Battlefield V: Kampf um Geschlechter?

Foto: Jamakassi unter CC0 unsplash.com

Der Enthüllungstrailer des Ego-Shooter-Spiels „Battlefield V“ erhitzt die Gemüter der überwiegend männlichen Fangemeinde. Besonders polarisiert das Cover – denn darauf prangt erstmals eine Frau.

Erstmals in der 16-jährigen Geschichte der erfolgreichen Spieleserie „Battlefield“ können Spieler auch in die Rolle einer weiblichen Figur schlüpfen. Eine Soldatin ziert sogar das Cover. Doch dieser Spielzug der Battlefield-Entwickler sorgt für Zündstoff: Unter dem Hashtag #notmybattlefield machten vor allem männliche Spieler ihrem Unmut auf Twitter Luft. Zwar nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der Fans, dafür ein besonders lautstarker, wettert gegen die Einführung spielbarer weiblicher Charaktere in das Battlefield-Universum. Und besonders gegen das weiblich besetzte Cover.

Keine Grenzen: mit Flammenwerfern im Galopp

Viele der Empörten argumentieren, es sei historisch falsch, eine Frau als Soldatin im Zweiten Weltkrieg darzustellen, in dessen Rahmen Battlefield V spielt. Abgesehen von der Frage, inwiefern auch Frauen im Zweiten Weltkrieg an der Front kämpften, wirkt eine solche Kritik an fehlender historischer Relevanz absurd – in Anbetracht des grundsätzlichen Aufbaus der Spieleserie. Dass Fans den Spielemachern fehlenden Realismus vorwerfen, nimmt selbst Oskar Gabrielson, General Director der Entwicklungsfirma Dice, nicht ganz ernst. Er setzt der Kritik auf Twitter den Hashtag #everyonesbattlefield entgegen.

Gabrielson erklärt, man wolle jedem Spieler die Freiheit lassen, so zu spielen wie man wolle – der Spaß stehe im Vordergrund. Das illustriert er mit einem prägnanten Beispiel: Schon in früheren Teilen der Ego-Shooter-Reihe sei es möglich, mit drei Spielern auf einem galoppierenden Pferd reitend mit Flammenwerfern zu schießen. Der Wahlfreiheit der Spieler solle nun auch beim Figuren-Geschlecht nicht länger Grenzen gesetzt sein: Auf Nachfrage von enorm erklärt der Publisher des Spiels, EA, dass man „mit der Integration von weiblichen Soldatinnen in Battlefield V die Wahlmöglichkeiten des Spielers“ sowie „Diversität und Inklusion in Battlefield V bestärken“ wolle.

„Ein Schritt Richtung Gleichberechtigung“

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal forscht und engagiert sich seit Jahrzehnten im Bereich Genderforschung und Feminismus. Sie sieht die Neuigkeit aus dem Battlefield-Universum pragmatisch: „In Bezug auf diese Spiele ist es ein Schritt Richtung Gleichberechtigung: Es baut definitiv die Einstiegshürden zu diesen Spielen für Mädchen und Frauen ab.“ Aber ist es überhaupt wünschenswert, Frauen und Mädchen für diese Art von Unterhaltung zu begeistern? „Das ist eine gute Frage. Aber wenn es solche Spiele schon gibt, dann sollte die Gruppe so Geschlechter-durchmischt sein wie möglich.“

Die Genderforscherin sieht darin vor allem eine Chance für die Szene selbst: „Die Gamer-Community wird häufig in die Ecke ‚nerdig‘ oder sexistisch gedrängt. Doch diese Spiele sind sehr weit verbreitet – und wenn wir Stereotype verhärten, ist das gefährlich.“ Der Forscherin wäre eine Debatte über genderneutralere Figuren in einem weniger kriegsmetaphorischen Kontext allerdings noch lieber. Doch sie fordert auch mehr Forschung im Bereich Ego-Shooter, da gesellschaftlich viele Vorurteile zum Internet- oder auch Spieleverhalten von jungen Menschen bestünden und zugleich viele Gefahren – und Chancen – noch gar nicht abschätzbar seien. „Ich versuche immer vorsichtig mit Vorurteilen zu sein, besonders meinen eigenen“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Sanyal, „vor 200 Jahren beispielsweise war noch die Vorstellung verbreitet, es würde Mädchen schaden, wenn sie Romane lesen. Auch da waren Eltern sehr besorgt.“

Im Visier: eine neue Zielgruppe

Für alle, die sich auch in Bezug auf das Battlefield-Cover ähnlich antiquierte Rollenbilder erhalten wollen, gibt es aber eine Exit-Strategie: Für 20 Dollar mehr kann man(n) sich von der weiblichen Figur auf dem Cover „freikaufen“ – auf dem Cover der Deluxe-Variante des Spiels prangt nämlich, wie üblich, ein Mann.

Es bleibt offen, ob der neue Schachzug weiblicher Spielercharaktere im Battlefield-Universum ein ungewöhnlicher, doch positiver Beitrag für Gleichberechtigung ist. Bezüglich der Motive der Spielemacher drängt sich jedoch eine weitere Frage auf: ob es nicht nur geschicktes Marketing ist, um eine wachsende Zielgruppe für sich zu gewinnen: Denn laut aktueller Erhebungen besteht fast die Hälfte der deutschen Gamer-Community aus Frauen. Das bedeutet allein in Deutschland über 16 Millionen potenzielle Kundinnen. Das „Battlefield“ um eine starke Zielgruppe scheint eröffnet.

 

Gastbeitrag aus Enorm
Text: Lea Jahneke

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(1) Kommentar

  1. Grenzenlose Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine Utopie, da es immer Männer und Frauen geben wird, die etwas dagegen haben. In diesem Beispiel zeigt sich die Grenze der allgemeinen Akzeptanz an der Stelle, wo es Frauen erlaubt wird, sich in eine vermeintliche Männerdomäne einzunisten. Gleichstellung und Gleichberechtigung haben für mich auch etwas mit Gerechtigkeit und Fairness zu tun. Was ich an diesem Protest überhaupt nicht nachvollziehen kann: Frauen haben doch bisher auch schon an diesem Game teilgenommen, waren aber gezwungen, dazu eine Männerrolle anzunehmen, das ist wohl kaum gerecht und dadurch bekam es wohl auch nur den Anschein einer von Männern beherrschten Domäne.
    Allerdings mag ich im Zusammenhang mit einem Kriegsspiel keine Äußerung wie die von Gabrielson, der Spaß stehe im Vordergrund. In die Rolle von Soldaten zu schlüpfen, um Kampfhandlungen zu begehen, halte ich grundsätzlich ethisch und moralisch für fragwürdig und hinsichtlich der Freigabe ab 16 Jahren außerdem für höchst bedenklich, sowohl bei Mann als auch bei Frau. Wenn unsere Gesellschaft schon Kriegsspiele braucht, um Spaß zu haben, läuft hier doch irgendetwas gewaltig schief!!!
    Die Erfindung eines Strategiespiels, mit dem man lernen kann, Konflikte – wie kriegerische Auseinandersetzungen – zu vermeiden, wäre hingegen dem Zeitgeist angemessen gleichermaßen erstrebenswert wie bahnbrechend!

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