Gesund ist, wer im Dreck wühlt

Gesund im Dreck
Alexander Dummer / unsplash.com

Wer als Kind im Dreck spielt, schützt sich vor Allergien und bekommt ein besseres Immunsystem. Was unsere Großelten immer schon wussten, wurde nun von Forschern der Genfer Universitätsspitäler wissenschaftlich belegt.

Früher war alles besser. Die Kinder hatten keine Smartphones, sondern gingen zum Spielen nach draußen oder zum benachbarten Bauernhof. Dort lauerte man im Heuschober Katzen auf, versorgte die Kälbchen im Stall und half den Eltern bei der Feldarbeit oder beim Ausmisten. Solche Ausführungen enden oft mit den Worten „Geschadet hat uns das nicht, im Gegenteil!“ und einem Monolog darüber, wie empfindlich und überbehütet die Jugend von heute doch sei. Ist da wirklich etwas dran oder sind das bloß Hypothesen, mit denen Oma sich ihre harte Kindheit schönredet?

Fest steht: Die hygienischen Bedingungen haben sich gebessert. Damit wurden jedoch auch alle Arten von Erregern entfernt, mit denen das Immunsystem einst von allein zurechtkommen musste. So konnten sich Volkskrankheiten wie Heuschnupfen, Neurodermitis oder andere Allergien erst entwickeln. 35 Prozent der Deutschen leiden unter einer Form von Unverträglichkeit oder Allergie, vor allem in Großstädten. Die wissenschaftlich anerkannte Hygiene-Hypothese des Mediziners David P. Strachan besagt, dass Kinder in industrialisierten Ländern wesentlich häufiger an Heuschnupfen und Autoimmunerkrankungen leiden, während umgekehrt Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, gesünder zu sein scheinen.

Laut Strachan sollten Kinder schon früh mit Allergenen in Kontakt kommen, um so eine Immunisierung dagegen aufbauen zu können. Bereits 2002 konnte ein Forscherteam in Deutschland, Österreich und der Schweiz beweisen, dass bei Bauernhofkindern das Risiko, Asthma und Heuschnupfen zu entwickeln, nur halb so groß ist. Das Immunsystem von Kindern lässt sich jedoch nur anhand von oberflächlichen Messwerten untersuchen.

Professor Philippe Eigenmann und sein Team der Universitätsspitäler in Genf konnten diesen positiven Einfluss einer nicht durchwegs sterilen Umgebung jetzt in einer Studie erneut belegen. Eigenmann und sein Team zogen Mäuse parallel im Labor und auf einem Bauernhof in der Nähe von Martigny auf, um die Auswirkung des Lebensumfelds auf deren Immunsystem beobachten und auswerten zu können.

Warum bestimmte Prävention kaum wirkt

Das maßen die Forscher anhand der Dicke einer Schwellung am Ohr. Wem das zu wenig wissenschaftlich ist: Periphere Blutzellen und die Produktion von Zytokin in den Zellen wurden ebenfalls ausgewertet. Zytokine sind Proteine, die das Wachstum und die Differenzierung von Zellen regulieren.

Die Versuchstiere wurden mit künstlichen Allergenen konfrontiert, wobei die auf dem Bauernhof geborenen Mäuse darauf weniger stark reagierten als ihre Labor-Artgenossen. Die erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber Allergenen stellte sich sogar noch ein, wenn die Labormäuse erst nach ihren ersten vier Lebenswochen im Labor zu einem Leben auf dem Bauernhof umgesiedelt wurden. Das entspreche auch Beobachtungen beim Menschen, erklärt Eigenmann: „Die Kinder von Bäuerinnen, die auch während der Schwangerschaft im Stall arbeiten, haben entsprechend noch weniger Probleme mit Allergenen.“

Dabei wird allerdings ausgeklammert, dass die Arbeit am Bauernhof mit teilweise extremer körperlicher Anstrengung verbunden ist und die Ungeborenen dadurch Schaden nehmen könnten. Und ein Zuviel an Schmutz ist für Schwangere oder Personen mit geschwächtem Immunsystem sicherlich kaum empfehlenswert.

Die Mäuse auf dem Bauernhof und im Labor hatten auch unterschiedlich stark funktionierende Immunsysteme: Das der Stallmäuse wurde durch die größere Vielfalt von Bakterien angeregt. Daraus lässt sich ableiten, dass ein ganzer Cocktail an Bakterien zur Allergie-Prävention notwendig ist. Auch die Darmflora der im Stall lebenden Mäuse war durch eine Vielfalt an Bakterien und Viren geprägt. Diese Unterschiede sind so vielschichtig, dass sich dadurch auch erklären lässt, warum gewisse Präventionsmaßnahmen kaum wirken – beispielsweise probiotische Nahrungsmittel wie Joghurt oder die Verabreichung von unschädlich gemachten Fadenwurm-Eiern.

Diese Maßnahmen basieren eben nur auf der Gabe bestimmter Keime und können die Vielfalt, mit der Kinder beim Spielen im Dreck konfrontiert sind, nicht ersetzen. Klingt ganz so, als sollte man das Sauberkeitskonzept des 21. Jahrhunderts ein wenig anpassen und sich mehr an der Auffassung der Großeltern-Generation orientieren.

 

GASTBEITRAG aus enorm.
TEXT: Maria Steinwender

ENORM Kennenlern-Angebot

enorm ist das Magazin für den gesellschaftlichen Wandel. Es will Mut machen und unter dem Claim „Zukunft fängt bei Dir an“ zeigen, mit welchen kleinen Veränderungen jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann. Dazu stellt enorm inspirierende Macher und ihre Ideen sowie Unternehmen und Projekte vor, die das Leben und Arbeiten zukunftsfähiger und nachhaltiger gestalten. Konstruktiv, intelligent und lösungsorientiert.

Weiterlesen auf Utopia.de:

Schlagwörter:

(2) Kommentare

  1. Ganz meine Meinung… ich merke es bei mir selbst; das Prinzip funktioniert wohl also auch noch in den Mittzwanzigern: Seit meiner Ausbildung in einer Gärtnerei (natürlich bio; ich bin seitdem auch in meiner Freizeit viel häufiger in der Natur) hat sich mein Heuschnupfen gebessert und ich bin guter Dinge, dass er bald ganz weg sein wird, mein Asthma ist seit langem komplett weg und ich bin auch viel seltener krank. Ich hatte seit einem 3/4 Jahr nicht mal mehr einen leichten Schnupfen. Das ist verglichen mit meinen bisherigen „Krankheitsintervallen“ sehr lange.
    Gemüse und Obst wird nur gewaschen, wenn es unbedingt sein muss bzw. es Auslandsware ist, generell wird bei uns nur ökologisch und sehr viel regional Erzeugtes verzehrt. Meine Hände kommen fast täglich mit Erde (sogenanntem „Dreck“) in Berührung, das selbst geerntete Radieschen wird vorm Naschen nur kurz an der Arbeitskleidung abgeputzt, usw.
    Hygiene ist nur in Maßen sinnvoll. Und ich persönlich finde eine laufende Nase und Husten um einiges „unhygienischer“ (im Sinne von ekliger) als dreckige Hände o.ä.

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.