Warum wir Deutschen nicht auf Katastrophenwarnungen hören

Warum wir nicht auf Krisenwarnungen hören.
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Wer sich die Bilder des Hochwassers in Deutschland anschaut, wird sich vermutlich fragen: War das vorhersehbar? Hätten die Menschen gewarnt werden können? Vermutlich wurden sie das – durch irgendeine Wetter-App, die Starkregen vorhergesagt hat. Aber vermutlichen haben wir verlernt, auf solche Warnungen zu achten.

Die Politik diskutiert nun über frühere und präzisere Warnungen – über Apps, Sirenen oder SMSen. Aber ist das sinnvoll? Die Wetterapps auf den Smartphones haben Regen angezeigt, teils wurden Menschen von der Feuerwehr dazu aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Aber trotzdem haben Menschen nicht auf die Warnungen reagiert.

Warum hören wir nicht auf Katastrophenwarnungen?

Das Problem ist, dass wir in Deutschland seit Jahren von großen Katastrophen verschont geblieben sind – sowohl durch Naturgewalten als auch durch Epidemien verursacht. Vieles ist an uns vorbeigezogen. Auch die Corona-Pandemie wurde in Deutschland vielleicht zumindest am Anfang als nur wenig gefährlich eingeschätzt.

„Wir haben eine lange Erfahrung damit, dass es glimpflich ausgeht“, sagt Ortwin Renn, Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam.

Die Politik und ihre Maßnahmen

Politiker:innen wünschen sich präzisere Vorhersagen, wo und wann ein Unwetter stattfindet. Doch das ist selbst mit der besten Meteorologie nicht möglich. „Eine etwas realistischere Einschätzung über Plötzlichkeit und Gewalt von Unwettern muss stärker ins Bewusstsein dringen“, so Renn.

Auch über den Einsatz von Sirenen denken Poltiker:innen nach. Gerade für Gefahren in der Nacht könnten diese wieder hilfreich sein. Wenn wir nachts unser Handy im besten Fall ausgeschaltet haben, um besser zu schlafen, bringt uns eine warnende App oder eine SMS wenig.

Wir müssen lernen, mit Warnungen umzugehen

Es ist doch absurd, dass Menschen im Meer Angst vor einem Haiangriff haben, aber täglich mit dem Auto fahren, ohne Angst vor einem Unfall zu haben. Wir brauchen eine Risikokompetenz – müssen lernen, Risiken gut einzuschätzen. Der Meinung ist Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikobewertung an der Universität Potsdam.

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Wir sollten lernen, mit Warnungen und Wahrscheinlichkeiten umzugehen. Wer von uns kann den genau abschätzen, was die Regenwahrscheinlichkeit des Wetterberichtes wirklich bedeutet? Gigerenzer sieht da aber Expert:innen in der Verantwortung. Die hätten seines Erachtens bislang nicht gelernt, solche Wahrscheinlichkeiten gut zu erklären. Auch an den Schulen würde darüber nicht ausreichend gelehrt werden.

Wir müssen auf Katastrophenwarnungen hören, ohne dabei in Panik und Angst zu geraten.
Wir müssen auf Katastrophenwarnungen hören, ohne dabei in Panik und Angst zu geraten. (Foto: CCO Public Domain / Pixabay - Pexels)

Zu viel Panik ist aber auch keine Lösung. Die einen Menschen reagieren extrem, indem sie jegliche Warnungen ignorieren, andere Menschen verfallen direkt in Sorge. Wir haben einen psychologischen Schutzmechanismus, ohne den wir nicht handlungsfähig wären. Wir müssen erst mal davon ausgehen, dass die Katastrophe uns nicht trifft, so erklärt es die Psychologin Isabella Heuser.

Wie an der Corona-Pandemie gut zu sehen ist, gewöhnen sich Menschen an Warnungen und Gefahren und stumpfen ab. Seit 1,5 Jahren werden wir in den Medien ständig konfrontiert mit Risiken und Gefahren. Heuser bezeichnet das als Katastrophen-Burnout. Daher ist es wichtig abzuwägen, in welcher Form und wie oft Menschen gewarnt werden sollten. Denn, wenn ab sofort ständig die Wetterapp Alarm vor Regen und Überschwemmung schlägt, denken wir uns irgendwann: Na und? Und das wäre angesichts der voranschreitenden Klimakrise die denkbar ungünstigste Reaktion.

Utopia meint: Jetzt liegt es an der Politik zu handeln und das Krisenmanagement und damit verbundene Vorhersagen auszubauen. Ganz wichtig ist aber auch: Ohne die Klimakrise müssten wir nicht vor solchen Unwettern (und möglichen künftigen Umweltkrisen) gewarnt werden. Auch hier sollte die Politik konkrete Maßnahmen und verbindliche Meilensteine setzen, wenn es um Klimaschutz oder „Klimapakete“ geht.

Doch jede:r Einzelne von uns kann auch etwas tun. So ist es zum Beispiel sinnvoll, sich den eigenen CO2-Verbrauch – auch bekannt als CO2-Fußabdruck – auszurechnen und diesen zu minimieren oder zu kompensieren.

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