„Hart aber Fair“: Professor mit provokanten Thesen zu Klimaschutz

Foto: Screenshot ARD-Mediathek

In der Sendung „Hart aber fair“ ging es am Montag um den Klimawandel: Die Talkgäste diskutierten unter anderem über CO2, die Energiewende und autofreie Städte. Interessant wurde es, als der Erfinder des Kreislaufwirtschafts-Prinzips zu Wort kam.

„Welt im Klimawandel: Wie viel können wir selbst tun?“ – so lautet der Titel von „Hart aber fair“ am Montag. Die Gäste von Moderator Plasberg brachten unterschiedliche Ansätze vor: Buchautorin Janine Steeger beispielsweise hat ihr Auto abgeschafft und fährt mehr Fahrrad.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer stellte einige Projekte der Stadt Tübingen vor. So gibt es dort eine Solardach-Pflicht für Neubauten und ab kommendem Jahr eine Sondersteuer auf Einwegverpackungen. Bis 2030 solle Tübingen klimaneutral werden. Professor Michael Braungart, Chemiker und Erfinder der Kreislaufwirtschaft („Cradle-to-Cradle„), war von den Ideen der anderen Talkgäste jedoch nicht überzeugt.

Braungart bei „Hart aber fair“: „Weniger schlecht ist nicht gut“

„Die Leute meinen, sie schützen etwas, wenn sie weniger zerstören. Aber die Greta hat das Klima nicht geschützt, nur weil sie mit dem Zug fährt, sie hat nur etwas weniger zerstört“, sagte der Chemiker. Wenn man Wasser spare, weniger Energie verbrauche und weniger Müll produziere, schütze man die Umwelt nicht – man zerstöre sie nur etwas weniger. „Und wenn Boris Palmer, […] klimaneutral sein will, dann sag ich: So intelligent ist das eigentlich nicht“, provozierte Braungart. „Weniger schlecht ist nicht gut.“

Sein Ansatz: Statt nur „klimaneutral“ zu sein, sollten wir „klimapositiv“ werden, also Umwelt und Klima nicht bloß weniger schaden, sondern nützen. „Ein Baum ist nicht klimaneutral, er ist gut fürs Klima“, erklärte Braungart sein Konzept. Alle anderen Tiere auf der Welt seien nützlich, die Menschen seien die einzigen, die Abfall machen.

Braungart zeigt Plasberg einen kompostierbaren Turnschuh

Wie wir umwelt- oder klimapositiv leben können, erklärte Braungart an mehreren Cradle-to-Cradle-Produkten: In der Sendung zeigte er beispielsweise einen Turnschuh, der komplett biologisch abbaubar ist. Im Gegensatz zu „normalen“ Turnschuhen gibt seine Sohle kein erdölbasiertes Mikroplastik ab. Wenn der Besitzer den Turnschuh nicht mehr braucht, wird er kein Müll, sondern lässt sich kompostieren. Kompost wiederum versorgt den Boden mit Nährstoffen, nützt also der Natur.

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Braungart mit einem kompostierbaren Turnschuh und anderen Cradle-to-Cradle-Produkten. (Foto: Screenshot ARD-Mediathek)

„Die Dinge, die kaputt gehen, Schuhsohlen, Bremsbeläge, Autoreifen, werden so gemacht, dass sie in biologische Kreisläufe gehen. Dinge, die nur genutzt werden, müssen in technische Kreisläufe [eingehen]“, fasste Braungart seine Idee zusammen.

Mit „technischen Kreisläufen“ meint er, dass aus nicht mehr benötigten Waren neue Güter werden. Das klingt nach Recycling, geht aber darüber hinaus: In dem Prozess soll kein Material verloren gehen oder zu Müll werden. Daher auch der Name „Cradle to Cradle“ – auf Deutsch „von der Wiege zur Wiege“. Braungart hat das Konzept der Kreislaufwirtschaft vor 30 Jahren gemeinsam mit einem amerikanischen Architekten erfunden.

Es gibt schon 11.000 Cradle-to-Cradle-Produkte

Es gibt aber auch Kritik an Cradle to Cradle: Solange ein Großteil des Energiebedarfs noch aus fossilen Quellen gedeckt wird, sind auch Cradle-to-Cradle-Produkte nicht klimaneutral. Außerdem ist Cradle to Cradle aber noch nicht im großen Maßstab umsetzbar. Um vollständig abfall- und schadstofffrei zu wirtschaften, wären komplett neue Produktionsabläufe nötig. Braungart selbst ist jedoch optimistisch: „Jetzt gibt es Cradle to Cradle seit 30 Jahren, es gibt schon 11.000 Produkte. Wenn die Geschwindigkeit so bleibt, dann wird vor 2050 alles Cradle to Cradle sein.“

Utopia meint: „Cradle to Cradle“ ist ein radikaler Gegenentwurf zu unserer Wegwerfgesellschaft – bislang jedoch noch ein entferntes Ideal. Ob sich die Kreislaufwirtschaft wirklich bis 2050 etabliert, ist schwer abzuschätzen. Eines ist jedoch klar: Wir müssen etwas gegen die Klimakrise tun – und zwar schon jetzt. Dabei zählt jeder Schritt, denn die Umwelt „nur“ weniger zu belasten oder „nur“ klimaneutral zu sein, ist besser als gar nichts zu unternehmen. Das kannst du tun:

Die ganze Sendung von Plasberg gibt es in der ARD-Mediathek.

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(2) Kommentare

  1. Das was da Herr Braungart sagt, sage ich schon srit meinem 21 Lebensjahr, also seit 60 Jahren. Du Spinner hieß es immer nur, wenn es so sein soll dann hätten die Fachleute es auch so gemacht. Also du Besserwisser, was willst du eigentlich. Ich habe von 1955 bis 1958 Kaufmann gelernt, da ging esum Umsätze und Umsätze machen. Von 1958 bis 1961 nhabe ich Gärtner gelernt, da ging es alles um Wiederverwendung, also um einen Kreisllauf. Produzieren, kompostieren neue Erde für neues produzieren.

  2. Es gibt wohl kaum Alternativen in einer endlichen Welt, und das ist schon lange bekannt. Es muss nur gesetzlich durchgesetzt werden, Mit Freiwilligkeit kommen wir bis 2050 nicht weit. Wenn alle Hersteller gezwungen sind, ihre Waren auch zurückzunehmen (vom Auto über die Waschmaschine bis zum Turnschuh) hätten sie selbst ein Interesse, die gebrauchte Ware bis zu 100% wieder zu verwerten (Ja, auch Kompost ist ein Wirtschaftsgut). Ganz schlimm in der heute kurzlebigen Produkt-Welt ist Mode aus Mischfasern, ZB 80% Baumwolle, 20% Polyamid: Nicht kompostierbar, nicht recyclebar = Restmüll (nein, „termische Verwertung“ ist kein Recycling! Und was „wir“ recyclen nennen, das ist nur „down-cyclen“, nicht „cradle-to-cradle“)