Food Startups: Braucht die Welt das wirklich?

Foto: © nuri / elbler / lycka

Man könnte meinen, Food Startups arbeiten mit den immer gleichen Zutaten: einer Portion Unternehmertum, einem Schlag Innovation und im besten Fall einer ordentliche Prise Idealismus. Aber auch bei den grünen Food Startups lohnt es sich, Sinn und Unsinn zu hinterfragen.

Sie wollen „Schokolade neu denken“ oder Nahrungsmittel für die „Bock-auf-gutes-Essen-aber-nicht-kochen-wollen-Momente“ kreieren. Und sie erheben es zum rebellischen Akt, Frühstückscerealien für Kinder mit weniger Zucker zu verkaufen – Vertreter der deutschen Food Startup-Szene übertrumpfen sich gern mit ihren erklärten Missionen.

Inhalt, Verpackung, Engagement: Kein Food Startup macht alles richtig

Auch auf der Biofach 2019 haben sich vierzehn neuere oder schon etwas etablierte Food Startups präsentiert. Sie locken häufig nicht nur mit bunten und (meist) gesunden Produkten in Bio-Qualität, sondern auch mit dem Versprechen, dass wir durch deren Konsum die Welt besser und nachhaltiger machen würden.

Aber trifft das tatsächlich immer zu? Wir haben uns die auf der Biomesse vertretenen Unternehmen genauer angesehen.

Viele Bewertungskriterien liegen dabei natürlich in einer Grauzone oder streiten sich um Feinheiten. So ist ein Energy Drink mit Zutaten aus ökologischer Landwirtschaft besser als etwa Red Bull mit Zutaten aus konventioneller Landwirtschaft. Aber halt nur ein bisschen, und vor allem stellt sich doch die Frage: Brauchen wir solche Produkte denn überhaupt? Wie sinnvoll sind immer neue abgepackte Fertiggerichte in Bio-Qualität, wo es doch der nachhaltigste und gesündeste Weg wäre, direkt frisch zu kochen?

Es ehrt die Food Startups, dass sie es besser machen wollen. Dieser Beitrag soll sie auch nicht in Gut & Böse unterteilen, aber durchaus einen Denkanstoß geben.

Food Startups: Neue Ideen, die die Welt (vielleicht) braucht

Bio-Smoothies bis zum Abwinken und hunderterlei vegane Brotaufstriche: In einigen Bereichen scheint die Food Startup-Szene ziemlich übersättigt zu sein. Manch ein junges Unternehmen schafft es aber tatsächlich noch, eine Marktlücke aufzutun.

Zum Beispiel Koawach: Menschen, die keinen Kaffee mögen, aber trotzdem gerne einen Wachmacher hätten, bekommen damit eine leckere Lösung – Koffein-Kakao mit Guarana. Die Zutaten für die Trinkschokolade stammen von fairen Bauerngenossenschaften in Lateinamerika und werden überwiegend direkt bei den Anbaupartnern eingekauft. Mit zusätzlichen Prämien für die Produzenten wird in Entwicklungsprojekte, medizinische Versorgung, Bildung und Umweltschutz investiert. Wermutstropfen: Die Rohstoffe aus Brasilien, Peru, Indonesien und Co. haben durch die langen Transportwege immer eine schlechte Ökobilanz – trotz Bio und Fairtrade.

In Sachen Verpackung gibt sich Koawach Mühe: Das Food Startup hat neue Verpackungen entwickelt, die gegenüber den früheren 40 Prozent Material – und damit Müll – einsparen. Laut dem Unternehmen gibt es aber derzeit noch keine Möglichkeit, das Kakaopulver in biologisch abbaubaren Stoffen zu verpacken. Die fertig angerührten Schoko-Drinks werden in einen Verbundkarton abgefüllt, der zu 60 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen (wie FSC-zertifiziertem Holz) besteht, aber mit einer Kunststoffbeschichtung und einer dünnen Aluminium-Zwischenschicht versehen ist. Diese sogenannten CartoCans haben laut Umweltbundesamt immerhin eine bessere Ökobilanz als Aludosen.

Das Food Startup koawach mischt Kakao mit Koffein aus Guarana.
Das Food Startup koawach mischt Kakao mit Koffein aus Guarana. (Foto: © koawach)

Ein weiteres Food Startup, das mit einer frischen Idee aufwartet, nennt sich Nuri, als Abkürzung für „NUtrient RIch“ (reich an Nährstoffen). Es verkauft portionierbaren, tiefgekühlten Babybrei in kleinen Eiswürfeln. Diese Nahrung aus wenigen schockgefrosteten Zutaten soll schmecken wie selbstgekocht und bietet eine gesunde Alternative zu Babybrei im Gläschen – der laut den Herstellern weniger Vitamine und Ballaststoffe enthält.

Nicht nur die Inhaltsstoffe lesen sich gut, auch die Verpackung: Der Brei wird im Karton geliefert, der Kühlbeutel mit Trockeneis kann entweder selbst wiederverwendet oder zu diesem Zweck auf Kosten von Nuri zurückgeschickt werden.

Doch hier stellt sich die Frage: Kann man statt „Karotte Pur“ oder „Kürbis Pur“ zu kaufen nicht einfach das jeweilige Gemüse schnell kochen und pürieren? Babybrei-Rezepte gibt es schließlich genug. Und wirken Sorten wie Avocado-Brokkoli-Kartoffel-Hirse oder Karotte-Süßkartoffel-Lachs nicht eher wie Marketing-Produkte?

Food Startups: Die sozial Engagierten

Das schlechte Gewissen beim Biss in einen Schokoriegel ausgleichen, weil man damit etwas Gutes tut: Diese Idee ist nicht neu. Aber wenn Food Startups ihre Produkte mit der Finanzierung einer sinnvollen Initiative koppeln, ist das grundsätzlich zu begrüßen.

Ein simples, aber effektives Konzept dieser Art gibt es bei Lycka: Das Unternehmen arbeitet seit seiner Gründung 2014 mit der Welthungerhilfe zusammen und hat ein eigenes soziales Projekt in Burundi, Afrika. Ein fester Cent-Betrag jedes verkauften Produkts fließt dorthin und ermöglichst einem Kind eine Schulmahlzeit. Mehr als 1,5 Millionen (Stand März 2019) Mahlzeiten sind seitdem zusammengekommen. Lycka verkauft zum Beispiel fair gehandelten Coldbrew-Kaffee in der Glasflasche, veganes und laktosefreies Eis und „Mini Power Riegel“, die leider – nach Angaben des Startups mangels alternativer Lösungen – in dünnem Plastik verpackt sind.

Food Startups the nu company nucao nupro
Das Food Startup the nu company lässt für den Kauf seiner Schokoriegel Bäume pflanzen. (© the nu company)

Das Food Startup Stark hat sich mit Lycka zusammengetan – beide gehören zur purefood GmbH. Auch Stark engagiert sich sozial in Kooperation mit der Welthungerhilfe und stimmt die Initiative thematisch auf seine eigenen Produkte ab: proteinreiches Müsli, Porridge und Eis für die Sporternährung (bzw. den „Genuss nach dem Training“). Bei Stark fließt Geld aus jedem verkauften Produkt in eine Fußballschule in der Zentralafrikanischen Republik: Dort sollen Kinder und Jugendliche, die als Kindersoldaten missbraucht oder straffällig wurden, eine neue Chance bekommen, Fairplay und Teamgeist lernen.

The nu company koppelt sein Sortiment an eine andere Kampagne: In Zusammenarbeit mit dem Aufforstungsnetzwerk Eden Projects lässt das Food Startup für jedes verkaufte Produkt einen Baum in Madagaskar, Nepal oder Haiti pflanzen – über 350.000 sind es inzwischen. Das Unternehmen hat sich auf die Fahne geschrieben, mit „nucao“ neue Schokoladenprodukte zu entwickeln, die gesünder und zugleich gut für die Umwelt sind. So sind die Riegel zuckerärmer und nährstoffreicher, die Verpackung besteht aus heimkompostierbarer Zellulose-Folie und recyclebarem, FSC-zertifiziertem Karton. Auch die rein pflanzlichen „nupro“-Proteinshakes sind auf diese innovative Weise verpackt und damit komplett plastikfrei. Angesichts dieses vorbildlichen Engagements gibt es nur einen Minuspunkt: Die fair gehandelten Bio-Zutaten haben zum Teil eine weite Reise hinter sich – und eine entsprechende Ökobilanz.

Food Startups: Zwischen Gut und Böse

Dass wir unserem Körper nichts Gutes tun, wenn wir ihn mit Energydrinks und Alkohol abfüllen oder mit Snacks, Fertigprodukten und zuckrigen Cornflakes füttern, dürfte den meisten klar sein. Einige Food Startups wollen uns und der Umwelt beim Konsum dieser Dinge aber zumindest etwas weniger schaden – mit mehr oder minder großem Erfolg.

So bietet zum Beispiel das Unternehmen Acáo unter dem Motto „von Natur aus wach“ Energydrinks, die Koffein aus Guaranaextrakt und weniger Kalorien und Zucker enthalten als herkömmliche Produkte. Leider kommen die Wachmacher in den üblichen Aluminiumdosen in den Handel und katapultieren sich damit für umweltbewusste Konsumenten ins Aus. Die Originalsorte „Quitte-Zitrone“ gab es für den Biofachhandel und die Gastronomie eine Zeit lang auch in der Mehrwegflasche aus Glas. „Wir müssen feststellen, dass das Design der Flasche und die Resonanz leider nicht wie erwartet positiv ausfiel“, teilte das Unternehmen auf Nachfrage mit. Man sei sich des Themas Nachhaltigkeit und Mehrweg bewusst, fände aber derzeit keine passende Lösung, die die Kunden zufriedenstelle.

Das Food Startup Elbler verarbeitet ausschließlich Bio-Äpfel aus Deutschland zu Saftschorlen und Alkoholischem: winterlichem „glühapfel“ und natürlichem „Craft Cider“ ohne Zuckerzusatz. Mit Partnerhöfen aus dem Alten Land werden die Produktionswege möglichst kurzgehalten. Der Cider ist damit definitiv eine nachhaltigere Alternative zu Importprodukten – man sollte ihn aber dennoch in Maßen genießen.

Weniger der Regionalität verpflichtet sind die Snacks der Marke Heimatgut: „In unserer frühen Zeit namentlich geprägt durch unsere regional bezogenen Wirsing-Produkte, verstehen wir unsere Mission ‚Heimat‘ heute darin, jeden Tag alles dafür zu geben, die Snack-Landschaft in deiner Heimat ein wenig besser zu machen“, heißt es auf der Webseite des Startups. Im Klartext heißt das: Auch Dinge wie Kokoschips und Quinoa-Flips kommen in die (Plastik-)Tüte. Die herzhaften und süßen veganen Snacks enthalten zumindest keine Geschmacksverstärker oder Farbstoffe und weniger Zucker als viele vergleichbare Produkte.

Food Startups Rebelicious Cerealien
Auch wenn die Tiere böse gucken: Rebelicious will böse Frühstückscerealien besser machen. (© Rebelicious)

Frau Ultrafrisch schwimmt auf der Trendwelle der natürlichen Fertiggerichte. Frühstücksbowls, Lunch oder Suppen ohne Zusatzstoffe sollen eine schnelle und gesunde Option für Kochfaule und Gestresste sein. Dabei kommen Kreationen wie „Soja-Bolognese mit Hibiskusblüte“ oder „Chilli sin Carne mit Kakao“ heraus. Wer meint, ab und an zu Convenience Food greifen zu müssen, hat damit sicherlich mal etwas Abwechslung auf dem Teller. Dass die verwendeten „Doypacks“ aus Plastik eine relativ umweltschonende Verpackung seien – wie auf der Webseite behauptet – stimmt aber nur teilweise: Zwar produzieren sie weniger Energie und CO2-Emissionen als Plastik- oder Glasbehälter, aber die dafür benötigten, fossilen Rohstoffe sind begrenzt.

Die Frühstücks-Cerealien für Kinder der Marke Rebelicious brauchen nach eigener Aussage keine süßen Tiere, um zu schmecken – stattdessen zieren böse dreinschauende Affen und Vögel die Verpackung. Für dieses Food Startup kommen Cornflakes & Co. aus Vollkornmehl, ohne Zusatzstoffe und mit rund 40 Prozent weniger Zucker als vergleichbare Produkte einer Revolution gleich. Das ist vielleicht ein wenig übertrieben (und schließlich nicht der einzige Weg, Kindern ein gesünderes Frühstück zu bereiten) – setzt aber vielleicht einen Impuls, der auch auf andere Firmen abfärbt.

Food Startups: Zwischen Sinn und Unsinn

Manchmal sind die Grenzen zwischen Sinn und Unsinn fließend. Das Food Startup Purya! hat sich auf vegane, proteinreiche Produkte spezialisiert. Die Zutaten werden direkt von den Bauern bezogen und kommen aus nachhaltiger und „insofern möglich, regionaler Landwirtschaft“. Bei trendigen, exotischen Zutaten wie Baobab-Fruchtpulver und Chia-Samen ist es logischerweise nicht möglich. Warum nehmen sie solche Ingredienzien dann, wo das Unternehmen doch auch regionales Superfood wie Gerstengras, Brennnessel oder Leinsamen im Angebot hat?

Angesichts einiger Food Startups denkt man sich: Obst ist gesund – aber muss es in immer neue Formen gepresst werden, für deren Herstellung und Verpackung viele Ressourcen benötigt werden? Freche Freunde will Obst- und Gemüsemuffel-Kindern die Vitaminlieferanten zum Beispiel püriert in der Quetschie-Plastiktüte schmackhaft machen: der übliche Unfug in Tüten – nur in bio. Die Verpackung der Quetschies besteht zwar immerhin zum Großteil aus Bio-Kunststoff und das Unternehmen bemüht sich um Recycling. Bei Ökobilanz und Müllaufkommen wird der Obstbrei aber sicher von frischem, regionalem Obst übertrumpft. Und ob die gefriergetrockneten „Obstchips“ dieser Marke mit über 50 Gramm Zucker pro 100 Gramm „fast so gut wie frisches Obst sind“, sei ebenfalls dahingestellt.

Auch die Fruchtherzen von Foodloose sind wahre Zuckerbomben: Die Sorte Apfel/Mango kommt auf 72 Gramm pro 100 Gramm – „ideal als Snack in der Schule, im Studium oder auf der Arbeit“, wie angepriesen, sind sie damit bestimmt nicht. Allerdings muss fairerweise gesagt werden, dass sie nur mit anderen Süßigkeiten verglichen und nicht etwa als Obst-Alternative vorgeschlagen werden – generell geht es diesem Food Startup lediglich um „gesündere Snacks“. Bei der Verpackung hat Foodloose sich bewusst gegen Bioplastik und für gestreckte Polypropylen-Folien entschieden, wie auf der Webseite ausführlich erklärt wird – eine bessere Lösung als diesen relativ gut recyclebaren Kunststoff habe man leider noch nicht gefunden.

Bei Produkten wie Tee das Rad neu zu erfinden, erscheint erst einmal schwierig. Das Food Startup Teatox bemüht sich zumindest, indem es auch den Inhalt für seine Pyramiden-Teebeutel besonders groß schneidet – ein solcher Grobschnitt ist laut dem Hersteller für den Geschmack förderlich und sonst nur bei losem Tee zu finden. Aber was spricht eigentlich dagegen, direkt zu losem Tee zu greifen (und somit Müll zu vermeiden), wenn man diese Qualität haben möchte?

Food Startup foodloose
foodloose verspricht gesündere Snacks – in Plastikverpackung. (© foodloose)

Unser Fazit: Eine allgemeingültige Unterteilung in „super“ und „blödsinnig“ vorzunehmen, fällt in diesem Bereich schwer. Denn ein Food Startup mag vorbildlich in Sachen Zutaten sein – fair gehandelt und regional – aber dafür noch nicht die beste Verpackungslösung haben. Andere zeigen wiederum herausragendes soziales Engagement, indem sie sinnvolle Projekte unterstützen, bieten aber vielleicht nur ungesunde Produkte wie Eis und Süßigkeiten an – die auch das Feigenblättchen Kokosblütenzucker statt Industriezucker nicht viel besser macht.

In jedem Fall sorgen Food Startups aber für ein bunteres Sortiment in unseren Supermärkten – und tragen einen Teil dazu bei, nachhaltigere Lösungen für Aspekte der Lebensmittelproduktion zu finden und bekannt zu machenn.

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(2) Kommentare

  1. Liebe Frau Rohm, dafür dass Sie eigentlich die vielen Startups kritisch betrachten wollen, machen Sie uneigentlich sehr viel Schleichwerbung für diese… . Also ich käme auch locker ohne Bilder und Markennamen klar. Glaubwürdigkeit sieht für mich anders aus.

  2. Koawach hab ich grad neulich gekauft…
    Zuhause hab ich mich bisschen geschämt, dass ich im Kaufrausch war und mich hab verführen lassen.
    Außerdem hab ich mit den Augen gerollt wg. des Spruchs hinten drauf – wie war das noch… „Die Welt braucht dich wach“ und irnzwas, dass ich mit jedem Schluck von dem Zeugs die Welt ein bisschen besser mache. Oje.
    Sachen mit so nem Blah kann ich nicht mehr kaufen, auch wenn die Öko-Billanz perfekt wäre (was bei Kaffee und Kakao, der nicht vom Balkon kommt, wohl eh nicht möglich ist).
    Was ich hier lese, bestätigt mich noch darin.

    WAS ich tun werde: In Zukunft, wenn das Zeugs alle ist, bisschen Bio-Kakao (schwach entölt) in den Kaffee mischen. Und sowieso insgesamt weniger Kaffee und Kakao konsumieren (bin schon gut dabei). Vieles ist auch in bio und fair trade großer Luxus für besondere Gelegenheiten. Auf vieles andere verzichte ich inzwischen – mit Leichtigkeit!
    Müsliriegel, convenience Gedödel und überhaupt alle Kleinstportionen in Plasteverpackung gehen für mich z.B. gar nicht mehr.

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