Kakao-Barometer 2020: Ein Armutszeugnis – und was sich ändern muss

Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Pablo Merchán Montes

Menschenrechts-Verletzungen und Umweltzerstörung gehören zum Kakao-Sektor wie die Schokolade zur Weihnachtszeit: Das belegt das neueste „Kakao-Barometer“. Utopia erklärt, woran das liegt und was sich endlich ändern muss.

Alle (zwei) Jahre wieder veröffentlicht ein internationales Konsortium im sogenannten Kakao-Barometer, wie es in den Kakao-Anbauländern um Menschenrechte und Umweltprobleme bestellt ist. Anfang Dezember erschien der neueste Bericht. Auf über 100 Seiten hagelt es scharfe Kritik an einem Sektor, in dem – auch nach 20 Jahren Dialog mit regelmäßigen Konferenzen und viel Aktionismus – Kinderarbeit, Armut und Waldrodung noch immer an der Tagesordnung sind. Das Kakao-Barometer 2020 ist ein echtes Armutszeugnis. Die Herausgeber fordern einen grundlegenden Strukturwandel.

Kakao aus Westafrika: Menschenrechtsverletzungen und Umweltprobleme

Ursprünglich stammt Kakao zwar aus Mittelamerika und kam erst im 19. Jahrhundert nach Afrika, doch heute produzieren westafrikanische Länder, vor allem die Elfenbeinküste und Ghana, ganze 74% des weltweiten Kakaos. Allerdings handelt es sich dabei ausschließlich um sogenannten Konsumkakao, der im Vergleich zu Edelkakao aus Ländern wie Costa Rica, Ecuador oder Indonesien deutlich niedrigere Preise erzielt. Auch lokaler Kakao-Konsum spielt in Westafrika kaum eine Rolle, wodurch die Kleinbäuer:innen vollkommen vom Export abhängig sind.

Kakao-Barometer 2020: Anbauländer
Kakao-Barometer 2020: Wichtigste Anbau- und Konsumentenländer (Grafik: Cocoa Barometer 2020 / VOICE Network unter CC-BY-SA-4.0)

Ganz bewusst legen die Herausgeber des Kakao-Barometers 2020 daher den Finger in die „westafrikanische Wunde“ und konzentrieren sich auf die hier vorherrschenden Probleme: Kinderarbeit und Armut, aber auch die zunehmende Umweltzerstörung durch Kakao-Plantagen.

In Ghana und der Elfenbeinküste schuften 1,5 Millionen Kinder für unseren Schokogenuss

Laut Kakao-Barometer sind allein in Ghana und der Elfenbeinküste ca. 1,5 Millionen Kinderarbeiter:innen direkt in die Kakao-Produktion involviert. Für die meisten von ihnen sind der direkte Kontakt mit giftigen Pestiziden, die Nutzung gefährlicher Gerätschaften (etwa Macheten zum Ernten und Öffnen der Kakaoschoten) sowie das Tragen schwerer Lasten bitterer Alltag.

Der Bericht beklagt, dass die Ursachen von Kinderarbeit, allen voran Armut und mangelnde Bildungsinfrastruktur, in den letzten 20 Jahren nicht entschlossen genug bekämpft wurden. Die Haupt-Kakao-Ernte findet übrigens zwischen Oktober und März statt. Danach wird Monat für Monat das Geld knapper, weshalb sich nur die wenigsten Familien für die nächste Ernte Saison-Arbeitskräfte leisten können – und dann müssen oft wieder die eigenen Kinder helfen. Das über das Jahr ungleichmäßig verteilte, viel zu geringe Einkommen der Kleinbäuer:innenfamilien im Kakao-Sektor ist somit die Kernursache vieler Probleme.

Kakao und die Umwelt: Entwaldung und Pestizideinsatz

Für die meisten Kakao-Farmer:innen liegt die einzige Möglichkeit, ihr Einkommen zu erhöhen, in der Vergrößerung der Plantagen und der Steigerung der Erträge. Dabei geht diese Rechnung langfristig nicht auf, denn durch ein Kakao-Überangebot sinken die Preise.

Kakao-Barometer 2020
Kakaobohnen stammen nicht selten aus gerodeten Regenwaldgebieten. (Foto: © VOICE Network)

Zugunsten neuer Kakao-Bäume wird dennoch großflächig Regenwald abgeholzt, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen: Verlust von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen, Reduzierung der Klimafunktion der Wälder, Freisetzung großer Mengen an CO2.

Gleichzeitig nimmt der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden – als Teil der sogenannten „Professionalisierung“ der Bauern und Bäuerinnen – vielerorts eher zu als ab. Oft fehlt dabei das nötige Fachwissen, wie und wann die Substanzen angewendet und dosiert werden müssen. So stehen nicht nur Umwelt und Gesundheit der Menschen vor Ort auf dem Spiel: Nach wie vor finden sich auch bei uns immer wieder Pestizidrückstände in einigen Schokoladenprodukten – obwohl die EU bereits 2008 gesetzliche Höchstgrenzen definiert hat.

Die wenigsten Kakaofarmer:innen in Westafrika erwirtschaften ein existenzsicherndes Einkommen

Kinderarbeit und Umweltzerstörung sind unmittelbar sichtbare Konsequenzen der in Westafrika vorherrschenden Armut. Das Kakao-Barometer formuliert es sehr treffend:

„When farmers must choose between feeding their family, and not cutting down old growth trees, it is not a choice. When they must choose between feeding their family or sending them to school, it is not a choice.”

(deutsch: “Wenn Farmer:innen wählen müssen zwischen der Ernährung ihrer Familie und dem Verzicht auf das Abholzen alter Bäume, dann ist das keine Wahl. Wenn sie wählen müssen, ob sie ihre Familie ernähren oder sie zur Schule schicken, ist das keine Wahl.”)

In der Elfenbeinküste erwirtschaften nur 12%, in Ghana gerade einmal 9,4% der Kleinbäuer:innen ein existenzsicherndes Einkommen. Ein solches „Living Income“ beträgt in Ghana weniger als 5.000 US-Dollar pro Jahr. Damit könnte allen Haushaltsmitgliedern Zugang zu Nahrung, Wasser, Unterkunft, Bildung, Gesundheitsleistungen, Transport und Kleidung ermöglicht werden. Für fast alle westafrikanischen Kakao-Kleinbäuer:innen ist dies jedoch eine utopische Vorstellung.

Kakao-Barometer 2020: Marken
Kakao-Barometer 2020: Wichtigste kakaoverarbeitende Marken. (Grafik: Cocoa Barometer 2020 / VOICE Network unter CC-BY-SA-4.0)

Dabei rechnet das Barometer vor, dass alleine ein Schokoladenunternehmen wie Ferrero, das sich gerne mit seiner sozialen Verantwortung rühmt, allen etwa 90.000 Produzent:innen ein solches Einkommen ermöglichen könnte – und dennoch blieben rund 192 Millionen Euro Gewinn übrig, die pro Jahr an die Ferrero-Familie ausgezahlt werden könnten.

„Solange die Schokoladenindustrie nicht bereit ist, höhere Kakaopreise zu bezahlen, lassen sich Armut und Menschenrechtsverletzungen in der Kakaolieferkette nicht beenden“,

resümiert das Inkota-Netzwerk in einer Pressemitteilung.

Kakao-Barometer: Was sich jetzt ändern muss

Das Kakao-Barometer beschreibt nicht nur den miserablen Status Quo des Sektors – die Autor:innen haben auch analysiert, warum sich bisher so wenig getan hat, und geben Empfehlungen, was sich jetzt endlich ändern muss.

Wir brauchen einen strukturellen Wandel, der Verarbeitung und Handel mit in die Verantwortung nimmt. Bisherige Initiativen für mehr Fairness und Umweltschutz, darunter auch Bio– und Fair-Trade-Zertifizierungen, sind freiwillig und nicht verpflichtend. Trotz einer Vielzahl zusätzlicher Vereinbarungen auf staatlicher und unternehmerischer Ebene gibt es bei Verstößen keine echten Strafen. Während Bäuerinnen und Bauern bei Missachtung der Vorschriften ihre Zertifizierung verlieren, können Konzerne ohne Konsequenzen Gewinne mit Kakao machen, der unter verheerenden Bedingungen für Mensch und Umwelt produziert wurde.

Das muss sich ändern, findet auch Ko-Autor Friedel Hütz-Adams vom SÜDWIND-Institut und fordert „Rechenschaftspflicht, Transparenz und Durchsetzung von Verbesserungen“.

Kakao-Barometer 2020: Kakaoernte
Kakaoernte: Davon leben können die wenigsten Familien, oft müssen die Kinder helfen. (Foto: © VOICE Network)

Wir brauchen für den Kakao-Sektor Regulierungen wie das viel diskutierte Lieferkettengesetz, das alle Akteur:innen entlang der Lieferkette mit in die Pflicht nimmt, statt lediglich die Erzeuger:innen abzustrafen.

Wir brauchen faire Preise für die Erzeuger:innen. Kinderarbeit und Umweltzerstörung sind unmittelbare Folgen von Armut. Solange Ertragssteigerungen für Kakao-Kleinbäuer:innen die einzige Möglichkeit sind, mehr Geld zu verdienen, sind sie oft gezwungen, dies auf Kosten ihrer Kinder und der Natur zu tun, während der Weltmarktpreis für Kakao sinkt und sinkt – ein Teufelskreis. Das muss sich ändern:

„Fairen Kakao wird es nicht zum Nulltarif geben“, betont Evelyn Bahn vom INKOTA-Netzwerk. „Es ist an der Zeit, dass die Akteure im Kakaosektor anerkennen, dass Projekte zur Steigerung von Ernteerträgen und Diversifizierung nicht ausreichen.“ Wir brauchen Preise, die den Erzeuger:innen ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen.

Wir müssen die lokale Bevölkerung der Kakao-Anbauländer in die Diskussionen mit einbeziehen. Bisherige Entscheidungen über mehr Fairness und Umweltschutz wurden typischerweise von Konzernen und Regierungen getroffen, ohne die lokale Bevölkerung zu integrieren. „Bauern und Bäuerinnen brauchen ein existenzsicherndes Einkommen und einen Platz am Verhandlungstisch“, fordert Isaac Gyamfi, Geschäftsführer von Solidaridad. Hierfür sollten unter anderem effektive Partnerschaften zwischen Erzeuger- und Verbraucherländern geschlossen werden, bei denen alle Seiten eine Stimme haben.

Was du selbst tun kannst, um Kakao-Produzent:innen zu unterstützen

  • In den vergangenen Monaten haben sich bereits einige Politiker:innen aus Regierungskreisen für ein Lieferkettengesetz ausgesprochen, das die Verantwortung für Menschenrechte und Umweltschutz gerechter verteilen würde – auch in Kakao-Lieferketten. Bundeswirtschaftsminister Altmaier gilt jedoch weiterhin als Gegner umfassenderer Sorgfaltspflichten. Unterstütze hier die aktuelle Protestaktion der Initiative Lieferkettengesetz.
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