Foodwaste: Stoppen wir den Wahnsinn!

Foodwaste: Essen landet im Müll
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Vom Feld oder vom Teller direkt in die Tonne: Foodwaste ist ein großes Problem. Um die Verschwendung endlich einzudämmen, müssen wir verschiedene Stellschrauben im Blick haben – und auch selbst unser Verhalten ändern.

Wir leben im Überfluss. Wir essen, was wir wollen und wann wir wollen. Die Regale in den Supermärkten sind immer voll, fast alle Lebensmittel sind jederzeit und überall zu bekommen. Was verdirbt, abgelaufen ist oder übrig bleibt, landet im Müll – im Schnitt sind das 55 kg Lebensmittel pro Person im Jahr. Mehr als die Hälfte davon wäre vermeidbar.

Foodwaste ist ein ökologisches, ökonomisches und ethisches Problem, gegen das wir schleunigst etwas unternehmen sollten. Und zwar wir alle, die wir scheinbar verlernt haben, dass Nahrungsmittel eine der wichtigsten und wertvollsten Ressourcen unseres Lebens sind.

Millionen Tonnen Nahrungsmittel für die Tonne

Hochgerechnet auf Deutschland entstehen nach Schätzungen des WWF (2018) durch Foodwaste bis zu 18 Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel im Jahr. Der Verlust fällt entlang der gesamten Wertschöpfungskette an, von der Produktion bis zum Endverbraucher.

Eine Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 spricht von rund 12 Millionen Tonnen pro Jahr, hier sind aber die Lebensmittelverluste aus der Landwirtschaft nicht eingerechnet. Und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) rechnet aktuell mit jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfällen.

Die Zahlen zeigen, dass sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert hat. Noch immer landen viel zu viele genießbare Nahrungsmittel im Abfall. Das Ausmaß des Foodwaste ist uns oft gar nicht richtig bewusst, etwa ein Viertel der Deutschen kennt das Problem als solches sogar überhaupt nicht (Quelle: Statista).

Dabei sind wir für den größten Teil des Foodwaste direkt verantwortlich, indirekt auch für die Lebensmittelabfälle in der Gastronomie und im Einzelhandel: Laut dem BMEL werden je rund 17 Prozent von Industrie und Großverbrauchern verursacht, rund 61 Prozent von privaten Haushalten.

Mehr als die Hälfte ist vermeidbarer Foodwaste

Natürlich musst du auch in Zukunft keine Schalen von Kartoffeln, Bananen oder Eiern essen, nur damit weniger Nahrungsmittel im Müll landen. Solche Abfälle sind unvermeidbar, weil sie nicht für den menschlichen Verzehr geeignet sind.

Aber der Apfel, der am Baum (oder in deiner Obstschale) verfault, die Gurke, die als „zu klein“ aussortiert wird, das Brot, das schimmelt oder hart wird, weil du zu viel gekauft hast und der Joghurt, den jemand wegwirft, nur weil er abgelaufen ist – obwohl er längst noch genießbar wäre: Das alles ist vermeidbarer Foodwaste und macht einen großen Teil der Lebensmittelverluste aus.

Ursachen für den Foodwaste in Deutschland

Die Hauptursache für unseren viel zu verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln ist wohl, dass wir es uns „leisten“ können. Nahrungsmittel sind im Vergleich immer noch zu billig, denn sie machen nur knapp ein Sechstel unserer Ausgaben aus. Entsprechend leichtfertig wird Essen eingekauft und weggeworfen, wenn es doch nicht verzehrt wird.

Gleichzeitig können wir als Konsumenten auch hohe ästhetische und qualitative Ansprüche an die Ware stellen, die wir kaufen wollen. Was bei Obst und Gemüse zu groß, zu klein, zu krumm oder nicht makellos ist, wird im besten Fall zu Säften oder Salaten verarbeitet, im schlechtesten Fall gelangt es direkt vom Feld in den Müll – Foodwaste in seiner reinsten Form.

Zugleich erwarten wir Konsumenten durch den vorhandenen Überfluss an Nahrung auch noch zehn Minuten vor Ladenschluss volle Regale, eine große Auswahl und möglichst frische Speisen oder Backwaren. Das erzwingt eine Überproduktion, die logischerweise Lebensmittelverluste verursacht. Was nicht verkauft werden kann, kommt häufig in die Mülltonne, dessen sollten wir uns bewusst sein. Das gilt übrigens nicht nur für die Supermärkte und Discounter, sondern auch für die Gastronomie und entlang der gesamten Lieferkette.

Was tut die Politik gegen Foodwaste?

Können wir die Forderungen der Vereinten Nationen, Foodwaste bis 2030 auf die Hälfte zu reduzieren, überhaupt erfüllen? Nun, einerseits ist die Politik in der Pflicht, geeignete Maßnahmen zu treffen, um den Foodwaste entlang der Wertschöpfungskette einzudämmen. Drei Länder in Europa gehen bereits mit einem Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung in Supermärkten vor: Tschechien, Frankreich und Italien – wobei deren Strategien sich unterscheiden.

  • Die tschechische Regierung hat den Handel unter Androhung von Geldstrafen verpflichtet, unverkäufliche Artikel nach Ladenschluss an Tafeln oder andere soziale Einrichtungen zu spenden. Das gilt jedoch nicht für abgelaufene Lebensmittel.
  • In Frankreich ist die Regelung noch strenger: Dort müssen die Händler alle nicht verkauften und unverkäuflichen Lebensmittel entweder für wohltätige Zwecke hergeben – oder als Kompost bzw. Tierfutter der Landwirtschaft zur Verfügung stellen.
  • In Italien dagegen gibt es einen anderen Kurs: Statt Sanktionen zu verhängen, schafft man dort positive Anreize wie Steuererleichterungen.

Nach einem dieser Vorbilder könnte auch in Deutschland ein Gesetz auf den Weg gebracht werden. Doch die derzeitige Regierung scheint keine rigorosen Verbote zu erwägen: Bundesernährungsministerin Julia Klöckner setzt stattdessen auf eine nationale „Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung“, die Länder, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbraucher einbeziehen soll.

Vernetzung der Akteure, „Runde Tische“ und Sensibilisierung der Konsumenten – vieles davon klingt bislang noch nicht allzu konkret. Bereits gestartet ist die Initiative „Zu gut für die Tonne!“, die informieren und für mehr Lebensmittelwertschätzung sorgen soll. Auf der zentralen Plattform der Strategie sollen in diesem Jahr die erarbeiteten Zielvereinbarungen, Maßnahmen und Fortschritte veröffentlicht werden.

Was können Verbraucher gehen Foodwaste tun?

Doch das Problem „Foodwaste“ ist noch lange nicht gelöst, wenn allein der Gesetzgeber aktiv wird. Wir müssen uns selbst an die Nase fassen und ebenfalls unseren Beitrag leisten: indem wir dafür sorgen, dass Lebensmittel erst gar nicht unverkäuflich werden und uns kreativ bemühen, dass wir weniger Foodwaste produzieren.

Hier findest du ein paar Tipps, die du selber sofort umsetzen kannst:

  • Prüfe deine Lebensmittel: „Mindestens haltbar bis“, nicht „garantiert giftig ab“. Die meisten Lebensmittel sind weit über ihr Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus genießbar, manche verderben so gut wie nie. Wir müssen lernen, solche Produkte zu erkennen und dann eben doch zu konsumieren.
  • Lagere dein Essen richtig: Frisches wie Salat und Milchprodukte in den Kühlschrank, Kartoffeln und Zwiebeln an einem dunklen Plätzchen – die richtige Lagerung trägt maßgeblich dazu bei, dass unsere Lebensmittel lange halten. Und somit nicht im Müll landen.
  • Pfeif‘ auf die Ästhetik: Nur weil eine Möhre krumm ist, schmeckt sie nicht schlechter als ihre gerade gewachsene Schwester daneben. Aussortiert wird sie meist trotzdem. Das wird sich erst ändern, wenn wir bei Obst und Gemüse weniger auf eine makellose Optik achten. Und der Wunsch der Verbraucher zeigt Wirkung: Sogar die ersten Discounter wie Aldi und Penny verkaufen inzwischen krummes Gemüse. Bitte mehr davon!
  • Kaufe gezielt ein: Den Löwenanteil der vergeudeten Lebensmittel stellt Obst und Gemüse mit 34 Prozent. Es lohnt sich also, besser zu planen, was wir wann essen wollen. Ja, die Großpackung ist billiger, aber isst du wirklich zehn Kilo Kartoffeln in den nächsten Tagen oder sind es eher zwei? Und statt zum großen Beutel Karotten zu greifen, könntest du auch erst einmal überlegen, wie viele du tatsächlich zum Kochen brauchst – und ein paar lose Möhren einpacken.
  • Sei nicht so wählerisch: Nicht alles muss immer verfügbar sein – 14 Prozent der Lebensmittelverluste entfallen auf Backwaren. Entweder, weil zu viel gekauft wurde, oder, weil wir auch knapp vor Ladenschluss unsere Lieblingsbrotsorte im Regal haben wollen. Brauchen wir das wirklich?
  • Verwerte deine Reste: Statt im Mülleimer landen Reste besser im Kochtopf. Unsere Großeltern lebten es uns vor, und du solltest es viel öfter nachmachen – es gibt sogar eigene Kochbücher dafür!
  • Mach Lebensmittel haltbar: Viele Obst- und Gemüsesorten kannst du einfrieren, einkochen oder fermentieren, wenn sie Saison haben, statt die Überproduktion auf den Feldern verrotten zu lassen.
  • Nutze Foodsharing und Apps: Werde zum aktiven Lebensmittelretter, indem du dich zum Beispiel auf der ehrenamtlich betriebenen Plattform foodsharing.de registrierst. Dort kannst du übrig gebliebene Lebensmittel weitergeben – oder selbst deine Vorräte aus den digitalen Essenskörben auffüllen. Auch die App Too Good To Go hilft, Foodwaste einzudämmen: Hier stellen gastronomische Betriebe übriggebliebene Speisen ein, die du dann günstig kaufen kannst.

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(2) Kommentare

  1. Diejenigen, die jetzt noch bedenkenlos Nahrungsmittel einfach entsorgen, werden sich im Rentenalter umstellen müssen, um zu erkennen, dass auch die sogenannten „Reste“ noch einen Wert haben. Deshalb ist es besser, frühzeitig zu lernen!!! Manchen Menschen mangelt es meist an Phantasie, aus eigenen Essensresten noch eine weitere Mahlzeit zaubern!!!! Das heißt aber auch, dass man sich mit den Nahrungsmitteln beschäftigen und sich Gedanken machen muss, über das was man isst und mit welchen Gewürzen es zusammenpassen könnte. Versuch macht klug!!! Oder trial and error….

  2. „Der Großteil der Verluste fällt dabei auf der Stufe des Endverbrauchers an.“
    (Schätzung jährlich weggeworfener Lebensmittel in Deutschland im Jahr 2014 Statista)

    Komisch der MDR bezieht sich auch auf eine Studie des WWF und kommt zu dem Ergebnis: Hauptvernichter sind gewerbliche Anbieter
    https://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/lebensmittel-verschwendung-deutschland-100.html

    „Für den WWF steht dabei aber oft zu sehr der private Verbraucher im Mittelpunkt. Viel wichtiger wäre es, die gewerblichen Lebensmittelnutzer in den Fokus zu nehmen, der für 60 Prozent der Lebensmittelvernichtung verantwortlich ist. “

    In der Studie von der FH Münster (Studie der FH Münster im Auftrag des WWF 2018) steht:
    „Über 60 % der Verluste entstehen entlang der Wertschöpfungskette – vom Produzenten bis hin zum Großverbraucher (u. a. Gastronomie, Betriebsküchen), ungefähr 40 % haben die Privathaushalte zu verantworten.“

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