wissenschaftler bei diesen Stoffen einig sind, dass ihr Konsum stark begrenzt werden muss.

Was mit dem Nutri-Score nicht stimmt

Der Nutri-Score wird eingeführt – freiwillig.
Der Nutri-Score wird eingeführt – freiwillig.
(Foto: BMEL)

Wird nun alles gut? Nein. Denn Ministerin Julia Klöckner will den Nutri-Score weiterhin nicht verpflichtend, sondern freiwillig einführen. Das wird natürlich dazu führen, dass nur jene Produkte den Nutri-Score auf der Packung kennzeichnen werden, die gesund sind. Ungesunde Produkte werden auf ihn verzichten – und Verbraucher werden also nicht gewarnt werden.

Da der Nutri-Score in Deutschland nur freiwillig eingeführt werden kann, haben Lebensmittelhersteller die Wahl, ob sie die Kennzeichnung verwenden oder nicht. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv appelliert daher an die Unternehmen der deutschen Lebensmittelwirtschaft, die Nährwertampel so schnell wie möglich auf ihren Produkten zu nutzen. „Denn nur wenn eine große Zahl an Produkten gekennzeichnet ist, können Verbraucher tatsächlich vergleichen – und eine gesündere Wahl treffen“, so vzbv-Vorstand Klaus Müller.

Der Nutri-Score ändern an einem grundsätzlichen Problem nichts: Ungesunde Nahrungsmittel sind zu günstig, insbesondere viele Fertiggerichte und Süßigkeiten – aber auch Fleisch, Wurst und Käse. Darunter leiden nicht nur wir Menschen, sondern auch Bauern, Tiere und die Umwelt. Unser Landwirtschaftssystem ist ein großer Teil des Problems.

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