Genial oder verrückt? Wien will Öffis statt DHL, Hermes & Co. testen

Liefern Tram-Fahrgäste in Wien bald Pakete aus?
Foto: CC0 Public Domain – Pixabay/ nick_photoarchive

Der Online-Versandhandel wächst und wächst – und sorgt damit für Stress bei Lieferdiensten und Stau in den Städten. Die Stadt Wien will nun eine kreative Lösung testen: Fahrgäste sollen per Straßenbahn Pakete transportieren.

Viele Städter:innen legen den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Sport mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Sie fahren also immer die gleichen Strecken, quer durch die Stadt. Wie viele von ihnen wären wohl bereit, auf ihrem Weg ein Paket mitzunehmen?

Das prüft aktuell der Verkehrsbetrieb der österreichischen Hauptstadt, die Wiener Linien, gemeinsam mit dem Institut Fraunhofer Austria. Dies geschieht per Umfrage, die das Konzept für ein „klimafreundliches System“ für den Güterverkehr in Wien vorstellt.

Pakettransport per Straßenbahn soll Emissionen sparen

Die Idee: Passagiere sollen Pakete transportieren – und zwar auf Fahrten, die sie ohnehin tätigen müssen. Die Umfrage konzentriert sich dabei auf die Straßenbahn als Transportmittel und auf Pakete mit Maximalgewicht von 31,5 Kilo. Damit das Paket auch an der richtigen Stelle ankommt, wird der Fahrweg des Fahrgastes per App mit der Transportroute der Pakete abgeglichen. Dieser liefert sie bei einer Box ab, wo Empfänger:innen die Lieferungen abholen können. Die Transaktion wird über einen QR-Code gesichert.

Das Konzept mit Namen KEP (Kurier, Express, Paket) soll Emissionen einsparen: Denn wenn ein Teil der Pakete über den öffentlichen Nahverkehr transportiert werden kann, müssten weniger Pakete über den traditionellen Güterverkehr transportiert werden.

Als Gegenleistung sollen Fahrgäste entweder eine Bezahlung erhalten oder Gutscheine beziehungsweise Ermäßigungen – was genau umgesetzt wird, soll die Umfrage entscheiden. Auch andere Faktoren stehen aktuell noch nicht fest, zum Beispiel zu welchen Uhrzeiten der Transport Sinn macht und welche Boxen verwendet werden sollen.

Bis KEP in die Praxis umgesetzt werden kann, wird es also noch dauern: Das Forschungsprojekt soll bis Mai 2022 laufen. Ist das Ergebnis positiv, soll es danach einen Pilotversuch geben.

Wien, Frankfurt am Main, Karlsruhe: Hier werden/ wurden Pakete mit der Straßenbahn geliefert

Der Onlinehandel wird immer beliebter – und damit nimmt auch die Auslastung von Paketdiensten zu. Dieses Problem ist weder neu noch lokal: Auch andere Städte arbeiten an Lösungen ähnlich des Konzepts der Stadt Wien.  

  • Auch in Frankfurt am Main wurden Pakete im Rahmen eines Pilotprojektes 2019 zeitweise per Straßenbahn zu einem Verteilerpunkt transportiert und anschließend per Lastenrad ausgeliefert.
  • In Karlsruhe gibt es seit Beginn des Jahres eine Tram, die sowohl Menschen als auch Güter transportiert. Sie soll für mindestens drei Jahre testweise im Einsatz sein.
  • Dass Pakete in öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert werden, war früher ganz normal. Postbusse fuhren in Deutschland zum Beispiel bis Mitte der 80er-Jahre – sie transportierten sowohl Menschen als auch Post. Auch dieses Modell wurde in den vergangenen Jahren wiederentdeckt.

Utopia meint:

Wenn halbleere Straßenbahnen und Busse neben Scharen von DHL-Bussen die Straßen verstopfen, dann ist das natürlich wenig sinnvoll. Früher hat man Menschen- und Güterverkehr kombiniert. Ob das heute noch funktionieren kann, werden die zahlreichen aktuellen Testläufe zeigen.

Klar gibt es einige Fragen zu klären: Wie viele der 96 Millionen Pakete, die Wiener:innen jährlich bestellen, ließen sich nebst Gästen in den Verkehrsmitteln tatsächlich unterbringen? Pakete nehmen Platz weg, den vielleicht Fahrgäste brauchen – zur Rushhour die Tram vollzupacken wäre also wenig sinnvoll. Doch wenn diese Faktoren von Anfang an mitgedacht werden, können nicht nur das Projekt in Wien, sondern auch viele ähnlich Projekte, eine sinnvolle Lösung bieten.

Tipp: Wer schon jetzt etwas gegen klimaschädliche Transporte tun will, sollte sich nicht von der Formulierung „Klimaneutraler Versand“ in Sicherheit wiegen lassen. Damit können Strategien zur CO2-Vermeidung gemeint sein, zum Beispiel Transporte mit Lastenrad oder Zug statt Flugzeug. Aber teilweise werden die Transporte einfach durch Ausgleichzahlungen grüngerechnet. Das ist besser als nichts, aber kein wirklich nachhaltiger Ansatz. Hier findest du verschiedene Anbieter im Check: Klimaneutraler Versand: Wer bietet ihn an? Was bringt er?

Der wirklich nachhaltigste Versand ist übrigens der, der gar nicht stattfindet. Wenn du dich beim Onlineshoppen nur schwer am Riemen reißen kannst, dann wirf einen Blick in diesen Artikel: 7 Tipps, die dir dabei helfen, weniger zu konsumieren

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