Kokosöl ist in. Aber ist es wirklich besser als Palmöl?

Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com - Sri Lanka

Alle lieben Kokosöl. Warum wissen wir dann so verdammt wenig darüber, wo es herkommt und wie es entsteht? Wir haben versucht, herauszufinden, wie nachhaltig Kokosöl wirklich ist und ob es besser ist als Palmöl.

Der Artikel im Überblick:

Kokosöl gehört zu den meist-gehypten Lebensmitteln der vergangenen Jahre. Es soll als Nahrungsmittel gesund sein, Haut und Haare pflegen und sogar vor Zecken schützen, findet zum Kochen, gegen Sonnenbrand, als Haarkur, zum Abschminken, Zähneputzen und für Hundefell. Ein richtiges Allround-Wundermittel. Und klar, lecker und wohlriechend ist es auch. Und halt irgendwie hip.

Da ist es verständlich, wenn man sich lieber nicht allzu genau mit den Auswirkungen des Kokosöl-Booms auf Umwelt und Menschen in den Produktionsländern auseinandersetzen will. Wir sollten es aber trotzdem tun.

Palmöl verdammen, Kokosöl lieben?

Die Probleme mit Palmöl sind inzwischen fast allen bekannt: Für den Anbau wird Regenwald abgeholzt oder brandgerodet, Orang-Utans und andere Tiere verlieren dabei ihren Lebensraum und schlecht fürs Klima ist es auch.

Mit Kokosöl ist das ganz anders: Was darüber geschrieben und erzählt wird, ist in erster Linie positiv und dreht sich meistens um die Benefits des Produkts. Dabei stammt Kokosöl aus ganz ähnlichen Regionen der Welt wie Palmöl. Anders als bei Palmöl ist aber über die Anbaubedingungen von Kokosnüssen bislang erschreckend wenig bekannt.

In einem ausführlichen Beitrag haben wir die Ergebnisse unserer schwierigen Recherche zusammengefasst. Hier erfährst du alles über die Umwelt- und sozialen Hintergründe des Kokosnussanbaus:

Von der Kokosnuss zum Kokosöl

Die wichtigsten Produktionsländer für Kokosöl sind die Philippinen, Indonesien und Indien. Kokosöl kommt also – wenig überraschend – von ziemlich weit her und verursacht durch die langen Transportwege hohe klimaschädliche CO2-Emissionen. Dazu kommt, dass sowohl die ökologischen als auch die sozialen Bedingungen des Kokosnuss-Anbaus sehr undurchsichtig sind.

Aber wie wird aus einer Kokosnuss überhaupt Kokosöl? In der Regel wird Kokosöl aus dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnüsse – Kopra genannt – gepresst, und zwar entweder unter Hitzeeinwirkung oder kalt (kaltgepresst, nativ). Manchmal wird Kokosöl auch aus dem frischen Fruchtfleisch gewonnen. Ein Teil des Öls wird anschließend mittels Raffination haltbarer gemacht; durch Desodorierung wird es geschmacksneutraler.

Kokosöl – getrocknete Kokosnüsse
Kokosöl wird in der Regel aus dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss gewonnen. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.de – Engin Akyurt )

Je nach Temperatur ist Kokosöl fest, cremig oder flüssig. Flüssig wird es ab etwa 24 Grad Celsius. Die Begriffe Kokosöl und Kokosfett können darum eigentlich synonym benutzt werden. In der Praxis versteht man unter „Kokosfett“ aber oft stärker verarbeitete Plattenfette oder Frittierfette, unter Kokosöl das dezent nach Kokos duftende Fett im Schraubglas, das viele so sehr mögen.

Kokosöl: ein Umweltproblem?

2018 wurden laut Welternährungsorganisation FAO auf rund 12,4 Millionen Hektar weltweit Kokosnüsse geerntet. Zum Vergleich: Die Erntefläche von Ölpalmenfrüchten – aus denen Palmöl gewonnen wird – war 2018 rund 19 Millionen Hektar groß.

Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2008, wurden auf rund 11,5 Millionen Hektar Kokosnüsse geerntet, noch einmal zehn Jahre zuvor (1998) auf rund 10,5 Millionen Hektar.

Die Anbauflächen für Kokosnüsse sind damit deutlich weniger stark angestiegen als für Palmöl: Letztere haben sich zwischen 1998 und 2018 verdoppelt (von ca. 9,7 Millionen auf etwa 19 Millionen Hektar).

Welch massiv negative Auswirkungen auf Umwelt, Klima und die Menschen vor Ort der Palmöl-Boom hat, ist hinreichend bekannt. Noch sind ähnliche Probleme aus dem Kokosanbau zumindest nicht offenkundig. Allerdings muss man davon ausgehen, dass ein vergleichbarer Boom von Kokosöl mindestens so zerstörerische Folgen haben würde. Denn: Der Flächenbedarf ist für Kokosöl noch höher als für Palmöl.

Kokospalme
Kokospalmen wachsen in tropischen Regionen. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com - Free To Use Sounds)

Kokosöl und Biodiversität

Im Sommer 2010 erregte eine wissenschaftliche Veröffentlichung einiges Aufsehen, weil sie behauptet, dass die Produktion von Kokosöl mehr Arten bedroht als der Palmölanbau. Mitautor Erik Meijaard erklärt das in einem Artikel so:

„Seit den 1940ern wurden Kokospalmen hauptsächlich auf tropischen Inseln angebaut, von denen viele eine bemerkenswerte Anzahl von Arten besaßen, die sonst nirgendwo auf der Erde zu finden sind.“ Daher habe die Kokosnuss „einen überraschend großen negativen Einfluss auf die tropische Biodiversität gehabt“. Der Studie zufolge bedroht der Kokospalmenanbau heute statistisch rund 18,3 Arten pro Million Tonnen Öl. Für Olivenöl sollen es demnach 4,1 Arten sein, für Palmöl 3,8 und für Sojaöl 1,3. Der Kokosnussanbau habe bereits direkt zum Aussterben einiger Arten beigetragen, schreibt Meijaard.

Das Paper erntete harsche Kritik von anderen Wissenschaftler*innen und Umweltschützer*innen. Ein Vorwurf: Es verharmlose Palmöl, das in absoluten Zahlen deutlich mehr Arten gefährde als Kokosöl und dessen Anbaugebiete deutlich rasanter wachsen.

Letztlich hat die Veröffentlichung vor allem gezeigt: Während Palmöl inzwischen sehr gut erforscht ist, gibt es viel zu wenig Daten über die Auswirkungen anderer Pflanzenöle und Kulturpflanzen. Eine Lücke, die wir dringend schließen sollten – um den Anbau nachhaltiger gestalten zu können und um uns Verbraucher*innen informierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen.

Wie wird Kokosöl verwendet?

Wie eingangs erwähnt verwenden viele Menschen Kokosöl zum einen zum Kochen, Braten und Backen, aber auch zur Körperpflege. Wer bei Kokosöl aber nur an das weiße Fett im Schraubglas denkt, das im Supermarktregal zu haben ist, liegt daneben. Kokosöl wird auch in der Industrie vielfältig verwendet und verarbeitet: Als Zutat in verarbeiteten Lebensmitteln, beispielsweise Speiseeis, Margarine oder Schokolade, und auch als Inhaltsstoff von Kosmetika, Putz- und Waschmitteln, Seifen und Kerzen.

Kokosöl
Kokosöl: je nach Temperatur fest, cremig oder flüssig – und vielseitig einsetzbar. (Foto: CC0 Public Domain / Pixabay.de – DanaTentis)

Nach Angaben des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel (IKW) dient Kokosöl oft als Ausgangsprodukt für Tenside. Den Kokosölanteil zur Herstellung von Tensiden in Wasch-, Pflege- und Reinigungsmitteln in Deutschland schätzt der Verband für das Jahr 2017 auf 14.000 Tonnen (gegenüber 57.000 Tonnen Palmkernöl).

Dem IKW zufolge wurden im selben Jahr rund 100.000 Tonnen Kokosöl für die technische und industrielle Nutzung nach Deutschland importiert. Der Branchen-Analysedienst Oil World erfasst für das Jahr 2017 eine Gesamt-Importmenge von 116.000 Tonnen. Zahlen aus verschiedenen Quellen zu vergleichen ist natürlich immer ein bisschen schwierig und sollte nur mit größter Vorsicht getan werden. Aber zumindest legt es nahe: Ein großer Teil des importierten Kokosöls landet gar nicht erst in unseren Küchen- oder Badezimmerschränken, sondern in verarbeiteten Lebensmitteln, Reinigungsmitteln, Pflege- und Haushaltsprodukten. Übrigens noch etwas, das Palmöl und Kokosöl gemeinsam haben.

Gleichzeitig zeigen die Daten der Expert*innen von Oil World, dass die Importmenge von Kokosöl insgesamt in den vergangenen 10 Jahren in der Tendenz eher gesunken ist. Da liegt die Vermutung nahe, dass weder der Hype ums Kokosöl noch die Kritik an Palmöl bisher dazu geführt hat, dass die Industrie nun Palmöl durch Kokosöl ersetzt. Wie genau sich allerdings die Verwendung von Kokosöl im industriellen Bereich entwickelt, ist unklar: Auf Nachfrage teilten alle angefragten Industrieverbände mit, man erhebe dazu keine Daten.

Gibt es nachhaltiges Kokosöl?

Um es noch einmal deutlich zu machen: Die Art und Weise, wie die Menschheit aktuell Palmöl gewinnt, ist ein Umwelt-, Klima-, Biodiversitäts- und soziales Problem von gigantischen Ausmaßen. Daran besteht kein Zweifel. Trotzdem sollte man anerkennen: Immerhin gibt es für Palmöl mittlerweile branchenweite Nachhaltigkeitsbemühungen wie das Zertifizierungssystem des RSPO (das durchaus zu Recht umstritten ist). Eine vergleichbare Initiative fehlt für Kokosöl bislang vollkommen. Wer wo wie viel und mit welchen Methoden anbaut, ist relativ undurchsichtig. In vielen Stunden Recherche haben wir vergleichsweise wenig konkretes darüber herausfinden können. Viele Hersteller und Expert*innen antworteten auf unsere Anfragen erst gar nicht oder wollten nicht mit uns reden.

Für Verbraucher*innen gibt es dennoch einige Anhaltspunkte und Kriterien, auf die man achten kann, um nachhaltigeres Kokosöl zu bekommen.

frische Kokosnüsse
Für den Kokosnussanbau gibt es bisher wenig Nachhaltigkeits-Bemühungen. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com - Nithin P John)
  • Eine Bio-Zertifizierung garantiert zumindest, dass beim Anbau der Kokospalmen keine synthetischen Pestizide und Dünger eingesetzt werden. Auch der strengere Anbauverband Naturland zertifiziert Bio-Kokosöl. Naturland schließt soziale Aspekte (etwa Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, Gleichstellung, angemessene Löhne) mit ein.
  • Das Fairtrade-Siegel gewährleistet neben sicheren und fairen Arbeitsbedingungen, dass die Produzent*innen angemessene Abnahmepreise sowie eine Fairtrade-Prämie zur Investition in die Verbesserung ihrer Produktions- oder Lebensbedingungen bekommen.
  • Seit einigen Jahren gibt es das erste von der Rainforest Alliance zertifizierte Kokosöl. Die Rainforest Alliance legt zwar Wert auf etwas umweltschonenderen Anbau und Achtung von Arbeiter*innenrechten, zahlt aber weder Mindestpreise noch schreibt sie besonders strenge Umweltauflagen vor. Derzeit kooperieren die GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), BASF, Procter & Gamble und Cargill in einem gemeinsamen Projekt auf den Philippinen und in Indonesien, um eine nachhaltigere Kokosölproduktion mit Rainforest Alliance-Zertifizierung zu etablieren.

Darüber hinaus gibt es einzelne Anbau-Projekte, die den Kokosnussanbau nachhaltiger gestalten wollen oder das anstreben.

  • Serendipol ist ein nachhaltiges Kokosprojekt in Sri Lanka, das 2007 von der Bio-Kosmetikfirma Dr. Bronner’s mit initiiert wurde. Heute arbeitet Serendipol mit über 1200 Kokosfarmer*innen zusammen und verarbeitet bis zu 30 Millionen Kokosnüsse im Jahr zu Bio-Fairtrade-Kokosöl. Alle Teile der Kokosnuss werden dabei genutzt – Schalen, Fasern, Kokoswasser werden verkauft – so dass kein Abfall entsteht. Die Kokosbäuer*innen werden in ökologischen Anbaumethoden geschult und unterstützt und bekommen faire Preise; die Angestellten der Ölmühle arbeiten unter fairen Bedingungen. Heute ist Serendipol sogar ein regeneratives Landwirtschafts-Projekt. Die Marken Dr. Bronner’s, Rapunzel und die Ölmühle Solling beziehen ihr Kokosöl von Serendipol.
  • In einem zweiten Anbauprojekt in Samoa, SerendiCoco Samoa, hat sich Dr. Bronner’s mit einem lokalen Kopraproduzenten zusammengetan; dort werden Kleinbäuer*innen bei der Umstellung auf Bio-Anbau unterstützt. Heute produziert SerendiCoco Samoa fair gehandeltes Bio-Kokosöl von über 1000 Kleinbäuer*innen. Das Projekt setzt sich zudem für eine nachhaltige Wiederanpflanzungsstrategie vor Ort ein, um überalterte Kokosplantagen in produktive, umwelt- und klimafreundliche Kulturen umzuwandeln.
  • Die Bio-Marke Morgenland betreibt in Sri Lanka ihr eigenes Bio-Anbauprojekt, in dem Vertragsbäuer*innen auf rund 2000 Hektar auf traditionelle Weise Kokosnüsse und Ananas in Mischkulturen anbauen. Die Farmer*innen bekommen faire Preise und die Produkte sind bis zum Anbaubetrieb rückverfolgbar. Morgenland-Kokosöl gibt es in vielen Bio-Supermärkten und Bioläden.
  • Die beiden Bio-Marken Dr. Goerg und Tropicai arbeiten auf den Philippinen mit Kleinbäuer*innen zusammen und unterstützen diese in Fair-Trade-Projekten mit kostenfreien Bio-Kokospalmen-Setzlingen.

Ist Kokosöl gesund?

Ganz kurz gesagt: Man weiß es nicht so genau. Die wesentlichen Punkte der Debatte: Die einen glauben, es erhöhe das „schlechte“ Cholesterin und somit das Risiko für Gefäßerkrankungen und Herzinfarkt, die anderen behaupten, es könne das „gute“, gefäßschützende Cholesterin fördern.

Mehr dazu: Wie (un)gesund ist Kokosöl wirklich?

Ausblick: Ist Kokosöl das bessere Palmöl?

Dank der hartnäckigen Aufklärungsarbeit einiger NGOs haben sowohl Verbraucher*innen als auch Unternehmen in den vergangenen Jahren ein Bewusstsein für die Problematik des Palmölanbaus entwickelt. Das hat dazu geführt, dass beide Parteien sich (mal mehr mal weniger glaubhaft) bemühen, Palmöl nachhaltiger zu machen oder gar zu reduzieren – auch wenn hier zweifellos noch sehr viel Arbeit nötig ist.

Kokospalmen-Anbau
Kokosöl stammt noch selten aus so großen Plantagen wie Palmöl – steigende Nachfrage könnte das aber ändern. (Foto: CC0 Public Domain / Unsplash.com – Madhushree Narayan)

Wer bis hierher gelesen hat, weiß jetzt: Für die Anbau- und Produktionsbedingungen von Kokosöl fehlt ein ähnliches Wissen und Bewusstsein wie beim Palmöl noch völlig. Darauf weist auch eine Analyse des WWF hin, die 2018 feststellte, dass keiner der großen Eishersteller beim Bezug von Kokosöl Nachhaltigkeitskriterien beachtet.

Palmöl verdammen und Kokosöl hypen – so einfach ist es also leider nicht. Mit solchen Aussagen macht man sich selten Freund*innen (oder jedenfalls nicht die richtigen), aber Fakt ist: Die Massen an Palmöl, die wir verbrauchen, durch andere pflanzliche Öle wie eben Kokosöl zu ersetzen, wäre gar nicht möglich – oder würde Probleme nicht lösen, sondern sie nur durch neue, womöglich noch größere ersetzen.

Aus einer Kokospalme lässt sich viel weniger Öl gewinnen als aus einer Ölpalme. Laut WWF liegt der Ertrag der Ölpalme bei durchschnittlich etwa 3,3 Tonnen Öl pro Hektar, der von Kokospalmen bei rund 0,7 Tonnen Öl pro Hektar. Das bedeutet im Umkehrschluss, für den Anbau von Kokospalmen wäre, wollte man damit den globalen Palmölbedarf ersetzen, sehr viel mehr Fläche nötig – Konflikte und Umweltprobleme wie heute beim Ölpalmenanbau wären unvermeidlich.

Wir hätten gerne bessere Nachrichten, aber: Solange niemand eine bessere Lösung hat, können wir die Situation nur verbessern, indem wir unseren Verbrauch an pflanzlichen Ölen allgemein, und solchen aus den Tropen im Besonderen einschränken. Wo wir das nicht können oder wollen, sollten wir zumindest auf Bio- und Fairtrade-zertifizierte Öle zurückzugreifen. Und wie bei allen Superfood-Hypes: kritisch bleiben.

** Links zu Bezugsquellen sind teilweise Affiliate-Links: Wenn ihr hier kauft, unterstützt ihr aktiv Utopia.de, denn wir erhalten dann einen kleinen Teil vom Verkaufserlös.

Gefällt dir dieser Beitrag?

Vielen Dank für deine Stimme!

Schlagwörter: