Schwangerschaft und vegane Ernährung – geht das?

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Wenn Veganerinnen schwanger werden, steht die große Frage im Raum: vegan und schwanger – geht das überhaupt? Ist der Verzicht auf tierische Lebensmittel für das Baby gefährlich? 

Vegane Schwangerschaft: möglich oder unmöglich?

Laut Vegetarierbund gibt es rund 900.000 Veganer in Deutschland, darunter ein großer Anteil junger Frauen. Frauen, die schwanger werden können – doch was dann? Kann man sich weiterhin vegan ernähren oder muss man einen Kompromiss machen und zumindest Milchprodukte, Eier und Fisch essen? Bekommt das Baby bei einer veganen Ernährung alle Nährstoffe, die es braucht oder ist es gefährlich für das ungeborene Kind?

Im April 2016 hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) eine überarbeitete Position zur veganen Ernährung veröffentlicht. Sie weist dabei auf mögliche Nährstoffdefizite und schädliche Auswirkungen auf die Entwicklung und die Gesundheit des Kindes hin und bezieht Stellung zur veganen Ernährung während der Schwangerschaft:

„Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird eine vegane Ernährung von der DGE nicht empfohlen.“

Im nächsten Satz heißt es:

„Wer sich dennoch vegan ernähren möchte, sollte dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einnehmen, auf eine ausreichende Zufuhr v. a. der kritischen Nährstoffe achten und gegebenenfalls angereicherte Lebensmittel und Nährstoffpräparate verwenden. Dazu sollte eine Beratung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft erfolgen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüft werden.“

Somit spricht sich die DGE zwar nicht aktiv für eine vegane Ernährung während der Schwangerschaft aus, gibt aber Empfehlungen, wenn man sich trotzdem dafür entscheidet.

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft – ein Risiko für das Kind?
Vegane Ernährung in der Schwangerschaft – ein Risiko für das Kind? (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com)

Im Vergleich zu anderen Ländern nimmt die DGE hier einen konventionellen Standpunkt ein: Die Academy of Nutrition and Dietetics in den USA vertritt die Position, dass eine gut geplante vegane Ernährung mit Nährstoffpräparaten und angereicherten Lebensmitteln allen Ernährungsempfehlungen gerecht wird und auch für Schwangerschaft und Stillzeit angemessen ist. Fachgesellschaften in Australien, Portugal und Kanada folgen dieser Haltung.

Wir haben bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) nachgefragt und von Prof. Dr. Schleußner, dem Direktor der Klinik für Geburtsmedizin in Jena, folgende Antwort bekommen:

Für Schwangere wird eine ausgewogenen Ernährung empfohlen. Die wissenschaftliche Empfehlung für Schwangere lautet ganz klar: möglichst nicht vegan ernähren und am besten für die Schwangerschaft eine Ausnahme machen. Wichtig wäre Milchprodukte und auch Fisch zu essen.

Für die Gesundheit von Mutter und Kind ist die ausreichende Aufnahme von Energie und Nährstoffen in der Schwangerschaft entscheidend, neben der Menge spielt auch die Qualität der Nährstoffe eine große Rolle. Bei einer strikt veganen Kost ist die Versorgung mit essentiellen Aminosäuren, Eisen, Vitamin B12, Jod, Calcium, Omega-3-Fettsäuren und Energie nicht gewährleistet. Dies kann zu einer mangelnden Gewichtszunahme, Blutarmut bei der Schwangeren und somit einer Minderversorgung des Ungeborenen führen und die kindliche Gehirn- und Nervenentwicklung negativ beeinflussen. Eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft ist deshalb eine nicht gesunde Mangelernährung und muss durch eine zusätzliche Einnahme von Medikamenten ausgeglichen werden, so Prof. Dr. Schleußner.

Vegane Schwangerschaft: Mutter und Kind gut versorgt

Dr. Markus Keller ist Ernährungswissenschaftler und Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (Ifane), er forscht zur veganen Ernährung und hat gemeinsam mit Ökotrophologin Edith Gätjen das Buch „Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost – Mutter und Kind gut versorgt“ geschrieben. Es soll sowohl Ernährungsfachkräften und Ärzten als auch Schwangeren fundierte Informationen bieten – denn bisher gibt es nur wenige praktische Empfehlungen zur veganen Ernährung in der Schwangerschaft.

Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillkost und Breikost: Mutter und Kind gut versorgt
Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillkost und Breikost: Mutter und Kind gut versorgt (Foto: © Utopia / jw)

„Dieses Buch will dazu beitragen, diese Lücke zu schließen – aber dabei nicht als Aufforderung verstanden werden, sich in diesen Lebensphasen auf eine vegane Ernährung umzustellen.“

Kritische Nährstoffe in der (veganen) Schwangerschaft

Dass der Bedarf an Energie und Nährstoffen in jeder Schwangerschaft erhöht ist, liegt auf der Hand: Schließlich müssen zwei Lebewesen versorgt werden. Allerdings bedeutet das nicht, dass man nun für Zwei essen kann: Der Mehrbedarf an Energie macht grade mal 250 Kilokalorien im 2. Trimester und 500 Kilokalorien im 3. Trimester aus.

Am besten sind vollwertige Lebensmittel mit einer hohen Nährstoffdichte, denn auch der Bedarf an Nährstoffen ist während der Schwangerschaft erhöht: Protein, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin A, Folat (Folsäure), Vitamin B2, Vitamin B6, Vitamin B12, Eisen, Jod und Zink.

Der höhere Bedarf diese Nährstoffe gilt für jede Schwangerschaft. Vegane Schwangere sind teilweise besser, ähnlich und mitunter auch schlechter mit den Nährstoffen versorgt als Mischköstlerinnen. In ihrem Buch bieten Keller und Gätjen einen umfangreichen Überblick über die aktuelle Studienlage.

Zu den kritischen Nährstoffen bei einer veganen Schwangerschaft zählen:

  • Vitamin D: Den größten Bedarf kann der Körper unter Einwirkung von Sonneneinstrahlung zwar selbstherstellen, einen Teil müssen wir jedoch mit der Nahrung aufnehmen. Es ist nur in wenigen tierischen Lebensmitteln enthalten, Veganerinnen sind deshalb meist nicht ausreichend versorgt. Sie sollten regelmäßig Zeit im Freien verbringen und gegebenenfalls Vitamin D supplementieren.
  • Mit Vitamin B2 sind Veganerinnen ähnlich oder schlechter versorgt. Gute Quellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Hefeflocken, Pilze, Grünkohl oder Nüsse.
  • Auch mit Vitamin B6 sind Veganerinnen ähnlich oder schlechter versorgt. Es steckt in Hülsenfrüchten, Kohl, Vollkorngetreide, Walnüssen und Ölsaaten wie Leinsamen.
  • Mit Eisen sind Veganerinnen ähnlich oder schlechter versorgt. Gute Quellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Kürbiskerne und grünes Gemüse.
Woher bekommen schwangere Veganerinnen alle wichtigen Nährstoffe?
Woher bekommen schwangere Veganerinnen alle wichtigen Nährstoffe? (Foto: © Utopia / jw)
  • Mit Jod sind Veganerinnen durchschnittlich etwas schlechter versorgt. Es kann über Jod- oder Meersalz aufgenommen werden, sollte jedoch zusätzlich supplementiert werden.
  • Auf eine ausreichende Calcium-Zufuhr zu achten, ist für Veganerinnen besonders wichtig. Es ist in Grünkohl, Brokkoli, Kichererbsen, Sonnenblumkernen oder Nüssen enthalten.
  • Mit Zink sind Veganerinnen durchschnittlich etwas schlechter versorgt. Es ist in Vollkornprodukten, Haferflocken, Linsen, Ölsamen und Nüssen enthalten.
  • Mit Omega-3-Fettsäuren sind Veganerinnen durchschnittlich etwas schlechter versorgt. Eine gute Quelle bieten Lein-, Raps- oder Walnussöl. Zusätzlich wird mit Mikroalgen angereichertes Öl empfohlen.
  • Vitamin B12 ist für Veganerinnen ein sehr wichtiger Nährstoff, es sollte unbedingt supplementiert werden.
  • Mit Protein sind Veganerinnen ähnlich oder schlechter versorgt, Gute Quellen sind Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Vollkorngetreide und Kartoffeln.
  • Mit Folat sind viele Veganerinnen schon gut versorgt. Grünes Gemüse, Kohl, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte bieten eine gute Quelle.
  • Auch mit Vitamin A und Magnesium sind die meisten Veganerinnen besser versorgt als Mischköstlerinnen.

Generell sollte die Ernährung in der Schwangerschaft – egal ob vegan oder nicht – möglichst abwechslungsreich und vollwertig sein. Denn auch wenn man sich nicht auf pflanzliche Kost beschränkt, kann es zu einem Nährstoffmangel kommen.

„Prinzipiell gilt für alle Ernährungsformen, dass das Risiko für eine Nährstoffunterversorgung bzw. für einen Nährstoffmangel umso größer wird, je stärker die Lebensmittelauswahl eingeschränkt wird und je weniger abwechslungsreich die Ernährung ist.“, so Silke Restemeyer von der DGE.

Für die vegane Ernährung in der Schwangerschaft – und auch in jeder anderen Lebenssituation – bedeutet das: Viele unterschiedliche Gemüsesorten und Obstsorten in Bio-Qualität – im Idealfall natürlich auch saisonal und regional – sind die Basis einer gesunden Ernährung. Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen oder Kichererbsen und Kartoffeln sollten regelmäßig auf dem Speiseplan stehen, ebenso wie Vollkorngetreide.

Viel Gemüse in allen Farben und Formen gehören zu einer gesunden veganen Ernährung.
Viel Gemüse in allen Farben und Formen gehören zu einer gesunden veganen Ernährung. (Foto: "Im Allgäu Oberstdorf: VEGANE-VITALKOST UND ERLEBNISWOCHE“ von Naturhotel Waldesruhe unter CC BY 2.0 )

Nüsse und Samen liefern jede Menge wichtige Nährstoffe und sollten täglich gegessen werden. Meiden sollte man vegane Fertigprodukte: sie enthalten oft viel Salz und Zusatzstoffe. Wie bei jeder anderen Schwangerschaft sind Alkohol und Tabak tabu und Kaffee sollte nur in Maßen getrunken werden.

Utopia-Fazit:

Die Einschätzungen zur veganen Ernährung in der Schwangerschaft sind unterschiedlich, in einem Punkt sind sich jedoch alle Experten einig: Ohne die zusätzliche Einnahme bestimmter Nährstoffe wie beispielsweise Vitamin B12 geht es nicht. Wer sich vegan ernährt und schwanger wird, sollte sich eingehend mit seiner Ernährung auseinandersetzten, auf die ausreichende Versorgung mit Nährstoffen achten und in Kauf nehmen, dass dies nicht ohne die Einnahme von Präparaten möglich ist. Bevor man auf eigene Faust Präparate einnimmt, sollte man sich in jedem Fall beraten und eine Blutuntersuchung machen lassen. Auch bei Fragen und Unsicherheiten sollte man auf eine fachkundige Beratung setzten.

Eine gesunde Ernährung ist in jeder Schwangerschaft wichtig
Eine gesunde Ernährung ist in jeder Schwangerschaft wichtig (Fotos: xenia_gromak / photocase.de; © annapustynnikova - Fotolia.com)

Das Buch von Dr. Markus Keller und Edith Gätjen ist eine hilfreiche Unterstützung für die vegane Schwangerschaft: Es bietet fundierte und umfangreiche Einschätzungen und Grundlagen, praktischen Empfehlungen für jeden einzelnen Nährstoff, Rezepte, Wochenpläne, Tipps und Tricks für eine vegane Ernährung, die Stillzeit und die vegane Beikost. Zudem werden ökologische Aspekte wie die Wahl von saisonalen Bio-Lebensmitteln, Lebensmittelverschwendung oder umweltfreundliche Verpackungen aufgegriffen.

Das Buch: Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost – Mutter und Kind gut versorgt (Ulmer Verlag) 24,90 Euro.

Kaufen**: bei deinem lokalen Buchhändler oder online z. B. bei Buch7, Eco Bookstore oder Amazon.

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(6) Kommentare

  1. Ich würde als externe Info Seiten noch folgende hinzufügen:
    http://www.provegan.info
    Ein besseres Geschenk kann man einem Kind gar nicht machen, als es von Anfang an ohne Salmonellen, Listerien, EHEC, BSE, Hormonen, Antibiotika, Krebserregern und Eitererregern, aufwachsen zu lassen !

  2. Naja, das klingt ganz schön dramatisch. Es gibt ja auch noch eine vegetarische Ernährung,mit biologischen Produkten. Vegetarisch ist bei etlichen Völkern traditionell, während vegan etwas sehr Neuzeitliches ist, eine Antwort auf unsere Massentierhaltung, und noch ohne lange Erfahrungswerte. Und, dem Einen bekommt es gut, dem Anderen eher nicht. Wenn man sich mit der uralten Erfahrungsheilkunde der Chinesen, TCM, und da speziell der Ernährung beschäftigt, dann wird klar, das nicht Jeder das Gleiche braucht und da gibt es sogar Fälle, wo Fleisch eine Medizin ist, oder Kuhmilch. Natürlich artgerecht und biologisch erzeugt.
    Ich war viele Jahre Vegetarierin und weiß, dass man sich da in eine ziemlich fanatische Haltung hineinmanövrieren kann, wo dann Fleisch zum ekelhaften toten Tier wird. Seit ich auf meinen Körper und seine Bedürfnisse höre, merke ich, dass mir Fleisch manchmal richtig gut tut, und dann esse ich es voll Dankbarkeit. Dankbarkeit ist glaub ich bei der Ernährung ein wichtiger Faktor, denn wir sind Menschen, die im Überfluss leben und können aus diesem Überfluss alle möglichen exklusiven Ernährungsweisen kreieren. Ein Mensch, z.B. im Donbass mit nur 30 Euro Rente ist froh, wenn er überhaupt etwas zu essen hat. Oder das Kind im Jemen, das ist froh, wenn es wenigstens etwas Kuhmilch am Tag bekommt.
    Ich habe 3 Töchter und habe mich in der Schwangerschaft moderat vegetarisch mit etwas Fleisch ernährt und da bin ich weder mit EHEC noch mit Eitererregern in Berührung gekommen, habe einfach NICHT an so etwas GEDACHT. Gedanken sind immense Kräfte und die Vorstellung ebenso.
    Das sollte man bedenken!

  3. Natürlich geht das! Ich hatte 2015 eine völlig vegane und problemfreie Schwangerschaft und mir und dem Kleinen geht es super! Bei mir zuhause lebt er vegan, in der Kita vegetarisch. Ich habe nichts gegen sachliche Kritik und Auseinandersetzung. Aber diese vegan-Hetze in manchen Medien ist einfach nur noch erbärmlich und meist auch noch schlecht recherchiert. Danke für einen sachlichen Beitrag, ohne irgendwas zu überheben!

  4. Gerade habe ich von einer Bekannten gehört, daß ihr Enkelkind (Baby) epileptische Anfälle hat. Als Auslöser kommt Mehreres in Frage, aber die Mutter (langjährige Vegetarierin) hatte vermutlich bereits in der Schwangerschaft sehr starken B12 Mangel und in der Folge auch das Kind.

    Zwar wurden immer mal wieder die Blutwerte untersucht, aber eben nicht mit dem ausführlichen Test, den man selbst zahlen muß.

    Das schlimme an so einem frühkindlichen Mangel ist, daß die Folgen nicht in allen Fällen verschwinden, wenn der akute Mangel beseitigt wird.

    Also bitte nehmt die Warnungen ernst und supplementiert … wenn es schon vegan sein muß.

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