„Kriegen die Fridays-for-Future-Generation nicht in unsere Berufe“

Student Johannes Weber arbeitet im Regionalen Innovationszentrum für Energietechnik (RIZ) an der Hochschule Offenburg.
Foto: Benedikt Spether/dpa

Obwohl der Klimawandel insbesondere junge Menschen beschäftigt, mangelt es in vielen Bereichen der betreffenden Branchen an Fachkräften. Dabei klingen die Jobaussichten eher rosig. Doch nicht jeder grüne Job ist offenbar attraktiv genug. Das ist angesichts der Klima-Ziele ein Problem.

Thomas Herdt klingt ganz entspannt: „Im Grunde müssen wir uns keine Gedanken machen, ob wir einen Job kriegen“, sagt der 21-Jährige. „Maschinenbauer haben es schwerer, ein Praktikum oder eine Stelle zu finden.“ Er studiert am Institut für nachhaltige Energiesysteme der Hochschule Offenburg. Seine Kommilitonen Johannes Weber (26) und Simon Schmitz (24) haben beide Ausbildungen im Bereich Elektro beziehungsweise Gebäudeplanung gemacht, bevor sie mit dem Studium angefangen haben. Damit sei er noch besser aufgestellt, sagt Schmitz. Auch wenn er keine Sorgen habe: „Jobchancen gibt es genug.“

Wenn sie den Abschluss in der Tasche haben, können die drei Studenten die Energiewende mitgestalten. „Es braucht genau solche engagierten Menschen vor Ort“, sagt ihr Professor Jens Pfafferott. Doch obwohl das Thema Klima aktueller denn je ist und auf Jahrzehnte sichere Arbeitsplätze verspricht, sind Herdt, Weber und Schmitz Ausnahmen.

„Wir haben im Jahr zehn Absolventen“, sagt Pfafferott. „Wir hätten Kapazitäten für 60.“ Dabei bietet die Hochschule unter anderem ein Raumklimalabor samt Klimakammer. Unter realen Bedingungen lernen Studierende, wie mit Sonnenlicht Energie erzeugt wird und daraus Strom, Wärme und Kälte bereitgestellt werden können. Mit modernster Technik und maschinellem Lernen – alles gemünzt auf Erneuerbare.

Die Studenten Johannes Weber (l-r), Simon Schmitz und Thomas Herdt arbeiten im Regionalen Innovationszentrum für Energietechnik (RIZ) an der Hochschule Offenburg an sogenannten modellprädiktiven Regler.
Die Studenten Johannes Weber (l-r), Simon Schmitz und Thomas Herdt im Regionalen Innovationszentrum für Energietechnik (RIZ) an der Hochschule Offenburg. (Foto: Benedikt Spether/dpa )

Guckt man sich an, was die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag in der Klima- und Wohnungsbaupolitik vorhat, werden ab 2025 etwa 400.000 Erwerbstätige zusätzlich benötigt. So steht es in einem Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Doch je mehr sich die Engpässe in Bereichen wie Bau, Handwerk und Energietechnik verschärfen, desto schwerer werden die Ziele erreichbar sein.

Umweltmanagement ja, technische Installationen nein, danke?

Ein Problem sieht Hochschullehrer Pfafferott im Image mancher Berufe. „Die Faszination, die dahinter steckt, kommt nicht an.“ Robert Pomes vom Industrieverband Technische Gebäudeausrüstung Baden-Württemberg schlägt in dieselbe Kerbe: Viele wollten etwas wie Umweltmanagement machen, aber nichts mit Lüftungen oder technischen Installationen. „Da, wo es konkret wird, wo man viel forschen und die Dinge umsetzen muss, bekommen wir keine Leute“, sagt der Geschäftsführer. „Wir kriegen die Fridays-for-Future-Jugend nicht in unsere Berufe.“

Beim Thema Klimaschutz schauten die meisten auf Umwelt und Verkehr, aber nicht auf Gebäude – dabei sei hier der CO2-Ausstoß immens. Aber das sei nicht so „sexy“, vermutet Pomes. Zudem seien viele Berufe nicht so bekannt. „Dass man Medizin studieren kann, weiß man auch, wenn der Vater nicht Arzt ist.“ Mit technischer Systemplaner könne man erst einmal nichts anfangen, wenn man keinen kenne.

Dabei spielt Klima bei immer mehr Berufen eine Rolle. IAB-Forscher Markus Janser hat herausgefunden, dass die Zahl der Berufe mit „Klimaschutztätigkeiten“ von 2012 bis 2020 von 377 auf 415 gestiegen sei. Fast ein Drittel aller 1290 Berufe habe nun solche Aspekte. Folglich wuchs auch die Zahl Beschäftigter in Berufen mit Klimaschutztätigkeiten von 4,6 auf 7,1 Millionen. Der Anstieg von 53 Prozent lag dem Expert:innen zufolge deutlich über dem allgemeinen Beschäftigungswachstum in diesem Zeitraum, der 13 Prozent betrug.

„Klimaschutz und Nachhaltigkeit verändern alle Bereiche des Wirtschaftens“

Allerdings räumt Janser ein, dass der Anteil an Klimaschutzaufgaben oft recht gering sei. So seien Aspekte wie Wasserstofftechnologie und Brennstoffzelle einfach hinzugekommen. „Es gibt eigentlich nicht so viele komplett neue Berufe. Aber die Tätigkeiten innerhalb der Berufe ändern sich.“ Zu den völlig neuen Berufsbezeichnungen zählen Klimaschutzmanager:in, Techniker:in – Windenergietechnik und Fachagrarwirt:in – Erneuerbare Energien/Biomasse.

Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Achim Dercks, betont: „Klimaschutz und Nachhaltigkeit verändern alle Bereiche des Wirtschaftens – und damit sind die Themen in allen Berufen wichtig.“ Das spiegele sich nicht nur in der Aus-, sondern auch in der Weiterbildung. Bei Themen wie Wasserstoff, Elektromobilität, CO2-Bilanzierung und -Reduzierung gibt es der Einschätzung nach insbesondere Qualifizierungsbedarf.

Wie breit das Spektrum ist, zeigt das Netzwerk Grüne Arbeitswelt: von ökologischer Landwirtschaft über nachhaltige Architektur und Stadtentwicklung bis hin zu Green IT. „Das ist keine Nischenbranche“, sagt Projektleiter Krischan Ostenrath. Dass es nicht nur eine Handvoll grüne Berufe gibt, sei für junge Leute eine gute Nachricht. Diese Jobs seien aber gar nicht leicht zu definieren: „Oft kann man mit derselben Ausbildung etwas Grünes oder ganz was anderes machen.“

Hat die Politik die Fachkräfteversorgung „sträflich vernachlässigt“?

Aus Ostenraths Sicht hat die Politik das Thema Fachkräfteversorgung „sträflich vernachlässigt“. Nur mit Fördergeldern alleine löse sich das Problem nicht. „Aber unsere kompletten Klimaschutzziele können wir in die Tonne kloppen, wenn wir keine Fachkräfte haben.“

Hilmar John vom Karlsruher Verein fokus.energie sagt, die Jobmöglichkeiten würden nicht zuletzt wegen vieler Start-ups in dem Sektor immer größer. „Das ist eine ziemlich sichere Angelegenheit.“ Allerdings gebe es nach wie vor zu wenig Menschen in den sogenannten MINT-Bereichen, also mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Expertise.

Von Marco Krefting, dpa

** mit ** markierte oder orange unterstrichene Links zu Bezugsquellen sind teilweise Partner-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös. Mehr Infos.

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter: