Adidas, Nike und Puma: drei Riesen halten sich in Schach

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Wie nachhaltig produzieren die WM-Ausstatter Adidas, Nike und Puma? Utopia hat die Großen der Sportbranche auf den Prüfstand gestellt.

Die Fußball-WM in Südafrika ist nicht nur eines der wichtigsten Großereignisse im Sport in diesem Jahr, sie steht auch für ein Riesengeschäft der Ausrüster, Sponsoren und Sportartikelhersteller.

Die ersten drei Plätze unter den Weltmarktführern im Sportausrüstungsbereich belegen Adidas, Nike und Puma. Alle drei standen vor zehn Jahren in scharfer Kritik was Produktionsbedingungen und Umweltstandards in den Zulieferbetrieben und -ländern angeht, in den vergangenen Jahren haben sich Engagement und Image jedoch erheblich gewandelt. Abgeschlossen ist der Lern- und Arbeitsprozess bei Adidas, Nike und Puma allerdings noch nicht.

Adidas, Nike und Puma engagieren sich – im Marketing

Für Maik Pflaum von der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) kam der Anstoß zum Umdenken in den Unternehmen von außen: „Ich denke, das war die Summe der Kritik, die vor ungefähr zehn Jahren hochkam, Nike hat zum Beispiel in den USA schon in den 90er-Jahren besonders viel abbekommen.“ Für ihn steht weiterhin keine der drei Marken für nachhaltiges Wirtschaften: „Ich bin auf keinen Fall zufrieden. Im Bereich Arbeitsbedingungen hat sich kaum etwas getan in den letzten Jahren. Meiner Meinung nach war das alles nur Kosmetik.“ Mit dem aktuellen Projekt „Profitgier die Krallen zeigen“ fokussiert die Kampagne zwar auf Puma, „wir haben uns aber auch auf Adidas bezogen, Puma hat sich jedoch besonders für die WM engagiert – im Bereich Marketing“, sagt Pflaum.

Viel Bewegung, aber noch keine Ziellinie

Sind also alle Code of Conducts bei Adidas, Nike und Puma wertlos? Und Namen wie Puma-Safe, Adidas Sozial- und Umweltteam (Social and Environmental Affairs, SEA), Nikes Shape (Safety, Health, Attitude of Management, People and Environment) mit aufwendigen Auditorenprogrammen nur heiße Luft? „Der Kontrollzirkus ist ein Ablasshandel“, urteilt Maik Pflaum, „man gibt viel Geld aus, um Berichte zu kriegen, die ein bisschen kritisch sind, dabei weiß man doch ohnehin, dass es Arbeitsrechtsverletzungen gibt.“

Bei Puma klingt das anders, das Unternehmen argumentiert mit unterschiedlichen Lebenshaltungskosten: „Gemäß seines Verhaltenskodexes arbeitet Puma nur mit Zulieferern zusammen, die eine Entlohnung zahlen, die „die Grundbedürfnisse befriedigt sowie die Gewährung aller gesetzlich geregelten Vergünstigungen“ sicherstellt. Es ist richtig, dass die gesetzlichen Mindestlöhne in manchen Ländern verglichen mit den Lohnniveaus in Europa oder den USA niedriger angesetzt sind. Allerdings muss bei einem Vergleich der Lohnsummen in den Produktionsländern mit hiesigen Standards die unterschiedliche Kaufkraft vor Ort berücksichtigt werden“, antwortet Kerstin Neuber, stellvertretende Unternehmenssprecherin bei Puma. „Die Realität ist leider immer noch, dass ein Puma-Arbeiter oftmals nur ein Viertel von dem verdient, was eine Familie benötigt“, sagt hingegen Pflaum.

Die ersten Plätze – in einem mittelmäßigen Team

Auch der im Sommer 2008 erschienene Industry Report für die Textilbranche, erstellt von der Rating-Agentur Oekom Research, sieht weiterhin Handlungsbedarf. Oekom hat neun der „weltweit bedeutendsten börsennotierten Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie auf ihre ökologische und soziale Performance hin untersucht“ – Puma erreichte dabei Platz eins, Adidas Platz zwei. Auf der Skala von A+ bis D- (schlechteste Note) erzielte Puma jedoch nur ein B-, Adidas ein C+, Nike wiederum lag mit einem C- genau im Durchschnitt der analysierten Unternehmen.

„Einige der Textilunternehmen haben in den vergangenen Jahren viel unternommen, um die Situation zu verbessern. Die Probleme abschließend lösen, das konnten sie jedoch nicht”, schreibt Maike Hiltner, branchenverantwortliche Analystin bei Oekom-Research, in der Zusammenfassung der Studie, in der es weiter heißt: „Deshalb müssten grundlegendere Änderungen im Beschaffungssystem geprüft werden.“ Immerhin genügen bei Oekom Research die Bewertungen von Adidas und Puma für eine Empfehlung als nachhaltiges Investment (ab C+), „das heißt sie erfüllen aus unserer Sicht die Mindestanforderungen“, sagt Hiltner.

PET-Flaschen-Trikots und Klimaneutralität

Im Bereich Umweltschutz hat jedes der Unternehmen sein Steckenpferd, mit dem es sich von den Konkurrenten abzuheben versucht, im Ergebnis ähneln sie sich aber doch wieder sehr stark. So will Puma unter anderem seine „CO2-Emissionen vollständig kompensieren“ und ab kommenden Herbst den Schuhkarton durch eine speziell entwickelte Tüte aus Maisstärke ersetzen.

Die von Nike ausgestatteten WM-Teams tragen erstmalig Trikots aus recyceltem Polyester, nach Angaben des Unternehmens stammten die dazu verwendeten Plastikflaschen von japanischen und taiwanesischen Deponien. Mit dem „Considered Design“-Ansatz will Nike die Umweltfolgen schon bei der Entwicklung seiner Produkte berücksichtigen, teilweise klingen die Ergebnisse aber eher nach reinem Marketing. So soll ein Considered-Schuh aus Produktionsresten hergestellt werden, dazu werden kleinste Teile aus dem Abfall zusammengenäht. Ob die Modelle eine vergleichbare Lebenszeit erreichen wie die herkömmlichen und ob der Mehraufwand für die Hersteller an der Nähmaschine nicht zu neuen Problemen führt, bleibt offen. Nike hat als einziges der drei Unternehmen keine Stellung zu den Utopia-Fragen bezogen.

Adidas stellt etwa seine Initiative Green Company heraus, bei der die eigenen Mitarbeiter als Green Teams eingebunden werden sollen, „umweltrelevante Themen aktiv anzugehen“, wie der Konzern formuliert. Auch Adidas verkauft Trikots aus recycelten PET-Flaschen, an einen geschlossenen Kreislauf, bei dem alte Trikots zu neuen verarbeitet werden, wagt sich das Unternehmen jedoch (noch?) nicht heran: „Eine solche Logistik erfordert einen hohen Ressourcenaufwand“, gibt Frank Henke, Direktor für Soziales und Umwelt bei der Adidas Gruppe, zu bedenken, und verweist auf die lange Lebensdauer der Trikots sowie den nötigen Transportaufwand von den Konsumländern zu den Produktionsstandorten: „Allein der Aufbau einer solchen Infrastruktur würde viel Zeit in Anspruch nehmen und hohe Kosten verursachen.“ Der Ansatz, mehr nachhaltige Materialien einzusetzen, werde jedoch über alle Produktketten hinweg verfolgt: „Das ist ein horizontales Projekt, in 2009 etwa haben wir in drei bis fünf Prozent der Adidas-Produkte nachhaltige Materialien wie Biobaumwolle oder recycelten Polyester eingesetzt“, erklärt Henke.

Umweltbelange kommen zu kurz

Bei allen „Leuchttürmen“ bleiben die Umweltbelange trotzdem bei Adidas, Nike und Puma nicht so präsent wie die sozialen Themen und es gibt weiterhin blinde Flecken: So konnten dem Oekom-Research-Rating zufolge 2008 zum Beispiel alle drei Konzerne nicht ausschließen, dass für ihre Produkte gentechnisch veränderte Baumwolle eingesetzt wird. „Bei anderen Bereichen [als den Arbeitsbedingungen der Zulieferer, Anm. d. Red.], wie etwa den mit der Rohstoffgewinnung und Produktion verbundenen Umweltauswirkungen, benötigen die Unternehmen vermutlich deutlich mehr öffentlichen Druck, bevor sie bereit sind, hier in einem ähnlichen Maß Verantwortung zu übernehmen“, heißt es denn auch in der Zusammenfassung der Studie.

Dass dieser Druck, so er denn aufgebaut wird, zu schnellen Reaktionen führt, zeigt ein Beispiel aus dem Sommer 2009: Als Greenpeace Adidas und Nike für Kahlschläge im Amazonasgebiet mitverantwortlich machte, weil die Unternehmen Leder von illegal dort weidenden Rindern nutzten, reagierten diese zügig: Die Zulieferer wurden angewiesen ein System aufzubauen, mit dem sich die genaue Herkunft des Leders nachweisen lassen soll. „Bis zu diesem Punkt hatte unser Beobachtungshorizont bisher nicht gereicht“, erläutert Henke von Adidas, „und wir sind Greenpeace für die Informationen dankbar.“

Adidas, Nike und Puma

Maik Pflaum sieht die Entwicklung in den vergangenen Jahren mit gemischten Gefühlen: „Der Mindestlohn wird mittlerweile gezahlt, es gibt die Verhaltenskodexe, Kinderarbeit und Schwangerschaftstests sind abgeschafft. Aber jetzt geht’s ans Eingemachte: Es müssen höhere Einkaufspreise gezahlt, Gewerkschaftsarbeit ermöglicht und längere Lieferfristen gewährt werden.“ Seiner Meinung nach hätte der Sportbekleidungssektor auch die Möglichkeiten dazu, weil es – im Gegensatz zu anderen Modesektoren – gerade bei der Schuhherstellung ganze Fabriken gäbe, die ausschließlich für den einen oder anderen Hersteller produzierten: „Die Zustände hier könnten sich von heute auf morgen ändern“, sagt Pflaum.

Henke indes widerspricht: „Bei einem textilen Produkt haben wir einen Lohnkostenanteil von zehn bis 15 Prozent vom Einkaufspreis des Produktes. Betrachtet man dies aus dem Blickwinkel des Wettbewerbs, würde uns eine Verdoppelung der Löhne aus dem Markt katapultieren.“ Am hiesigen Ladenverkaufspreis macht der Anteil der Lohnkosten nach Angaben der CCC jedoch weniger als ein Prozent aus – damit würde sich ein 50 Euro teurer Schuh bei einer Verdoppelung der Löhne um 50 Cent verteuern.

Adidas, Nike und Puma setzten 2007 zusammen rund 25 Milliarden Euro um, erzielten gut zwei Milliarden Euro Gewinn, ihre Marktanteile im Sportartikelbereich entsprechen insgesamt weit mehr als 50 Prozent. Bei starkem Wachstum auch in Schwellenländern wie China darf das Anliegen soziale und ökologische Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verloren werden, sondern muss vielmehr verstärkt werden. Vielleicht wäre für die Entlohnung der Hersteller auch eine gemeinsame Aktion der drei Marktführer nötig – so denn der Wettbewerb tatsächlich den einzigen Hemmschuh darstellt –, neues Engagement in handfeste Projekte mit der CCC könnte hier Türen öffnen. CCC fokussiert aktuell auf Arbeitsbedingungen und soziale Nachhaltigkeit, verwendete Materialien und Umweltfolgen durch die Produktion treten in den Hintergrund. Doch auch dieser Bereich ist wichtig und für die Lebensbedingungen (nicht nur) an den Produktionsstandorten maßgeblich. CCC muss auch wieder Öffentlichkeit für verwendete Materialien und den ökologischen Fußabdruck durch Sportartikel schaffen. Die kritischen Bereiche sind bekannt – jetzt wird es ernst.

Aktueller Bericht des International Labor Rights Forum zur Fußballherstellung:
„Missed the Goal for Workers: the Reality of Soccer Ball Stitchers in Pakistan, India, China and Thailand“

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(13) Kommentare

  1. Der gute Herr Henke spricht wunderbar aus, was die Utopia-Macher einfach nicht verstehen wollen: „Bei einem textilen Produkt haben wir einen Lohnkostenanteil von zehn bis 15 Prozent vom Einkaufspreis des Produktes. Betrachtet man dies aus dem Blickwinkel des Wettbewerbs, würde uns eine Verdoppelung der Löhne aus dem Markt katapultieren.“

    In der taz stand ja vor kurzem ein ähnlich hübsches Zitat von ihm:
    „Mehr Lohn könne man den ArbeiterInnen in den Zulieferfirmen nicht zahlen, weil adidas seinen „Aktionären gegenüber verpflichtet“ sei, „eine Wertschöpfung zu erzielen“.“

    Die börsennotierten Massenanbieter sind strukturell nachhaltigkeitsunfähig. Wenn sie die massive Ausbeutung von Mensch und Natur beenden, fällt die Rendite und damit der Aktienkurs ins bodenlose. Ohne eine Änderung der Marktordnung sind diese Unternehmen überhaupt nicht in der Lage Menschenrechte zu achten und erst recht nicht dazu auf Kaufanreize für immer schnellere Produktnutzungszüklen zu verzichten. Die grünen Feigenblätter dieser Giganten sind keine ersten Schritte, sondern eine schlichte Sortimentsdiffferenzierung. Und ihre Lobbyisten sind die stärksten Gegner einer Regulierung, die ihnen ein nachhaltigeres Produzieren durch marktweite Standards ermöglichen würde.

  2. Dem stimme ich insgesamt zu – die Wirtschaftsweise und das gegenwärtige Geschäftsmodell der „Riesen“ sind in der Tat nicht nachhaltigkeitsfähig. Allerdings ist die Kostenbetrachtung von Herrn Henke einseitig, wenn man sich – wie im Beitrag auch herausgestellt – den tatsächlichen Anteil einer Lohnkostensteigerung am Endverkaufspreis in Deutschland/Westeuropa anschaut.

  3. Die Kostensteigerung für ein einzelnes Kleidungsstück mag minimal sein, doch für Aktionäre/Fonds zählt die Gesamtgewinnminderung, bzw. die daraus resultierende Renditeminderung. Und die ist eben schon groß genug, um den Kurs zu beeinträchtigen.

  4. Leider wurde das Verhältnis von Produktionskosten zu Werbekosten dieser großen Firmen gar nicht betrachtet. Zieht man dies noch in den Vergleich mit ein, dann werden die gestiegenen Produktionskosten erst recht zum Witz!
    Anscheinend ist dieses Thema in der Presse aber allgemein tabu. Womöglich weil man dort heute nur noch von Werbung lebt?!
    Würde den Verbrauchern mal klar werden dass ein sog. „Markenprodukt“ mehr an Werbekosten als in der Herstellung verschlingt, würde man auch öfters die tatsächliche Qualität dieser Produkte hinterfragen 😉

  5. An Werbung kann nicht gespart werden, denn das Image will gepflegt und ausdifferenziert werden. Die Kund_innen kaufen bei diesem Marken schließlich vorwiegend Identität und nicht Funktionalität.

    Profitmaximierung heißt größtmöglicher Umsatz mit kleinstmöglichem Kosten. Es geht bei den Massenanbietern bei den meisten Kosteneinsparungen nur um Promillewerte. In Werbung ist das Geld umsatzträchtig investiert, in guten Arbeitsbedingungen auf keinen Fall. Sonst wäre das längst passiert! Die kennen ihre Kund_innen besser als diese sich selber kennen…

    Die theoretischen Mehrkosten einer fairen Produktion werden durch den Lohnkostenanteil zudem auch nicht richtig wiedergeben. Ein effektives, unabhängiges Monitoring der gesamten Produktionskette inklusive Prüfung der vergebenen Aufträge auf faire Ausführbarkeit schlägt ebenfalls mit Kosten zu Buche.

  6. Ich vermute, fairskate hat ziemlich recht mit dem Satz

    Die börsenntierten Massenanbieter sind strukturell nachhaltigkeitsunfähig.

    auch wenn er vielleicht ein bisschen zu sehr graduelle Unterschiede zugunsten einer entweder-oder Vereinfachung vernachlässigt.

  7. Sozusagen „nicht börsennotierter Massenanbieter – ein bisschen börsennotierter Massenanbieter – ziemlich börsennotierter Massenanbieter – stark börsennotierter Massenanbieter“?
    Denn wenn Du Fairskate *prinzipiell* in seiner Argumentation zustimmst, ist mir schleierhaft, wie Du Dir graduelle Unterschiede bezüglich der Nachhaltigkeitsfähigkeit in diesem Zusammenhang vorstellst…

    Schöne Grüße gen Westen,
    YouMe

  8. ich halte es schon seit Jahren mit dem Leitsatz; wer viel wirbt hat es nötig und wird deshalb nicht gekauft.
    Diese Einstellung beim Großteil der Konsumenten würde sehr schnell die Verhältnisse wieder geraderücken, denn nur über die Kasse sind sie zu kriegen.

  9. dem Satz von Walter kann ich nur zustimmen. Offensichtlich wird immer mehr produziert, nicht um den „Versorgungsauftrag“ (ja der Begriff ist mit Absicht gewählt) zu erfüllen, sondern immer nur mehr Gewinn zu erzielen. Wer’s nicht tut ist bald weg vom Fenster. Nur wie kann dieser Widerspruch überwunden werden?

  10. #“Bei Puma klingt das anders, das Unternehmen argumentiert mit unterschiedlichen Lebenshaltungskosten: „Gemäß seines Verhaltenskodexes arbeitet Puma nur mit Zulieferern zusammen, die eine Entlohnung zahlen, die „die Grundbedürfnisse befriedigt“#

    lachhaft bei dem was die produkte kosten könnte es top ökowahre sein und hergestellt von leute die sich ein luxus leben leisten können, bei einer 20 stunden woche ..

    das sich solche Konzerne überhaupt trauen öffentlich solche Statements zu geben zeigt doch nur das wir als Konsumenten versagt haben und immer noch zu Haufen auf deren Propaganda reinfallen..

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