Marie Nasemann im Interview: Es gibt nichts Wichtigeres als einen lebenswerten Planeten

Foto: Katrin Lautenbach

Nachhaltiger Leben? Klingt eigentlich gar nicht so schwer. Aber muss man komplett auf Käse verzichten, darf man nur noch mit der Bahn in den Urlaub fahren und wie ist das eigentlich mit Klamotten und Kosmetik? Wie ein nachhaltigeres Leben gelingen kann und welche Veränderungen nötig sind, darüber sprechen wir mit Marie Nasemann im Utopia-Podcast.

Wie man sein Bewusstsein für ein besseres Leben mit grünen Kompromissen bereichern und ein nachhaltigeres Leben führen kann, was faire Mode damit zu tun hat und was man selber tun kann, um seinen Alltag nachhaltiger zu gestalten, darüber sprechen wir in der heutigen Folge mit Unternehmerin, Schauspielerin und Fair-Fashion-Aktivistin Marie Nasemann.

Auszug aus dem Gespräch mit Marie Nasemann:

Utopia.de: Du hast deine Überlegungen bezüglich der Gründung eines eigenen Modelabels auf Eis gelegt. Warum hast du dich dagegen entschieden?

Marie Nasemann: Ich liebe Mode und natürlich, wenn ich so viele Jahre drin bin in dem Thema faire und nachhaltige Mode, weiß ich auch ganz genau, was braucht es eigentlich noch. Wir haben ganz viele tolle Labels, mit Basics, mit Sneaker und so weiter, aber mir hat immer noch ein wenig der Glamourfaktor gefehlt. Da dachte ich, es ist doch total naheliegend selber eine Kollektion zu machen, die ich irgendwie über meinen Kanal gut verkaufen kann.

Da bin ich aber sehr schnell an meine Grenze gestoßen. Wo ich auch gemerkt habe, okay, ich möchte mit einem etablierten Fair Fashion Label zusammenarbeiten. Dann habe ich festgestellt, dass selbst die wirklich sehr guten bekannten etablierten Fashion-Labels eben auch oft nicht mehr zahlen als den Mindestlohn. Die produzieren dann zwar vielleicht in Europa und nicht in Bangladesch, aber zahlen dann eben trotzdem auch oft nicht mehr als das (Mindestlohn, Anm. der Redaktion). Da habe ich gesagt, das reicht mir einfach nicht. Ich brauche jetzt nicht auch noch mein Label zu machen, das es nur semi-gut macht, was natürlich die Leute bezahlt und ihnen ein sicheres Arbeitsumfeld gibt, die keine Angst haben müssen, dass die Fabrik einstürzt, aber trotzdem haben sie keine wirklich existenzsichernden Löhne.

Und auch zu merken, wie teuer Kleidung eigentlich sein müsste, um existenzsichernde Löhne zu zahlen, ist der absolute Wahnsinn. Die Leute sind einfach noch nicht bereit, Kleidungsstücke so wertzuschätzen, auch eben monetär.  Auch nicht zu sagen, ich kaufe sehr viel weniger, überlege mir viel genauer, was ich haben will und gebe da mehr Geld aus. Natürlich kommt immer das Argument, manche Leute können sich nichts anderes leisten. Um die geht es auch nicht bei diesem ganzen Überkonsum. Es geht um die Leute, die, wie ich früher, zweimal die Woche zu Zara rennen und sich Teile kaufen, die sie zweimal tragen und dann wegschmeißen. Ich finde es immer spannend, wenn man sich mal vor Primark stellt und guckt, wer da so rauskommt ist. Das sind keine Leute, die sich gar nichts leisten können und nur ein Teil kaufen, sondern die Leute haben immer zwei große Tüten voller Sachen. Da kann mir niemand erzählen, dass das alles Dinge sind, die man auf jeden Fall zum Leben braucht.

Insofern hab ich da zumindest bis jetzt keinen Weg gefunden zu sagen, ich mache ein Label, das wirklich alles nochmal sehr viel besser und anders macht als andere Brands. Solange ich diesen Weg nicht gefunden habe, werde ich ihn nicht einschlagen. Vielleicht kommt noch das eigene Label in fünf Jahren, wenn ich irgendeine ganz tolle Technik entwickelt habe oder das tolle nachhaltige Material gefunden habe. Aber auch bei den Materialien war es sehr frustrierend, weil geht man jetzt auf Bio-Baumwolle, verbraucht man aber extrem viel Wasser. Geht man auf recyceltes Plastik oder Polyester, ist es immer noch Plastik und wird danach nicht recycelt werden und im Kreislauf bleiben. Also sind wir, auch was die Materialien angeht, immer noch wahnsinnig eingeschränkt. Ich habe das Gefühl, es müsste einfach noch mehr geforscht und mehr entdeckt werden.

Konsum oder eine laufende Wirtschaft muss eben nicht heißen, dass wir nur den Planeten ausbeuten.

Marie Nasemann

Würdest du generell sagen, dass sich etwas verändert hat, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht?

Ich habe schon das Gefühl, dass sich in den unterschiedlichen Bereichen in den letzten Jahren sehr viel getan hat. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich hier in Berlin Prenzlauer Berg in einer wahnsinnig nachhaltigen Bubble unterwegs bin, in der sich alle irgendwo damit beschäftigen, was man tun kann, um den eigenen (ökologischen, Anm. d. Redaktion) Fußabdruck zu verringern. Es ist selbstverständlich, dass es beim Dinner mit Freunden eine vegetarische Auswahl gibt, dass man hier irgendwie Elektroroller vor der Tür stehen hat, die man mal eben benutzen kann um von A nach B zu kommen, insofern kann ich da nur für meine Bubble sprechen.

Aber es tut sich viel. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele neue Fashion-Labels an den Start gehen und ich finde es toll, wenn nachhaltige Labels wachsen, was auch ganz deutlich der Fall ist. Aber global betrachtet geht das alles in eine schlechtere Richtung. Es gibt immer mehr Mode, immer mehr Wegwerfprodukte, einen immer größeren Fleischkonsum von Jahr zu Jahr, aber natürlich freue ich mich, wenn wir – zumindest hier in Deutschland – trotzdem die Motivation nicht verlieren. Wenn ich dann in meinem Instagram-Feed die News habe, dass die Rügenwalder Mühle zum ersten Mal mehr vegetarische, als Fleisch-Produkte verkauft, freue ich mich so sehr, da fange ich richtig an zu strahlen, weil ich mir denke, yes, es ist auch anders möglich. Konsum oder eine laufende Wirtschaft muss eben nicht heißen, dass wir nur den Planeten ausbeuten.

Das Buch „Fairknallt – Mein grüner Kompromiss“ von Marie Nasemann:

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  • ISBN: 978-3-86493-164-2

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