Fair Trees oder: Das dunkle Geheimnis der Weihnachtsbäume

Foto: Unsplash/Fair Trees

Kann es etwas Unschuldigeres geben als einen Weihnachtsbaum? Wenn die Deutschen wüssten, unter welchen Bedingungen ihre Tannenbäume gezüchtet werden, wäre die Bescherung da – und damit meinen wir nicht die am Heiligen Abend. Fair Trees aus Dänemark verspricht Abhilfe.

Rund 30 Millionen Christbäume werden jedes Jahr in Deutschland gekauft. Drei Viertel dieser Bäume sind Nordmanntannen. Trotz des Namens, der skandinavisch anmutet, stammt der beliebte Weihnachtsbaum fast immer von der östlichsten Grenze Europas, nämlich aus Georgien.

Die Mehrheit der Samen, aus denen die Nordmanntanne wächst, werden dort geerntet, wo Georgien besonders arm ist: in der Region Ratscha im Westen des Landes. Die Bewohner von zwei Dörfern pflücken dort in drei Herbstwochen etwa 500 Tonnen Tannenzapfen. Sie stehen damit am Anfang einer Kette, an deren Ende – einige Jahre später – in unseren Wohnzimmern ein unschuldiger Christbaum strahlt.

Ernte unter lebensgefährlichen Bedingungen

In Deutschland weiß fast niemand vom Schicksal der Familien, denen wir unsere Tannen verdanken: Im georgischen Hochland werden nicht nur karge Löhne gezahlt, auch die Arbeitsbedingungen sind lebensgefährlich. Trotzdem ist die Arbeit begehrt.

Denn die Tannenzapfen, in denen sich die begehrten Samen befinden, können nicht einfach vom Boden aufgehoben werden. Sie müssen von Hand aus den Wipfeln der Tannen gepflückt werden ­– in 30 bis 40 Metern Höhe.

Dafür klettern die oft ungelernten Arbeitskräfte die schmalen Stämme hinauf. Ohne Schulung oder Schutzausrüstung. Noch dazu sind die Zapfenpflücker und ihre Familien selten ausreichend versichert. Die Äste, auf denen die Männer in den Himmel steigen, sind so dünn, dass sie oft unter dem Gewicht der Arbeiter abbrechen.

Fair Trees: Weihnachtsbäume  mit gutem Gewissen?

Immer wieder kam es zu schlimmen Unfällen. Arbeiter starben, weil sie abstürzten. Auch, weil die Pflücker versuchten, von Wipfel zu Wipfel zu springen, um keine Zeit zu verlieren. Auch, weil Alkoholismus in der Gegend ein Problem ist. An den Nadeln mancher Tanne, die in deutschen Wohnzimmern strahlt, klebt Blut.

Eine Stiftung versucht seit 2007, dem ein Ende zu setzen: „Fair Trees Fund“ aus Dänemark.

Die Aktivisten rund um Gründerin Marianne Bols (die ihre „Fair Trees“ und „Fair Seeds“ auch gleich selbst vertreibt) haben einen Katalog von Forderungen aufgestellt: So müssen die Pflücker ein Klettertraining nach deutschen Standards absolvieren und eine dazugehörige Prüfung bestehen. Ohne Erste-Hilfe-Kurs und professionelles Kletter-Equipment dürfen sie ebenfalls nicht mehr in die Wipfel.

Außerdem auf der Liste: faire Löhne und eine Unfallversicherung für jeden Arbeiter. So erhalten Zapfenpflücker, die für „Fair Trees“ arbeiten, 1,74 Euro für jedes Kilo Tannenzapfen, so Marianne Bols gegenüber Utopia. Andere Firmen zahlen oft nur 40 Cent, manchmal weniger.

Bäume, deren Samen unter fairen Bedingungen gepflückt wurde, sind mit dem „Fair Trees“-Logo und einem nummerierten Etikett gekennzeichnet. Der Handel mit diesen Tannen ist von Fair Trade Danmark anerkannt.

Ein Teil der Einkünfte, der durch den Verkauf von fair gehandeltem Saatgut und fair gehandelten Weihnachtsbäumen erzielt wird, fließt an die Stiftung „Fair Trees Fund“ zurück. Er wird in Sicherheitsausrüstung und die Entwicklung der Region investiert. So ließ die Stiftung in Georgien drei Schulen ausstatten und mobile Arztpraxen einrichten.

Fair Trees: Was es noch zu tun gibt

Die Dänen und ihre Kooperationspartner legen außerdem großen Wert auf Nachhaltigkeit: Noch sind zwar nicht alle Bäume mit „Fair Trees“-Kennzeichen auch wirklich bio, in Zukunft soll sich das aber ändern. Denn jedes Mal, wenn ein entsprechender Weihnachtsbaum sich verkauft, wird dafür ein neuer Baum aus zertifizierten ökologischen Weihnachtsbaumsamen nachgepflanzt. Irgendwann werden so alle Bäume bio sein.

Auch die Situation vor Ort kann weiter verbessert werden: So veröffentlichte die Zeit eine ausgezeichnete Reportage (nur für Abonnenten abrufbar) über die Arbeitsbedingungen der georgischen Zapfenpflücker. Dabei wurden die Anstrengungen, die „Fair Trees“ unternimmt, ausdrücklich positiv hervorgehoben.

Die Autorin verschwieg jedoch nicht, dass die Arbeit der Zapfenpflücker weiter verbessert werden muss. So schildert sie beispielsweise, wie die Männer mehrere Tage unter einfachsten Bedingungen im Wald ausharren müssen, bis der nachlassende Regen ihnen erlaubt, mit der Ernte zu beginnen.

Wo kannst du einen fair gehandelten Weihnachtsbaum kaufen?

Auf der Website von „Fair Tree“ soll sich in Kürze eine Liste mit Händlern finden, die fair gehandelte Bäume führen.

In Deutschland hat die Baumarktkette toom angekündigt, diesen Winter fair gehandelte Weihnachtsbäume zu verkaufen: Im Onlineshop des Baumarkts können sie bereits reserviert werden (Preise zwischen 13 und 300 Euro).

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(10) Kommentare

  1. Am Weihnachtsbaume die #Ökosünden hängen…

    Weihnachtsdeko-Idee: #ohneTannenbaum 🙂
    #müllfrei auch zu #Weihnachten! 😀

    Neben Vermeidung von Geschenkeverpackungsmüll, unnützem Krimskrams, kurzlebigen Sachen, Verlegenheitskäufen und sonstigem Müll, könnte man doch auch mal grundsätzlicher denken und handeln:
    Brauchen wir wirklich den zum zu kurzen Leben verdammten Weihnachtsbaum, sprich: Tannenbaum?
    https://www.facebook.com/OsnaKids/posts/959445370908019

    #Konsumwende #FairXmas #ÖkoWeihnachten

  2. Wer nicht auf den Weihnachtsbaum verzichten kann oder will, kann auch mal direkt beim Forst anfragen:
    Die müssen ihre Schonungen sowieso alle paar Jahre auslichten – da gibt es Weihnachtsbäume oft im Sonderangebot – ohne ökologischen Schaden.
    Und für den alten Weihnachtsbaum findet sich als Brennholz garantiert ein Abnehmer.

  3. Georgien in Osteuropa?
    Soviel ich weiß, liegt Georgien (wo übrigens Stalin herkam) in Transkaukasien – und das gehört zu Asien!
    Wenn Utopia theatralische Berichte über sowas bringt, dann doch bitte inhaltlich richtig!

  4. Die Grenze zwischen Europa und Asien liegt bei Adler zwischen Sotschi und seiner Nachbarstadt Gagra. Sotschi ist Russland, Gagra in Abchasien, also einer Region, die trotz aller Autonomiebestrebungen offiziell zu Georgien gehört.
    Ich war nämlich schon mal dort.

  5. Seit ich als Kind das Märchen von Hans Christian Anderson gelesen habe (das Original Märchen, nicht die Abwandlungen davon), habe ich beschlossen, dass ich nie in meinem Leben einen Tannenbaum haben werde, der abgeschlagen wurde.
    So ist das seither und so wird es auch immer bleiben.
    Da gibt es kein nachhaltig oder nicht, ein abgeschlagener Baum ist und bleibt ein abgeschlagener Baum.

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