Was du über Ökostrom wissen solltest (aber keiner laut sagen mag)

Ökostrom, Graustrom, Grünstrom
Foto: Colourbox.de

Unglaublich: In Deutschland wird „Graustrom“ (aus Kohle und Atom) zu „Grünstrom“ (aus Wasser, Wind und Sonne) gemacht – und umgekehrt; wir kaufen viel Grünstrom im Ausland, lassen ihn aber nicht über die Grenze; und auch sonst ist bei Ökostrom der Wurm drin. Utopia erklärt, warum das so ist und wann Ökostrom wirklich sinnvoll ist.

Irgendwie scheint’s ein Schildbürgerstreich zu sein: Da schaut man vom Fenster auf bläulich schimmernde Solarstrom-Module und am Horizont drehen sich die Rotorenflügel eines imposanten Windparks. Diese Energie mit einem Ökotarif direkt für den eigenen Haushalt oder Betrieb einzukaufen, würde die Energiewende noch erlebbarer machen und zudem die Transportnetze entlasten.

Ist aber nicht so. Stattdessen kommt der allergrößte Teil des Grünstroms, der auf Rechnungen von rund 8 Mio. deutscher Privat- und Gewerbekunden mit Ökostrom landet, aus dem Ausland. Wie kann das sein?

Wie in Deutschland echter Grünstrom zu Graustrom wird

So gut wie jede neue Elektrizität aus erneuerbarer Quelle – ob Wind, Sonnenschein oder Biomasse – wird in Deutschland über das EEG gefördert. Seit dem Jahr 2000 sind auf diese Weise gewaltige Erzeugungsmengen entstanden, das Gesetz hat international reichlich Lob und Nachahmung erfahren. So weit, so gut.

Etwas später entschied der Gesetzgeber aber, dass diese Energie nicht als Ökostrom verkauft werden darf. Klingt seltsam, hat aber gute Gründe: Damit sollten doppelte Einnahmen verhindert werden, die entstünden, wenn Naturstrom einerseits öffentlich gefördert würde, der Kunde aber andererseits noch einen Aufpreis bezahlen müsste. Der EEG-Strom wird nun an die Strombörse weitergeleitet und dort zum aktuellen Mini-Tarif verkauft.

Die Einnahmen fließen auf das EEG-Konto, das auch die Vergütung an die Anlagenbetreiber übernimmt. Weil der Erlös den Förderbedarf nicht deckt, zahlt der Stromkunde über seine Rechnung derzeit 6,17 Cent EEG-Umlage pro verbrauchter Kilowattstunde.

Aus dem lupenreinen Grünstrom ist auf diese Weise gewöhnlicher Graustrom geworden. Rein rechnerisch beträgt der Naturstrom-Anteil inzwischen bei jedem Stromverbraucher etwa 30 Prozent. Das heißt: Ökostrom bekommt anteilig auch jener Haushalt zugewiesen, der sich durch seinen Tarif für Energie aus CO2-reicher Braunkohle oder gar aus einem Atomkraftwerk entschieden hat.

Anders gesagt: Wir alle haben schon 30 Prozent „Ökostrom“ (ein Begriff, der wie Grünstrom oder Naturstrom übrigens nicht geschützt ist). Das klingt erst Mal großartig, doch die Physik lässt sich nun mal nicht überlisten. Deshalb stammt jeglicher Strom natürlich immer noch von der nächstgelegenen Erzeugungsstelle. Ob aus dem Atommeiler, dem Kohlekraftwerk, einer Biogas-Turbine oder vom Solardach gegenüber … das ist dem Strom egal. Daher reicht es nicht, sich auf dem 30%-Grünstromanteil auszuruhen. Wir müssen dafür sorgen, dass insgesamt und überall mehr Ökostrom produziert wird – also auch bei uns.

Woher kommt dann mein bestellter Ökostrom?

Ökostrom Quellen Stromimport

Unsere deutschen Stromversorger kaufen in der Regel Ökostrom, den sie den Kunden liefern und berechnen, im europäischen Ausland. Dieser kommt zumeist aus Skandinavien (68 %), Österreich (15 %) und der Schweiz (9 %) – selbst Belgien steuert noch gut 2 % bei.

Erworben und bei Lieferung entwertet werden müssen so genannte „Herkunftsnachweise“ (HKN). Insgesamt wurden auf diese Weise zuletzt etwa 14 Mrd. Kilowattstunden identifizierbar belegt. Diese HKN sind allerdings kein „Öko-Siegel“. Und: Solche Herkunftsnachweise können auch völlig unabhängig von der realen Lieferung erworben werden. Das führt dazu, dass etwa aus Norwegen deutlich mehr HKNs auf den Einkaufslisten erscheinen als tatsächlich Strom aus Wasserkraft geliefert wurde.

Noch ein Trick: Der deutsche Versorger kauft beispielsweise 1 Mio. Kilowattstunden Wasserstrom – und verkauft gleichzeitig dieselbe Menge Kohlestrom nach Skandinavien. Bei diesem „bilateralen“ Vertrag heben sich die Liefermengen gegenseitig auf. Mit anderen Worten: Es fließt überhaupt kein Strom über die Grenze, nur der HKN wechselt nach Deutschland. Mit ihm wird dann hierzulande gewöhnlicher Graustrom in gleicher Menge zu Ökostrom aufgewertet. Zugleich sinkt in den Ländern, die „echten“ Ökostrom exportieren, zwangsläufig der Grünstrom-Anteil.

Immerhin: Laut übereinstimmender Ansicht von Fachleuten fließt Naturstrom aus Österreich und der Schweiz aber tatsächlich ins deutsche Netz. Und einzelne Stadtwerke – etwa die Münchener oder Frankfurts „Mainova“ – beschaffen für ihre Kunden trotzdem auch deutschen Ökostrom. Der kommt meist aus älteren Wasserkraftwerken, die nicht über das EEG vergütet werden. Oft handelt es sich um abgeschriebene Anlagen, die keinen ökologischen Mehrwert besitzen. Es sei denn, sie sind zwischenzeitlich modernisiert und in ihrer Leistung sowie im Fischschutz verbessert worden.

Gibt es keine bessere Lösung?

Eigentlich schon. Bereits im vergangenen Jahr haben mehrere Umweltverbände und Naturstrom-Unternehmen ein gemeinsam erdachtes Modell vorgelegt, wie klimafreundlich erzeugte Energie aus regionalen Quellen direkt in neuen Ökostrom-Angeboten gebündelt werden kann. Das würde die Glaubwürdigkeit solcher Tarife erheblich steigern, meinen sie, und diese Glaubwürdigkeit wird ja von Ökostromverweigerern gerne ins Feld geführt.

Die entsprechende rechtliche Möglichkeit im EEG zu nutzen, haben am 16. Oktober auf NRW-Antrag alle Bundesländer geschlossen unterstützt. Doch Bundeswirtschaftsminister Gabriel will nicht. Er sieht für dieses „Grünstrom-Marktmodell“ europarechtliche Bedenken voraus. Stattdessen soll eine hauseigene Arbeitsgruppe ein Alternativkonzept entwerfen.

Ob deren Ideen überhaupt noch in die bevorstehende EEG-Novellierung 2016 einfließen können? Unter Insidern gilt: Was bis zum Sommer nicht in Gesetzesform gegossen ist, bleibt liegen – bis nach der Bundestagswahl im Herbst 2017.

Ist denn jetzt mein Ökostrom-Tarif völlig sinnlos?

Ökostrom Quellen Strommix

Man darf sich keinen Illusionen hingeben: Wer Grünstrom für seinen Haushalt oder Betrieb nutzt, hat nur die Gewissheit, dass diese Menge Strom „irgendwo in Europa“ entstanden ist – das aber immerhin umweltfreundlich.

Ökostrom zu nutzen sei zuerst einmal ein Statement für die Energiewende, heißt es im Umweltbundesamt. „Für das Klima macht es aber überhaupt keinen Unterschied“, erläutert etwa das Freiburger Öko-Institut, „ob man einen Klimaschutzbeitrag in Norwegen, Österreich oder Deutschland leistet.“

Deshalb kommt es umso mehr auf den Zusatznutzen aus den Erlösen an (siehe Interview). Solcher Nutzen entsteht beispielsweise durch den Neubau von EE-Anlagen – auch hier wieder: egal wo. Denn zusätzlich erzeugter Ökostrom verdrängt die konventionell erzeugte Energie mit hoher CO2-Belastung oder atomarer Erblast. Die besseren Öko-Siegel (siehe Beitrag Ökostrom-Label) werden nur vergeben, wenn dieser Fortschritt damit auch wirklich gewährleistet ist.

Die Utopia.de-Empfehlung lautet daher: Wer selbst in den Bau neuer EE-Anlagen investiert – auf dem eigenen Hausdach (sofern verfügbar) oder vielleicht als Mitglied einer Bürgerenergie-Genossenschaft – leistet dazu den besten Beitrag. Der zweitbeste besteht darin, sich seinen Grünstrom-Lieferanten sorgfältig auszusuchen – etwa im Beitrag Umstieg: So finden Ihren Ökostrom-Anbieter. Die hochwertigen Qualitäts-Siegel liefern dafür Anhaltspunkte, ebenso wie die Utopia.de-Vergleichsliste ausgewählter Stadtwerke (siehe Beitrag Wie gut ist Ökostrom von den Stadtwerken?).

Aber für alle gilt: Energiesparen ist – egal in welchem Tarif – das wirksamste Mittel. Keine Kilowattstunde entlastet Klima und Geldbeutel so direkt und nachhaltig wie die dauerhaft eingesparte.

Weiterlesen auf Utopia.de:

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(4) Kommentare

  1. Hallo Herr Jost,

    Dank für ihren Beitrag, um etwas mehr Licht ins Dunkels zwischen Ökostrom und „Ökostrom“ zu bringen.

    Völlig zu recht zitieren Sie das Ökoinstitut mit der Aussage „Für das Klima macht es aber überhaupt keinen Unterschied ob man einen Klimaschutzbeitrag in Norwegen, Österreich oder Deutschland leistet.“
    Sprich entscheidend für unseren Beitrag zur globalen Aufgabe Klimaschutz – die es auf der nationalen, europäischen und globalen Ebene zu lösen gilt – ist NICHT WO dieser geschieht sondern, DASS dieser geschieht und WELCHE WIRKUNG unser Beitrag entfaltet.

    Die beiden entscheidenden Wirkmechanismen die ein Ökostromtarif hier entfalten kann sind:
    1. dessen Beitrag zum Bau neuer Ökostrom Kraftwerke, a) durch einen möglichst hohen Anteil neuer Kraftwerke aus denen die von den Kunden benötigten Strommengen ins europäische Netz eingespeist werden und b) dessen Beitrag zum Bau neuer Anlagen.
    2. dessen Beitrag zum wirtschaftlichen Stärken von Akteuren die eine konsequente und glaubwürdige Alternative zu Kohlestrom, Atomstrom und unglaubwürdigen Ökostrom Angeboten bieten UND wirtschaftlicher Druck im Besonderen auf die großen Stromkonzerne durch das Umlenken des Geldes weg von diesen und hin zu ökologisch, sozial, und wirtschaftlich sinnvolleren Anbietern. Das heißt auch! keinen Ökostrom aus Anlagen deren Eigentümer in großem Stil Atom- und Kohlestrom handeln und/oder erzeugen.

    Leider ist ihr Artikel an entscheidender Stelle diesbezüglich noch etwas ungenau und aus meiner Sicht dazu geeignet ungewollt Leser zu Kunden der großen Energiekonzerne zu machen, indem er insgesamt den Eindruck vermittelt*, dass Ökostrom Angebote mit Stromanteilen aus dem Ausland grundsätzlich einen schlechteren Beitrag zur Energiewende leisten als Ökostrom Angebote mit Strom aus „Deutschen“ Kraftwerken. Und in Folge Anbieter von Strom aus deutschen Kraftwerken die in der Hand der Energiekonzerne sind, als glaubwürdigere Treiber der Energiewende erscheinen als solche die ganz bewußt keinen Strom aus solchen Kraftwerken beziehen.

    Im Besondern in der völlig korrekten Darstellung des „miesen“ Handels mit Ökostrom Herkunftsnachweisen aus Skandinavien bei dem Graustrom „grüngewaschen wird“, fehlt der wichtige und entscheidenden Hinweis, dass dies nicht grundsätzlich für alle Ökostrom Angebote gilt die Strom aus Skandinavien enthalten. So gibt es durchaus preisgekrönte Ökostromanbieter die ihren Strom aus hiesigen Windkraftanlagen (in Bürgerhand) und >>neuen<<, skandinavischen Wasserkraftwerken (die in der Hand von Bürgen und Kommunen sind) beziehen (Kauf des Ökostroms UND der dazugehörigen Herkunftsnachweise). Sprich kein Kauf von Herkunftsnachweisen ohne den Kauf der dazugehörigen Strommengen (Geld der Stromkunden für den Strom geht an die Betreiber dieser Kraftwerke).

    Grund hierfür ist nicht etwa das dieser Strom billiger ist als Strom aus Wasserkraftwerken in Deutschland (das Gegenteil ist der Fall), sondern das es sogut wie keine nennenswerte Mengen an in Deutschland erzeugtem Wasserkraftstrom gibt, bei dem die erzeugenden Kraftwerke nicht im Besitz der großen Energiekonzerne aus Deutschland und Österreich sind.
    Hinzu kommt, das ein großer Teil dieser deutschen Wasserkraftwerke seit Jahrzehnten abgeschrieben sind und damit keinen Beitrag zur EnergieWENDE leisten.

    Experten aller Umweltinstitute und Umweltverbände werden ihnen bestätigten, dass unter den beiden oben genannten Wirkungsaspekten (Beitrag zum Neubau, und das Stärken bzw. Schwächen Energiewirtschaftlicher Akteure) ein Ökostrom Angebot aus neuen skandinavischen Wasserkraftwerken die im Besitz konzernunabhängiger Eigentümer (wie z.B. Kommunen und Bürger) sind einen weit höheren Beitrag zur Energiewende leistet als ein Ökostrom Angebot dessen Strom zu einem großen oder überwiegenden Teil aus deutschen Wasserkraftwerken stammt die seit Jahrzehnten abgeschrieben und/oder im Besitz eines Energiekonzerns sind.

    Leider ist es so, dass das Argument "gut für unsere Energiewende weil aus deutschen Kraftwerken" so unglaublich leicht zu verkaufen ist und den sowieso vorhanden Trend "gut ist was regional ist" ausnutzen kann.

    Wie gut man hier als Kunde aufpassen muß zeigt sich beispielsweise daran, wenn damit geworben wird das ein Ökostrom Angebot "frei von deutschen Stromkonzernen" ist … und damit einfach nur verschleiert wird, dass das liefernde Kraftwerk im Besitz des größten österreichischen Energiekonzerns ist, der mit seinem Stromverkauf allein soviel CO2 Emissionen zu verantworten hat wie die gesamte österreichische Abfallwirtschaft zusammen. 🙁

    Oder "echte" Ökostromangebote die mit Wasserkraft aus einem regionalen deutschen Wasserkraftwerk werben, das sich bei sehr genauem hinsehen als uralt Kraftwerk aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entpuppt (wie sie selbst schreiben = keinen Beitrag zur Energiewende leistet) und obendrein im 100% Besitz eines großen Stromkonzerns ist 🙁 🙁 .

    Wechsle ich als Kunde ganz bewußt zu einem Ökostromtarif weil ich damit die Energiewende voranbringen will kann ich diesen meinen Beitrag relativ leicht überprüfen indem ich
    1. genau prüfe A) welches Alter die Kraftwerke haben aus denen der Strom kommt und B) wem diese gehören und
    2. genau prüfe A) was der Stromanbieter mit dem Geld seiner Kunden für die Energiewende macht und B) in welchen Taschen das Geld der Kunden am Ende landet.

    Merke, gibt es keine genaue Aussage zu den Kraftwerken ist dies auch eine mehr als deutliche Aussage !
    Gibt es Aussagen zur guten weil deutschen Herkunft des Stroms gilt es dreimal zu prüfen, da hier i. d. R. Strom alter deutscher Kraftwerke in Konzernbesitz als "der für unsere Energiewende bessere Strom" vermarktet wird.

    Leider hilft hier keines der bekannten Ökostrom-Siegel richtig weiter da diese "diskriminierungsfrei" nur die Stromherkunft bewerten nicht den Stromanbieter. Da hilft nur selber prüfen ;-).

    Ich hoffe, dass es mir gelungen ist die gegenüber der Argumentation "deutsch = gut, Ausland = schlecht" weit komplexere Wirklichkeit eines guten, sinnvollen Ökostrom Angebotes, verständlich darzustellen.
    Beste Grüße
    P

    ** Zitate aus dem obigen Artikel die im Gesamtkontext des Artikels den Eindruck vermitteln können, dass nicht-deutscher-Ökostrom, "schlechter" Ökostrom sei:
    – wir kaufen viel Grünstrom im Ausland, lassen ihn aber nicht über die Grenze; und auch sonst ist bei Ökostrom der Wurm drin
    – Wir müssen dafür sorgen, dass insgesamt und überall mehr Ökostrom produziert wird – also auch bei uns.
    – Das führt dazu, dass etwa aus Norwegen deutlich mehr HKNs auf den Einkaufslisten erscheinen als tatsächlich Strom aus Wasserkraft geliefert wurde.

  2. Die Informationen von ‚Peter‘ finde ich gut, da sie etwas Licht ins Graustromdunkel bringen.
    Seit vielen Jahren beziehe ich Strom von EWS. Das dieser Grünstrom mit HKN aus Norwegen bilanziert wird, war für mich anfangs schwer ‚verdaubar‘. Aber das Bild des großen Stromsees half mir beim Verstehen, das zu akzeptieren.
    Seit 2003 produziere ich auf meinem Hausdach Sonnenstrom. Mein 2 Personen-Haushalt verbraucht etwa 2100 kWh im Jahr und die Anlage (4,08 kWp) bringt dieses Jahr über 3600 kWh. Es werden also 1500 kWh reinsten Grünstroms ins Netz eingespeist und nicht als solches anerkannt – das nennt man dann tragfähige Zukunfts-Energie-Politik.
    Leider werden die verantwortlichen Politiker und Entscheider aus anderen Quellen gespeist.

  3. Der Artikel beschreibt eine Thematik, die mich auch schon umtreibt seit ich mich selbst mit Ökostrom beschäftige und auch seit fast 15 Jahren Kunde bei einem der “echten” Ökostromanbieter bin.
    Inzwischen wird aber sichtbar, das die gesamte Ökostrom-/Energiewendethematik noch wesentlich komplexer ist, als wir Umwelschutzbewegten, um mal das Wort Ökos zu vermeiden, uns dachten und z.T. auch heute noch bereit sind es uns einzugestehen. Hier greift der Artikel erheblich zu kurz.

    Deshalb sei hier nur mal ein Teil der multiplen Problematiken angesprochen:

    – Die ganzen Verrechnereien und Zertifikatshändel beziehen sich immer nur auf eine mengenmäßige Betrachtungsweise. Zur, im Artikel am Rande erwähnten, Physik gehört aber auch das elektr. Strom zeitgleich zum Verbrauch erzeugt werden muss.
    Das führt jetzt schon dazu, das dann, wenn wir z.B. Wind haben mehr erzeugt als gebraucht wird, weshalb der Strom dann zu Negativpreisen – heißt im Klartext wir geben noch Geld dazu, damit ihn die Nachbarländer abnehmen – verramscht wird. Umgekehrt muss bei Flaute Strom aus dem Ausland zugekauft werden. Und zwar aus Kohle und in Zukunft noch vermehrt aus, gerade bei unseren europäischen Nachbarn im Bau befindlichen, Atomkraftwerken.
    Die einstige und noch immer gepflegte Hoffnung diese Schwankungen durch Zubau von noch mehr WKA (Windkraftanlagen) und Solar ausgleichen zu können ist unrealistisch. Inzwischen zeigen die Zahlen, sowohl der Meteologie, als auch der bereits laufenden WKA´s schon, das Wind und Flaute in Deutschland ja sogar in Westeuropa meist ziemlich zeitgleich sind. Somit ergibt der weitere Zubau keine Glättung sondern eine massive Verstärkung der Spitzen ohne ein Schliessen der Lücken. (fehlende Grundlastfähigkeit von WKA + Solar) Wir habe auf Sicht keine Massenspeicher für elektr. Energie. In diesem Zusammenhang eine Anmerkung zu Power-To-Gas zwecks Speicherung. Diese Verfahren hat physikalisch bedingt einen so misserablen Wirkungsgrad bei gleichzeitig hohem Technologie und Ressourcenbedarf das es so sinnvoll ist, wie den überschüssigen (Oko-)Strom gleich “wegzuwerfen“.
    FRAGE: sind wir in unserem gesamten Wirtschaften bereit die Jederzeit-Verfügbarkeitserwartung z.B. in Industrie, Mobilität, Digitalisierung, … von Strom mit allen Konsequenzen aufzugeben??? Ohne diese Frage zu stellen und damit das dickste aller Bretter zu bohren, nämlich die Systemfrage unseres Wirtschafts- und Lebensstils zu stellen, ist die Utopie von einer ehrlichen Energiewende völlige Illusion!!!

    – Wir habe die, selbst ohne große Havarien, im Umfeld von Atomkraftwerken auftretenden Gesundheitsschäden als einen von mehreren Gründen genommen diese Technologie, wie ich finde zurecht, abzulehnen und abzuschaffen. Sind wir auch bereit uns ebenso kritisch mit den inzwischen zahlreich dokumentierten Gesundheitsschäden bei Menschen im Umfeld von WKA´s auseinanderzusetzen? In Deutschland ist das bislang ein völliges Tabuthema aber wer sich dafür interessiert wird in anderen Ländern dazu bereits Einiges finden. Das Windkraftvorreiterland Dänemark hat aus diesen Gründen den WKA-Ausbau faktisch gestoppt.

    – Wie viel Natur und wie viele Leben sind wir bereit für z.B. Windenergie zu opfern. In punkto Lebensraumvernichtung und Tiertötung ist die Windkraft in Deutschland längst dabei die Atomkraft zu überholen. Liebe urbane Ökos, geht mal raus in einen der zahlreichen von Windradkolossen umzingelten Orten in Hessen, im Hunsrück, in Norddeutschland, … und fragt euch dann, ob ihr so leben/wohnen wolltet. Für den (Öko-)Strom, den die “Intensivstation“ Stadt verkonsumiert zahlen anderswo andere einen hohen Preis!
    Zitat Reinhold Messner: “Eine Energiewende welche die Natur zerstört, die sie schützen soll ist sinnlos“

    – Achtung: Auch dieser Utopia-Artikel beinhalten am Ende den Aufruf in Bürgerwindindustrianlagen die eigenen Spargroschen zu investieren. Fakt ist, das, abgesehen von küstennahen Regionen, keine On-Shore WKA (Windräder auf dem Festland) in Deutschland wirtschaftliche Gewinne einfährt. Die damit verbunden Geldanlagemodelle (Genossenschaften, Nachrangdarlehen etc.) haben i.d.R. eine Laufzeit von 20 Jahren. In den ersten Jahren, die bis jetzt erst bei den meist noch jungen Anlagen gelaufen sind, wird das noch in den Bilanzen verschleiert. Am Ende der Laufzeit werden sich diese Defizite aber nicht mehr verleugnen lassen und führen nicht nur zu keiner Rendite, sondern dann auch zur Minderung der zu Beginn getätigten Geldanlage. Weshalb werden dann dennoch Windräder gebaut? Weil Hersteller, Projektierer, Errichter, Grundstücksverpächter alle ihre fixen Einnahmen generieren. Die Lücke zwischen deren gesicherten Einkünften (Kosten der WKA und den Einnahmen aus Stromerträgen zahlt der Geldanleger. Das ist dann nämlich die ca. 20% Differenz zwischen vorhergesagten (schöngerechneten) Erträgen und der tatsächlichen Realität, die sich bei allen On-Shore WKA findet

    Ich war lange Jahre uneingeschränkter Anhänger der Energiewendeidee und verortete deren Kritiker auch gerne zwischen konservativen Veränderungsverweigerern, Ewiggestrigen und Kohle- und Atomlobbyisten. Ich möchte aber nicht mehr die Augen vor der Komplexität des Themas und den damit verbundenen unangenehmen Wahrheiten, Risiken und Nebenwirkungen verschließen. Es gibt hier leider keine einfachen Antworten, aber wir müssen den Mut haben dies anzusehen.

  4. Zitat: „Etwas später entschied der Gesetzgeber aber, dass diese Energie nicht als Ökostrom verkauft werden darf. Klingt seltsam, hat aber gute Gründe: Damit sollten doppelte Einnahmen verhindert werden, die entstünden, wenn Naturstrom einerseits öffentlich gefördert würde, der Kunde aber andererseits noch einen Aufpreis bezahlen müsste. Der EEG-Strom wird nun an die Strombörse weitergeleitet und dort zum aktuellen Mini-Tarif verkauft. Die Einnahmen fließen auf das EEG-Konto, das auch die Vergütung an die Anlagenbetreiber übernimmt. Weil der Erlös den Förderbedarf nicht deckt, zahlt der Stromkunde über seine Rechnung derzeit 6,17 Cent EEG-Umlage pro verbrauchter Kilowattstunde.“

    Der EEG-Ausgleichsmechanismus wurde 2009 geändert. Die Differnenz zwischen Erlös und Förderbedarf wurde dadurch dramatisch erhöht! So wird über die Stromrechnung Stimmung gemacht: Die EEG-Umlage steigt unverhältnismäßig. Dass sie mittlerweile von den tatsächlichen Kosten enkoppelt ist, sieht kaum jemand.
    https://utopia.de/0/gruppen/erneuerbare-energien-203/diskussion/strompreis-eeg-umlage-2013-warum-steigt-der-203047?page=3#comment-325013

    Der Strom der Bürgerwerke kommt zu 100% aus Solar- und Windenergieanlagen in Bürgerhand und einem deutschen Wasserkraftwerk. Die Bürgerwerke stehen dabei für eine demokratische und unabhängige Energieversorgung. Mehr zu den Erzeugern der Bürgerwerke erfahren Sie hier.
    https://buergerwerke.de/strom-beziehen/unser-strom/unsere-erzeuger/

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