Oatly: Was hinter dem Haferdrink-Hype steckt

Foto: © Oatly

Die Werbeplakate von Oatly sind überall. Handelt es sich nur um einen Haferdrink für Hipster oder um eine wirklich gute Alternative zu Kuhmilch? Wir haben uns den pflanzlichen Milchersatz genauer angesehen.

„It’s like milk, but made for humans.“ Der Werbebotschaft des Herstellers Oatly kann sich derzeit wohl niemand entziehen. Pflanzlicher Milchersatz gehört zwar längst zum Standard-Repertoire von Supermärkten. Aber diese Marke tritt mit der Strategie an, aus einem Haferdrink ein cooles Lifestyle-Produkt zu machen. Daran ist nichts Verwerfliches – dennoch lohnt es sich, Oatly einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Oatly: Das sagt der Hersteller

Bei dem Hersteller handelt es sich keineswegs um ein hippes Start-up, das neu auf den Markt drängt, sondern um einen Vorreiter auf dem Gebiet: Oatly ist ein schwedisches Unternehmen, das in den 1990ern gegründet wurde und eng mit der Wissenschaft verknüpft ist. Nach eigener Aussage hat Oatly die „Hafermilch“* erfunden – ausgehend von Forschungen der Universität Lund.

Tobias Goj, einer der beiden Geschäftsführer von Oatly Deutschland, sagt im Gespräch mit Utopia: „Damals wurde ein Produkt entwickelt, das perfekt auf den Menschen zugeschnitten ist, weil es gesundheitliche Vorteile hat und zugleich deutlich nachhaltiger als Kuhmilch ist.“ Dieses Produkt kann man mittlerweile in mehr als 30 Ländern kaufen, seit 2001 im deutschen Bio-Handel. „Auf großer Flamme gibt es Oatly in Deutschland seit März 2018“, so Goj.

Tobias Goj, Geschäftsführer Oatly Deutschland
Tobias Goj ist Geschäftsführer von Oatly Deutschland. (Foto: © Oatly)

Der Haferdrink von Oatly hat inzwischen vor allem in modernen Cafés Einzug gehalten. Auf der Website gibt es eine interaktive Karte, die zeigt, wo man in der Nähe einen Cappuccino mit geschäumter Hafermilch schlürfen kann. Nun, da der Drink deutschlandweit für jeden verfügbar sei, sollen die Leute mehr über Oatly erfahren – daher jetzt die große Kampagne.

Der eingängige Werbeslogan will cool rüberbringen, was Veganer schon lange sagen: Kuhmilch sei nur etwas für Kühe. Der CEO singt dazu in einem Video ekstatisch „Wow, no cow“.

Eine von Oatly selbst in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, es gebe einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft und fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung trinke gar keine Milch mehr. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ist der Milchkonsum im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent zurückgegangen.

Oatly: Das steckt drin

Die Produktpalette von Oatly umfasst verschiedene Haferdrinks, zum Beispiel mit Calcium, in Bio-Qualität, mit Kakao oder Vanille und die „Barista Edition“. Zugrunde liegt ihnen als Basis-Zutat (neben Wasser und Meersalz) jeweils zehn Prozent Hafer, der aus Schweden stammt. Die übrigen Zutaten variieren leicht – in der „Barista-Edition“ ist zum Beispiel Rapsöl enthalten. Durch das zusätzliche Fett lässt sich der Drink besser aufschäumen und flockt nicht.

Oatly verschiedene Sorten
Oatly Haferdrink Calcium und Barista Edition. (Foto: © Oatly)

Dass der Hafer nicht immer bio ist, begründen die Hersteller so: „Der konventionelle schwedische Hafer, den wir nutzen, ist garantiert frei von Wachstumsregulatoren. Durch das raue, skandinavische Klima muss schwedischer Hafer nicht in dem Maße behandelt werden wie in anderen Teilen Europas.“ Darüber hinaus seien viele der Pestizide, die in der EU beim konventionellen Haferanbau verwendet werden, in Schweden nicht erlaubt. Deshalb lägen mögliche Rückstände von Pestiziden und Schwermetallen in den Haferdrinks unter den erlaubten Grenzwerten.

Die Entscheidung für rein ökologische Zutaten bei einigen Sorten gehört also nicht zur Firmenphilosophie, sondern ist vielmehr als Reaktion auf die Nachfrage zu deuten. „Für einige Konsumenten ist Bio wichtig“, erklärt Geschäftsführer Goj, „für manche eine überzeugende Milch-Alternative für den Kaffee (wie die Barista-Edition) und für andere die Aufnahme von bestimmten Nährstoffen und Vitaminen.“

Der letzte Punkt ist allerdings nicht unstrittig: Bei Öko-Test hatte die Sorte „Hafer Calcium“ von Oatly nur mittelmäßig abgeschnitten. Gerade wegen des darin enthaltenen Calciumphosphats und der Vitaminzusätze erhielt der Drink die Gesamtnote „befriedigend“. In der Begründung heißt es: „Experten raten vorsorglich dazu, möglichst wenig Phosphat aufzunehmen. Zu viel davon kann den Nieren schaden und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Auch halten wir den Zusatz von künstlichen Vitaminen für überflüssig. Wer Bedenken hat, nicht ausreichend versorgt zu sein, spricht mit seinem Arzt und füllt Nährstofflücken gezielt auf.“

Oatly: So schmeckt es

Wir haben die „Barista Edition“ in der Redaktion einem Geschmackstest unterzogen. Sie lässt sich tatsächlich hervorragend aufschäumen und ist daher gut für Kaffee geeignet. Die Konsistenz ist „fetter“ und weniger dünnflüssig als bei anderen Haferdrinks, zwei Kollegen erinnert sie positiv an Kaffeesahne. Das Produkt von Oatly schmeckt etwas neutraler und weniger süß als andere Hafermilch. Vor allem im Abgang können wir eine zarte Getreidenote feststellen.

Ein erklärter Haferdrink-Fan unter uns zeigt sich über die fehlende Intensität des Aromas ein wenig enttäuscht, weil er gerade den typischen Hafergeschmack mag – die „Barista Edition“ hat dagegen wohl mehr von Milch als andere pflanzliche Milchalternativen.

Oatly: Das steht drauf

Während die Verpackungen der meisten Haferdrinks optisch wenig Neues anbieten – Abbildungen von Hafer und Gläsern mit dem Getränk, oft in Farben wie Beige, Orange und Grün – präsentiert sich die Packung von Oatly in einem ganz anderen Look: minimalistisch, mit modernem Design und einer Schrift, die auch zu einem Szene-Café in Berlin passen würde.

Ein Detail ist allerdings bemerkenswert: Oatly rollt gerade eine neue Verpackung aus, auf der statt „It’s swedish“ etwas anderes in die Sprechblase auf der Frontseite abgedruckt ist: der CO2-Fußabdruck des Produkts. Die Herstellung eines Kilogramm „Haferdrink Calcium“ benötigt demnach 0,29 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilo Hafermilch. Bei der Barista-Edition sind es 0,42 Kilogramm.

Zum Vergleich: Ein Kilogramm konventionell produzierte Kuhmilch hat laut Berechnungen des Öko-Instituts von 2007 einen CO2-Footprint von 0,94 kg CO2-Äquivalente pro Kilo Milch; ein Kilogramm Bio-Milch produziert demnach 0,88 kg CO2-Äquivalente. Es gibt hier auch andere Berechnungen, so kommt eine IFEU-Studie auf auf 1,1 kg und listet (auf Seite 26 des PDFs) freundlicherweise auch gleich die Ergebnisse anderer Literatur.

Oatly CO2-Fußabdruck
Auf der Packung einiger Oatly-Produkte ist der CO2-Footprint angegeben. (Foto: © Oatly)

Das Problem dabei: Gerade ein flächendeckender Vergleich ist nach heutigem Stand sehr schwierig. Einer Handlungsempfehlung des Öko-Instituts von 2010 zufolge sind die Produkte, die saisonal schwankenden Erträge und Transportwege sowie der Einfluss von Lagerung und Kühlung sehr unterschiedlich. Das erschwere eine einheitliche Kennzeichnung – ebenso wie die Interpretation von bestehenden Klimalabels durch die Verbraucher.

Auch Daniela Krehl, Fachberaterin für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Bayern, gibt zu bedenken: „Das Problem ist die Vereinheitlichung bei der Berechnung – man muss sich richtig in dieses Thema einlesen.“ Zwar vergeben inzwischen einige Unternehmen freiwillig klimabezogene Labels. Doch die letzte Studie im Auftrag der Verbraucherzentralen kam 2012 zu dem Ergebnis, dass diese nur in seltenen Fällen transparent und sinnvoll sind.

Oatly wird bei seinen Berechnungen von der Firma „Carbon Cloud“ beraten. Goj zufolge fließt jeder Aspekt der Herstellung, von der Ernte über die Verpackung bis zum Transport in die Klimabilanz mit ein. Die Berechnung sei sehr aufwendig: „Wir fangen mit den am meisten verkauften Produkten an, werden aber nach und nach alle Produkte kennzeichnen“, sagt der Geschäftsführer. Unterschiedliche Produktionsstätten ergäben unterschiedliche Auswirkungen auf den Footprint – so erkläre sich zum Beispiel der höhere Wert bei der Barista Edition im Vergleich zur Calcium-Variante.

Der Transport habe den geringsten Anteil am Footprint: „Bei der deutschen Barista Edition macht der Transport von der Produktion zum Lager 14% des gesamten CO2-Fußabdruckes aus“, so Oatly. Und doch wäre es interessant, einen direkten Vergleich zu anderen Hafermilch-Herstellern und allgemein zu anderen Sorten Pflanzenmilch zu haben. Denn Haferdrink hat zwar neben anderen Milchalternativen wie Mandelmilch oder Sojamilch eine bessere Klimabilanz – wie groß der Unterschied jedoch tatsächlich ist, wenn das Produkt aus Schweden kommt und nicht von einem regionalen Produzenten, lässt sich noch nicht so leicht feststellen.

Oatly: Das sind die Alternativen

Selbst wenn der Transport bei der Zusammensetzung des CO2-Fußabdrucks nicht so stark ins Gewicht fällt: Einer der größten Vorteile von Hafermilch besteht darin, dass sie aus regionalem Anbau stammen kann. Mittlerweile gibt es eine gute Auswahl an Haferdrinks in Bio-Qualität verschiedener Hersteller, die in Deutschland produziert werden. Eine Übersicht findest du hier:

Ein Problem, das allen gemein ist: die Verpackung in Getränkekartons aus Verbundwerkstoff. Wer den anfallenden Müll vermeiden möchte, kann zu einer weiteren Alternative greifen und Haferdrinks einfach und schnell selber machen. Ein Rezept und eine Anleitung mit Video gibt es hier: Hafermilch selber machen: einfaches Rezept.

Oatly: Unser Fazit

Oatly ist der Pionier in Sachen Hafermilch. Das bedeutet aber nicht, dass er neben anderen Haferdrinks automatisch die bessere Wahl ist. Positiv an der großen Sichtbarkeit dieses Produkts ist, dass pflanzlicher Milchersatz dadurch noch populärer wird: Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auf Kuhmilch verzichten, finden so in Cafés leichter eine Alternative. Die Barista-Edition überzeugt zudem in Geschmack und Konsistenz. Auch die Initiative, den CO2-Fußabdruck auf die Verpackung zu drucken, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es wäre wünschenswert, dass vergleichbare Produkte – ob tierischen oder pflanzlichen Ursprungs – nachziehen. So könnten Verbraucher auf einen Blick erkennen, welche Auswirkung auf das Klima die Herstellung ihres Getränks hat.

Der Bonus der Regionalität, den Hafermilch oft hat, fällt bei Oatly allerdings weg, da das Produkt aus Schweden kommt und einen weiteren Transportweg hinter sich hat. Man sollte sich daher überlegen, ob man für den heimischen Gebrauch auch zu Oatly greift oder lieber ein Produkt aus Deutschland wählt. Außerdem kommt es auf die Sorte an: Wer sich an der Einschätzung von Öko-Test zu Hafermilch orientiert, sollte die angereicherten Varianten meiden – und besser den puristischen „Haferdrink Bio“ mit Öko-Hafer wählen.

Inzwischen ein häufiger Anblick: Ein Barista schäumt Oatly. (Foto: © Oatly)

*Offiziell darf sich kein pflanzlicher Milchersatz „-milch“ nennen, dieser Begriff ist in der EU für tierische Milch von Kuh, Schaf, Ziege oder Pferd reserviert. Im Handel sind Milch-Alternativen daher unter Fantasienamen als „-drink“ oder „-getränk“ erhältlich. In diesem Beitrag verwenden wir den Begriff, wie ihn der normale Konsument verwendet.

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(9) Kommentare

  1. Warum darf eigentlich Scheuermilch so heißen?
    Und Muttermilch?
    Was ist mit Fleischsalat?
    All die ganzen anderen Werbetricks, die auf Lebensmitteln abgedruckt werden, um den Verbraucher zu täuschen, dürfen stehen bleiben. Aber ein Begriff wie „Hafermilch“, aus dem ganz klar für jeden ersichtlich ist, daß es sich um den aus Hafer gewonnen Saft handelt, wird verboten. Ttststs….

  2. Waaaas? mehr als 2 Euro für Wasser mit 10 % Hafer?
    Das geht wirklich günstiger!
    Dieses Produkt scheint ja wirklich eher dafür gedacht Großinvestoren noch fetter zu machen. Legen die dann überhaupt Wert auf ihren CO2-Fußabdruck mit dem Geld, dass sie gutgläubigen Menschen abnehmen? 😏
    Und ich frage mich, ob sich der hip tätowierte Barista aus dem Foto das auch schon mal überlegt hat? Oder ist das bei einem Preis von 5 Euro für einen Kaffee auch egal?
    Naja – den hippen Lifestyle muss ja irgendwer bezahlen, oder? Am Ende sind es wir alle.

  3. Habe bisher öfter mal Bio-Hafermilch im Supermarkt gekauft.
    Die Umweltschädlichen Verbundwerkstoffe habe ich wegen schlechten Gewissens als Bastelmaterial aufgehoben.
    Nun, seit ich weiß, wie einfach es ist, sich Bio-Hafermilch ohne anfallenden Verpackungsmüll selber herzustellen, mache ich weniger Natur kaputt.
    Danke für den Tipp. (Da hätte ich JA auch selbst drauf kommen können;))

  4. Was mich schon seit längerem wundert: wenn man 10-13% der Hafer-/Soja-/etc-Beigaben zum Wasser hinzufügt, bis es 1 Liter ergibt –
    warum muss ich 1 Liter schleppen und bekomme nicht eine Minipackung – nur mit den 10-13% -, welche ich dann zu Hause anmische ??? Spart Verpackungsmaterial 😛
    Wäre doch was – oder liebes Oatly ??? 🙂 Hat bisher noch keiner gebracht B-)

  5. Tolle Idee und ein guter Kompromiss zum Selbermachen! Wenn man es hinbekommt ohne die Inhaltstoffe kaputt zu verarbeiten. Bei den Verpackungs- und Transportkosten könnte man so jedenfalls einiges einsparen und das lässt sich sicherlich auch auf andere Lebensmittel anwenden…. und eines Tages in Hill Valley: »Junge, Junge. Mom, du weißt wirklich, wie man eine Pizza hydriert!« 😛
    Aber wie bei so vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln, soll den Menschen möglichst jeder Aufwand abgenommen werden und Energie aus fossilen Brennstoffen wird dafür verschwendet weil sie viel zu billig ist. Dabei leiden viele bei uns schon unter Bewegungsmangel…

  6. Erwartungsvoll hab ich mir mal die Barista Edition für meinen Kaffee gegönnt…
    Das Geschmackserlebnis ist für mich aber eher vergleichbar mit Kaffeeweißer. Also für einen guten Kaffee keine Alternative zu Milch. Es fehlt die gewisse Süße des Milchzucker und die Konsistenz auf der Zunge ist eher rau, so wie bei Kaffeweißer. Zu Müsli schmeckt es aber wunderbar 😉

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