Deutschlands erstes Earthship: ein Paradies für Selbstversorger

Earthship
Foto: „earthship-exterior4“ von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0

Ein Haus aus Müll versorgt seine Bewohner mit Strom, Wasser und Lebensmitteln. Was nach Öko-Utopie klingt, ist in einem kleinen baden-württembergischen Dorf Realität. „Earthship“ vereint nachhaltige Architektur mit ungewöhnlichem Design – und bleibt dabei angenehm bodenständig.

„Stellt euch ein Haus vor, das sich selbst heizt, sein Wasser liefert, Essen produziert. Es braucht keine teure Technologie, recycelt seinen eigenen Abfall, hat seine eigenen Energiequellen. Es kann überall und von jedem gebaut werden, aus Dingen, die unsere Gesellschaft wegwirft.“

Der US-Amerikaner Michael Reynolds entwickelte das Gebäudekonzept „Earthship“ vor 40 Jahren, seitdem hilft er beim Bau solcher Gebäude auf der ganzen Welt. Die Häuser zeichnen sich durch geschlossene Energie- und Versorgungskreisläufe aus, bieten gute Möglichkeiten zur Lebensmittelproduktion, bereiten Regenwasser auf und generieren Strom- und Heizenergie aus Wind- und Solaranlagen. Im Wesentlichen besteht ein Earthship aus lokal verfügbaren, natürlichen, recycelten oder upgecycelten Baumaterialien.

Earthship Tempelhof
Weltweit gibt es etwa 1000 ähnlich gebaute Earthship. (Foto: „earthship-exterior32“ von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0)

Weltweit gibt es etwa 1000 Earthships. In Deutschland steht das erste seit Mai 2016 in Schloss Tempelhof, einem kleinen Dorf zwischen Stuttgart und Nürnberg. Es ist fast vollständig autark, als Baumaterial dienten unter anderem alte Autoreifen von Altreifenhändlern und Werkstätten, Altglas aus Hotels und Restaurants sowie Bruchfliesen aus Abbruchhäusern.

Erstes Earthship Deutschlands in Schloss Tempelhof gelandet

Schloss Tempelhof im Landkreis Schwäbisch Hall ist ein genossenschaftlich organisiertes Dorf. Hier haben sich etwa 150 Menschen zusammengetan um gemeinsam ökologisch und solidarisch zu leben. Im Jahr 2014 ist hier die Idee entstanden, ein Earthship zu bauen. Im September 2015 hat die Gemeinschaft mit dem Bau des Gebäudes begonnen und es im Mai 2016 bereits fertiggestellt. Seitdem berichten die Bewohner auf ihrer Internet- und Facebookseite über das Zusammenleben und ihre Erfahrungen im Earthship.

Eine Realisierung in Deutschland war bisher am Baurecht gescheitert. Die Gemeinde Tempelhof hat es im Jahr 2015 dank wohlwollender Behörden und Ämter dennoch geschafft, eine Genehmigung zu erhalten. Einen Kompromiss mussten die Earthship-Erbauer aber eingehen: Das Haus ist an die öffentliche Wasserversorgung und die Abwasserkanalisation angeschlossen. Das Trinkwasser muss aus hygienischen Gründen aus der Leitung kommen, Regenwasser wird aber für die Toilettenspülung und Waschmaschine genutzt. Über das begrünte Dach wird es gesammelt und in Zisternen gespeichert.

Strom, Wasser, Lebensmittel – ein (fast) autarkes Haus

Abgesehen davon funktioniert das Haus autark: Das lehmverputzte Gebäude wird passiv durch Solarwärme geheizt, die alten Autoreifen sind in den Wänden verbaut. Aufgeschichtet und mit Erde gefüllt dienen sie als thermaler Speicher. Frischluft wird durch Rohre im Erdwall geleitet und dabei vorgewärmt. Dieses komplexe System ersetzt die klassische Heizung.

Photovoltaik-Anlagen erzeugen den benötigten Strom, der in Batterien gespeichert wird. Die südliche Fassade des Earthships ist vollständig verglast. Dahinter verbirgt sich ein Gewächshaus, das die Luft mit Sauerstoff und die Bewohner mit Kräutern, Obst und Gemüse versorgt. Gering verschmutztes Abwasser vom Duschen, Baden oder Händewaschen wird gefiltert und zur Bewässerung des „Gewächshauses“ eingesetzt.

Das Besondere am Earthship: Man muss kein Spezialist sein, um daran mitbauen zu können. In Tempelhof ist es als Gemeinschaftsprojekt angelegt, das von Architekten, Baufachleuten, den Behörden, Freiwilligen und natürlich den Bewohnern selbst umgesetzt wurde und immer noch wird. „Learning by Doing“ ist das Motto, Problemlösungen finden unmittelbar statt, Entscheidungen werden gemeinsam gefällt.


Das Projekt wird im Rahmen einer Masterarbeit wissenschaftlich begleitet. Die gesammelten Daten über die Erstellung und den Betrieb des Gebäudes sollen dabei helfen weitere vollautarke und auf mitteleuropäische Verhältnisse angepasste Earthships zu bauen. Pläne können von der Internetseite des Tempelhofer Earthships geladen werden, die Reynolds Originalpläne findet man auf seiner Internetseite.

Anders als die meisten Earthships, ist das Schiff in Tempelhof kein Einfamilienhaus, sondern bildet den zentralen Teil eines Wohnkomplexes. Im Earthship gibt es ein Wohn- und Esszimmer, eine Küche, Duschen und Toiletten für 25 Menschen auf 155 Quadratmetern. Um das „Mutterschiff“ herum dienen Bauwagen und Jurten als Zimmer und Rückzugsorte für die Bewohner. Gekostet hat das Ganze um die  300.000 Euro. Auf 25 Personen verteilt ist das erschwinglicher Wohnraum. Den Großteil finanzierte die Gemeinschaft aus eigenen Mitteln, den Rest aus Spendengeldern.

Die Rund 25 Menschen, die hier zusammen wohnen, sind Singles, Paare, Familien, ältere Menschen, Kinder. Jeder hat seine Privatsphäre, wenn er sie braucht, gleichzeitig werden Bereiche des Alltags, die bisher individuell gelebt wurden nun in die Gemeinschaftsräume des Earthships verlagert: Kochen, Essen, die Beschäftigung mit den Kindern und die Freizeitgestaltung am Abend. Je nach Jahres- und Tageszeit müssen sich die Bewohner hier an die Bedürfnisse der Gemeinschaft, der Natur und des Hauses anpassen. Einzelkämpfer sind fehl am Platz, es geht um ein Miteinander.

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(4) Kommentare

  1. Das inhaltliche Konzept des „Earthship“ erinnert mich sehr stark an die Pionierzeit des Ökologischen Bauens der 70er und 80er- Jahre. Die Ideen, die damals aus den kalifonischen Hippiekommunen nach Europa schwappten haben zahlreiche Architekten und Bauherren zu interessanten Häusern inspiriert. Sie nutzten nicht der Begriff „Earthship“, aber haben sich mittlerweile schon Jahrzehnte im Alltag bewährt. Das Erste in Deutschland ist meines Wissens die Ökostation in Freiburg (www.siedlungen.eu/db/oekostation). Es wurde ebenfalls mit Recyclingmaterialien, Lehm- und Holzbaustoffen, mit aktiver und passiver Solararchitektur, sowie möglichst geschlossenen (Nähr-)Stoffkreisläufen und einem großen Selbstversorger-Naturgarten 1984 realisiert. Die zwei größten Siedlungen sind ebenfalls in Baden-Württemberg mit 9 Häusern in Donaueschingen (www.siedlungen.eu/db/erdhuegelhaeuser-auf-der-staig) bzw. das 1983 in Stuttgart erstellte Wohnheim (www.siedlungen.eu/db/studierendenwohnheim-als-erdhuegelhaeuser) für 158 Studierende, allerdings ohne Selbstversorgergärten.

    Einen Überblick zu den Erhügelhäusern in Deutschland bietet:
    https://siedlungen.eu/typologie/erdhuegelhaus

    • Guten Abend, habe selbst in den, sehr schönen, Erdhügelhäusern in Stuttgart-Hohenheim, gewohnt. Es gibt dort durchaus einige Gemüsegärten und Obstbäume auf dem Gelände, natürlich versorgt sich damit nur ein kleiner Teil der Studenten…

  2. Ich finde das Kozept und die Umsetzung toll, allerdings muss man, wenn man die Kostenrechnung macht, auch mal die Platzrechnung daneben setzen: Wenn 25 Leute auf 155qm leben, dann ergibt dass gut 6qm pro Person. Auch wenn ich denke, dass der Durschnittsdeutsche mittlerweile zu viel Wohnraum „verbraucht“, finde ich das doch ein bisschen sehr wenig. Und für den eigenen Wohnwagen als Rückzugsort braucht man halt dann doch wieder mehr Platz und Geld.

  3. 😐 @Micha – einfach mal weiterlesen?

    „Um das „Mutterschiff“ herum dienen Bauwagen und Jurten als Zimmer und Rückzugsorte für die Bewohner. Gekostet hat das Ganze um die 300.000 Euro. Auf 25 Personen verteilt ist das erschwinglicher Wohnraum.“

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