Orangensaft zum Frühstück? Menschen und Umwelt in Brasilien zahlen den Preis

Orangensaft: Besser aus fairem Handel kaufen
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Orangensaft gehört zum Sonntagsfrühstück einfach dazu – Ausbeutung auch? Fiese Frage? Für unseren Saft leiden am anderen Ende der Welt oft Arbeiter:innen und die Umwelt. Es geht aber auch besser.

Orangensaft ist der beliebteste Saft in Deutschland – im Jahr trinken wir pro Kopf 8,7 Liter davon. Doch die Produktionsbedingungen sind fragwürdig: Menschenrechtsverletzungen auf den Plantagen, Pestizide in der Umwelt und extrem lange Transportwege geben dem Saft einen bitteren Beigeschmack.

Woher kommt der Saft?

Einen Großteil des Orangensafts importiert Deutschland aus Brasilien. Auch weltweit ist Brasilien das wichtigste Produktions- und Exportland für Orangensaft bzw. Orangensaftkonzentrat: Rund 80 Prozent des global gehandelten Orangensafts stammen aus Brasilien. In Deutschland spielen daneben vor allem die USA, Mexiko und Spanien eine kleinere Rolle als Ursprungsländer für den Saft.

Damit ist bereits klar: Orangensaft hat meist extrem lange Transportwege hinter sich, bis er bei uns im Supermarktregal landet. Das wirkt sich negativ auf die CO2-Bilanz aus. Erkennbar ist das Herkunftsland des Orangensafts auf der Flasche oder dem Getränkekarton in der Regel nicht: Es gibt keine Pflicht, den Ursprung der Früchte anzugeben. Lediglich unter dem grünen EU-Biosiegel muss zumindest der Hinweis „EU/Nicht-EU“ angegeben sein.

Von der Machtkonzentration bei der Saftkonzentration

Was hingegen auf dem Etikett zu erkennen sein muss, ist, ob es sich um „Fruchtsaft aus Fruchtsaftkonzentrat“ handelt. Direktsaft kann, muss aber nicht also solcher gekennzeichnet werden.

Der Unterschied: Direktsaft wird aus den Früchten gepresst und anschließend pasteurisiert, bevor er in Flaschen oder Getränkekartons gefüllt wird. Um Orangensaftkonzentrat zu gewinnen, wird dem Saft nach dem Pressen Aroma und Wasser entzogen. Das Fruchtsaftkonzentrat wird anschließend meist tiefgefroren. Getrennt voneinander werden Saftkonzentrat und Aroma mit Tankschiffen nach Europa transportiert. Hier werden die beiden Komponenten wieder zusammengeführt und mit Wasser rückverdünnt. Der Vorteil: Das Konzentrat braucht weniger Platz und wiegt weniger als Direktsaft und spart so im Vergleich Transport-Emissionen. Allerdings brauchen dafür Verarbeitung und Kühlung einiges an Energie.

Orangensaftproduktion: Nur drei bis vier Unternehmen kontrollieren den Markt in Brasilien.
Orangensaftproduktion in Brasilien: Nur drei bis vier Unternehmen kontrollieren den Markt. (Foto: © CIR)

Der Großteil des Saftes, den wir in Deutschland kaufen können, wird als Orangensaftkonzentrat exportiert: Rund 80 Prozent. Das Geschäft mit dem Saftkonzentrat in Brasilien liegt dabei in den Händen weniger Konzerne, das kritisieren Organisationen wie Fairtrade Deutschland und die NGO Christliche Initiative Romero (CI Romero) immer wieder. Der Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie bestätigt uns: Nur drei bis vier Konzerne spielen bei der Saftkonzentrat-Herstellung in Brasilien eine echte Rolle.

„Diese Marktkonzentration bedeutet auch eine enorme Machtkonzentration“, sagt Edith Gmeiner, Pressesprecherin von Fairtrade Deutschland. „Die Produzenten sind davon abhängig, ihre Ernte bei den wenigen Verarbeitern loszuwerden und haben kaum Verhandlungsspielraum.“ Denn alternative Abnehmer für die Orangenbäuer:innen gibt es kaum.

Wie in vielen anderen Branchen führt die Marktmacht der großen Unternehmen dazu, dass sie die Preise beeinflussen können – und diese laut Fairtrade oft sogar unter die Produktionskosten drücken. Die Christliche Initiative Romero berichtete zudem 2018, dass die drei großen Safthersteller – die 2016 wegen Kartellbildung verurteilt wurden – zunehmend ihre eigenen Plantagen bewirtschaften und unabhängige Zulieferer so verdrängen. Die Lage vieler Orangenproduzenten ist prekär.

Soziale Bedingungen auf den Plantagen

Die ausführliche Studie der CI Romero gibt an: Für einen Liter Orangensaft aus dem Supermarkt oder Discounter liegen die Lohnkosten auf den brasilianischen Plantagen zwischen 4 und 7 Prozent. Kauft man also einen O-Saft für 89 Cent verdienen die Arbeiter:innen daran höchstens um die 6 Cent.

Oft erreichen die Pflücker:innen nicht einmal den brasilianischen Mindestlohn. Die Erntehelfer:innen werden häufig nach Produktivität – also nach der Anzahl der gefüllten Kisten oder Säcke – bezahlt. Sie stehen daher unter Druck, möglichst viel, schnell und lange zu arbeiten. Viele der Pflücker:innen berichten der Studie zufolge von Schummeleien und Lohnabzügen, die dazu führen, dass ihre Bezahlung noch niedriger ausfällt als ursprünglich vereinbart – und die Löhne oft kaum zum Leben reichen. Und selbst, wenn der Mindestlohn von derzeit 1.100 Real bezahlt wird: Er liegt deutlich unter dem errechneten existenzsichernden Einkommen in der Orangenanbau-Region São Paulo (gut 2.500 Real).

Orangenernte: Pflücker:innen werden oft nach Produktivität bezahlt
Orangen-Pflücker:innen müssen oft möglichst viele dieser „Großsäcke“ füllen, um auf den Mindestlohn zu kommen. (Foto: © CIR)

Die Studie bemängelt zudem fragwürdige Unterkünfte, mangelnde medizinische Versorgung und Drohungen gegenüber kranken Angestellten. Sogar sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, bei denen die Arbeiter:innen – viele von ihnen Arbeitsmigrant:innen aus dem brasilianischen Norden – mit verschiedenen Mitteln zum Bleiben gezwungen werden, wurden mehrfach dokumentiert.

Verbotene Pestizide

Dazu kommt: Die Pflücker:innen auf den Orangenplantagen sind Berichten zufolge oft kaum oder gar nicht geschützt vor den Pestiziden, die in großer Menge auf den Plantagen eingesetzt werden. Viele Agrarchemikalien können dabei extrem gesundheitsschädlich sein – und insbesondere über mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Pestiziden ist noch viel zu wenig bekannt.

Besonders brisant: In Brasilien werden auch noch Pestizide eingesetzt, die in Europa längst verboten sind, weil sie bekanntermaßen Gesundheits- oder Umweltschäden verursachen können. Dazu zählt beispielweise das Pestizid Acephate, das nicht nur Bienen tötet, sondern auch als möglicherweise krebserregend gilt, Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall und Ausschläge auslösen und bei Vergiftung tödlich sein kann.

Carbendazim, das laut der EU-Chemikalienagentur ECHA genetische Defekte verursachen, die Fruchtbarkeit und Föten schädigen kann und giftig für Wasserlebewese ist, ist in der EU ebenfalls verboten, nicht aber in Brasilien. Auch die aus der EU verbannten Pestizide Atrazine und Dicofol sind erlaubt. Das hoch umstrittene Paraquat hat in Brasilien erst im September 2020 seine Zulassung verloren.

Umweltfolgen

Die Pestizide auf den Orangenplantagen belasten nicht nur die Gesundheit der Arbeiter:innen schwer, sondern auch die Umwelt. Synthetische Pestizide können in Böden und Gewässer sickern, gefährden viele Tier- und Pflanzenarten und stellen so eine große Gefahr für die Biodiversität vor Ort dar. Insbesondere für den Fortbestand vieler Insektenarten sind die Pestizide hochgefährlich.

Der Pestizideinsatz ist auch deshalb so hoch, weil die Orangen-Monokulturen anfälliger für Schädlinge sind als Mischkulturen es wären. Monokulturen bieten gleichzeitig kaum einen Lebensraum für andere Arten und sind damit per se eine Gefahr für die Artenvielfalt vor Ort.

Orangen für unseren Orangensaft wachsen meist in Monokulturen.
Orangen wachsen meist in Monokulturen unter hohem Pestizideinsatz. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Y S )

Orangensaft: Miese Öko-Bilanz?

Dass ein Produkt, das extrem lange Transportwege zu uns zurücklegt, keine richtig gute Ökobilanz haben kann, ist klar. Die Expert:innen vom ifeu Institut haben berechnet: 1000 Liter Orangen-Direktsaft haben eine Klimabilanz von circa 720 Kilogramm CO2-Äquivalenten, Orangensaft aus Konzentrat verursacht etwa 690 Kilogramm CO2-Äqivalente. Selbst gepresster Saft liegt knapp darunter.

Zum Vergleich: Die Klimabilanz von Apfelsaft aus deutschem Anbau ist mit grob 350 bis 400 Kilogramm CO2-Äquivalenten nur etwa halb so hoch.

In einem sehenswerten Beitrag berechnen die Kolleg:innen vom SWR Marktcheck, dass so ein Liter Orangensaft grob überschlagen dem CO2-Ausstoß einer 3,5-Kilometer-Autofahrt entspricht.

Gibt es besseren Orangensaft?

  • Die Brancheninitiative PANAO (Partnerschaft für Nachhaltigen Orangensaft) setzt sich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz in der Orangensaftproduktion in Brasilien ein. Der Zusammenschluss verschiedener Organisationen und Unternehmen entwickelt Ansätze für nachhaltigere Beschaffungspraktiken, Arbeitnehmervertretungen, bessere Arbeitsbedingungen und bessere politische Rahmenbedingungen. Zu PANAO gehören unter anderem die Rainforest Alliance, Fairtrade und CI Romero, aber auch Kaufland und Rewe. Eine Zertifizierung gibt es aber nicht.
  • Bio-Saft: Die Orangen für Bio-Saft werden laut Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie vor allem in Mexiko angebaut. Die Transportwege bleiben also lang, aber der Bio-Anbau hat einen entscheidenden Vorteil: Die meisten Agrochemikalien – synthetische Pestizide und Dünger – sind verboten. Das schützt die Umwelt, aber auch die Menschen, die auf den Plantagen arbeiten und in ihrem Umfeld leben. Und letztlich auch die Konsument:innen – Bio-Orangensaft war in Tests weniger pestizidbelastet ist als konventioneller.
  • Fairtrade-Saft: Fairtrade zahlt nicht nur faire Abnahmepreise und Prämien an die Produzenten, die Organisation schreibt auch vor, dass Erntehelfer:innen mindestens den Mindestlohn bekommen. Sie hat außerdem strenge Vorschriften für den Umgang mit Pestiziden und viele besonders gefährliche Pflanzenschutzmittel sind ausgeschlossen oder stark reguliert. Fairtrade arbeitet in Brasilien mit Kooperativen zusammen, also Zusammenschlüssen unabhängiger Orangenbäuer:innen. Allerdings bezieht auch Fairtrade den Saft letztendlich von den großen Konzentratherstellern (Stichwort: Mengenausgleich), weil eine physische Rückverfolgbarkeit sehr kompliziert wäre. Solcher Saft – der wirklich ausschließlich aus zertifizierten Früchten besteht – ist in Deutschland nur vereinzelt erhältlich (derzeit zum Beispiel bei Rewe und Penny).
  • Rainforest Alliance: Die Zertifizierung der Rainforest Alliance ist im Orangenanbau die am weitesten verbreitete. Sie ist schwächer als die Bio- oder Fairtrade-Richtlinien, verlangt aber dennoch die Einhaltung von ökologischen und sozialen Mindeststandards, schränkt etwa den Einsatz von Pestiziden ein, legt Richtlinien zu klimaschonenden Farmmethoden fest, garantiert Mindestlöhne und strebt existenzsichernde Löhne an. Nicht alle zertifizierten Unternehmen bilden das Siegel auf ihren Produkten ab.
Orangensaft selber pressen
Selbstgepresster Orangensaft hat den kleinsten CO2-Fußabdruck. Man sollte aber darauf achten, dass die Orangen Bio und/oder fair gehandelt sind. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Samuel Branch)
  • Saft selber pressen aus Bio-Orangen: Orangensaft aus frischen Orangen selbst zu pressen hat zwar den Vorteil, dass du dir selbst die Qualität der Orangen aussuchen kannst, du kannst Bio- und Fairtrade-Früchte auswählen und weißt, dass es sich immer um frischen Direktsaft handelt. Als ganze Früchte werden Orangen außerdem vor allem aus Spanien zu uns importiert, die Transportwege sind damit kürzer. Genau hinschauen ist trotzdem ratsam: Viele Orangen kommen auch aus Südafrika – wo erst kürzlich massive Menschenrechtsverletzungen auf den Orangenplantagen dokumentiert wurden. Und: Auch bei Früchten aus Spanien ist der immer noch lange LKW-Transport quer durch Europa im Endeffekt nicht zwingend weniger klimaschädlich als die Verschiffung von Orangensaft(konzentrat) aus Südamerika
  • Crowdfarming: Das Crowdfarming basiert auf dem Gedanken der solidarischen Landwirtschaft. Du kannst hier zum Beispiel einen Orangenbaum auf einer bestimmten Plantage „adoptieren“ und erhältst dann eine festgelegte Menge Früchte direkt zu dir nach Hause geliefert. Damit unterstützt du kleine Produzenten, umgehst Zwischenhändler und bekommst frische Früchte. Am besten achtet man dabei auf eine Bio- und/oder Fairtrade-Zertifizierung der Orangenfarm – oder fragt nach, wie genau die Anbaumethoden aussehen.

Weniger Orangensaft trinken, dafür besseren

„Es geht um Qualität statt Quantität: Vielleicht nicht jeden Tag Saft, dafür aber nachhaltig“, findet Edith Gmeiner von Fairtrade. Sie glaubt: „Wir brauchen mehr Wertschätzung für die Produkte. Man sollte sich sehr bewusst machen, was man da eigentlich konsumiert.“

Grundsätzlich sollten wir also am besten weniger Saft zu uns nehmen – dann müssten nicht so große Mengen produziert werden, gleichzeitig könnten wir uns die Aufpreise für Bio- und Fairtrade-Saft eher leisten. Denn wenn wir Orangensaft kaufen, sollten wir am besten auf diese Zertifizierungen achten. Schwierig: Säfte mit Bio- und Fairtrade-Siegel gibt es derzeit kaum. Letztlich muss also jede:r selbst abwägen: Bio, Fairtrade oder der eigenen Recherche beim Hersteller vertrauen? Egal, wie wir uns entscheiden: Durch die Entscheidung für einen zertifizierten oder anderweitig nachhaltigeren Saft machen wir schon vieles besser, als wenn wir einfach nur konventionellen Billigsaft kaufen – zumindest dann, wenn wir gleichzeitig unseren Konsum einschränken.

Besserer Orangensaft ist Bio, Fairtrade, Rainforest Alliance
Orangensaft gibt es am besten nur ausnahmsweise – und dafür Bio- oder Fairtrade-zertifiziert. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash – Briona Baker)

Das könnte auch aus gesundheitlicher Sicht ratsam sein: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ordnet Fruchtsäfte gar nicht erst nicht bei den Getränken, sondern beim Obst und Gemüse sein – denn Getränke sollten den Expert:innen zufolge „energiearm“ sein. Fruchtsäfte sind das nicht. Um die Empfehlung, täglich fünf Portionen Obst und Gemüse zu essen, leichter umsetzen zu können, könne eine Portion Obst durch 200 Milliliter Fruchtsaft ersetzt werden. „Dies sollte jedoch nicht täglich geschehen“, schreibt uns Ökotrophologin Silke Restemeyer von der DGE. Mit anderen Worten: Insgesamt mehr Wasser und weniger Saft zu trinken, wenn, dann heimische Säfte zu bevorzugen und eher mal ein Stück (Bio-)Obst zwischendurch zu essen würde uns und der Umwelt vielleicht gut tun.

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