Shein: Die dunkle Seite der Modewelt – und warum man Teenager vor Fast-Fashion schützen sollte

Kritik am Ultra-Fast-Fashion-Riesen Shein
Fotos: Ekaterina, alfa27 / stock.adobe.com

Die Modemarke Shein ist bei der Zielgruppe der 15- bis 25-Jährigen unglaublich beliebt: Die Mode des Fashion-Riesen aus China ist extrem stylisch – und unverschämt günstig. Der Erfolg des Unternehmens hat fatale Folgen für die Umwelt. Wir erklären, was hinter der Marke steckt und wie gefährlich der Hype um die Ultra-Fast-Fashion ist.

H&M, Zara oder Primark? Das ist Mode von gestern. Modebewusste Teenager kaufen heute bei Shein. She-was? Shein (gesprochen she-in) ist Ultra-Fast-Fashion made in China. Das Erfolgsgeheimnis der Marke liegt in den extrem günstigen Preisen und der Tatsache, dass es jeden Tag neue Klamotten zu entdecken gibt, die voll im Trend liegen. Täglich kommen bis zu 7.000 neue Produkte hinzu.

Wer bei Shein kauft, sucht nicht den Hoodie fürs Leben, sondern ein cooles Teil, das bei nächster Gelegenheit durch ein neues cooles Teil ersetzt wird. Die billigen Preise lassen es vermuten: Die Qualität ist bei Shein niedrig, schlussendlich sind die meisten Produkte nach kurzer Zeit ein Fall für den Altkleidercontainer – Wegwerfmode.

(Screenshot: Shein.de)

Ultra-Fast-Fashion: die dunkelste Seite der Modewelt

Bei Shein muss man nicht lange hinter die Kulissen schauen, um zu merken: Die Modemarke ist genau das Gegenteil von nachhaltig. Und für viele ist damit klar: Finger weg! Der Blick auf die Entwicklung des Modemarktes zeigt aber: Viel zu wenige Menschen (und Unternehmen) setzen auf nachhaltige Mode und bewussten Konsum – und immer mehr shoppen bei den neuen Ultra-Fast-Fashion-Marken, zu denen neben Shein auch Unternehmen wie ASOS, Boohoo oder Missguided zählen.

Vor allem viele Teenies und junge Frauen unter 25 kaufen weniger in den Modeläden der bekannten Marken ein, sondern mit großer Begeisterung in China bei Shein. Manch eine:r blendet dabei aus, was das für Folgen für die Umwelt hat – die Produkte sind einfach zu billig, um widerstehen zu können.

Wer ist Shein?

Um zu verstehen, warum Shein die Modewelt zunehmend auf den Kopf stellt und unsere Umwelt negativ beeinflusst, hier einige Fakten zum Unternehmen:

  • Über das Unternehmen, das seinen Sitz in der chinesischen Stadt Guangzhou hat, ist wenig bekannt. Wer auf der Website nach Informationen über den Konzern sucht, findet dort kaum etwas heraus.
  • Der Wert von Shein wurde Mitte 2021 auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt, sein Umsatz auf 10 Mrd. US-Dollar (2020) (Quelle: Bloomberg).
  • Shein produziert in erster Linie für den internationalen Markt, in China selbst ist die Marke weniger bekannt.
  • Der Einkauf bei Shein ist ausschließlich online und per App möglich – es gibt keine Shein-Stores.

Für viele unbemerkt wurde Shein einer der großen Player auf dem Fashion-Markt: Die Website ist weltweit eine der meistbesuchten Modeseiten, Mitte vergangenen Jahres hat die Shein-App in den USA die bis dato am häufigsten heruntergeladene Amazon-Shopping-App überholt. In Deutschland ist Shein mittlerweile auf Platz 5 der größten Online-Spezialisten im Bereich Fashion.

Die Beliebtheit spiegelt sich auch in den sozialen Medien wider: Unter dem Hashtag #shein gibt es bei TikTok run 18 Milliarden Aufrufe. Auch auf Instagram ist Shein aktiv, das Unternehmen hat hier über 20 Millionen Follower.

(Screenshot: Instagram)

Shein steht enorm in der Kritik

Allen verfügbaren Informationen nach hat das Unternehmen dabei fatale Folgen für die Umwelt und Arbeiter:innnen – und kann Jugendliche gefährden. Die Handelszeitung spricht von einem „Geschäftsmodell der Rücksichtslosigkeit“, Funk (ARD & ZDF) spricht von der „Verkörperung des Schlimmsten, was die Globalisierung zu bieten hat“.

  1. Shein ist günstiger als andere günstige Marken: Während ein Shirt bei H&M meist um die 15 Euro kostet, sind bei Shein viele für 6 Euro zu haben.
  2. Shein produziert Masse, nicht Klasse: Bei unserer Recherche Ende Mai 2022 gab es im Shop gut 26.000 Damen-T-Shirts, die billigsten für 2 Euro.
  3. Die Lieferketten bei Shein sind nicht nachvollziehbar.
  4. Die Designs der Shein-Produkte werden hemmungslos bei anderen namhaften wie aufstrebenden Designer:innen kopiert. Diverse Labels haben den Fashion-Giganten bereits wegen Plagiatsvorwürfen verklagt.
  5. Bei Shein gibt es fast nur Mode aus Polyester. Die Zahl der Produkte aus Bio-Baumwolle liegt in der Rubrik Damenmode derzeit bei lächerlichen 25 Stück. Hier kannst du nachlesen, warum Polyester so problematisch ist.
  6. Billig produzierte Kleidung aus Asien steht generell unter dem Verdacht, dass sie unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Der Schweizer Organisation Public Eye ist es gelungen, 17 Betriebe zu finden, die für Shein produzieren. Für Shein zu arbeiten, bedeutet dieser Recherche nach, über 75 Arbeitsstunden pro Woche zu schuften – und das für Stücklöhne, ohne Arbeitsvertrag und Sozialleistungen.
  7. Was in der Anschaffung schon fast nichts kostet, lässt sich kaum zweitverwerten oder weiterverkaufen.
  8. Alles deutet bei Shein auf eine katastrophale Ökobilanz hin.

Greenwashing: Shein & „Nachhaltigkeit“

Dem Unternehmen scheint bewusst zu sein, dass die Generation Z nicht nur mit Begeisterung shoppt und konsumiert, sondern dass sie nebenbei gerne auch noch die Welt retten würde. Auf der Shein-Webseite ist an einigen Stellen von „Nachhaltigkeit“ die Rede. Da heißt es zum Beispiel: „Als Unternehmen mit starker sozialer Verantwortlichkeit ist Shein auf dem Weg, nachhaltiger zu werden.“ Und weiter: „Shein kümmert sich um unseren Planeten. Wir haben nur einen Planeten und es ist Zeit, unser Zuhause zu schützen.“

Wie genau das Unternehmen sich allerdings um den Planeten kümmert, erklärt es nicht. Von nachhaltigen Fasern ist zwar die Rede – im Shop sind die Produkte aber sehr vereinzelt zu finden.

Public Eye vermutet zudem, dass das extrem komplexe und schwer durchschaubare Firmengeflecht von Shein dem Zweck dient, möglichst wenige Steuern zu zahlen.

(Screenshot: Shein.de)

Shein arbeitet mit „Aktion Deutschland Hilft“ zusammen – und hat in diesem Zusammenhang eine extra Kollektion herausgebracht. Mit EcoCosy-Fasern, die „aus zertifizierten nachhaltigen Plantagen gewonnen wurden“.

Nicht nur, dass das Übersetzungsprogramm hier geschlampt hat, die Kollektion besteht derzeit aus genau fünf Kleidungsstücken… Für „Aktion Deutschland Hilft“ hat das Unternehmen 5.000 Euro gespendet (so ist auf der Webseite zu lesen). Und das bei einem Umsatz von ca. 10 Milliarden US-Dollar (2020).

Neueste Aktivität in Sachen ‚Nachhaltigkeit‘: Die Kollektion evoluSHEIN. Auf der Seite kaum zu finden, gibt es dort gerade mal gut 400 Produkte. „Diese Kollektion widmet sich der Verwendung von mehr recycelten Stoffen. Wir nehmen recyceltes Polyester als Ausgangspunkt und werden auch in Zukunft Stoffe beschaffen, die die Umwelt weniger belasten“, so das Unternehmen.

Die gemeinnützige Bewertungsplattform ‚Good On You‘ hat Shein in den Kategorien ‚Umweltauswirkungen‘, ‚Arbeitsbedingungen‘ und ‚Tierwohl‘ mit dem schlechtesten Label „We avoid“ („Wir vermeiden“) bewertet. Die Organisation schreibt in der Bewertung vom Januar 2022: „Es gibt keine Belege dafür, dass das Unternehmen sinnvolle Maßnahmen zur Reduzierung oder Beseitigung gefährlicher Chemikalien ergriffen hat. Es gibt keine Belege dafür, dass das Unternehmen seine Kohlenstoff- und anderen Treibhausgasemissionen in seiner Lieferkette reduziert.“

Warum ist das Unternehmen so erfolgreich – wo es doch so heftig kritisiert wird?

Wir sind nicht die ersten, die Shein kritisieren: Kritik hagelt es von allen Seiten, die Bewertungen im Netz sind schlecht, Verbraucherschützer:innen warnen vor Shein als Fake-Shop, Umweltschützer:innen raten generell von Fast Fashion ab. Das scheint dem Modekonzern – und seinen Käufern und Käuferinnen – nichts anzuhaben.

Auch wenn viele von uns niemals bei Shein shoppen würden – für Jugendliche ist die Marke unwiderstehlich. Die Auswahl ist gigantisch (gut 260.000 Produkte, Stand Mai 2022), es gibt quasi nichts, was es nicht gibt. Und das in allen Farben. Hier besteht wenig Gefahr, dass die beste Freundin plötzlich das gleiche Shirt hat. Und seit Shein Deutschland kostenlose Retouren anbietet, bietet Shein für viele junge Menschen das quasi perfekte Online-Shopping-Erlebnis.

Dreiteilige Halskette für 2,50 Euro - welcher Teenie kann da widerstehen?
Dreiteilige Halskette für 2,50 Euro – welcher Teenie kann da widerstehen? (Screenshot: Shein.de)

Vorsicht vor Manipulation von Kindern

Der Elternratgeber „Schau hin!“ warnt allerdings vor der Manipulation von Kindern durch die Shein-Shopping-App. Junge Menschen sollen hier mit Belohnungen zu treuen Kund:innen gemacht werden. Im Ratgeber heißt es: „Neben Gutscheinen und Rabattcodes stoßen Kinder und Jugendliche in der App auf sogenannte ‚Dark Patterns‘. Das sind Mechanismen, die NutzerInnen zum übermäßigen Kaufen anregen und an die App binden sollen.“

Ständig läuft bei Shein irgendeine Rabatt-Aktion und wer die App täglich öffnet, bekommt dafür Punkte. Je mehr, desto besser, dann wird das Einkaufen noch billiger. Nicht umsonst wird Shein als „TikTok des E-Commerce“ bezeichnet.

(Screenshots: Shein-App)

Shein ist zudem in den sozialen Netzwerken omnipräsent. Laut „Schau hin!“ war Shein sowohl auf TikTok als auch auf YouTube im Jahr 2020 die meisterwähnte Marke in gesponserten Posts. Influencerinnen wie Bibi (Bibisbeautypalace) oder Abigail (Ex-GNTM-Kandidatin) werben für das Unternehmen (Stichwort Influencer:innen-Marketing) oder haben dort ihre eigene Kollektion.

„Für junge NutzerInnen ist es fast unmöglich, der Online-Präsenz von Ultra-Fast-Fashion-Konzernen wie SHEIN zu entgehen.“

Elternratgeber „Schau hin!“

Was tun gegen Ultra-Fast-Fashion wie Shein?

Wer seinem Nachwuchs erklären möchte, warum Shopping bei Fast- oder Ultra-Fast-Fashion-Labels (den Unterschied erklären wir weiter unten im Text) ein absolutes No-go ist, stößt nicht selten auf taube Ohren. Wenn Mode soooo cool und auch fürs kleine Taschengeld zu haben ist, warum soll man sie dann nicht kaufen? „Mama, chill mal, die T-Shirts sind eh schon produziert!“

Hier ein paar Tipps und Argumente, wie du dein Kind, deine Freundin oder dich selbst für ein anderes Konsumverhalten motivieren kannst:

  • Fair Fashion ist längst genauso trendy wie Fast Fashion. Hier findest du die wichtigsten Marken und die besten Shops für Fair Fashion.
  • Auch Faire Mode muss nicht immer teuer sein: Hier findest du alle aktuellen Sales für faire & grüne Mode.
  • Frag dich bei jedem Kauf, ob du das Kleidungsstück wirklich benötigst.
  • Informiere andere über die Probleme, für die Fast-Fashion verantwortlich ist (z.B. auch in dem du Infos zum Thema in den sozialen Medien teilst).
  • Geh mit deinem Kind zum Einkaufen in richtige Läden und shoppe weniger im Internet.

Erkläre deinem Kind den Mechanismus von Shein und ähnlichen Unternehmen. Viele Kinder und Jugendliche lassen sich eher durch Fakten in Zahlenform oder durch Filme und Bücher zum Thema überzeugen, als durch den erhobenen Zeigefinger.

  • Für ein einzelnes T-Shirt aus konventioneller Baumwolle werden rund 2.700 Liter Wasser benötigt, eine Jeans benötigt rund 8.000 Liter Wasser.
  • Rund 10% des industriellen Wasserverbrauchs wird für die Herstellung von Kleidung verwendet.
  • Nach einer Studie der Barclays Bank ist die Mode-Branche für acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Geht die Entwicklung in dem Tempo weiter, könnte der Anteil bis 2050 auf 25 Prozent steigen.
  • Textilien aus synthetischen Fasern setzen beim Waschen in der Waschmaschine Mikroplastik frei, das dann in die Umwelt gelangt. „Eine einzige Fleece-Jacke kann bis zu einer Million Fasern pro Waschgang freisetzen, ein Paar Nylon-Socken immerhin noch 136.000. Laut einer EU-Studie spülen allein Europas Waschmaschinen jährlich 30.000 Tonnen Synthetikfasern ins Abwasser“, erklärt Greenpeace in einem Factsheet zu nachhaltiger Kleidung.
  • Bekannte Influencer:innen werben nicht für Shein, weil sie die Mode so toll finden – sondern, weil es ihr Job ist. Für jeden Kauf erhalten sie 10 bis 20 Prozent Provision.
Filmtipp: Die Fast-Fashion-Lüge
Filmtipp: Die Fast-Fashion-Lüge (Foto: ZDF Mediathek)

Gegen Fast Fahion: Buch- und Film-Tipps

Damit Kinder und Jugendliche verstehen, was gegen die so trendigen Shirts und Shorts zu Taschengeldpreisen spricht, müssen sie verstehen, wie Kleidung aus Fernost produziert wird. Hier können Bilder und Bücher helfen.

Was ist Fast-Fashion bzw. Ultra-Fast-Fashion?

In den letzten 20 Jahren hat sich die weltweite Textilproduktion mehr als verdoppelt, ungefähr 100 Milliarden Kleidungsstücke werden laut Greenpeace Jahr für Jahr verkauft. Und diese werden immer seltener getragen.

Fast Fashion bedeutet sehr viele Kollektionen in sehr kurzer Zeit und großer Stückzahl auf den Markt zu bringen – und das zu günstigen Preisen, billigst und oftmals unter schlechten Bedingungen in Textilfabriken in Asien produziert. Fast Fashion befördert die Wegwerf-Ökonomie, sie steht aus ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen in der Kritik.

Die Steigerung von Fast-Fashion ist Ultra-Fast-Fashion. Hier lässt die High-Speed-Produktion bekannte Modemarken wie H&M oder Zara alt aussehen. In den sozialen Netzwerken sind Kleidungsstücke zu sehen, die noch gar nicht produziert sind. Abhängig von den Likes und Kommentaren können die Unternehmen sehen, was gut ankommt – und wie viel produziert werden muss. In nur ein bis vier Wochen sind die Teile gefertigt, quasi in Echtzeit.

Zwar wird – damit die Ware schneller bei den Kund:innen ist – immer häufiger in Europa produziert, aber auch das im Niedriglohn-Bereich. Im vergangenen Jahr wurde publik, unter welchen Bedingungen die Näherinnen (meist Migrantinnen aus Asien) im englischen Leicester arbeiten müssen: Zu einem Stundenlohn von vier Euro, nicht mal der Hälfte des britischen Mindestlohns.

Fazit: Um Mode möglichst umweltschonend und sozialverträglich zu produzieren, müssen Unternehmen echte Verantwortung übernehmen – und dafür braucht es auch politische und rechtliche Rahmenbedingungen. Regelwerke wie das deutsche Lieferkettengesetz stellen hier nur einen schwachen Anfang dar.

Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass wir unsere Macht als Verbraucher:innen nutzen und alle unser Konsumverhalten ändern. Bei Kleidung ist das längst nicht so schwierig, wie du vielleicht denkst.

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