Earth Overshoot Day 2022 – so früh wie nie zuvor

Earth Overshoot Day 2019: Ressourcen verbraucht in Deutschland
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Der Earth Overshoot Day – oder Welterschöpfungstag – fällt 2022 auf den 28. Juli: Ab diesem Tag verbrauchen wir mehr natürliche Ressourcen als nachwachsen können. Dieses Jahr liegt der Tag früher als je zuvor.

Der „Earth Overshoot Day“, auch „Erdüberlastungstag“ oder „Welterschöpfungstag“ genannt, ist ein Kampagnentag zur Nachhaltigkeit. Am Earth Overshoot Day haben wir das Ressourcenbudget der Natur für das ganze Jahr aufgebraucht, d.h. die globale Nachfrage nach natürlichen Ressourcen überschreitet die Fähigkeit der Erde, diese Ressourcen auf nachhaltige Weise (also nachwachsend) zur Verfügung zu stellen.

  • Der Earth Overshoot Day 2022 ist der früheste in der Geschichte der Menschheit: Schon ab 28. Juli leben wir in diesem Jahr auf Pump.
  • Dieses Jahr wird der Earth Overshoot Day sogar noch früher sein als zu vorherigen Negativ-Rekorden: 2019 lag er bei 29. Juli.
  • Nur 2020 war eine Ausnahme, bedingt durch Corona und den dadurch reduzierten Ressourcenverbrauch. Der Erdüberlastungstag hatte sich in dem Jahr das erste Mal seit vielen Jahren nach hinten verschoben, auf den 22. August 2020. 

Laut Global Footprint Network war der Rückgang 2020 – vor allem im Holzverbrauch und der Verbrennung fossiler Brennstoffe – eine direkte Folge der weltweiten COVID-19-Quarantänen und -Lockdowns. Doch 2021 zeigte sich bereits: Von einer Trendwende kann noch keine Rede sein – der ökologische Fußabdruck der Menschheit war zu dem Zeitpunkt wieder erschreckend groß. Und dieses Jahr erfolgt eine Steigerung.

Earth Overshoot Day 2022: Ab 28. Juli machen wir Schulden bei der Erde

Der Kampagnentag soll uns bewusst machen: Ab dem Earth Overshoot Day machen wir „Schulden“ im Sinne der Nachhaltigkeit. Denn wir verbrauchen mehr, als weltweit nachwachsen kann.

Übertragen auf das Berufsleben würde das bedeuten: Am Earth Overshoot Day haben wir unser gesamtes Jahresgehalt ausgegeben – auch den Teil, den wir noch gar nicht verdient haben.

Hier die wichtigsten Fakten zum Earth Overshoot Day:

1. Der Earth Overshoot Day ist schon wieder früher

Vor vierzig Jahren, im Jahr 1981 fiel der Erdüberlastungstag noch auf den 11. November, zehn Jahre später, 1991, auf den 9. Oktober. 2001 war er bereits auf den 21. September vorgerückt und vor zehn Jahren auf den 3. August. 2019 fiel er erstmalig schon auf den 29. Juli – ein trauriger Rekord. Die zwischenzeitliche Verschiebung des Earth Overshoot Day nach hinten auf den 22. August im Jahr 2020 bleibt aktuell (pandemiebedingt) eine Ausnahme. 2022 ist der Earth Overshoot Day so früh wie nie zuvor.

Diese Grafik zeigt, wie sich der Earth Overshoot Day im Lauf der Zeit entwickelt hat:

Earth Overshoot Day 2022
Earth Overshoot Day 2022: Dieses Jahr so früh wie niemals zuvor. (Grafik: www.overshootday.org)

Der Erderschöpfungstag rückt seit vielen Jahren immer weiter vor, weil wir jährlich mehr Ressourcen verbrauchen. Der Earth Overshoot Day am 28. Juli zeigt an, dass die Menschheit mehr Natur „verbraucht“ als diese regenerieren kann. Das bedeutet: Um den gegenwärtigen Ressourcenverbrauch der Menschheit zu decken, bräuchten wir mittlerweile 1,75 Erden. 

Zum Vergleich: Vergangenes Jahr waren es 1,7 Erden, die wir benötigt hätten, um den gesamten Ressourcenverbrauch zu decken. Im Jahr 2020 waren es sogar „nur“ 1,6 Erden. Die plötzliche Verringerung des ökologischen Fußabdrucks im ersten Corona-Jahr war jedoch weit entfernt von den Veränderungen, die erforderlich wären, um ein ökologisches Gleichgewicht herzustellen. Zudem nahmen die CO2-Emissionen in der zweiten Hälfte 2020 bereits wieder zu. Und seitdem hat sich der Ressourcenverbrauch gesteigert, wie die Daten des Earth Overshoot Day zeigen.

2. So wird der Earth Overshoot Day berechnet

Zunächst wird die Biokapazität der Erde berechnet. Damit ist die Fähigkeit der Erde gemeint, die vom Menschen verbrauchten Ressourcen zu erneuern und Schadstoffe – wie Treibhausgase – abzubauen.

Die Biokapazität stellt man dem globalen ökologischen Fußabdruck gegenüber. Dieser misst, wie viele natürliche Ressourcen der Mensch verbraucht. Ist der Verbrauch dieser Ressourcen größer als der Nachschub, spricht man vom „Overshoot“ – der ökologischen Verschuldung. Den Faktor legt man dann auf die Skala eines Jahres an.

Die Formel lautet stark vereinfacht: Biokapazität der Erde / Bioverbrauch der Erde * 365 Tage.

Der Klimawandel mit Dürre kann Millarden kosten.
Earth Overshoot: Wir verbrauchen mehr Ressourcen, als der Planet produzieren kann. (Foto: CC0/pixabay/jodylehigh)

Die Größe des Defizits hat seit dem Beginn des weltweiten Overshoots Anfang der 1970er-Jahre enorm zugenommen. Dies geht aus den Rechnungen der „National Footprint & Biocapacity Accounts“ hervor, die sich auf UN-Datensätze stützen (mit 15.000 Datenpunkten pro Land und Jahr). Da sich die UN-Daten nur bis 2016 erstrecken, wurden für 2020 die globalen Ergebnisse mit Hilfe von ergänzenden Daten abgeschätzt. Für die Berechnung des Earth Overshoot Day 2022 wurden Daten der International Energy Agency (IEA) und Carbon-Sequenzierungsdaten des Global Carbon Project (GCP) verwendet.

Hinter der Angabe des Weltüberlastungstages steht das Global Footprint Network, eine internationale Nachhaltigkeitsorganisation, welche diese Messung des „ökologischen Fußabdrucks“ entwickelt hat.

3. CO2-Emissionen machen 60 Prozent vom Overshoot aus

Nach Angaben von overshootday.org entfallen etwa 60 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit auf CO2-Emissionen. Die Aktivist:innen rechnen vor: Würde es uns gelingen, die CO2-Emissionen der fossilen Brennstoffe auf die Hälfte zu reduzieren, dann könnten wir den Erderschöpfungstag wieder nach hinten verlegen – und zwar um über drei Monate.

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4. Die Industrienationen sind schuld

Das ist fast schon eine Binsenweisheit – aber sie stimmt: Bei unserem Lebensstil bräuchten wir eigentlich mehr als eine Erde. Diese Grafik von 2022 zeigt, wie viele Erden wir pro Jahr bräuchten, um unseren Bedarf zu decken, wenn die ganze Welt wie die jeweils genannten Nationen leben würde:

Wie viele Erden bräuchten wir mit amerikanischem Lebensstandard?
So viele Erden bräuchten wir, wenn alle wie Menschen des entsprechenden Landes lebten. Wenn alle wie Deutsche lebten, bräuchten wir 3 Erden. (Grafik: www.overshootday.org)

5. Jedes Land hat seinen eigenen Überlastungstag

Der deutsche Earth Overshoot Day hätte 2022 folgender Grafik zufolge eigentlich schon Anfang Mai stattfinden müssen. Allerdings ist sie ein klein wenig unfair, weil ja auch die Größe eines Landes eine Rolle spielt: Je kleiner eine Industrienation, desto weniger eigene, nachwachsende Ressourcen kann sie erzeugen. Je mehr Landfläche eine Nation hat, desto mehr kann sie nachwachsen lassen.

Folgende Grafik des Earth Overshoot Day zeigt, wie viele Länder nötig wären, um den Verbrauch ihrer eigenen Einwohner:innen zu decken:

Earth Overshoot Day 2022: Länderverbrauch
Earth Overshoot Day 2022: Länderverbrauch (Grafik: www.overshootday.org)

Hier steht Deutschland dann zwar nicht mehr ganz so schlecht da – ist aber immer noch ressourcenhungriger als der Durchschnitt aller Länder weltweit. Der deutsche Overshoot Day lag 2022 auf dem 4. Mai, also fast 3 Monate vor dem internationalen Earth Overshoot Day und einen Tag früher als im Vorjahr.

6. Der Welterschöpfungstag hat Folgen

Der Klimawandel begründet den Studiengang.
Es gibt keinen Planeten B. (Foto: CC0 / Pixabay / NiklasPntk)

Nach dem Earth Overshoot Day leben wir für den Rest des Jahres auf Kredit und verbrauchen weiter Brennmaterial und Nahrungsmittel, die die Erde nicht mehr ersetzen kann. Wir produzieren mehr Müll und erzeugen mehr Treibhausgase, als die Erde verkraften kann.

7. Darum kommt der Earth Overshoot Day immer früher

Dass der Earth Overshoot Day jedes Jahr früher eintritt, liegt an dem hohen Konsumniveau in den Industrie- und Schwellenländern. Würden Menschen weltweit so leben wie wir in Deutschland, bräuchten wir schon jetzt drei Erden pro Jahr.

Ein wichtiges Problem wird kaum besprochen: Während wir uns immer weiter bei der Erde verschulden, kann sie sich immer weniger erholen. Oder anders: Ein bisschen über unsere Verhältnisse leben, das ginge vielleicht sogar – vorübergehend. Doch so dauerhaft und zunehmend rücksichtslos, wie wir es tun, wird es bald auch die Fähigkeit der Erde zur Selbsterholung außer Gefecht setzen.

Der Earth Overshoot Day 2019 macht auf ein dringendes Problem aufmerksam
Der Earth Overshoot Day macht auf ein dringendes Problem aufmerksam: Wir haben nur einen Planeten. (Foto: © pixabay)

„Wir konsumieren und wirtschaften als gäbe es kein Morgen. Die Zeche dafür zahlen unsere Kinder und Enkelkinder. Wir müssen den Raubbau beenden und endlich in den natürlichen Grenzen der Erde leben. Dafür müssen wir unsere Finanz- und Wirtschaftssysteme auf Nachhaltigkeit umstellen“, fordert Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland. „Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus. Deutschland als erfolgreiche Industrienation gehört an die Spitze einer weltweiten Bewegung für eine faire und die Grenzen der Erde respektierende Wirtschaft.“

8. Es gibt auch Kritik am Earth Overshoot Day

Es gibt auch Kritik am Welterschöpfungstag: „Die Methode hat Schwächen, und das Netzwerk arbeitet teilweise mit Daten, deren Herkunft unklar und auch nicht durch Rundungsfehler erklärbar ist“, wurde Jürgen Knirsch von Greenpeace 2012 in der taz zitiert.

Auch könnte man sich die Frage stellen, was eigentlich mit den alljährlich anfallenden Defiziten passiert – wenn wir schon 2017 ab 1.8. auf Pump lebten, warum dieses Jahr erst ab 28.7. und nicht schon ab 1.1.?

Natürlich weil der Earth Overshoot Day vor allem symbolisch gemeint ist.

Also ja: Die Botschaft von 2022, „Wir verbrauchen 1,75 Mal mehr, als wir nachhaltig erwirtschaften können“, ist stark vereinfacht. Aber das ändert nichts am Kern der Aussage: Wir überlasten die Erde.

Das hinter dem Earth Overshoot Day stehende Global Footprint Network macht seine Daten übrigens sehr transparent. Wer will, kann über data.footprintnetwork.org in die Daten eintauchen und, weil es sich um Open Data handelt, diese auch weiterverarbeiten.

9. So kannst du deinen Overshoot berechnen

Es gibt zahlreiche Online-Rechner, die uns helfen, unseren persönlichen ökologischen Fußabdruck herauszufinden. Hier einige Vorschläge, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Die Macher:innen des Earth Overshoot Day haben einen Online-Rechner: footprintcalculator.org
  • Der Ressourcen-Rechner „Mein Ökologischer Rucksack“ rechnet den Abdruck deines Lebens von Wohnen bis Urlaub aus und zeigt ihn im Vergleich zum Durchschnitt und zum „Erlaubten“. ressourcen-rechner.de
  • Wissenschaftler des Water Footprint Network haben die Wassermengen, die im globalen Durchschnitt für konkrete Produkte und Rohstoffe anfallen, erfasst und erlauben es, sie hier individuell auszurechnen: waterfootprint.org.
  • Diverse CO2-Rechner helfen, die eigene Klimabilanz auszurechnen.

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10. Was wir tun können

Unsere Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten müssen sich generell ändern. Wer nicht will, dass der Earth Overshoot Day nächstes Jahr noch früher kommt, kann persönlich dazu beitragen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren: zum Beispiel weniger und nachhaltiger konsumieren, (Lebensmittel-)Abfälle vermeiden, Energie sparen, saisonale Lebensmittel kaufen, weniger Fleisch und tierische Produkte essen: Die 13 ultimativen Tipps, mit denen du Geld sparst – und gleichzeitig die Umwelt schützt.

„Erhebliche Möglichkeiten“ unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern und das Datum des Erderschöpfungstages wieder nach hinten zu verschieben sieht Global Footprint Network in fünf Schlüsselbereichen: Städte, Energie, Nahrung, Bevölkerung und Planet – genauer in der Art, wie wir Städte gestalten, Energie erzeugen, Nahrung produzieren und konsumieren, das Bevölkerungswachstum regulieren und den Planeten schützen.

Die Organisation rechnet beispielhaft vor:

  • Wenn wir unseren Fleischkonsum halbieren und durch pflanzliche Alternativen ausgleichen würden, würde der Earth Overshoot Day um 7 Tage nach hinten verschoben. Alleine durch die geringe CO2-Emission und weniger Landnutzung. Der Effekt wäre sogar noch größer, wenn man den Rückgang der Methan-Emissionen berücksichtigt.
  • Sogar 32 Tage könnten wir den Weltüberlastungstag nach hinten verschieben, wenn wir pflanzliche Lebensmittel bevorzugten, regenerative Methoden in der Landwirtschaft einsetzten sowie Lebensmittelverschwendung oder den Verlust von Lebensmitteln eindämmen.
  • Wenn allein Lebensmittelverschwendung halbieren würden, würde sich das Datum schon deshalb um 13 Tage verschieben.
  • Ein großer Hebel wäre es, 75 Prozent der Energie aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Dies könnte den Erdüberlastungstag ganze 26 Tage nach hinten verschieben.
  • Noch effektiver wäre es, wenn sich die Hälfte der Welt an die Ziele des Green Deal der EU hielte. Innerhalb der nächsten 10 Jahre könne der Earth Overshoot Day so um 42 Tage verschoben werden.
  • Wenn wir den Anteil von Fahrrad-Fahrten auf 35 Prozent Anteil an allen Fahrten (Auto, Zug, Bus etc.) erhöhen, könnten wir den Erdüberlastungstag um 9 Tage verschieben.
  • Schon kleine Initiativen wie der „fleischfreie Montag“, also an einem Tag der Woche kein Fleisch zu essen, könnten den Earth Overshoot Day um 1,8 Tage nach hinten verschieben.
  • Eine (in Deutschland) ebenfalls stark umstrittene Maßnahme, die einiges bewirken könnte, ist das Tempolimit. Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autos könnten den Earth Overshoot Day um 0,6 Tage verschieben.

Viele weitere Möglichkeiten findest du unter Power of Possibilities.

Gerade jetzt bietet der Earth Overshoot Day eine Gelegenheit, über die Zukunft nachzudenken, die wir schaffen wollen. Unser Umgang mit COVID-19 und die unübersehbare Auswirkung auf die Umwelt zeigen, dass es möglich ist, den Verbrauchstrend der ökologischen Ressourcen innerhalb kurzer Zeit zu verschieben. Leider zeigt sich 2022, dass es ebenso schnell wieder zu einem Negativtrend kommt. Was wir aber (immer noch!) aus 2020 lernen können: Es sollte uns Menschen doch auch künftig ein Weg einfallen, auch ohne weltweite Pandemie unseren Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

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