Nach der Corona-Isolation: „Sämtliche Strategien erschweren mir die Rückkehr in die Normalität“

Während viele Menschen die gelockerten Corona-Regeln genießen, fühlen sie sich für Betroffene des Cave-Syndroms beklemmend an.
Foto: pexels / Vojtech Okenka

Während viele Menschen die gelockerten Corona-Regeln genießen, fühlen sie sich für Betroffene des Cave-Syndroms beklemmend an. Einer von ihnen schildert seine Erfahrungen.

Feiern gehen, sich mit Freunden treffen – und den Sommer genießen. Die Pandemie ist zwar nicht vorbei, jedoch wurden die meisten Corona-Regeln gelockert oder ganz verbannt. Das gesellschaftliche Leben kehrt zur Normalität zurück, obgleich sich die bundesweite Inzidenz weiterhin auf einem erhöhten Niveau befindet und daher Vorsicht vor Ansteckungen geboten ist. Für manche Menschen aber fühlen sich die Lockerungen noch immer seltsam an, sie tun sich schwer mit der neugewonnenen Freiheit.

Einer von ihnen ist Titus Blome. In einem Gastbeitrag für den Spiegel schildert der 26-Jährige, welche Spuren die vergangenen zwei Jahre Pandemie und Isolation bei ihm hinterlassen haben. „Ich nutze die neue Freiheit kaum“, erklärt er. Nicht aber, weil er übertrieben Sorge habe, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, wie er sagt. Sondern: „Sämtliche Strategien, die ich entwickelt habe, um in der Isolation nicht den Verstand zu verlieren, erschweren mir die Rückkehr in die Normalität.“

Expert:innen sprechen bei diesem Phänomen vom sogenannten Cave-Syndrom. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine Erscheinung, bei der die Betroffenen eine Form der Angst entwickeln können. Aus dieser wieder auszubrechen, brauche laut Psychiater Claas-Hinrich Lammers Zeit.

Ähnliches schildert auch Blome, der zum Zeitpunkt des deutschlandweiten Lockdowns im November 2020 gerade nach Leipzig für sein Master-Studium gezogen war. Er empfand die Isolation als „Kollaps“, hatte er gerade einmal zwei Wochen Zeit gehabt, seine Kommiliton:innen und die neue Umgebung persönlich kennenzulernen.

Richtig erforscht ist das Cave-Syndrom bislang nicht

„Seminare, Kneipen, Bibliotheksbesuche, Hobbys – alles fand jetzt innerhalb meines 14-m²-Zimmers statt, zwischen dem Nordfenster, durch das kaum Licht dringt, und dem Browserfenster, meiner Verbindung zur Welt“, so der Student. Am Anfang sei er mit der neuen Situation klargekommen. Er traf sich mit Freunden zum Sparzierengehen, knüpfte freundschaftliche Kontakte über eine Dating-App.

Richtig erforscht ist das Cave-Syndrom bislang nicht. Der US-amerikanische Psychiater Alan Teo hatte den Begriff im vergangenen Jahr hervorgebracht. Laut ihm richten die Betroffenen ihr Leben auf das Coronavirus aus, und verlieren dabei das Risiko aus den Augen zu vereinsamen.

Laut einer Studie der American Psychological Association fühlten sich 49 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung unwohl bei dem Gedanken an persönlichen Umgang nach der Pandemie.

Studierende seien auf sich alleine gestellt gewesen

Blomes Stimmung kippte mit der zweiten Corona-Welle im Frühling 2021. „Während Debatten über Schulöffnungen und Anwesenheit am Arbeitsplatz regelmäßig und mit Inbrunst geführt wurden, waren Menschen in Studium und Ausbildung selten Thema“, findet der 26-Jährige. Studierende seien auf sich alleine gestellt gewesen. Dennoch habe er die Lockdowns für notwendig erachtet.

Als im Herbst 2021 die Infektionszahlen wieder stiegen und Regeln verschärft wurden, entwickelte Blome nach eigenen Aussagen während der Isolation eine „strikte Routine“, um durch die Tage zu kommen: Früh ins Bett gehen, zeitig aufstehen, arbeiten, lesen, Sport.

Heute sagt er: „Inzwischen fühle ich mich sogar, als wäre ich auf die Einsamkeit angewiesen, um die Routine durchzuhalten, schließlich nimmt sie den ganzen Tag in Anspruch.“ Es sei paradox, aber es fiele ihm schwer, neue Menschen kennenzulernen. Zu sehr sei er damit beschäftigt, sich von der Tatsache abzulenken, dass er in der vergangenen Zeit nur wenige Kontakte geknüpft hat.

Das 9-Euro-Ticket, das die Bundesregierung für den 01. Juni beschlossen hat, sei nun sein „erster Schritt“ hinaus. Er möchte damit Freund:innen in anderen Städten besuchen.

Tust auch du dich mit den Lockerungen schwer, hat Utopia hier ein paar Tipps für dich zusammengefasst: Cave-Syndrom: Ist es normal, Probleme mit Lockerungen zu haben?

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