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Kinderarbeit und Pestizide: Die dunkle Seite von Haselnüssen

Foto: © Colourbox.de

Haselnüsse schmecken geröstet, gemahlen, in Nussmischungen oder Brotaufstrichen – und besonders gut in Plätzchen während der Weihnachtszeit. Ohne Haselnüsse wäre die Welt der süßen Versuchungen um einiges ärmer und langweiliger. Doch beim Kauf solltest du genauer hinsehen, denn die gesunden Nüsse haben eine Schattenseite.

Der Haselnuss werden – wie vielen anderen Nussarten auch – positive Effekte auf Gedächtnisleistung und Cholesterolspiegel nachgesagt. Haselnüsse sollen zudem beim Abnehmen helfen und insgesamt die Leistungsfähigkeit steigern. Schon seit Urzeiten als Nahrungsmittel bekannt und geschätzt, spielen Haselnüsse auch in Märchen und Geschichten oft eine Rolle.

Die Haselnuss wächst wild und ohne aufwendige Pflege quasi an jeder Ecke Europas. Also auf zur nächsten Hecke, dort die Haselnüsse geerntet und damit die ultimative Ergänzung für den eigenen Speiseplan gefunden? Nun ja – ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Ein Haselnussbaum ist kein Haselnussstrauch

Haselnuss ist Haselnuss. Die kleinen dunkelbraunen Samen des Haselnussstrauchs aus der Hecke im nahen Wald werden dort gesammelt, dann geröstet und verarbeitet. Vielleicht gibt es noch Plantagen, in denen sich Haselnusshecke an Haselnusshecke reiht. Aber alles hier in Mitteleuropa, keine langen Transportwege und kontrollierte Qualität? Irrtum.

Verlockend zum Selbersammeln (wenn sie reif sind): Haselnüsse am Strauch. (Foto: © Myriams-Fotos / Pixabay)

Der Großteil der im Handel verkauften Haselnüsse stammt gar nicht von der bei uns heimischen Gemeinen Hasel, Corylus avellana, sondern von der Lambertshasel (Corylus maxima). Beide Arten sind eng miteinander verwandt, sodass die Bezeichnung „Haselnuss“ ein Sammelbegriff für die Früchte beider Arten ist.

Doch während die Gemeine Hasel jene Sträucher ausbildet, die wir mit „Haselnuss“ assoziieren, wächst die Lambertshasel als Strauch – oder eben als Haselnussbaum. Auch wenn die beiden Sorten sich sehr ähneln, bevorzugt die Lambertshasel ein wärmeres, eher mediterranes Klima. Folglich stammen fast 90 Prozent unserer hier verkauften Haselnüsse entweder aus der Türkei oder aus Italien. Weltweit führt die Türkei den Haselnussanbau klar an (es folgen mit Abstand Italien, die USA und Aserbaidschan).

Unsere Vorfahren wussten: Die Haselnuss ist gesund

Schon die Jäger:innen und Sammler:innen der Steinzeit schätzten die Haselnuss sehr. Die extrem fettreiche und damit kalorienhaltige Haselnuss war im kalten Winter und bis in den Frühling bei richtiger Lagerung eine begehrte Energiequelle. Ursprünglich wohl in der Gegend der heutigen Türkei heimisch, breitete sich die Gemeine Hasel schnell über Mitteleuropa aus – wahrscheinlich brachten unsere Vorfahren die Haselnüsse mit.

Bei den Römern, Germanen und Kelten galten die Nussfrüchte ebenfalls als wertvolles Nahrungsmittel. Aus Beobachtung und Erfahrung wusste man schon damals, dass Nuss-Esser:innen gesünder sind und länger leben. Heute untersuchen wissenschaftliche Studien diese Effekte und scheinen die Erfahrungen unserer Ahnen zu bestätigen. Das Bundeszentrum für Ernährung empfiehlt eine Handvoll Nüsse am Tag.

Was ist drin in der Haselnuss? Die Inhaltsstoffe

Bei den Inhaltsstoffen der Haselnuss steht der Fettgehalt mit 63 Prozent an erster Stelle. Positiv daran ist, dass es sich großteils (rund 45 Prozent) um ein- oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren handelt. Der damit einhergehende Energiewert hat es in sich: 100 g Haselnüsse schlagen mit 650 kcal zu Buche.

Kaum wegzudenken aus der Weihnachtszeit: Zimtsterne und Haselnüsse. (Foto: © silviarita / Pixabay)

Die vielen Kalorien haben den Haselnüssen den Ruf eingebracht, Dickmacher zu sein. Das stimmt nur bedingt – denn sie sättigen und können den Cholesterolspiegel senken. Darüber hinaus steckt die Haselnuss voller wertvoller Nährstoffe. Sie ist reich an B-Vitaminen (B1, B2, B3, B6, B9), Kalzium, Kalium, Magnesium und Spurenelementen wie Zink und Kupfer. Deswegen empfehlen Ernährungswissenschaftler:innen den häufigen Verzehr von Haselnüssen.

Haselnüsse rösten – zerstört das die wertvollen Inhaltsstoffe?

Die braunen Nusskerne gibt es meist geröstet zu kaufen, egal ob als ganze Haselnüsse, gehackt oder gemahlen. Beim (industriellen) Rösten in Pfanne oder Backrohr werden die Haselnüsse erhitzt – und Hitze zerstört bekanntlich bei vielen Lebensmittel die wertvollen Inhaltsstoffe. Ähnliches gilt auch für das Verarbeiten in Haselnusskuchen, Haselnusseis oder Haselnusslikör, wenn die Haselnüsse zumindest kurzzeitig erhitzt werden.

Die Haselnuss bildet da allerdings eine Ausnahme: Ihre Inhaltsstoffe, speziell die Fettsäuren, verändern sich durch das Erhitzen nur minimal. Die ungesättigten Fettsäuren und Mineralstoffe der Haselnuss bleiben erhalten. Achte beim Rösten der Haselnüsse zuhause darauf, dass du sie nur bei niedrigen Temperaturen röstest. Starke Hitze greift die Fettsäuren an.

Wichtig: Das gilt auch für die Allergene. Erst in stark verarbeiteten Zustand wie in Nougat oder Haselnuss-Aufstrichen sind die Allergene reduziert. Menschen mit nur einer leichten Haselnussallergie vertragen beispielsweise Schokoaufstriche mit Haselnuss gut.

Monopole und Pestizide: Schattenseiten der Haselnuss

Die Haselnuss ist lecker, auch und gerade bei einem veganen Lebensstil wichtig und unterstützt das gesunde Altern. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – bei der Haselnuss trifft das mit Sicherheit zu. Haselnusssträucher gedeihen am besten in mäßig warmen Klima. Die Ernte in Mitteleuropa ist dementsprechend gering. Viel zu gering jedenfalls, um unseren Hunger auf die Haselnuss in verschiedensten Zubereitungsformen zu stillen.

Wusstest du schon: 80 Prozent der weltweiten Ernte kommen aus der Türkei; doch auch in Bayern gibt es Bio-Betriebe, die Haselnüsse anbauen. (Foto: © Wow_Pho / Pixabay)

Etwa 70 Prozent der weltweiten Haselnussernte kommen aus der Türkei, rund neun Prozent aus Italien. Die Konzentration auf ein einziges führendes Anbaugebiet weltweit geht mit vielfältigen Problemen einher: Monokulturen, um die Nachfrage befriedigen zu können. Diese bedingen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Pestiziden. Zudem ist die weltweit verfügbare Erntemenge (und damit der Weltmarktpreis) stark vom Wetter in der Hauptanbauregion abhängig. 2014 zum Beispiel sorgte eine einzige Frostnacht in der Türkei für eine Haselnuss-Krise. Die Preise stiegen und für uns wurden Haselnuss-Schokolade, Nougat und Co. teurer. Um die verbliebene Ernte zu retten, wurde mehr gedüngt und gespritzt.

Ökologisch ist das Quasi-Monopol bei der Haselnuss problematisch. Doch das ist nicht einmal das größte Problem der Haselnuss.

Kinderarbeit für die Haselnussernte

Die Haselnussernte ist Handarbeit, immer noch. Die Haselnüsse müssen einzeln von Sträuchern oder Bäumen gepflückt werden. In der Türkei wird nicht überall streng auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen geachtet. Da zu wenig erwachsene Hilfsarbeiter:innen verfügbar sind, um die Menge in der kurzen Zeitspanne zu ernten, arbeiten Kinder ab zehn Jahren in den türkischen Haselnuss-Plantagen.

Lies dazu auch: Kinderarbeit – Was kann ich dafür?

Keine Haselnüsse sind auch keine Lösung

Haselnüsse sind in vielen unserer liebsten Gebäckstücke und Süßigkeiten verarbeitet. Doch der Großteil der Haselnüsse wird unter ökologisch und sozial eher fragwürdigen Bedingungen produziert. Im Sinne der Nachhaltigkeit müssten wir daher auf alle Produkte mit Haselnuss, auf geriebene oder geröstete Haselnüsse und sämtliche Nussmischungen verzichten. Zumindest, bis alle Hersteller auf nachhaltige Bio-Haselnüsse umgestellt haben.

Ein Leben ohne Haselnusscreme? Nie wieder Schokolade? Ein unschönes Szenario, finden wir. Also haben wir uns auf die Suche nach Alternativen gemacht. Und tatsächlich: Es gibt sie, die Haselnuss aus deutschem, biologischen Anbau. So haben sich in Bayern etliche Bio-Betriebe zusammengeschlossen, die Haselnüsse in Plantagen anbauen und gemeinsam vermarkten; die Früchte werden in diversen Läden in Deutschland angeboten.

Haselnüsse kaufen: Darauf solltest du achten

Du musst allerdings gezielt suchen, Etiketten lesen oder fragen, um sie zu finden, die „guten“ Haselnüsse. Ein kompetenter Ansprechpartner ist der Verein Bayerischer Haselnusspflanzer. Über seine Website kannst du auch regional angebaute Haselnüsse (mit/ohne Schale) und Produkte auf Haselnuss-Basis bestellen (dazu einfach eine der Produktbeschreibungen anklicken und dann den Bestellschein herunterladen).

Ein wenig einfacher ist es, wenn du bei Haselnüssen aus der Türkei zu fair gehandelten Produkten, z. B. von der Firma Gepa, greifst. Bei Haselnüssen aus Italien ist ein Bio-Siegel wichtig, die chemie-intensiven Monokulturen konventioneller Haselnussplantagen belasten die dortigen Böden. Das Bio-Siegel verrät auch, ob die Nüsse aus der EU oder aus der Nicht-EU stammen.

Im Herbst gibt es Haselnüsse immer wieder auch auf Wochenmärkten oder du fragst bei Freund:innen und Nachbar:innen, ob jemand Bekannte mit einer reichen Haselnussernte hat? Auch auf der Seite Mundraub.org sind Haselnusssträucher aufgelistet, von denen du Haselnüsse ernten darfst.

Bei industriell verarbeiteten Produkten ist die Herkunft der Haselnüsse schwerer zu erkennen. Das deutsche Lebensmittelrecht verlangt, dass nur bei ungeschälten Mandeln, Hasel- und Walnüssen das Ursprungsland auf der Verpackung deklariert werden mussBio-Produkte – am besten aus fairem Handel – sind hier die bessere Wahl.

Noch besser: Du machst deine Plätzchen, Torten oder Nutella-Alternativen selbst. Das mag zwar ein bisschen aufwendiger sein, du kannst aber beim Kauf der Zutaten auf Bio-Qualität und eine regionale Herkunft achten. Probier doch mal folgende Ideen aus:

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