Ein Leben ohne Toilettenpapier

Foto: cydonna / photocase.de

Während seines Aussteiger-Jahres hat unser Gastautor so einiges ausprobiert. Diesmal geht’s um ein essentielles Bedürfnis: Aa – und wie man sich hinterher den Hintern säubert. Vor allem geht es um die Frage, ob Bäume sterben müssen, dann über weite Strecken transportiert, unter hohem Energieaufwand zu Zellulose geschreddert, wieder transportiert und schließlich zu Toilettenpapier verarbeitet werden. Das ist doch sprichwörtlich fürn A…

Seit fast 38 Jahren wische ich mir den Hintern nach dem großen Geschäft ganz selbstverständlich mit Toilettenpapier – so lange, bis das Tuch weiß bleibt. Erst dann ist der Job des Wischers erledigt. Wie wir alle wissen, ist dazu manchmal ne Menge 4-Lagiges nötig. Doch weshalb ist dieser Vorgang so selbstverständlich? Gibt es etwa keine Alternativen? Als ich noch ein Kind war, gab es bei meinem besten Freund ein Bidet, doch der nasse Strahl mitten ins Vergnügungszentrum war mir nicht geheuer.

Dann hörte ich von Menschen, die statt Papier zu wischen mit Wasser spülen. Ein Bekannter erzählte mir, dass er dazu immer ne kleine Flasche Wasser dabei hat… In manchen Kulturen ist es tabu, die linke Hand zu reichen – es ist die Popo-Saubermachhand. Heute frage ich mich, weshalb ich nie ernstlich darüber nachgedacht habe, ob zur Ritzenhygiene nicht andere Verfahren als die Trockenreinigung sinnvoll sein könnten? Andere Völker kriegen ihren Allerwertesten ja auch papierlos sauber, wahrscheinlich sogar sauberer als wir mit unserer (Ver-) Wischtechnik, bei der wir auch noch riskieren, uns die Finger einzusauen.

Die besten Alternativen zu Toilettenpapier:

Alternativen zu Toilettenpapier
Alternativen zu Toilettenpapier (Fotos: © HappyPo; codswollop / photocase.de; alekosa / Fotolia.com)

Doch vorweg ein wenig Theorie zur Klopapierherstellung: Circa jeder fünfte Baum, der weltweit gefällt wird, landet in der Papierherstellung. Davon stammen wiederum rund 20 Prozent aus Urwäldern. Wie viel davon in der Kackpappenproduktion landet, ist nicht näher definiert. Jedenfalls wird das Holz zunächst zu Zellstoff verarbeitet, dann per Schiff, Zug oder LKW um die halbe Welt transportiert.

Der Zellstoff wird anschließend unter hohem Energieeinsatz verarbeitet, bis irgendwann Toilettenpapier auf ein Pappröllchen gewickelt werden kann. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei diesen Arbeitsschritten Unmengen an CO2 und anderen Giftstoffen entstehen, gerodete Waldflächen zurück bleiben und reichlich Umverpackungen (ganz genau: Plastik) anfallen. Und wozu das alles? Ganz genau: fürn Arsch.

„Zurück beim Bus wasche ich den Waschlappen ordentlich aus und mir die Hände.“

Der Selbstversuch zeigte jedenfalls, dass der Allerwerteste auch ohne Toilettenpapier „porentief“ rein wird, und zwar schon seit mehreren Monaten. Statt Papier mit in den Wald zu nehmen und nach getanem Geschäft einfach neben dem Haufen liegen zu lassen, tiger ich mit nem nassen Waschlappen los. Zurück beim Bus wasche ich den Waschlappen ordentlich aus und mir die Hände. Den Waschlappen hänge ich zum Trocknen auf (was meiner Frau nur bedingt gefällt). Nun wurde bei uns im Bus aus der Not eine Tugend: Da wir kein WC im Bus eingebaut haben, sondern nur einen Eimer mit Deckel zur Verfügung haben, empfiehlt es sich, in den Wald zu gehen, ne Schaufel mitzunehmen und ins Loch zu … ihr wisst schon. So gesehen, ist Papier eher ungeschickt, man müsste es ja wieder mit zurück bringen (was meine Frau tut und mir nicht uneingeschränkt gefällt).

Jetzt mag mancher einwenden, dass er ja mit Recyclingpapier wischt. Doch ist das gut für die Umwelt? Wohl kaum. Denn auch zur Herstellung desselbigen sind Bäume nötig, zudem fallen auch hier reichlich Emissionen für Produktion, Transport etc. an. Und mit der Produktion ist es ja noch lange nicht getan. Nachdem das weiße Tuch die Wurst bedeckend in der Schüssel liegt, braucht es Unmengen Wasser, um das Papier durch die Kanalisation zu jagen und aufzulösen, dann erst wird das Grauwasser, wie die Fachleute bei der Stadtreinigung sagen, aufbereitet. Ganz klar, es wird ein Riesenaufwand betrieben, dass wir uns den Hintern mit Papier abwischen können – vor allem ein energetischer!

„Ich möchte mir den Hintern nicht mehr mit toten Bäumen abschrubben“

Hier ein paar Fakten: Pro Kopf (oder besser gesagt Arsch?) und Jahr konsumieren die Deutschen rund 18 Kilogramm Hygienepapier. Wer hat‘s erfunden? Die Briten: 1880 entstand die British Perforated Paper Company. In Deutschland waren es mal wieder die fleißigen Schwaben (Hans Klenk, 1928 in Ludwigsburg), die zuerst weiche, abreißbare Blättchen produzierten.

Davor, so heißt es, setzen die deutschen auf Lumpen, Schwämme, ja sogar lebendes Federvieh oder wischten, siehe da, feucht. Oder machten es wie die Bayern: Sie nahmen Blätter. Funde in einem Salzbergwerk legen jedenfalls nahe, dass Pestwurzen-Blätter in der Bronzezeit als Toilettenpapier verwendet wurden. Die Bayern nennen diese Pflanze noch heute Arschwurzen. Was mich anspornte, ebenfalls Naturprodukte zu testen. Ich kann nur sagen: lasst die Finger weg vom Moos, das fusselt.

Tja, was man alles zu diesem wundervollen Thema schreiben könnte. Für mich steht fest, nachdem ich meinen beiden Söhnen mittlerweile sicherlich schon an die Tausend mal den Popo mit dem Waschlappen sauber gewischt habe: ich will das auch. Ich möchte mir den Hintern nicht mehr mit toten Bäumen abschrubben, dabei Kotreste in die hinterste Falte reiben, Krankheiten riskieren und dann eventuell auch noch den Abfluss verstopfen und Hunderte Liter Trinkwasser vergeuden. Nein, ich wische nass. Das ist hygienischer und umweltfreundlicher. Ich muss mir nur noch überlegen, wo ich meinen Lappen zuhause aufhängen werde und wie ich Besucher (und mich) davor schütze, diesen wozu auch immer zu benutzen.

Zu guter Letzt noch eine tragische Geschichte aus Japan, die zeigt, wohin der Einsatz von Klopapier führen kann (sozusagen als Warnung). 1973, es war gerade Ölkrise und das Gerücht ging um, Klopapier würde rationiert werden. Also hamsterten die Japaner wie wild. Im November eskalierte die Situation. In einem Supermarkt wurde eine 83-jährige Frau bei einer Massenschlägerei um die Klopapierrollen schwer verletzt. Schlussendlich konnte die Regierung ihr Volk aber beruhigen, die Klopapierversorgung sicherstellen und weitere Paniken verhindern. Die Ereignisse von damals stehen heute als die “Toilettenpapier-Panik” in den japanischen Geschichtsbüchern. Wer weiß, vielleicht steht in den Geschichtsbüchern der Zukunft ja, dass die Menschheit in früherer Zeit Toilettenpapier benutzte?

Dieser Text stammt aus Daniel Hautmanns Blog „Wer suchet, der findet“ (Update: Mittlerweile ist der Blog offline). Der Journalist hat sich mit seiner Familie ein Aussteiger-Jahr genommen und berichtet über seine außergewöhnliche Reise im VV-Bus.

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(48) Kommentare

  1. In Indien hab ich gelernt, ganz ohne Papier oder Bakterienherde wie Schwämmen auszukommen. Dort bedienen sich selbst die Ärmsten mit einer Konservendose voll Wasser. Ich habe es mir einfacher gemacht und benutze eine Gießkanne, deren Strahl ich gut richten kann. nachher wasche ich mir die Hände. Solcherart wird man garantiert sauber, kann das auch direkt spüren und greifen. Klassischerweise, also wie in Indien, benutze ich die linke Hand, um so auch nicht Gefahr zu laufen Keime zu übertragen, da die rechte einfach öfter im Gebrauch ist. Mein Klo hab ich mir so hergerichtet, durch Montage eines Bretts, dass ich mein Geschäft in der Hocke verrichten kann, wodurch man überhaupt leichter sauber bleibt. Eigentlich halte ich es für eine Unsitte Papier, trocken oder nass, zu verwenden. Schwämme und Lappen halte ich auch für unnötig.

  2. Hallo, seit jahren benutze ich nur Wasser, habe mir in die Dusche einen Stuhl und gestellt
    und kann mit warmen Wasser meinen A abspülen. Geht ganz prima und hygenisch ist es auch noch.

  3. Es ist wie Lachesis schreibt bei einer guten Ernährung und gesunden Verdauung nicht mehr viel zu wischen.
    Da wo etwas bleibt ist aber Wasser definitiv umweltfreundlicher als Papier.

    10 Liter Wasser werden für 1 DINA4 Papier verwendet.
    Plus Plastikumverpackung.
    Plus Transport.
    Plus Holz.
    Das muss man erstmal gegen so einen Schluck Wasser aufrechnen.
    Gut der Lappen ist sicher hygienisch nicht so ideal.
    Eigentlich wäre das Bidet oder die Kombitoilette mit Wasserdüse die Lösung.

    @Wolfgang
    So sind die Meinungen unterschiedlich. Ich fand die Sprache des Artikels unnötig derb und habe den Artikel wegen des Themas, das mich interresiert gelesen.
    Ich halte die Umsetzung aber für denkbar un-elegant.

  4. Seit einiger Zeit benutze ich (weiblich) nach dem urinieren ein Microfasertuch (war der einzige kleine Lappen den ich zur Hand hatte) zum abwischen anstatt Klopapier. Danach wasche ich es mit klarem Wasser aus und hänge es in der Dusche auf. Der Lappen trocknet oft nicht ganz aus bis zur nächsten Not und ich finde, dass ich durch das Nasswischen sauberer bin als mit trockenem Papier. Das Tuch werfe ich in der Waschmaschine bei jeder Wäsche die anfällt.
    Für das große Geschäft benutze ich noch normales Papier, mal sehen vielleicht ändert sich das in Zukunft wenn ich mich mit dem Gedanken mehr anfreunden kann… Man muss ja nicht gleich einen radikalen Wächsel machen.
    Es gibt nie nur EINE Lösung die für ALLE passt. Wichtiger ist das man Sachen ausprobiert und das wichtigste das man sich selbst wohlfühlt und Spaß hat, egal bei was 🙂 Jeder hat da seine Präferenzen und sein eigenes Tempo. Deshalb, wenn euch danach ist, lasset uns freudig wischen und waschen, liebe Mit-Utopisten 🙂

  5. Als ich mal in der Türkei war vor vielen Jahren, erschrak ich kurz, nachdem ich aufs falsche Knöpfchen gedrückt habe…und feststellen durfte, da gibt es zwei „Spülungen“, eines für den Hintern und eines fürs Geschäft. Fand ich gut. Später hab ich auch eine Trockentoilette gebaut (komposttoilette), hat ganz gut funktioniert. Also der anschließende Wasser- und Klärverbrauch fällt dabei weg….
    Dann gibt es noch so ein kleines Röhrchen, was den Druck der Blähungen sanft entläßt. Danach war auch die „Wurst“ anders, leicht eingeschleimt, sodass ein Wischen mit einem Blatt genügte, auf dem fast keine Spuren sind. Das scheint auch die natürliche „Entsorgung“ zu sein.
    Es fallen also auf Grund unserer schlechten bzw. ungenügenden Verdauung bzw Ernährung ein großer Mehrbedarf an „Blättchen“ oder an Wasserwischen an.
    Das scheint auch der „Helmi“ mit der „Lachesis“ anzudeuten.
    Es gibt also viele Möglichkeiten, umweltbewußt und gleichzeitig „heilend“ auf das Problem zu wirken.

  6. Habe vor 16 Jahren auf einer Afrikareise mit Klopapier bewaffnet eine Toilette aufgesucht, aber nach einem Blick in das vorhandene Stehklo war klar – das Papier wird alles verstopfen – und habe ich mich dann des Bechers und des Inhalts des Wasserbottichs bedient.
    Man fühlt sich – und ist – so sauber nach dieser kurzen Wäsche, daß ich nicht glauben kann, wie jemand danach freiwillig mit Papier seinen Allerwertesten “ sauber“ machen will. Manch einer findet es unhygienisch mit der ( es ist die linke! ) Hand seinen Hintern zu säubern – ich finde es seitdem ziemlich unhygienisch mit nicht sauberen Hintern das Haus zu verlassen!
    Habe von dieser Reise ein Canari ( farbschöne solide – leider- Plastikkanne ) mitgebracht und es wird seitdem täglich benutzt und ersetzt Klopapier und/ oder Bidet.
    Auch meinen Kindern wurde damit der Hintern gewaschen. Das hat den Vorteil gehabt daß es keinen wunden Kinderpopo mehr gab. Nachteil ist, daß die Kinder es auf dem hiesigen Toiletten, wenn sie noch nicht mit den Füßen auf den Boden kommen, sich nur schwer alleine sauber machen können ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Aber nach ein paar Jahren waren dann die Beine lang genug und siehe da, sie haben die Vorteile nicht vergessen.
    Zum Abtrocknen verwende ich ausgediente Handtücher zu kleinen Rechtecken geschnitten, die dann in die Wäsche mit reinkommen.
    Und für unterwegs hilft eine kleine Wasserflasche oder – zur Not – ein Waschbecken und die linke Hand und max. zwei Blatt Klopapier!

  7. In Abwesenheit eines Bidets finde ich abwaschen irritierend.

    Aber es hindert einen ja nichts daran, einen Stapel Windeltücher (evtl in kleinere Stücke geschnitten) zu haben und diese zu verwenden. Ab in den Eimer und den Wochenbedarf bei 90 Grad in die Waschmaschine — wenn die Zahlen oben stimmen, spart das was. Und ist vermutlich auch Gästen des Hauses zu vermitteln. (Bei Babys machen das ja auch viele.)

    Ich kann auch bestätigen, dass gesunde bzw. zur eigenen Darmflora passende Ernährung nicht nur den Stuhlgang, sondern auch das Abputzen erleichtert. Seit ich (weitesgehend) Primal esse, brauche ich kaum noch Papier — außer, ich habe mal wieder zu viel Getreide gegessen.

  8. Wenn die gesamte Menschheit Klopapier benutzen würde, gäbe es kaum noch Bäume !
    Wir müssen die Analhygiene creativ angehen und Recherchen in allen Kulturen angehen,um diese Aufgabe zu lösen.
    Pomp

  9. Ganz ammüsant, wie kompliziert man die einfachste Sache auch noch angehen kann!
    Siehe unter Amazon „Hygienedusche“ (oder Intimdusche oder Waschbeckenbrause).
    Dort erscheinen mehrere tutzend A-Brausen (ab € 7,99 aufwärts), wie sie in abermillionen Toiletten in ganz Südostasien installiert sind und von hunderten Millionen Menschen selbstverständlich bei jedem A-Gang verwendet werden.
    Ich habe bei unserem Spülkastenwasseranschluß ein T-Stück installiert und die Brause daran und fertig ist die A-Spülung (kein Lappen, keine Hand, kein Schwammi und kein Papier).
    p.S.: bei uns ist der Wasserdruck recht hoch, die Brause war daher anfangs eher ein unangenehmer Düsenjet. Habe jetzt ein Druckreduzierventil (Baumarkt) vor den
    Brauseschlauch! installiert um den Wasserdruck für die Brause auf ~ 1 bar zu reduzieren, suuuper!

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