Yamas: Wie die Yoga-Ethik ein friedliches Miteinander gewährleistet

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Die Yamas sind die fünf ethischen Grundsätze, die der traditionellen Yoga-Lehre zugrunde liegen. Dieser Leitfaden kann uns dabei helfen, einen friedlichen Umgang mit unseren Mitmenschen und der Umwelt zu entwickeln.

Yamas – die Bedeutung im Yoga und für uns Menschen

Das sogenannte Ashtanga Yoga ist eine traditionelle Form des Yogas, die seine praktische Lebensphilosophie als einen achtgliedrigen Pfad beschreibt (ashta = acht, anga = Glied). Eines dieser acht Glieder ist die Asana-Praxis, die physischen Übungen, auf denen der Fokus in der westlichen Kultur liegt.

Das erste Glied sind jedoch die sogenannten „Yamas“, so ist es in den „Yoga Sutras“, einer der ältesten Yoga-Schriften aus dem 3. Jahrhundert, festgehalten. Die Yamas bestehen aus fünf Grundprinzipien und können als Moralkodex gegenüber der Mitwelt verstanden werden. Sie bilden die Basis für eine friedliche Atmosphäre, in der der Praktizierende seiner Lehre folgen kann. Verfasst wurden die Yoga Sutras in Sanskrit, einer altindischen Sprache. Dementsprechend sind auch die Yamas in jener Sprache benannt.

Ganz egal ob du selbst täglich auf der Yogamatte stehst oder die physischen Übungen für dich nichts sind: Die Yamas können uns auch in moderner Zeit als Richtlinie dienen, um zu einem fairen und friedvollen Umgang mit unseren Mitmenschen, Tieren, Pflanzen und allen anderen Teilen der Mitwelt zu finden.

1. Yama: Ahimsa, die Gewaltlosigkeit

Ahimsa bedeutet, Frieden mit der Mitwelt zu schließen und Herzensliebe zu entwickeln.
Ahimsa bedeutet, Frieden mit der Mitwelt zu schließen und Herzensliebe zu entwickeln. (Foto: CC0 / Pixabay / truthseeker08)

Der Begriff „Ahimsa“ lässt sich mit Gewaltlosigkeit oder Nicht-Verletzen übersetzen. Den Yoga Sutras zufolge kann in deiner Nähe keine Feindseligkeit gedeihen, wenn du Ahimsa verkörperst.

Dabei bezieht sich Gewalt hier nicht nur auf physische Gewalt, sondern auch auf Verletzen durch Worte – etwa indem wir andere Menschen beleidigen. Aber selbst Gedanken sind hier mit eingeschlossen: Wer wirklich Ahimsa lebt, hört auf, andere Menschen zu verurteilen oder über sie zu lästern.

Das schließt übrigens auch den Umgang mit dir selbst ein: Oft schaden wir uns selbst, indem wir etwa Gedanken haben wie „Dafür bin ich doch sowieso zu schlecht“ oder „Ich bin es nicht wert, dass…“. Stattdessen möchten wir Selbstliebe entwickeln und mit Selbstfürsorge besser mit uns umgehen.

Ahimsa im modernen Leben

Wenn du die Yamas in dein Leben integrieren möchtest, ist Selbstbeobachtung die Grundvoraussetzung:

  • Werde dir bewusst, wie du dich dir und anderen Lebewesen gegenüber verhältst.
  • Achte darauf, wann und wie du Gewalt jeglicher Art ausübst. Alleine die Achtsamkeit hierauf wird letztlich dazu führen, dass du ein friedlicheres Wesen entwickelst.
  • Ein möglicher Schritt könnte sein, weniger Fleisch zu essen und so unzähligen Tieren körperliche Gewalt zu ersparen.
  • Aber auch jede Form von Klimaschutz ist Ahimsa, Gewaltlosigkeit gegenüber unserem Planeten.
  • Ebenso wichtig ist gewaltfreie Kommunikation. Diese kannst du erlernen, indem du richtiges Zuhören und emotionale Intelligenz trainierst.

Das letztliche Ziel von Ahimsa ist es, für Frieden auf allen Ebenen zu sorgen und Mitgefühl für unsere Mitmenschen und Umwelt zu entwickeln. Wie wichtig mehr Herzensliebe in heutigen Zeiten ist, betont auch der Dalai Lama im Interview.

2. Yama: Satya, die Wahrhaftigkeit

Satya ist das Yama der Wahrhaftigkeit, Authentizität und Gerechtigkeit.
Satya ist das Yama der Wahrhaftigkeit, Authentizität und Gerechtigkeit. (Foto: CC0 / Pixabay / pixel2013)

Das Prinzip von Satya ist ebenfalls Fundament vieler gesellschaftlicher und religiöser Lehren: Du sollst nicht lügen. Im Yoga wird jedoch erkannt, dass die Wahrheit auf menschlicher Ebene immer relativ und subjektiv ist.

Bei diesem Yama geht es darum, authentisch zu sein und zu sprechen, dein inneres Ich und deine eigene Wahrheit zum Ausdruck zu bringen und weder dir noch anderen etwas vorzumachen.

Satya im modernen Leben

Auch um Satya bewusst zu leben, musst du dich, deine Worte und Gedanken genau beobachten.

  • Werde dir dessen bewusst, wann immer du nicht die Wahrheit ausdrückst.
  • Achte auch darauf, wann du dir selbst etwas vormachst – zum Beispiel, wenn du doch wieder eine Ausnahme deiner festgelegten Regeln zulässt.
  • Verlasse deine Komfortzone und tritt in direkten, ehrlichen Kontakt mit dir selbst.

Im Umgang mit anderen Menschen ist es wichtig, die Wahrheit zu sagen. Bewahre dabei aber stets das Prinzip von Ahimsa: Fühle in dein Gegenüber hinein und finde Worte, die zwar ehrlich aber auch freundlich sind. Drücke deine Gedanken und Gefühle aus, ohne den anderen zu beschuldigen oder zu verletzen. In manchen Fällen mag das auch bedeuten, zu schweigen anstatt zu sprechen.

3. Yama: Asteya, Nicht-Stehlen und Absagen von Habgier

Weniger ist mehr: Minimalismus statt Habgier.
Weniger ist mehr: Minimalismus statt Habgier. (Foto: CC0 / Pixabay / rawpixel)

Asteya ist das dritte der Yamas im Yoga Sutra und lässt sich wörtlich mit „Nicht-Stehlen“ übersetzen. Dabei geht dieser Grundsatz aber weit über materielles Hab und Gut hinaus.

Wer Asteya lebt, beraubt andere nicht nur um ihren materiellen Besitz, sondern schmückt sich auch nicht mit fremden Federn, indem er etwa die Idee eines anderen als seine eigene verkauft. Es geht aber auch darum, nicht das Vertrauen anderer zu missbrauchen oder sie ihrer Zeit oder Freiheit zu berauben. Letztlich zielt Asteya darauf ab, von Habgier und Verlangen abzusagen und Zufriedenheit in dem zu finden, was man bereits hat.

Asteya im modernen Leben

Dass wir uns nicht das Hab und Gut anderer Menschen aneignen sollten, sollte eigentlich klar sein. Auch diesen Grundsatz können wir aber auf die Umwelt ausdehnen und uns fragen: Inwiefern müssen wir es als Diebstahl am Planeten bezeichnen, wenn wir Regenwald abroden, die Meere leer fischen oder in der Massentierhaltung Tieren ihrer Freiheit berauben.

Beobachte dich ebenfalls selbstkritisch, ob du dich womöglich am Ruhm und den Ideen anderer Menschen bereichern willst. Letztlich ist jede Form von Begierde ein Widerspruch zu Asteya. Indem du minimalistischer lebst und bewusster und weniger konsumierst, kannst du von Habgier absagen.

4. Yama: Brahmacharya, die Selbstbeherrschung

Jede Form von Enthaltsamkeit und Mäßigung ist Teil von Brahmacharya, dem vierten Yama.
Jede Form von Enthaltsamkeit und Mäßigung ist Teil von Brahmacharya, dem vierten Yama. (Foto: CC0 / Pixabay / RobertCheaib)

Das vierte Yama der Yoga Sutras ist Brahmacharya, was sich im übertragenen Sinne übersetzen lässt mit „auf das Wesentliche zubewegen“ oder „im Bewusstsein der Allseele handeln“. Hierbei geht es um die Mäßigung der Sinne und Leidenschaften.

Ursprünglich lag dabei der Fokus auf das Leben im Zölibat, doch kann unter Brahmacharya jede Form von Enthaltsamkeit oder Mäßigung verstanden werden. Es geht darum, Extreme zu vermeiden und sich nicht durch seine Lüste kontrollieren zu lassen.

Bramacharya im modernen Leben

Es gibt viele Formen von Enthaltsamkeit, die zu einem glücklicheren Leben beitragen können.

5. Yama: Aparigraha, das Nicht-Horten

Ein simples Leben mit weniger Dingen ist meist ein zufreideneres, glücklichers Leben.
Ein simples Leben mit weniger Dingen ist meist ein zufreideneres, glücklichers Leben. (Foto: CC0 / Pixabay / FranckinJapan)

Aparigraha lässt sich wörtlich mit „Nicht-Horten“ oder „Nicht-Sammeln“ übersetzen und steht in engem Zusammenhang mit Asteya, dem Prinzip von Nicht-Stehlen. Hierbei geht es um die Erkenntnis, wie wenig es für ein zufriedenes Leben bedarf und darum, sich von übermäßigen Besitztümern und Konsum zu entsagen.

Aparigraha im modernen Leben

Was früher im alten indien als Aparigraha bezeichnet wurde, ist in der modernen westlichen Gesellschaft das Prinzip von Minimalismus:

  • In Zeiten des Überflusses und Massenkonsums wird Einfachheit neu entdeckt. Immer mehr Menschen realisieren, dass ein Mehr an Besitztümern sie nicht glücklicher macht – und befreien sich von unnötigem Hab und Gut.
  • Auf vielen Wegen kannst du Minimalismus in deinen Alltag integrieren und verschiedene Methoden nutzen, um deinen Haushalt, deinen Kopf und dein leben von unnötigem Ballast zu befreien. So kann dir zum Beispiel der schwedische Weg des „Death Cleaning“ oder Marie Kondos Methode vom „Magic Cleaning“ dabei helfen.
  • Auch das Zero-Waste-Prinzip kann zum Teil des modernen Aparigraha werden. Mit einfachen Tipps für den Alltags kannst du dazu beitragen, dass nicht noch mehr Müll auf der Welt erzeugt und angesammelt wird.

Die Yamas – wo soll ich nur anfangen?

Wie du siehst, sind die Yamas keine veraltete theoretische Lehre, sondern bieten viel Potential für das heutige Leben in modernen Gesellschaften. Wenn wir alle nach diesen fünf Grundsätzen des traditionellen Yogas leben würden, gehörten Umweltverschmutzung, Raubbau, Verletzen und Gewalt unter Menschen, Tieren und Pflanzen der Vergangenheit an.

Nun sind wir durchaus ein ganzes Stück von dieser Utopie entfernt, doch sollten wir uns davon nicht entmutigen lassen: Jeder Schritt in die richtige Richtung ist wichtig. Setze dich dabei aber nicht unter Druck und versuche nicht, von heute auf morgen dein gesamtes Leben umzukrempeln. Gehe es Schritt für Schritt an und würdige dabei die kleinen Erfolge auf deinem Lebensweg.

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